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Popkultur

Die musikalische DNA von KISS

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An kaum einer Rockband scheiden sich dermaßen nachhaltig die Geister wie KISS. Was für manche wie eine unmotivierte Faschingsparty aussieht, ist für andere die bestmögliche Unterhaltung. Es braucht aber keine Mitgliedschaft bei der KISS Army, um eins zuzugeben: Dass das Starchild, der Demon, der Spaceman und der Catman ihr Handwerk verstehen. Anders wären sie wohl kaum zur größten US-amerikanischen Rockband der siebziger Jahre geworden und hätten wohl keinesfalls mehr Platten verkauft als so ziemlich jede andere Band.


Hört euch hier KISS’ musikalische DNA als Playlist an und lest weiter:


Das gilt aber nicht nur für ihre Imagepflege und die opulenten Bühnenshows des Quartetts, das seit Anfang der achtziger Jahre diverse Line-Up-Änderungen mit ansehen musste. Auch in musikalischer Hinsicht zeichneten sich KISS durch stilistische Offenheit aus, die vielen ihrer Zeitgenossen noch bis heute abgeht. „Unsere alleroberste Regel ist ‚keine Regeln‘“, soll Paul Stanley mal geknurrt haben, als ihn jemand auf das legendär krumme Logo seiner Band ansprach. Das gilt eben auch im Studio. Mit einem Blick auf die musikalische DNA von KISS erfahren wir, was die Band neben einer satten Show noch so alles zu bieten hat – und das ist einiges!


1. Alice Cooper – Hello Hooray

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Der Godfather of Shockrock, Alice Cooper, gehört zur musikalischen DNA von KISS wie die Zunge zu Gene Simmons. Neben den New York Dolls prägtet er mit seinen dramatischen Auftritten, aber natürlich auch seiner Musik die Band von Anfang an. Ohne Cooper wären KISS nie zu der Band geworden, die sie heute sind.

Ace Frehley erinnert sich: „Als KISS gerade am Anfang standen und nicht mal einen Plattenvertrag hatten, schauten Paul und ich uns die Billion Dollar Babies-Show an. Alice war unglaublich!“ Insbesondere der Opener Hello Hooray hatte es den beiden angetan. Gegen den Vorwurf, sie hätten Cooper nachgeäfft, wehrte er sich: „Wir wollten theatralischen Rock aufs nächste Level bringen!“ Cooper selbst zeigte sich ebenfalls nicht pikiert: „Als KISS groß rauskamen, haben sie es smart angestellt – sie haben ja nie behauptet, das erfunden zu haben.“ Also: alles in Ordnung!


2. Slade – Mama Weer All Crazee Now

Vor allem aber schauten KISS musikalisch immer nach England und fanden dort mit Led Zeppelin, Eric Clapton und seinen diversen Bands sowie natürlich den Beatles ihre Inspiration. Gene Simmons gab sogar sehr direkt zu, sich großzügig in Übersee bedient zu haben: „Ich habe so viele englische Riffs nachgebaut“, sagte er. „Wenn es den britischen Einfluss nicht gegeben hätte, dann wären wir heute nicht hier. Rock and Roll All Nite ist ein direkter Abkömmling von Slades Mama Weer All Crazee Now.“

Die Glam-Pioniere Slade machten Anfang der siebziger Jahre große Wellen, die auch in den USA ankamen. Als sie 1975 selbst in die Vereinigten Staaten übersiedelten, floppte die Band allerdings. Der Exotenstatus allein garantierte ihnen keine große Karriere. Aber KISS hatten sie auf ewig geprägt. „Wir mochten die Art, in der sie eine Verbindung mit ihrem Publikum aufbauten und echte Hymnen schrieben“, so Simmons in seinem Buch Kiss and Make-Up. „Wir wollten dieselbe Energie, die gleiche unwiderstehliche Einfachheit.“ Es ist ihnen gelungen – vielleicht sogar besser als dem Original?


3. The Who – Won’t Get Fooled Again

Die Schockeffekte von Alice Cooper und der dandyhafte Charme von Slade waren nicht das Einzige, was KISS gleichermaßen musikalisch wie ästhetisch geprägt hat. Auch The Who gehörten zu einer der britischen Bands, die für das Quartett stilprägend wurde. Sowohl in Sachen Lautstärke als auch in Hinsicht auf die Zerstörungswut, die das „Starchild“ Paul Stanley auf der Bühne an den Tag legte. 2009 überboten KISS auf einem Konzert im kanadischen Ottawa mit 136 Dezibel alle Lautstärkerekorde. 1976 waren The Who noch in die Geschichtsbücher eingegangen – mit zehn Dezibel weniger.

The Who hatten als eine der ersten Bands die wuchtige Simplizität von Rock-Musik in neue Sphären gehoben. Hymnisch und doch beinhart klang die Band um Pete Townshend, deren Rock-Opern für KISS und ganze Generationen zum Vorbild wurden. Den im Original ganze achteinhalb Minuten langen Song Won’t Get Fooled Again spielen KISS noch bis heute in einer unnachahmlichen Coverversion auf ihren Konzerten. Eine Hommage an die britische Band, die KISS mehr als nur den perfekten Gitarrenzerschmetterungswinkel beigebracht hatte!


4. Donna Summer – I Feel Love

Dass KISS Ende der siebziger Jahre zunehmend mit dem grassierenden „Disco Fever“ kokettierten, nahm ihnen so mancher Rock-Fan übel. Disco stand damals für zwanghaften Hedonismus, exaltierte Outfits und exzessives Gehabe. Moment mal – das klingt doch eigentlich wieder sehr nach Rock’n’Roll? Oder zumindest nach KISS! Es ist eigentlich kaum verwunderlich, dass sich KISS vom Dance Craze der späten Seventies anstecken ließen, denn Disco-Songs waren so simpel und doch mitreißend wie ihre eigenen Songs.

Als 1978 auf dem ersten Gene Simmons-Soloalbum Donna Summer für einen Gastauftritt vorbeischaute, wunderten sich trotzdem einige Fans. „Ein paar Jahre lang war Donna die Disco-Königin. Niemand konnte ihr das Wasser reichen. Und anders als andere Disco-Artists der Zeit war sie glaubwürdig“, erinnerte sich Simmons nach dem Tod der Legende, die zeitweise sogar im selben Haus lebte wie er. „Die Donna, an die ich mich erinnere, war eine warmherzige und charmante Person.“ Nur schade, dass aus Burning Up With Fever kein zweites I Feel Love wurde. Aber Giorgio Moroders Monsterproduktion für Summer ist eben unschlagbar.


5. Hello – New York Groove

Simmons war nicht das einzige KISS-Mitglied aus der Originalbesetzung der Band, welcher 1978 debütierte – tatsächlich legten alle vier zugleich ihre ersten Soloalben vor. Ein Marketingcoup? Vielleicht. Vor allem bewiesen die vier LPs, wie breit das musikalische Spektrum der Bandmitglieder sein konnte. Ace Frehley hatte in Hinsicht auf den kommerziellen Erfolg allerdings die Nase vorn. Der charismatische Spaceman ging darauf auf Suche nach seinen musikalischen Wurzeln und vergaß darüber keineswegs den charakteristischen Glam-Sound, der KISS bekannt gemacht hatte.

Das Kernstück des Ace Frehley-Albums war – natürlich – ein Produkt der britischen Glam-Szene. Der vom Songwriter Russ Ballard geschriebene New York City Groove wurde von der kurzlebigen Band Hello bekannt gemacht, bevor ihn Frehley nach einem prägenden Besuch am New Yorker Time Square neu interpretierte. Mit seinem stampfenden Beat und dem funkigen Gitarrenriff klang das Stück bei Frehley um einiges tighter als im Original. In Britannien erfunden, in den USA veredelt!


6. Ludwig van Beethoven – Klavierkonzert No. 5

Neben Gene Simmons und Ace Frehley ist das „Starchild“ Paul Stanley oft untergegangen, obwohl sein zackiges Rhythmusspiel der Band überhaupt erst ihren notwendigen Drive gab. Tatsächlich war Stanley Bert Eisen, wie der Gitarrist mit vollem Namen heißt, von Anfang an auf Rock’n’Roll geeicht. Als Backfisch stand zuerst Doo-Wop auf dem Programm, bevor er die Beatles und die Stones entdeckte. Seine erste Gitarre war – enttäuschender Weise – eine rein akustische. Obwohl ihm die elektrische lieber gewesen wäre, so behalf er sich mit Coverversionen von Bob Dylan, den Byrds oder The Lovin’ Spoonful.

Eine ganz andere und vielleicht überraschende Passion Stanleys allerdings findet sich woanders. Schon in früher Kindheit stieß er auf die Musik Ludwig van Beethovens. „Als sehr junger Bursche schon hatte ich eine Verbindung zur Musik, die ich selbst kaum verstand“, erinnerte er sich. „Beethovens Kaiserkonzert zu hören war für mich monumental. Es war so majestätisch und kraftvoll…“ Bei aller Einfachheit steckt in der Musik von KISS eben viel Wissen, Leidenschaft und eine Komplexität, die auf der Oberfläche nicht immer zu erkennen ist. Da passt der aufrührerische Klassik-Komponist tatsächlich bestens ins Bild!


7. Louis Prima – Sing, Sing, Sing (With A Swing)

Auch Peter Criss hat mehr zu bieten als nur den spitzbübischen Katzenlook, der seine Zeit bei KISS prägte. Der Kindheitsfreund des New York Dolls-Drummers Jerry Nolan war in seiner Jugend nicht nur ein begeisterter Student der schönen Künste, sondern auch ein Swing-Fan, wie er Seinesgleichen suchte. So begann die Karriere von George Peter John Criscuola tatsächlich auch in der Jazz- und Big-Band-Szene von New York und dem nahegelegenen New Jersey, wo er unter anderem bei Gene Krupa sein Hand- und Fußwerk lernte.

Gene Krupa erlangte bereits in den dreißiger Jahren mit seinem druckvollen Spiel Berühmtheit. Die rollenden Toms am Anfang von Louis Primas Sing, Sing, Sing (With A Swing) wurden stilprägend. „Er ist der Grund, warum ich Schlagzeug spielen“, berichtete Criss vor einer Weile auf seiner Homepage. „Wenn ich das Wort Schlagzeug auch nur höre, denke ich an Gene Krupa! Wenn es ihn nicht gegeben hätte, klänge zeitgenössische amerikanische Musik ganz anders.“ So wie auch KISS wohl nie KISS gewesen wären ohne den Einfluss der Drum-Legende!


8. Van Halen – Jump

Wenn wir von KISS sprechen, dann dürfen wir uns allerdings nicht allein auf die legendäre Originalbesetzung der Band beschränken. Eric Carr, Vinnie Vincent, Mark St. John und Bruce Kulick hinterließen genauso ihre Spuren im Sound der Band wie es heute Tommy Thayer und Eric Singer an der Seite von Gene Simmons und Paul Stanley tun. Dass Ace Frehley die Band gleich zwei Mal – 1982 und nach seinem Wiedereinstieg im Jahr 1996 sechs Jahre später zum allerletzten Mal – verließ, wird von vielen Fans immer noch als herber Verlust eingeschätzt.

Wusstet ihr allerdings, wer den Spaceman beinahe an der Leadgitarre ersetzt hätte? Niemand Geringerer als Eddie van Halen! In seiner Autobiografie Kiss and Make-Up berichtet Gene Simmons davon, dass der Gitarrist wegen der Spannungen zwischen ihm und dem Van Halen-Sänger David Lee Roth die Band wechseln wollte, sich aber von seinem Bruder Alex und Simmons dazu überreden ließ, standhaft zu bleiben. Mit Erfolg: Roth verließ die Gruppe stattdessen und wurde durch Sammy Hagar ersetzt. Wie KISS wohl mit Eddie van Halen in der Rolle des Spacemans geklungen hätten?


9. Vinnie Vincent Invasion – Boyz Are Gonna Rock

Van Halen war nicht der Einzige, der sich für die Nachfolge Frehleys empfahl. Auch Punky Meadows, Doug Aldrich, Richie Sambora und sogar Yngwie Malmsteen hatten Interesse daran. Die Wahl fiel dennoch auf den damals eher unbekannten Vinnie Vincent, der als „Ankh Warrior“ der Band einen neuen Touch verpasste. Der Gitarrist debütierte 1982 auf Creatures Of The Night als Leadgitarrist der Band, hielt es aber nur zwei Jahre in der Position aus, bevor er von Mark St. John ersetzt wurde. Vincents Mitgliedschaft fiel allerdings mit einer entscheidenden Wende im KISS-Universum zusammen: 1983 zeigte sich die Band erstmals ohne Make-Up der Öffentlichkeit.

Sein virtuoses Gitarrenspiel hatte der italienischstämmige Gitarrist im Elternhaus verfeinert, denn sowohl der Vater wie auch die Mutter verdienten mit der Musik ihren Lebensunterhalt. Der Name Warrior leitete sich übrigens von Vincents alter Band ab, die er für KISS verließ. Einige der Songs aus dieser Zeit wie etwa Boyz Are Gonna Rock nahm er allerdings wieder auf, als er sich nach dem Ende seiner KISS-Mitgliedschaft mit der Vinnie Vincent Invasion einen Namen machte. Der Glam-geprägte Hard Rock-Sound macht nur allzu deutlich, warum Simmons ihn selbst Gitarrengöttern wie Malmsteen vorzog.


10. Momoiro Clover Z – Moon Pride

Aller Eskapaden zum Trotz: KISS sind immer noch dabei und nach wie vor spricht ihr internationaler Erfolg Bände. Ihre spektakulären Bühnenshows wurden stilprägend für den Rock-Zirkus, manchmal aber liehen sich auch waschechte Pop-Acts Ideen von der Band. Wie weit der musikalische Einfluss der Band reichte, zeigte sich allein an der Compilation Kiss My Ass: Classic Kiss Regrooved aus dem Jahr 1994. Lenny Kravitz und Stevie Wonder, die Mighty Mighty Bosstones, Dinosaur Jr., Garth Brookes sowie sogar Die Ärzte interpretierten darauf alte Hits der Band in einem neuen Gewand.

In kaum einem anderen Land aber konnten KISS einen dermaßen großen Erfolg verbuchen wie in Japan. Nachdem die Band selbst einige Inspiration aus der reichhaltigen Kabuki-Tradition des Inselstaats bezogen hatte, kam es zu einem regelmäßigen Austausch zwischen den Kulturen. Das Yoshiki-Cover von Black Diamond auf Kiss My Ass war dabei nur der Anfang: 2015 tat sich die Band sogar mit der Idol-Gruppe Momoiro Clover Z für einen Song zusammen. „Musik, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte“, urteilte Paul Stanley über die quietschige Gruppe. Da würden viele Fans sicherlich zustimmen… Eine der sicherlich ungewöhnlichsten Kollaborationen der Rockgeschichte!


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Popkultur

35 Jahre „Lita“: Wie Lita Ford dem Hard-Rock-Männerclub den Kampf ansagte

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Lita Ford
Foto: Al Pereira/Getty Images

1988 hat Lita Ford schon eine Weltkarriere mit den Runaways hinter sich. Ihr drittes Soloalbum wird dennoch zu ihrer Sternstunde – eine mustergültige Hard-Rock-Bibel, auf der auch Ozzy Osbourne nicht fehlen darf.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Lita anhören:

In der zweiten Hälfte der Achtziger ist die Rockmusik von zahlreichen weiblichen Stimmen geprägt. Roxette, Bonnie Tyler, Doro, Suzi Quatro oder Vixen feiern große Erfolge im Bandkollektiv oder im Alleingang. Ganz oben mischt auch Lita Ford mit. Die hat schon eine ganze Karriere hinter sich, als sie sich Anfang der Achtziger als Solitärin der Musikwelt stellt: 1975 wird sie in Los Angeles vom flamboyanten und undurchsichtigen Manager Kim Fowley für die neu gegründeten The Runaways entdeckt. Damals ist Lita Ford 16 Jahre alt.

Punk oder Hard Rock?

Die gebürtige Engländerin macht ihrem Namen alle Ehre, schmeißt alles hin und schließt sich der Damenband an, in der auch eine gewisse Joan Jett an der Gitarre steht. Musik spielt in ihrem Leben da schon lang eine Rolle: Mit elf fängt sie mit der Gitarre an, inspiriert von ihrem großen Helden Ritchie Blackmore, entdeckt auch ihre kräftige Stimme. Von Long Beach ist es nur ein Katzensprung auf den verruchten Sunset Strip, wo es dann nicht lange dauert, bis sie dem bestens vernetzten Fowley in die Arme läuft.

The Runaways werden zur Erfolgsgeschichte. Schon ihr Debüt The Runaways wird 1976 zum Hit, die Band tourt mit Van Halen, Cheap Trick oder Tom Petty And The Heartbreakers. Sie rutschen in die entstehende Punk-Bewegung, hängen im legendären New Yorker Club CBGB ab, feiern diesseits und jenseits des Atlantiks mit den Ramones oder den Sex Pistols. Nach einigen Welttourneen und dem großen Einmaleins der Rock’n’Roll-Exzesse geht es dann auch für die Runaways zu Ende. Erst feuern sie Manager Fowley, dann kriegen sie sich auch untereinander in die Haare. Joan Jett möchte mehr in Richtung Punk gehen, Lita Ford weiterhin Hard Rock spielen. Nach einem letzten gemeinsamen Auftritt am Silvesterabend 1978 bei San Francisco ist im April 1979 endgültig Schluss.

„Du musst hart sein, um in dieser Musik zu bestehen“

Für Lita Ford geht es da aber eben gerade erst los: Ihre ersten Gehversuche als Solokünstlerin verlaufen zunächst sehr unbefriedigend: Ihr früheres Runaways-Label Mercury Records bringt 1983 ihr Debüt Out For Blood raus, das Album bleibt aber weitgehend unbemerkt und floppt. Das lupenreine Heavy-Metal-Artwork mit Spinnweben, einer blutigen Gitarre und Ford in einem knappen Lederbody zeigt aber klar ihre musikalischen Ambitionen. „Rock’n’Roll ist eine harte Musik und du musst hart sein, um in dieser Musik zu bestehen“, sagte sie mal. „Leider sind nicht allzu viele Frauen hart, deswegen gibt es nicht so viele von uns.“ Ford gibt also nicht auf, beißt sich durch, landet mit dem Nachfolger Dancin’ In The Edge einen Achtungserfolg, der ihr zudem eine Grammy-Nominierung für ihre Gesangsleistung einbringt. Für eine Musikerin, die bislang überwiegend als Gitarristin aufgefallen ist, kann sich das durchaus sehen lassen. Oder auch: Die musikalische Früherziehung macht sich so langsam richtig bezahlt.

Ihren größen Coup landet Lita Ford vor 35 Jahren: Die selbstbetitelte dritte Platte Lita wird zum Vulkan, zum Platin-Erfolg, der sie für immer in den Annalen der Rockmusik verewigt. Nach den beiden Vorgängern gelingt Ford hier eine archetypische Rockplatte der Achtziger, wie viele ähnliche Releases der damaligen Zeit sorgsam austariert zwischen Hard Rock, Glam und Heavy Metal. Knackige, kernige Uptempo-Brecher, monumentale Balladen, flotte Pop-Rock-Hymnen, getragen von ihrer starken Stimme. Lita ist archetypisch Achtziger: Die Drums von Myron Grombacher klingen als wären sie in einer Kathedrale aufgenommen, die Keyboards laufen heiß, die Gitarren sägen, die Stimmung ist durch und durch hochdramatisch.

Duett mit Ozzy Osbourne

Lita ist aber auch aus anderen Gründen ein besonderes Album: Es markiert das erste Ergebnis der neuen Zusammenarbeit zwischen Ford und ihrer neuen Managerin Sharon Osbourne. Die bringt Ford gleich mit ihrem Ehemann Ozzy zusammen. Daraus entsteht der große letzte Akt Close My Eyes Together, eine große, epische Ballade mit amüsanter Background-Story: Ford und Osbourne müssen sich vom Fleck weg so gut verstanden haben, dass sie sich gleich mal gemeinsam im Studio die Birne vollsaufen und die Lyrics zu einem von Ozzy begonnenen Song gemeinsam schreiben. Der Song entsteht ungeplant – und wird doch zum größten Solo-Erfolg für sowohl Lita Ford als auch Ozzy Osbourne.

Schon abgefahren, wie es manchmal laufen kann. „Ich flog mal aus L.A. nach England nach Hause, als mich Sharon anrief und mich nach diesem halbfertigen Song fragte“, so Ozzy mal in einem Interview. „Ich konnte mich schon gar nicht mehr daran erinnern, aber offensichtlich wollte Lita mit mir an ihm arbeiten. Also flog ich zurück, wir tranken und schrieben das Ding und ich sagte ihr: Weißt du was? Du kannst ihn haben.“ Good guy Ozzy!

Ozzy Osbourne ist übrigens nicht der einzige Prominente, der sich auf Lita einfindet: Für Falling In And Out Of Love tut sich Ford mit Nikki Sixx von Mötley Crüe zusammen. Und Can’t Catch Me wird unter anderem von Lemmy Kilmister geschrieben. Wenn Lita Ford ruft, kommen sie damals eben alle. Und auch wenn sie seit 2012 kein Album mehr veröffentlicht hat: Lita Ford hat den Rock’n’Roll noch immer nicht aufgegeben.

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Zeitsprung: Am 5.8.1975 werden The Runaways gegründet, die erste große weibliche Rockband.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 2.2.1969 lässt sich Yoko Ono von Gatte Nr. 2 scheiden & verliert ihre Tochter.

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Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 2.2.1969.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Als sich Yoko Ono am 2. Februar 1969 von ihrem zweiten Ehemann Tony Cox scheiden lässt, steht Töchterchen Kyoko zwischen den Stühlen. Der folgende Sorgerechtsstreit sorgt dafür, dass Cox samt Kind schließlich untertaucht. Da die Scheidung den Stein ins Rollen bringt, nutzen wir ihr Datum für den heutigen Zeitsprung. Religiöser Fanatismus kommt auch vor.

Hört euch hier Sometime In New York City von John Lennon und Yoko Ono an, das kurz nach der Entführung entstand: 

Obwohl Yoko Onos Privatleben gefühlt der Weltöffentlichkeit gehört, dürften sich viele fragen: zweiter Gatte? Tochter? Die größte Aufmerksamkeit gilt stets der Beziehung und Ehe mit John Lennon, vielleicht noch Sohn Sean. Dass die Japanerin mit dem Beatle jedoch bereits das dritte Mal Hochzeit feierte, fällt häufig unter den Tisch. Angetrauter Nummer zwei: Anthony „Tony“ Cox, ein Filmproduzent und Kunstförderer.

Ungewöhnliche Verhältnisse

Der Amerikaner tritt 1961 in Onos Leben, nachdem er eines ihrer Werke sieht. Begeistert macht er sie in Tokio ausfindig. Man verliebt sich, die Ehelichung erfolgt ein gutes Jahr später. Oder tut es beinahe, denn die zierliche Künstlerin hatte wohl übersehen, die Scheidung von ihrem ersten Mann zu vollziehen. Macht ja nichts, nach einer Annullierung versucht man es einfach erneut, da ist dann auch schon Nachwuchs auf dem Weg. Kyoko Chan Cox kommt am 8. August 1963 zur Welt.

Auch beruflich macht man gemeinsame Sache, sodass beide trotz auftretender Eheprobleme an der Beziehung festhalten. Cox zeigt sich dabei verantwortlich für die Tochter und die Öffentlichkeitsarbeit des Künstlerpaares. Ono inspirieren die immer häufiger auftretenden Turbulenzen zu Konzeptkunst wie Half-A-Room und dem berühmten Ceiling Painting/Yes Painting.

Wer entführt wen?

Da kommt dann auch schon John Lennon ins Spiel, und die Ehe erhält den finalen Knacks. Die Scheidung von Ono und Cox erfolgt am 2. Februar 1969, aber 1971 nehmen die Dinge einen gleichermaßen unglaublichen und tragischen Verlauf: Mitten im Sorgerechtsstreit tauchen John und Yoko auf Mallorca auf und „entführen“ das dort lebende Kind, zumindest ein paar Stunden lang. Erst erhält Ono das Sorgerecht, dann kontert Cox mit deren Drogenkonsum; Kyoko soll laut Gericht doch bei ihm leben. Als seine Ex-Frau zumindest das Besuchsrecht durchsetzen möchte, sieht Cox rot.

Gemeinsam mit der Tochter und seiner neuen Frau taucht er in Kalifornien unter, verpasst Kyoko eine neue Identität und hält es scheinbar für eine gute Idee, sich einer Sekte namens The Walk oder Church Of The Living Word anzuschließen. Deren religiöser Fanatismus geht so weit, dass sie  unter anderem für die Ermordung diverser US-Präsidenten beten . Ab März 1972  verfrachten sie die Familie  in die ländliche Isolation. Ono und Lennon lassen derweil verzweifelt nach Kyoko suchen. Ohne Erfolg.

Ohne jede Spur

Nach einigen Jahren schnappt sich Cox seine Tochter und kehrt der Glaubensgemeinschaft den Rücken; Kontakt zu den Lennons sucht er keinen. Nach Johns Ermordung 1980 schicken er und Kyoko immerhin eine Beileidsbekundung an die Witwe. Erst 1986 gibt es wieder ein Lebenszeichen von Cox, dann gleich in Form einer Dokumentation: In Vain Glory erzählt er von seinen Erfahrungen im Schoße der Sekte. Ono sieht ihre Chance und verfasst einen öffentlichen Brief:

„Liebe Kyoko,

all diese Jahre gab es nicht einen Tag, an dem ich dich nicht vermisst habe. Du bist auf ewig in meinem Herzen. Ich werde jedoch keinen Versuch unternehmen, dich zu kontaktieren, da ich deine Privatsphäre respektiere. Ich wünsche dir nur das Beste. Falls du je mit mir in Kontakt treten möchtest, sei versichert, dass ich dich innig liebe und froh wäre, von dir zu hören. Du solltest dich jedoch nicht schuldig fühlen, wenn du dich entscheidest, es nicht zu tun. Du hast für immer meinen Respekt, meine Liebe und meine Unterstützung.

In Liebe, Mama“

Zunächst kommt nichts; erst in den Neunzigern meldet sich Kyoko bei ihrer Mutter. Seitdem pflegen die beiden regelmäßig Kontakt. So ganz scheinen sie die getrennte Zeit zwar bis heute nicht überwinden zu können, aber welche Familie ist schon perfekt?

Zeitsprung: Am 20.3.1969 heiraten John Lennon & Yoko Ono. Ein Song entsteht auch.

 

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Popkultur

Ein Schal für Freddie Mercury: Lisa Marie Presley wäre 55 Jahre alt geworden

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Lisa Marie Presley
Foto: Christopher Polk/Getty Images for Wonderwall

Am 1. Februar 2023 hätte Lisa Marie Presley ihren 55. Geburtstag gefeiert. Der Schock, dass sie das niemals tun wird, sitzt immer noch tief: Die Tochter von Elvis und Priscilla Presley starb am 25. Januar 2023 völlig überraschend.

 von Markus Brandstetter

Ein Leben im Scheinwerferlicht, das war für die einzige Tochter des King of Rock’n’Roll vorprogrammiert. Genau neun Monate nach der Hochzeit von Elvis und Priscilla wurde Lisa Marie Presley in Memphis im US-amerikanischen Bundesstaat Tennessee geboren. Sie war sechs Jahre alt, als sich ihre Eltern scheiden ließen. Sie zog mit ihrer Mutter nach Los Angeles, besuchte Elvis aber oft in Graceland.

Gute Beziehung zu Elvis

„Er war sehr beschützend, sehr fürsorglich und sehr wachsam. Ich wusste, dass ich geliebt wurde, daran bestand kein Zweifel“, erzählte sie einmal in einem Interview über ihren Vater. Lisa Marie war neun Jahre alt, als ihr Vater starb. Gemeinsam mit ihrer Großmutter Minnie Mae und ihrem Großvater Vernon Presley wurde sie zur Erbin des Elvis-Nachlasses erkoren; als die beiden 1979 und 1980 starben, wurde sie zur Alleinerbin. Als sie 25 Jahre alt war, bekam sie das Elvis Estate, damals 100 Millionen Dollar wert. Gut gewirtschaftet wurde mit dem Geld aber wohl nicht: 2018 erklärte sie vor Gericht, dass sie nur noch 14.000 Dollar habe und dies ihrem ehemaligen Businessmanager Barry Siegel zu verdanken sei.

Lisa Marie Presley zog es selbst zur Musik hin — ihr erstes Konzerterlebnis hatte sie ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters. Da sah sie die britischen Rocklegenden Queen — und schenkte Freddie Mercury nach dem Konzert ein Accessoire ihres Vaters. „Ich erinnere mich, dass ich Freddie Mercury einen Schal meines Vaters mitbrachte und ihn ihm nach der Show schenkte. Ich liebte es. Ich liebte die Theatralik. Ich liebte Freddie. Ich fand Queen großartig“, erzählte sie einmal. Das erste Mal selbst in Erscheinung trat sie erst 1997 — mit einem virtuellen Duett mit ihrem Vater. Elvis hatte vor seinem Tod einige Aufnahmen und Gesangsspuren hinterlassen — aus einem wurde das Duett Don’t Cry Daddy.

„Ihre eigene Rock-Queen“: Presleys erstes Soloalbum

2003 veröffentlichte Lisa Marie Presley ihr erstes Soloalbum — und alle Augen waren natürlich auf sie gerichtet. Auf To Whom It May Concern arbeitete sie mit bekannten Songwritern und Produzenten (unter anderem Glen Ballard) zusammen. Die Lyrics stammen alle von ihr (mit Ausnahme des Stücks The Road Between, das sie gemeinsam mit Gus Black verfasste), bei der Musik war sie an allen Songs als Co-Autorin beteiligt. „Presleys überraschend kraftvolle Stimme schwingt von einem tiefen Ton bis zu einem bluesgetränkten Heulen und übertrumpft die glänzende Produktion von Eric Rosse und Andrew Slater“, schrieb der US-amerikanische Rolling Stone damals. Die Kritiken waren wohlwollend: „Nichtsdestotrotz zeigt To Whom It May Concern eine Menge Herzenswärme. Wenn sie das hier gezeigte Potenzial ausschöpft, hat die Tochter des King of Rock die Chance, ihre eigene Rock-Queen zu werden.“ Noch überzeugter zeigte sich der Kritiker Robert Hilburn, der die Kompromisslosigkeit des Albums lobte und attestierte: „Presleys mutige, bluesige Stimme hat ein unverwechselbares Flair.“ Das Album schaffte es auf Nummer 5 der US-amerikanischen Billboard Charts und wurde mit Gold ausgezeichnet.

2005 legte Presley mit dem Album Now What nach — mit eher durchwachsenen Kritiken. Wie auch der Vorgänger war die Platte eher im Pop-Rock angesiedelt. Ihr wohl bestes Werk war ihr letztes: Auf Storm & Grace widmete sich Presley Country, Folk und Blues (das alles immer noch mit jeder Menge Pop-Appeal), arbeitete dafür mit dem renommierten Musiker und Produzenten T Bone Burnett zusammen.

Nicht wegen Musik im Scheinwerferlicht

Allerdings war Lisa Marie Presley mehr wegen ihres Privatlebens als ihres musikalischen Schaffens im Rampenlicht. Klar, wenn die Tochter des King of Rock’n’Roll den King of Pop — wir sprechen hier natürlich von Michael Jackson — heiratet, ist das schon spektakulär. Die Ehe — es war nicht ihre erste – hielt zwei Jahre. Insgesamt war Presley viermal verheiratet, mit Danny Keough (sie hatte ihn bei Scientology kennengelernt) hatte sie zwei Kinder. Sechs Jahre nach der Ehe mit Jackson heiratete sie den Hollywood-Schauspieler Nicholas Cage, die Ehe ging nach drei Monaten in die Brüche. Von 2006 bis 2008 war sie mit dem Musiker Michael Lockwood verheiratet, mit dem sie 2021 Zwillingstöchter bekam. Den größten Schicksalsschlag ihres Lebens erlitt Lisa Marie Presley im Juli 2020, als ihr Sohn Benjamin Keough sich das Leben nahm.

Kurz vor ihrem Tod zeigte sich Lisa Marie Presley noch gemeinsam mit Mutter Priscilla auf dem roten Teppich der Premiere des Elvis-Biopics. Kurz danach kam die Meldung, sie habe einen Herzstillstand erlitten und befinde sich im Krankenhaus. Wenig später kam die traurige Gewissheit, dass Lisa Marie Presley im Alter von nur 54 Jahren verstorben war. Über ihren Gesundheitszustand, ihre letzten Monate und zuletzt auch ihr Testament wird immer noch viel spekuliert und berichtet, dies soll an dieser Stelle ausgespart werden. Über ihre eigenen Kämpfe berichtete sie im Laufe der Jahre selbst immer wieder — erzählte von Süchten, zerbrochenen Ehen und ihrer Einsamkeit als Teenager.

Lisa Marie Presley wurde in Graceland beigesetzt — neben ihrem Vater Elvis und ihrem Sohn Benjamin.

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Axl Rose: „November Rain“-Soloauftritt bei Lisa Marie Presleys Trauerfeier

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