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Popkultur

Die musikalische DNA von KISS

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An kaum einer Rockband scheiden sich dermaßen nachhaltig die Geister wie KISS. Was für manche wie eine unmotivierte Faschingsparty aussieht, ist für andere die bestmögliche Unterhaltung. Es braucht aber keine Mitgliedschaft bei der KISS Army, um eins zuzugeben: Dass das Starchild, der Demon, der Spaceman und der Catman ihr Handwerk verstehen. Anders wären sie wohl kaum zur größten US-amerikanischen Rockband der siebziger Jahre geworden und hätten wohl keinesfalls mehr Platten verkauft als so ziemlich jede andere Band.


Hört euch hier KISS’ musikalische DNA als Playlist an und lest weiter:

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Das gilt aber nicht nur für ihre Imagepflege und die opulenten Bühnenshows des Quartetts, das seit Anfang der achtziger Jahre diverse Line-Up-Änderungen mit ansehen musste. Auch in musikalischer Hinsicht zeichneten sich KISS durch stilistische Offenheit aus, die vielen ihrer Zeitgenossen noch bis heute abgeht. „Unsere alleroberste Regel ist ‚keine Regeln‘“, soll Paul Stanley mal geknurrt haben, als ihn jemand auf das legendär krumme Logo seiner Band ansprach. Das gilt eben auch im Studio. Mit einem Blick auf die musikalische DNA von KISS erfahren wir, was die Band neben einer satten Show noch so alles zu bieten hat – und das ist einiges!


1. Alice Cooper – Hello Hooray

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Der Godfather of Shockrock, Alice Cooper, gehört zur musikalischen DNA von KISS wie die Zunge zu Gene Simmons. Neben den New York Dolls prägtet er mit seinen dramatischen Auftritten, aber natürlich auch seiner Musik die Band von Anfang an. Ohne Cooper wären KISS nie zu der Band geworden, die sie heute sind.

Ace Frehley erinnert sich: „Als KISS gerade am Anfang standen und nicht mal einen Plattenvertrag hatten, schauten Paul und ich uns die Billion Dollar Babies-Show an. Alice war unglaublich!“ Insbesondere der Opener Hello Hooray hatte es den beiden angetan. Gegen den Vorwurf, sie hätten Cooper nachgeäfft, wehrte er sich: „Wir wollten theatralischen Rock aufs nächste Level bringen!“ Cooper selbst zeigte sich ebenfalls nicht pikiert: „Als KISS groß rauskamen, haben sie es smart angestellt – sie haben ja nie behauptet, das erfunden zu haben.“ Also: alles in Ordnung!


2. Slade – Mama Weer All Crazee Now

Vor allem aber schauten KISS musikalisch immer nach England und fanden dort mit Led Zeppelin, Eric Clapton und seinen diversen Bands sowie natürlich den Beatles ihre Inspiration. Gene Simmons gab sogar sehr direkt zu, sich großzügig in Übersee bedient zu haben: „Ich habe so viele englische Riffs nachgebaut“, sagte er. „Wenn es den britischen Einfluss nicht gegeben hätte, dann wären wir heute nicht hier. Rock and Roll All Nite ist ein direkter Abkömmling von Slades Mama Weer All Crazee Now.“

Die Glam-Pioniere Slade machten Anfang der siebziger Jahre große Wellen, die auch in den USA ankamen. Als sie 1975 selbst in die Vereinigten Staaten übersiedelten, floppte die Band allerdings. Der Exotenstatus allein garantierte ihnen keine große Karriere. Aber KISS hatten sie auf ewig geprägt. „Wir mochten die Art, in der sie eine Verbindung mit ihrem Publikum aufbauten und echte Hymnen schrieben“, so Simmons in seinem Buch Kiss and Make-Up. „Wir wollten dieselbe Energie, die gleiche unwiderstehliche Einfachheit.“ Es ist ihnen gelungen – vielleicht sogar besser als dem Original?


3. The Who – Won’t Get Fooled Again

Die Schockeffekte von Alice Cooper und der dandyhafte Charme von Slade waren nicht das Einzige, was KISS gleichermaßen musikalisch wie ästhetisch geprägt hat. Auch The Who gehörten zu einer der britischen Bands, die für das Quartett stilprägend wurde. Sowohl in Sachen Lautstärke als auch in Hinsicht auf die Zerstörungswut, die das „Starchild“ Paul Stanley auf der Bühne an den Tag legte. 2009 überboten KISS auf einem Konzert im kanadischen Ottawa mit 136 Dezibel alle Lautstärkerekorde. 1976 waren The Who noch in die Geschichtsbücher eingegangen – mit zehn Dezibel weniger.

The Who hatten als eine der ersten Bands die wuchtige Simplizität von Rock-Musik in neue Sphären gehoben. Hymnisch und doch beinhart klang die Band um Pete Townshend, deren Rock-Opern für KISS und ganze Generationen zum Vorbild wurden. Den im Original ganze achteinhalb Minuten langen Song Won’t Get Fooled Again spielen KISS noch bis heute in einer unnachahmlichen Coverversion auf ihren Konzerten. Eine Hommage an die britische Band, die KISS mehr als nur den perfekten Gitarrenzerschmetterungswinkel beigebracht hatte!


4. Donna Summer – I Feel Love

Dass KISS Ende der siebziger Jahre zunehmend mit dem grassierenden „Disco Fever“ kokettierten, nahm ihnen so mancher Rock-Fan übel. Disco stand damals für zwanghaften Hedonismus, exaltierte Outfits und exzessives Gehabe. Moment mal – das klingt doch eigentlich wieder sehr nach Rock’n’Roll? Oder zumindest nach KISS! Es ist eigentlich kaum verwunderlich, dass sich KISS vom Dance Craze der späten Seventies anstecken ließen, denn Disco-Songs waren so simpel und doch mitreißend wie ihre eigenen Songs.

Als 1978 auf dem ersten Gene Simmons-Soloalbum Donna Summer für einen Gastauftritt vorbeischaute, wunderten sich trotzdem einige Fans. „Ein paar Jahre lang war Donna die Disco-Königin. Niemand konnte ihr das Wasser reichen. Und anders als andere Disco-Artists der Zeit war sie glaubwürdig“, erinnerte sich Simmons nach dem Tod der Legende, die zeitweise sogar im selben Haus lebte wie er. „Die Donna, an die ich mich erinnere, war eine warmherzige und charmante Person.“ Nur schade, dass aus Burning Up With Fever kein zweites I Feel Love wurde. Aber Giorgio Moroders Monsterproduktion für Summer ist eben unschlagbar.


5. Hello – New York Groove

Simmons war nicht das einzige KISS-Mitglied aus der Originalbesetzung der Band, welcher 1978 debütierte – tatsächlich legten alle vier zugleich ihre ersten Soloalben vor. Ein Marketingcoup? Vielleicht. Vor allem bewiesen die vier LPs, wie breit das musikalische Spektrum der Bandmitglieder sein konnte. Ace Frehley hatte in Hinsicht auf den kommerziellen Erfolg allerdings die Nase vorn. Der charismatische Spaceman ging darauf auf Suche nach seinen musikalischen Wurzeln und vergaß darüber keineswegs den charakteristischen Glam-Sound, der KISS bekannt gemacht hatte.

Das Kernstück des Ace Frehley-Albums war – natürlich – ein Produkt der britischen Glam-Szene. Der vom Songwriter Russ Ballard geschriebene New York City Groove wurde von der kurzlebigen Band Hello bekannt gemacht, bevor ihn Frehley nach einem prägenden Besuch am New Yorker Time Square neu interpretierte. Mit seinem stampfenden Beat und dem funkigen Gitarrenriff klang das Stück bei Frehley um einiges tighter als im Original. In Britannien erfunden, in den USA veredelt!


6. Ludwig van Beethoven – Klavierkonzert No. 5

Neben Gene Simmons und Ace Frehley ist das „Starchild“ Paul Stanley oft untergegangen, obwohl sein zackiges Rhythmusspiel der Band überhaupt erst ihren notwendigen Drive gab. Tatsächlich war Stanley Bert Eisen, wie der Gitarrist mit vollem Namen heißt, von Anfang an auf Rock’n’Roll geeicht. Als Backfisch stand zuerst Doo-Wop auf dem Programm, bevor er die Beatles und die Stones entdeckte. Seine erste Gitarre war – enttäuschender Weise – eine rein akustische. Obwohl ihm die elektrische lieber gewesen wäre, so behalf er sich mit Coverversionen von Bob Dylan, den Byrds oder The Lovin’ Spoonful.

Eine ganz andere und vielleicht überraschende Passion Stanleys allerdings findet sich woanders. Schon in früher Kindheit stieß er auf die Musik Ludwig van Beethovens. „Als sehr junger Bursche schon hatte ich eine Verbindung zur Musik, die ich selbst kaum verstand“, erinnerte er sich. „Beethovens Kaiserkonzert zu hören war für mich monumental. Es war so majestätisch und kraftvoll…“ Bei aller Einfachheit steckt in der Musik von KISS eben viel Wissen, Leidenschaft und eine Komplexität, die auf der Oberfläche nicht immer zu erkennen ist. Da passt der aufrührerische Klassik-Komponist tatsächlich bestens ins Bild!


7. Louis Prima – Sing, Sing, Sing (With A Swing)

Auch Peter Criss hat mehr zu bieten als nur den spitzbübischen Katzenlook, der seine Zeit bei KISS prägte. Der Kindheitsfreund des New York Dolls-Drummers Jerry Nolan war in seiner Jugend nicht nur ein begeisterter Student der schönen Künste, sondern auch ein Swing-Fan, wie er Seinesgleichen suchte. So begann die Karriere von George Peter John Criscuola tatsächlich auch in der Jazz- und Big-Band-Szene von New York und dem nahegelegenen New Jersey, wo er unter anderem bei Gene Krupa sein Hand- und Fußwerk lernte.

Gene Krupa erlangte bereits in den dreißiger Jahren mit seinem druckvollen Spiel Berühmtheit. Die rollenden Toms am Anfang von Louis Primas Sing, Sing, Sing (With A Swing) wurden stilprägend. „Er ist der Grund, warum ich Schlagzeug spielen“, berichtete Criss vor einer Weile auf seiner Homepage. „Wenn ich das Wort Schlagzeug auch nur höre, denke ich an Gene Krupa! Wenn es ihn nicht gegeben hätte, klänge zeitgenössische amerikanische Musik ganz anders.“ So wie auch KISS wohl nie KISS gewesen wären ohne den Einfluss der Drum-Legende!


8. Van Halen – Jump

Wenn wir von KISS sprechen, dann dürfen wir uns allerdings nicht allein auf die legendäre Originalbesetzung der Band beschränken. Eric Carr, Vinnie Vincent, Mark St. John und Bruce Kulick hinterließen genauso ihre Spuren im Sound der Band wie es heute Tommy Thayer und Eric Singer an der Seite von Gene Simmons und Paul Stanley tun. Dass Ace Frehley die Band gleich zwei Mal – 1982 und nach seinem Wiedereinstieg im Jahr 1996 sechs Jahre später zum allerletzten Mal – verließ, wird von vielen Fans immer noch als herber Verlust eingeschätzt.

Wusstet ihr allerdings, wer den Spaceman beinahe an der Leadgitarre ersetzt hätte? Niemand Geringerer als Eddie van Halen! In seiner Autobiografie Kiss and Make-Up berichtet Gene Simmons davon, dass der Gitarrist wegen der Spannungen zwischen ihm und dem Van Halen-Sänger David Lee Roth die Band wechseln wollte, sich aber von seinem Bruder Alex und Simmons dazu überreden ließ, standhaft zu bleiben. Mit Erfolg: Roth verließ die Gruppe stattdessen und wurde durch Sammy Hagar ersetzt. Wie KISS wohl mit Eddie van Halen in der Rolle des Spacemans geklungen hätten?


9. Vinnie Vincent Invasion – Boyz Are Gonna Rock

Van Halen war nicht der Einzige, der sich für die Nachfolge Frehleys empfahl. Auch Punky Meadows, Doug Aldrich, Richie Sambora und sogar Yngwie Malmsteen hatten Interesse daran. Die Wahl fiel dennoch auf den damals eher unbekannten Vinnie Vincent, der als „Ankh Warrior“ der Band einen neuen Touch verpasste. Der Gitarrist debütierte 1982 auf Creatures Of The Night als Leadgitarrist der Band, hielt es aber nur zwei Jahre in der Position aus, bevor er von Mark St. John ersetzt wurde. Vincents Mitgliedschaft fiel allerdings mit einer entscheidenden Wende im KISS-Universum zusammen: 1983 zeigte sich die Band erstmals ohne Make-Up der Öffentlichkeit.

Sein virtuoses Gitarrenspiel hatte der italienischstämmige Gitarrist im Elternhaus verfeinert, denn sowohl der Vater wie auch die Mutter verdienten mit der Musik ihren Lebensunterhalt. Der Name Warrior leitete sich übrigens von Vincents alter Band ab, die er für KISS verließ. Einige der Songs aus dieser Zeit wie etwa Boyz Are Gonna Rock nahm er allerdings wieder auf, als er sich nach dem Ende seiner KISS-Mitgliedschaft mit der Vinnie Vincent Invasion einen Namen machte. Der Glam-geprägte Hard Rock-Sound macht nur allzu deutlich, warum Simmons ihn selbst Gitarrengöttern wie Malmsteen vorzog.


10. Momoiro Clover Z – Moon Pride

Aller Eskapaden zum Trotz: KISS sind immer noch dabei und nach wie vor spricht ihr internationaler Erfolg Bände. Ihre spektakulären Bühnenshows wurden stilprägend für den Rock-Zirkus, manchmal aber liehen sich auch waschechte Pop-Acts Ideen von der Band. Wie weit der musikalische Einfluss der Band reichte, zeigte sich allein an der Compilation Kiss My Ass: Classic Kiss Regrooved aus dem Jahr 1994. Lenny Kravitz und Stevie Wonder, die Mighty Mighty Bosstones, Dinosaur Jr., Garth Brookes sowie sogar Die Ärzte interpretierten darauf alte Hits der Band in einem neuen Gewand.

In kaum einem anderen Land aber konnten KISS einen dermaßen großen Erfolg verbuchen wie in Japan. Nachdem die Band selbst einige Inspiration aus der reichhaltigen Kabuki-Tradition des Inselstaats bezogen hatte, kam es zu einem regelmäßigen Austausch zwischen den Kulturen. Das Yoshiki-Cover von Black Diamond auf Kiss My Ass war dabei nur der Anfang: 2015 tat sich die Band sogar mit der Idol-Gruppe Momoiro Clover Z für einen Song zusammen. „Musik, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte“, urteilte Paul Stanley über die quietschige Gruppe. Da würden viele Fans sicherlich zustimmen… Eine der sicherlich ungewöhnlichsten Kollaborationen der Rockgeschichte!


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„The Wall“ als Film: Roger Waters’ holpriger Weg ins Kino

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Pink Floyd spielen "The Wall"
Foto: Rob Verhorst/Redferns/Getty Images

Als Pink Floyd im Jahr 1979 ihr monumentales Konzeptalbum The Wall vorlegen, denkt Mastermind Roger Waters schon längst über eine Verfilmung der Geschichte nach. Genau dazu kommt es wenig später auch — allerdings auf großen Umwegen, mit viel Streit und einem enttäuschenden Ergebnis.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch The Wall von Pink Floyd anhören:

Mitte der Siebziger hängt der Haussegen bei Pink Floyd mächtig schief. Frontmann Roger Waters reißt Stück für Stück die kreativen Belange an sich, Gitarrist David Gilmour fühlt sich deshalb übergangen. Keyboarder Richard Wright kommt ohnehin zu kurz, doch die Schuld dafür gibt sich der typische Klassenstille später selbst. Als sich die Musiker auch noch um Tantiemen streiten und Gilmour zum ersten Mal Papa wird, übernimmt Waters noch mehr künstlerische Kontrolle. Quasi im Alleingang schreibt er das Konzeptalbum The Wall, das eine Kette von Ereignissen nach sich zieht. Da wären zum Beispiel der Rauswurf von Keyboarder Wright oder die aufwändige The Wall-Tour. Waters hat mit der Platte aber noch etwas anderes vor: Er möchte die Geschichte als Film auf die große Leinwand bringen.

The Wall: ein autobiografisch angehauchtes Meisterwerk

Die Handlung von The Wall lässt tief in Waters’ eigene Biografie blicken: Rockmusiker Pink leidet unter dem Tod seines Vaters im Zweiten Weltkrieg, unter seiner überfürsorglichen Mutter und unter seinem Dasein als Rockstar, der sich zunehmend von seinem Publikum isoliert fühlt — genau wie Waters während der ersten Pink-Floyd-Stadion-Shows im Rahmen der In The Flesh-Tour. Auch Schulprobleme aus der Kindheit und schwierige Liebesbeziehungen machen Pink zu schaffen. So demütigt ein Lehrer ihn zum Beispiel, indem er Pinks Gedichte laut vor der Klasse vorliest. Später findet der Rockstar heraus, dass ihn seine Frau betrügt und versucht, den Schmerz mithilfe eines Groupies und schließlich mit Drogen zu bekämpfen. Jede Enttäuschung sorgt für „another brick in the wall“, die Pink um sich errichtet. Am Ende laufen all seine negativen Erfahrungen zusammen.

Einen Film plant Waters schon vor der Produktion des Albums. Live-Aufnahmen sollen darin vorkommen, genauso wie Animationen aus dem Pinsel von Gerald Scarfe, der schon die LP von The Wall gestaltete. Auf dem Regiestuhl sollen Alan Parker und Michael Seresin sitzen, Waters möchte als Pink vor die Kamera treten. Doch dann kommt alles anders: Waters eignet sich nicht als Schauspieler, stattdessen übernimmt Boomtown-Rats-Frontmann Bob Geldof die Rolle. Der erzählt seinem Manager im Taxi noch, wie bescheuert er den Film findet — nicht wissend, dass Roger Waters’ Bruder am Steuer des Wagens sitzt. Live-Mitschnitte von Pink Floyd ergeben nach Waters’ Ausscheiden aus dem Cast keinen Sinn mehr, Seresin verlässt das Projekt daraufhin komplett. Übrig bleiben Parker, Waters und Scarfe. Harmonisch verläuft die Zusammenarbeit der Drei allerdings nicht …

Viel Ego, viel Film

Immer wieder geraten Musiker Waters, Regisseur Parker und Animateur Scarfe aufgrund ihrer Egos aneinander. Parker beschreibt den Filmprozess sogar als „eine der schlimmsten Erfahrungen meines kreativen Lebens“. Scarfe wiederum gibt in einem Interview mit dem Pink-Floyd-Magazin Floydian Slip zu Protokoll, er habe während der Dreharbeiten stets eine Flasche Whiskey im Gepäck gehabt. „Ich saß gegen neun Uhr morgens in meinem Auto und hatte eine Flasche Jack Daniel’s auf dem Beifahrersitz“, so Scarfe. „Ich trinke nicht viel, aber damals musste ich morgens einen Schluck nehmen, weil ich wusste, was auf mich zukam, und dass ich mich in irgendeiner Weise stärken musste.“ Roger Waters selbst genießt die Arbeit am The-Wall-Film auch nicht gerade, bezeichnet sie aber schlicht als „sehr zermürbende und unangenehme Erfahrung“.

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Die Premiere des Streifens geht am 23. Mai 1982 in Cannes über die Bühne, drei Wochen später folgt die Erstaufführung in London. David Gilmour und Nick Mason erscheinen als Gäste, Geldof und Scarfe lassen sich die Premiere natürlich ebenfalls nicht entgehen — genauso wenig wie Pete Townshend von The Who, Roger Taylor von Queen und Sting von The Police. Richard Wright bleibt wegen seines Rauswurfs zuhause. Zwölf Millionen US-Dollar kostet der The-Wall-Film unterm Strich, fast das Doppelte spielt er ein. Eigentlich handelt es sich bei dem Streifen also um einen Erfolg, doch Roger Waters ist nicht zufrieden. „Ich war am Ende ein bisschen enttäuscht“, verrät er 1988 in einem Interview. „Ich habe keinerlei Sympathie für den Hauptcharakter empfunden. Der Film war so ein Feuerwerk für die Sinne, dass ich als Zuschauer gar keine Chance hatte, mich richtig darauf einzulassen.“

„Was zum Teufel war das?“

Regie-Legende Steven Spielberg soll ein wenig direktere Worte gefunden haben und nach der Premiere in Cannes gefragt haben: „Was zum Teufel war das denn?“ The-Wall-Regisseur Parker behauptet später, dass ihn diese Reaktion gefreut habe: „In der Tat, ‚Was zum Teufel war das?‘ Niemand hatte so etwas bisher gesehen — eine wilde Mischung aus Live-Action, Storytelling und Surrealismus.“ Heute hat die The-Wall-Verfilmung ihren festen Platz in der Popkultur, nicht zuletzt aufgrund der charakteristischen Animationen von Scarfe. Zu den Sternstunden der Pink-Floyd-Geschichte zählt der Streifen aber sicher nicht.

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„Keeper Of The Seven Keys: Part I“: Als Helloween den Power Metal erfanden

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Helloween
Foto: Paul Natkin/Getty Images

Ursprünglich als Doppel-LP gedacht, veröffentlichen Helloween am 23. Mai 1987 den ersten Teil ihrer Keepers Of The Seven Keys-Saga. Die Schwelle zum Erfolg rückt näher, alle Zeichen stehen auf Durchbruch. Der große Knall gelingt der Band zwar erst ein Jahr später mit Part II — doch Part I sowie die Rekrutierung von Sänger Michael Kiske markieren wichtige Grundsteine für den jahrzehntelangen Erfolg der Hamburger.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Keeper Of The Seven Keys: Part I von Helloween anhören:

Als Helloween am 23. Mai 1987 ihr zweites Album Keeper Of The Seven Keys: Part I auf die Öffentlichkeit loslassen, steht die Band an einem Wendepunkt: Mit Walls Of Jericho hatte die Gruppe 1985 ein vielbeachtetes Debütalbum vorgelegt, mit Keeper Of The Seven Keys: Part II wird den Hamburgern 1988 der ganz große Durchbruch gelingen. Part I ebnet zwischenzeitlich den Weg dorthin. Doch was hat sich im Hause Helloween vom Debüt bis zu Keeper Of The Seven Keys: Part I eigentlich verändert?

„So anders als die letzte ist die Platte im Grunde genommen gar nicht“, findet Gitarrist Michael Weikath im Frühjahr 1987 in einem Interview mit dem deutschen Metal Hammer. So ganz recht hat er damit nicht: Nach ihrem ersten Album nehmen Helloween nämlich einen entscheidenden Personalwechsel vor — und holen Sänger Michael Kiske an Bord.

Kai Hansen: „Ich bin eher ein Schreihals.“

Dass Gitarrist Kai Hansen seinen Posten am Mikrofon räumt, liegt hauptsächlich daran, dass er sich als Sänger nicht wohlfühlt; vor allem das gleichzeitige Gitarrespielen ist ihm nicht geheuer. „Ich habe mich nie wirklich als Sänger gesehen“, verrät er im Interview mit dem britischen Classic Rock Magazine. „Ich bin eher eine Art Schreihals. Außerdem hat mir die Disziplin gefehlt. Saufen und Rauchen machen die Stimme nicht besser.“

Als Gitarrist rückt Hansen auf Keeper Of The Seven Keys: Part I in den Vordergrund, weil sein Sechs-Saiten-Kollege Michael Weikath wegen Krankheit nur sporadisch an den Sessions teilnehmen kann. Dadurch entsteht zum Beispiel der legendäre Song Future World, den Helloween als einzige Single von Part I auskoppeln. Auch das Stück Halloween stammt aus Hansens Feder. Untätig bleibt Weikath natürlich trotzdem nicht.

Mit A Tale That Wasn’t Right steuert der Gitarrist eine Ballade für die Ewigkeit bei, auch an Follow The Sign schreibt er mit. Freshman Michael Kiske komponiert das Stück A Little Time und leistet damit ebenfalls einen Beitrag zu der historischen Errungenschaft, die man Keeper Of The Seven Keys: Part I im Allgemeinen nachsagt: die Erfindung des Power Metal.

Klassischer Heavy Metal, unfassbare Geschwindigkeiten, symphonische Elemente, epische Texte: Wenn es um Drachen, Zauberer und jede Menge Doublebass geht, ist das Wörtchen „Power“ im Metal nicht weit. „Mir kam es damals nicht so vor, als hätten wir etwas großartig Neues geschaffen“, erinnert sich Kai Hansen im ClassicRock-Interview. „Niemand konnte damals etwas mit dem Begriff Power Metal anfangen, für uns war das einfach nur Heavy Metal. Das ist es auch heute noch. Was zum Teufel soll Power Metal denn sein?“

Keeper Of The Seven Keys: Part I — ein Überraschungserfolg

Eigentlich hätten Helloween Part I und Part II der Keepers Of The Seven Keys-Saga lieber als Doppel-LP veröffentlicht, doch bei einer Newcomer-Band möchte die Plattenfirma Noise Records vermutlich lieber auf Nummer sicher gehen. Wer hätte schließlich geahnt, dass Helloween heute zu den größten Namen der Krawallmusik-Szene zählen würden und dass ausgerechnet der Doppelschlag Keeper Of The Seven Keys: Part I und II so sehr dazu beitragen würden.

Schon kurz nach der Veröffentlichung landet Part I unverhofft auf Platz 15 der deutschen Albumcharts. „Dass wir in die normalen Charts kommen, das hat wirklich keiner von uns erwartet“, erzählt Gitarrist Weikath im MetalHammer-Interview. Mit Part II gelingt sogar der Sprung auf Platz fünf. „Ich frage mich wirklich, wo denn eigentlich die Leute sitzen, die das alles kaufen. Da scheint es wesentlich mehr von zu geben, als ich angenommen hatte.“ Gut so!

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Zeitsprung: Am 29.8.1988 erscheint „Keeper Of The Seven Keys: Part II“ von Helloween.

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Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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