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Popkultur

Die musikalische DNA von The Who

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Alle Bands fingen klein an, die wenigsten von ihnen wurden später groß. The Who wurden überlebensgroß und zerschmetterten dabei alles, was ihnen im Weg stand oder als Instrument um die Schultern hing. Kaum eine Band lebte den Rock’n’Roll-Lifestyle dermaßen exzessiv aus wie Pete Townshend, Roger Daltrey, Keith Moon und John »The Ox« Entwistle. Wenn aber auf Verluste keine Rücksicht genommen wird, sind bald schon welche zu beklagen: Drummer Moon verstarb 1978 und auch Bassist Entwistle verabschiedete sich 2002 von dieser Welt.


Hört euch hier einen Vorgeschmack der musikalischen DNA von The Who an:

Zur ganzen Playlist kommt ihr über den „Listen“-Button.

Townshend und Daltrey aber machen weiter und werden dabei von langjährigen Weggefährten wie etwa John Bundrick begleitet. Nicht allen Fans gefällt das, The Who jedoch haben schließlich ein großes Vermächtnis zu verwalten. Ohne sie würden Gitarrenverstärker und PA-Systeme weniger imposant aussehen oder wären Synthesizer nicht so früh im Rock untergekommen. Denn wenn sie nicht Hotelzimmer auseinander pflückten, waren The Who durchaus konstruktiv an der Weiterentwicklung der Musikgeschichte beteiligt. Kein Wunder, dass sich die in ihren Frühzeiten noch der Mod-Bewegung zugeordneten Band, ohne die es das Format Rock-Oper in dieser Form sicher nicht gegeben hätte, auf zahlreiche Genres wie unter anderem Punk und Metal auswirkte und selbst Paul McCartney von den eher braven Beatles schon 1965 zu Begeisterungsstürmen hinriss: Der hielt The Who für »die aufregendste Band« dieser Zeit und gab zu, beim Schreiben von »Helter Skelter« von ihnen inspiriert gewesen zu sein. Und The Who selbst? Was macht ihre musikalische DNA aus? Finden wir es heraus!


1. Cliff Richard – Move It

Roger Daltrey, John Entwistle und Pete Townshend lernten sich früh kennen, gingen zusammen zur Schule und unternahmen ihre ersten musikalischen Schritte gemeinsam. Townshend hatte den beiden anderen etwas voraus: Er hatte sehr musikalische Eltern. Sein Vater spielte Saxofon, die Mutter hatte während des zweiten Weltkriegs die britischen Truppen mit ihrem Gesang unterhalten. Dass er gemeinsam mit seinem Schulfreund John eine Trad Jazz-Gruppe gründete, dürfte ganz nach ihrem Geschmack gewesen sein und dass er im Schulorchester das Horn spielte, sowieso. Wie also rebellieren? Selbst sein Interesse für Rock’n’Roll sahen die Townshends ihrem Filius nach und unterstützten ihn sogar, als er sich inspiriert von Cliff Richards Song »Move It« der Gitarre zuwandte. Auch The Confederates mit Townshend und Entwistle änderten ihren Kurs von Jazz zu Rock, bevor Townshend die Gruppe nach einem Streit mit Drummer Chris Sherwin verließ. Danach legte er sich eine neue Gitarre zu, die er ebenfalls im familiären Rahmen ergattern konnte, denn fündig wurde er im Antiquitätengeschaft seiner Mutter. Schon schwierig, gegen solche Eltern zu rebellieren! Aber vielleicht schlug Pete deswegen später umso doller über die Stränge.


2. Duane Eddy – Rebel Rouser

Sein Bandkollege Entwistle hing einem ganz besonders »rebellischen Störenfried«, wie sich der Titel von Duane Eddys Song »Rebel Rouser« übersetzen ließe, an. So viel Glück wie Townshend hatte er allerdings nicht, Für die Gitarre waren seine Finger zu groß, weshalb er an den Bass herüber wechselte. Genau deswegen aber fand er mit 14 Jahren ein Vorbild in Eddy, der lieber die tiefen Saiten seines Instruments bediente und dessen Platten Entwistle genau studierte. An den Rand drängen lassen wollte er sich aber nicht und schrieb stattdessen für Songs wie My Generation Basssoli, die in die Musikgeschichte eingehen sollten – und damals noch unerhört waren! »Ich wollte einfach lauter sein«, erklärte er sein unkonventionelles Spiel. »Ich raste geradezu aus, wenn die Leute ihre Gitarrenamps aufdrehen und lauter sind als ich. Also entschied ich mich dazu, Gitarre zu spielen.« – nur eben auf vier Saiten! Seinen Bass zimmerte er sich im Jahr 1960 übrigens selbst aus einem Stück Mahagoni zusammen. Zum Leidwesen der Großmutter von »The Ox«, deren bester Küchentisch beim Bau des Instruments völlig zerkratzt wurde. Auch das ein Vorzeichen für die kommende Zerstörungswut von The Who!


3. Screaming Lord Sutch – Jack The Ripper

Keith Moon allerdings schien schon immer ein echter Satansbraten gewesen zu sein. »Künstlerisch zurückgeblieben. Idiotisch in anderer Hinsicht«, notierte einer seiner Lehrer. Kein Wunder, dass Moon die Schule bereits mit 14 Jahren verließ und sich lieber um eine Ausbildung kümmerte, mit der er seine Trommelleidenschaft finanzieren konnte. Lehrstunden nahm er für den moderaten Preis von zehn Shilling pro Sitzung bei einem der lautesten Schlagzeuger der Zeit, Carlo Little. Viel mehr Geld wird für seinen Verschleiß von Ersatzteilen drauf gegangen sein: Der Legende nach soll er die frühen The Who mit einem Session-Drummer beobachtet haben und zur Hälfte des zweiteiligen Sets der Band versprochen haben, es besser zu können. Am Ende der zweiten Hälfte war vom Schlagzeug nicht mehr viel übrig. »Ich habe mich zu Tode gefürchtet«, gab er später zu. »Danach saß ich an der Bar und Pete kam rüber. Er sagte: ‚Du… Komm rüber!‘ Und ich dann, so sanft ich konnte: ‚Ja, ja?‘ Er sagte: ‚Was hast du am Montag vor?‘« Der Pakt war besiegelt und Moon seitdem bei The Who hinter der Schießbude zu finden. Offiziell als Mitglied wurde er jedoch nie eingeladen, weshalb er auf die Nachfrage Ring Starrs nach seinem Einstieg bei The Who lakonisch antwortete, er würde »lediglich seit 15 Jahren aushelfen.« Seinen alten Lehrer ersetzte er sogar als Drummer von Screaming Lord Sutch für das Album Hands Of Jack The Ripper. Und das obwohl er vermutlich von Little selbst die Kniffe von Songs wie »Jack The Ripper« gezeigt bekommen hatte!


4. James Brown – I Don’t Mind (Live)

The Who hatten aber nicht nur viel Zerstörungswut, sondern auch ein Gefühl für große Pop-Hits. Insbesondere Roger Daltrey brachte als charismatischer Sänger das notwendige Gespür für große Melodien mit. Wo er das gelernt hatte? Vor allem im Soul! Schon früh interessierte sich der Sänger für den Sound der »Motor City« Detroit. Ganz besonders wichtig für Daltrey schien aber James Brown gewesen zu sein. Auf …Sings My Generation sind zwei Coverversionen von »Please, Please, Please« und »I Don’t Mind« enthalten, die B-Seite der »My Generation«-Single wurde von einer Version von Browns »Shout And Shimmy« bestritten. Was Brown für den angehenden Sänger, der sich vorher in Skiffle-Bands durchs Leben geschlagen hatte und erst mit The Who seine wahre Bestimmung fand, bedeutete, lässt sich leicht an dessen legendärem Konzertmitschnitt Live At The Apollo aus dem Jahr 1963 heraushören. Browns Mischung aus einfühlsamen Tönen und explosivem Geschrei prägte seine unvergleichliche Bühnenpräsenz, der Daltrey erst einige Zeit später das Wasser reichen konnte.


5. Bob Dylan – Corrina, Corrina

»Wir waren ein Schmelzkessel«, erinnerte sich Daltrey in einem Reddit-AMA an die prägenden Frühzeit von The Who. »Wie ein leerer Schwamm, der all den Kram von drüben in sich aufsaugt, der uns verwehrt geblieben war.« Drüben? Heißt natürlich: Die USA, von wo aus The Who sich einige Inspiration holten. Unvergleichlich wichtiger als die Kollegen war besonders ein Songwriter. »Bob Dylan hat alle beeinflusst«, sagte Daltrey entschieden. Vor allem dessen Lyrics wurden für die Band wichtig, die sich partout nicht in die Mod-Schublade stecken lassen wollte und viel größere Ambitionen hatte. Townshend war gelangweilt von den immergleichen Boy-meets-Girl-Geschichten, die zu dieser Zeit den Erzählstrang der meisten Rock-Songs ausmachte. Die poetisch angereicherten und zum Teil etwas verkopften Texte des späteren Literaturnobelpreisträgers waren ihm Vorbild und abschreckendes Beispiel zugleich: Townshend wollte den Kids von der Straße am liebsten etwas über ihr Leben erzählen, anstatt sich nachträglich in Uni-Seminaren analysieren zu lassen. Kein Wunder, dass er sich 2012 für eine umfassende Cover-Compilation einen eher simplen Dylan-Song vornahm: »Corrina, Corrina« vom Album The Freewheelin’ Bob Dylan aus dem Jahr 1963. Zumal er Mitte der siebziger Jahre dem Penthouse gegenüber sogar seine Enttäuschung mitteilte. »Ich konnte den Tag kaum abwarten, an dem ihn sich jemand für dieses ausgiebige Interview schnappte, von dem alle erfahren würden, was wirklich in seinem Hinterkopf vorging«, erinnerte sich der damals 29-jährige. Als dieser Tag jedoch kam? »Er hörte auf, mein Held zu sein.« Autsch!


6. Jimi Hendrix – Wild Thing (Live)

Im Austeilen sind The Who schon immer gut gewesen, im Einstecken nicht wirklich. Gut, so selten, wie sie überflügelt wurden, konnte darin ja keine Übung aufkommen. Wenn es aber geschah, dann wurde es heftig. Nachdem The Who jahrelang der Musik aus den USA gelauscht hatten, wurde es endlich Zeit, dass ihnen das Publikum dort zuhörte. Ihr erster größerer Auftritt auf der anderen Seite des atlantischen Ozeans fand auf dem Monterey Pop Festival statt, einem Hort für Hippies. Während Moon sich Sorgen darüber machte, dass das Publikum der destruktiven Bühnenshow von The Who nicht gerade wohlwollend gegenüberstehen würde, war es die Zerstörungswut eines anderen Künstlers, die ihnen an diesem Sonntagabend im Jahr 1967 den Gig vermiesen sollte. Schon vor dem Konzert stritt sich Townshend mit seinem Track-Labelkollegen Jimi Hendrix darüber, wer zuerst auftreten dürfte und ein Münzwurf entschied schließlich für die The Who. Nachdem die ihr Set beendet hatten, übernahm Hendrix die Bühne und steigerte sich in seinem letzten Song, dem Cover von The Troggs’ Wild Thing, in eine Rage, an deren Ende von seiner Gitarre nur noch verkohlte Überreste übrig blieben. Townshend währenddessen glühte auch – vor Wut! Später aber konnte er sich zu ein paar respektvollen Worten hinreißen lassen: »Für mich war es eine Show«, sagte Townshend über seine Zerstörungsorgien. »Für ihn war es etwas ganz anderes. Es war eine Erweiterung dessen, was er tat.« Kein Wunder also, dass die Gitarren auf The Who Sell Out aus demselben Jahr verdächtig nach Hendrix’ Handschrift klingen.


7. Neal Hefti – Batman Theme

Das Album The Who Sell Out markierte den langsamen Umschwung der jungen Wilden hin zu konzeptuellen Gesamtkunstwerken, wie sie später mit Tommy oder Quadrophenia in die Musikgeschichte eingehen sollten. Vom grellen Cover-Artwork über die fiktiven Radio-Jingles hin zu den eingestreuten Ansagen war das Album eine ironische Anspielung darauf, dass The Who sich tatsächlich mit Werbemusik ein paar Groschen dazuverdienten. Einige der Auftragsarbeiten sind tatsächlich sogar auf späteren Auflagen der LP zu hören. Neben ihrer Vorliebe für das britische Piratenradio – ein essentieller Kanal für die Mod-Szene – war es vor allem der Nebenerwerb, aber auch frühere Ausflüge in die Bereiche kommerzieller und funktionaler Musik, welche das Quartett beeinflusste. In seinem Buch Maximum R & B behauptet Richard Barnes, dass die Idee mit den Radio-Jingles auf sein Konto ging, nachdem The Who auf ihrer Ready Steady Who-EP den Batman Theme von Neal Hefti gecovert hatten. Ob es stimmt? Das ist schwer zu sagen, fest steht zumindest eins: The Who Sell Out wird weiterhin als eines der wichtigsten Alben der Rock-Geschichte gehandelt und ihr augenzwinkerndes Cover des Batman Themes deutete schon einen Schritt in andere musikalische Gefilde an.


8. Mercy Dee Walton – One Room Country Shack

Hatte The Who Sell Out noch einen deutlichen Umbruch in der Außenwahrnehmung nach sich gezogen, etablierten sich The Who 1969 mit ihrem bisher größten Coup endgültig als ernstzunehmende Band, deren Ansprüche weit über ein paar Flaschen Schnaps im Backstage-Bereich hinaus gingen. Mit Tommy veröffentlichten sie 1969 eine Rock-Oper, die Townshend bereits im August 1968 in einem ausgiebigen Interview mit dem Rolling Stone angekündigt hatte. Der Arbeitstitel lautete damals noch Deaf, Dumb and Blind Boy, den Plot aber hatte Townshend schon im Kopf und legte ihn über erschlagende elf Seiten dar. Selbst der The Who-Biograf Dave Marsh konnte sich da einen Seitenhieb nicht verkneifen: Das Interview erkläre das Narrativ wesentlich besser als das Album es könne, schrieb er später. Townshend selbst ärgerte sich, im Vornherein so viel preisgegeben zu haben. Er spuckte aber in die Hände und komponierte fast im Alleingang die komplette LP. Zugegeben, einige Stücke waren bereits lange vorher geschrieben worden und mit Eyesight To The Blind (The Hawker) coverte die Band ein Mose Allison-Stück, aber… Na ja, solange es zur Geschichte passte? Lediglich ein weiteres Cover von einer anderen Blues-Legende, Mercy Dee Waltons One Room Country Shack, schaffte es deshalb nicht auf Tommy, weil Townshend es beim besten Willen nicht in den Plot einpassen konnte. Allerdings verdeutlicht es wieder einmal mehr die Wurzeln der Band im Blues. Nicht nur in Sachen Storytelling, versteht sich.


9. Terry Riley – A Rainbow In Curved Air

Neben dem Bodenständigen und dem Skurrilen zeigten sich The Who aber auch immer zum Experimentellen hingezogen. Hauptsache, es ging mit aller Gewalt gegen den Strich! Da überrascht es fast, dass ein mitreißender Hit wie »Baba O’Riley« sich seinen Namen von gleich zwei Querdenkern geliehen hat. Meher Baba war ein indischer Guru, der sich ab 1954 komplett dem Schweigen verschrieben hatte – seine letzten Worte übrigens bildeten die Grundlage für einen weiteren Welthit: Don’t Worry, Be Happy! – und dessen Lehren Townshend eifrig in sich aufsog. Da passte es nur, dass auch Terry Riley auf langen Reisen durch Indien viel Inspiration für seine revolutionären Kompositionen sammelte, die wie das 1969 veröffentlichte Stück A Rainbow In Curved Air einen bleibenden Eindruck bei Townshend hinterließen. Altmeister Riley selbst gab zu Protokoll, dass ein Freund von ihm als Beleuchtungstechniker für The Who gearbeitet und Townshend auf das elektronische Stück gebracht hätte. »Pete hat immer gesagt, dass ich einen großen Einfluss auf ihn ausgeübt hätte«, sagte er stolz. Das lässt sich aus den quirligen Synthesizer-Experimenten auf  Baba O’Riley auch leicht heraushören. Nur die ikonischen Klavierakkorde gehen ganz auf das Konto von The Who! Das Interesse an innovativen Techniken fand schließlich mit Quadrophenia seinen Höhepunkt, wo unter anderem eine Feldaufnahme von John Philip Sousas The Thunderer zum Einsatz kam. Die Band trieb es sogar so weit, dass im Studio bisweilen gleich neun Kassettenrekorder gleichzeitig liefen! Ein Verfahren, das Riley und Kollegen wie Steve Reich populär gemacht hatten.


10. Oasis – Rock’n’Roll Star

Die Blütezeit von The Who mag schon lange vorüber sein, manche sogar sahen mit dem Tod Keith Moons das Schicksal der Band bereits 1978 besiegelt. Ihr Nachruhm allerdings motiviert noch weiterhin Bands, an die Grenzen des Möglichen zu gehen. Oasis verkörperten in den neunziger Jahren nicht nur die Schnoddrigkeit der frühen The Who, tatsächlich gab es zwischen beiden Bands immer wieder Berührungspunkte. Ringo Starrs Sohn Zak Starkey etwa, der seit 1999 bei The Who hinter dem Schlagzeug sitzt, spielte ebenfalls bei Oasis und Roger Daltrey performte mit den beiden und Ian Broudy von den Lightning Seeds im Jahr 2015 bei einem Live-Special der Unterhaltungsshow TFI Friday 40 Jahre nach Erstveröffentlichung den Song My Generation. Schon vorher teilte der andere Gallagher-Bruder Noel für eine Version von We Won’t Get Fooled Again die Bühne mit The Who. Kein Wunder, hatten Oasis doch schon mit den ersten Tönen ihres Debütalbums Definitely Maybe klar gemacht, dass sie in Sachen Lautstärke den Idolen das Wasser reichen wollten. Wer ein echter »Rock’n’Roll Star« sein will, muss eben ordentlich aufdrehen. Das haben Oasis schließlich von John Entwistle, aber auch seinen Bandkollegen gelernt!


Anmerkung:

In einer früheren Version des Artikels gab es einen Recherche Fehler: 

Kenney Jones wurde sein Ableben unterstellt, glücklicherweise lebt er aber noch!


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Vor 65 Jahren: Wie sich John Lennon und Paul McCartney zum ersten Mal trafen

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Paul McCartney & John Lennon
Foto: William Vanderson/Fox Photos/Getty Images

Eins der wichtigsten Aufeinandertreffen der modernen Musikgeschichte fand am 6. Juli 1957 auf einem Dorffest bei Liverpool statt. An jenem Tag liefen sich John Lennon und Paul McCartney zum ersten Mal über den Weg, später erwuchsen daraus die legendären Beatles. Dabei wusste Lennon anfangs noch gar nicht, ob er sich überhaupt mit McCartney zusammentun wollte.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Please Please Me von den Beatles anhören:

Eigentlich ist in Woolton nicht viel los. Doch einmal im Jahr feiern die Bewohner*innen des wohlhabenden Liverpooler Vorortes eine zünftige Gartenparty, krönen ihre „Rosenkönigin“ und freuen sich über ein abwechslungsreiches Unterhaltungsprogramm inklusive Live-Musik. Am 6. Juli 1957 steht im Rahmen der jährlichen Feierlichkeiten auch eine Gruppe namens The Quarry Men auf dem Plan. Zum festen Line-up der Band zählt zum Beispiel Sänger und Gitarrist John Lennon, der zu jener Zeit erst 16 Jahre alt ist. Waschwannenbassist Ivan Vaughan spielt nur gelegentlich mit den Quarry Men — doch genau er ist es, der am 6. Juli 1957 einen Schulkumpel mit zu dem Dorffest bringt. Dessen Name: Paul McCartney.

Eine Gartenparty mit Folgen

Laut Plan beginnt die Woolton Parish Church Garden Fete erst um 15 Uhr, doch inoffiziell fällt der Startschuss bereits eine Stunde früher, wie John Lennons Halbschwester Julia Baird in ihrer Lennon-Biografie Imagine This schreibt: „Die Veranstaltung fing um 14 Uhr mit der Eröffnungsprozession an, bei der ein oder zwei prächtig geschmückte Lastwagen im Schneckentempo durch das Dorf fuhren, um sich feierlich auf den Platz hinter der Kirche zu begeben. Auf dem ersten Laster saß die Rosenkönigin auf ihrem Thron, umgeben von ihrem Gefolge. Sie waren allesamt in rosa und weißem Satin gekleidet, mit langen Bändern und handgesteckten Rosen im Haar. Die Mädchen wurden von den Sonntagsschulgruppen aufgrund ihres Alters und ihres guten Benehmens ausgewählt.“

Zugegeben, das klingt ein wenig altertümlich. Doch für uns Musik-Fans wird es ohnehin erst jetzt so richtig interessant: „Auf den folgenden Lastwagen befanden sich die Unterhaltungskünstler, darunter auch die Quarry Men“, berichtet Baird weiter. „Die Jungen saßen auf der Ladefläche des fahrenden Wagens, versuchten aufrecht stehen zu bleiben und gleichzeitig ihre Instrumente zu spielen. John gab den Kampf mit dem Gleichgewicht auf, ließ die Beine von der Ladefläche baumeln, spielte Gitarre und sang. Das tat er während der ganzen langsamen Fahrt.“ Als der Tross am Abend an der Kirche weiterfeiert, sollen die Quarry Men dort noch einmal spielen. Doch schon während des Aufbaus kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung.

John Lennons und Paul McCartneys erstes Treffen

Eine schwarze Röhrenhose, eine weiße Jacke mit silbernen Flecken: Mit seinem Outfit dürfte Paul McCartney am 6. Juli 1957 aufgefallen sein, denn auf dem britischen Land kleidet man sich zu jener Zeit wohl noch ein wenig anders. In John Lennons Fall ist die Extravaganz gar nicht nötig, denn McCartney wird ihm von Bandkollege Ivan Vaughan vorgestellt. Die Zwei unterhalten sich ein wenig, McCartney singt ein bisschen mit und zeigt Lennon, wie man eine Gitarre stimmt. 1995 sagt McCartney über seine erste Begegnung mit Lennon: „Ich dachte nur: ‚Nun, er sieht gut aus, er singt gut, und er scheint ein toller Leadsänger zu sein.‘ Er hatte natürlich seine Brille abgenommen, sodass er wirklich elegant aussah. Ich erinnere mich daran, dass das einzige Bandmitglied war, das herausstach.“

Lennon zeigt sich ebenfalls begeistert, denn McCartney kann mühelos singen, was sich die Quarry Men erst mühevoll aneignen müssen. Nach der Show gehen die Musiker mit McCartney in einen Wooltoner Pub, wo die 15- und 16-Jährigen ein falsches Alter angeben müssen, um überhaupt bedient zu werden. In den Wochen danach überlegen die Quarry Men, ob sie McCartney in die Band holen möchten. Vor allem Lennon tut sich schwer mit der Entscheidung, denn schließlich würde „der Neue“ auch eine Konkurrenz darstellen. Dennoch beschließt die Gruppe, McCartney noch einmal anzusprechen. „Macca“ schlägt sofort ein und fortan spielen Lennon und McCartney in ihrer ersten gemeinsamen Band. Es soll nicht ihre letzte bleiben.

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Zeitsprung: Am 6.7.1964 läuft der Beatles-Film „A Hard Day’s Night“ an.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.7.1964.

von Timon Menge und Christof Leim

Als die Beatles am 6. Juli 1964 ihren ersten Kinofilm A Hard Day’s Night veröffentlichen, schreiben sie die Regeln einer gesamten Kunstform neu — schon wieder. Hatte man Musiker bis jetzt vor allem als Schauspieler eingesetzt, um mehr Kinokarten zu verkaufen (siehe: Elvis Presley), spielen sich die „Fab Four“ einfach selbst. Wir haben den Streifen unter die Lupe genommen.

Hier könnt ihr euch das Album A Hard Day’s Night anhören: 

Wir schreiben das Jahr 1964. Die Beatlemania droht, das Vereinigte Königreich aus den Angeln zu heben. Zwei Jahre zuvor hatten John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr den Song Love Me Do veröffentlicht und den Sprung in die britischen Charts geschafft. Es folgte ein Sog aus aufblühender Jugendkultur und Musikinnovation. Keine 24 Monate später gelten die vier Liverpooler auch international als Phänomen. Die Zeichen stehen auf „British Invasion“, nicht zuletzt aufgrund des legendären Auftritts der „Fab Four“ in der Ed Sullivan Show. Von Kritikern gerügt und von Fans verehrt, kehrt das Quartett Ende Februar aus den USA zurück und beginnt eine knappe Woche später ihr nächstes und bis dato außergewöhnlichstes Projekt: die Dreharbeiten zu A Hard Day’s Night.

Übernehmen ab Mitte der Sechziger die Welt: George Harrison, Ringo Starr, Paul McCartney und John Lennon – Pic: Underwood Archives/Getty Images

Im Gegensatz zu den damals üblichen Musikfilmen, in denen Stars wie Elvis Presley zwar neues Material präsentieren, in der Regel aber in fremde Rollen schlüpfen, schließt A Hard Day’s Night nahtlos an das unkonventionelle Interviewverhalten der Truppe an. Die Herren spielen allesamt sich selbst – und das inmitten des Tohuwabohu der Beatlemania.

Die Handlung: Auf dem Weg zu einer Show muss die Band einer wilden Horde Fans entkommen und findet auch während der anschließenden Zugfahrt keine Ruhe. Es folgen Situationen aus dem vermeintlichen Alltag der Teenieidole, in denen sie immer wieder ihre Songs darbieten. Doch weder im Hotel noch backstage bei einer Aufzeichnung oder während eines Casino-Besuchs mit Pauls Großvater lassen sich Ruhm und Verpflichtungen abschütteln. Letztlich findet das angekündigte Konzert wie geplant statt, die Band gelangt danach via Helikopter in die wohlverdiente Sicherheit. Aufgepasst: Wer genau hinschaut, kann einen noch unbekannten Phil Collins als Komparsen im Konzertpublikum entdecken.

Hat noch nicht einmal im Zug seine Ruhe: George Harrison in „A Hard Day’s Night“ – Pic: Max Scheler – K & K/Getty Images

Die Beatles entscheiden sich damals bewusst für einen Filmemacher, dessen musiknahe Werke die Vier schon länger wegen ihrer unkonventionellen Art mögen; der amerikanische Regisseur Richard Lester stellt ihnen wiederum den Liverpooler Schriftsteller Alun Owen vor und lässt ihn die Gruppe auf Tour begleiten. So entsteht ein Skript, welches auf dem typischen Beatles-Humor und Liverpooler Redensarten basiert und dadurch revolutionär authentisch wirkt. Owen heimst für seine Arbeit im folgenden Jahr ebenso wie der Soundtrack eine Oscar-Nominierung ein.

In Deutschland erscheint A Hard Day’s Night unter dem Titel Yeah Yeah Yeah und wird für die Synchronisation auch inhaltlich stark verändert, wie damals üblich: Diskussionen über Günter Grass und den deutschen Film vor Londoner Kulisse tragen wie die anderen ländereigenen Anpassungen zur internationalen Beliebtheit der Briten bei. Der englische Originaltitel basiert auf einem Versprecher von Schlagzeuger Starr, der im April nach einem anstrengenden Drehtag anmerkt: „It’s been a hard day“. Als er feststellt, dass bereits die Nacht angebrochen ist, ergänzt er seine Aussage schnell um ein „…’s night.“ Regisseur Lester findet die Aussage passend und gibt bei den Musikern einen Song mit der Phrase als Titel in Auftrag. Wenige Stunden später hat Lennon das Stück fertig und notiert es auf einer Glückwunschkarte, die heute im British Museum in London bestaunt werden kann. Deutsche Kinos führen die Komödie erstmals am 23. Juli 1964 vor.

Lennon tut den Film später als Klamauk ab, McCartney hingegen lobt den Schwarz-Weiss-Streifen für die Authentizität seiner Charaktere. Fakt ist: A Hard Day’s Night läutet ein neues Zeitalter des Musikfilms ein und gilt als eines der ersten Beispiele einer Mockumentary. Die Meta-Ebene, auf der sich der Film mit Ruhm und Erfolg auseinandersetzt, erlaubt der Band einen Kommentar zur Beatlemania, ohne sie offen zu kritisieren und Fans vor den Kopf zu stoßen. A Hard Day’s Night kann also als frühe Instanz der in späteren Jahren Beatles-typischen Gesellschaftskritik bezeichnet werden. Für George Harrison hat der Film übrigens noch ganz andere Szenarien zur Folge: Am Set lernt er die junge Schauspielerin Pattie Boyd kennen, die er zwei Jahre später heiratet und die ihn später in nach einer dramatischen Dreiecksgeschichte für Eric Clapton verlässt.

George Harrison und Pattie Boyd 1964 – Pic: Michael Ochs Archives/Getty Images

Zeitsprung: Am 9.2.1964 übernehmen die Beatles die USA – gewissermaßen.

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Zeitsprung: Am 5.7.1954 nimmt Elvis Presley seinen ersten Hit „That’s All Right“ auf.

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Michael Ochs Archives/Getty

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.7.1954.

von Tom Küppers und Christof Leim

Natürlich spielt Gevatter Zufall auch im Rock’n’Roll eine wesentliche Rolle. Selbst Elvis Presley, der „King“ höchstselbst, verdankt seinen Karrierestart einem kurzen, absolut ungeplanten Moment…

Hier könnt ihr euch zur Lektüre die Nummer und andere Elvis-Klassiker anhören:

Sam Phillips ist ein umtriebiger Geschäftsmann. Unter dem Banner Sun Records veröffentlicht er Anfang der Fünfziger Tonträger von Künstlern wie B.B. King oder Howlin’ Wolf und betreibt auch das dazugehörige Aufnahmestudio. Schnell kommt er auf die Idee, dieses auch Hobbymusikern zugänglich zu machen, die dann beispielsweise ihren Gesang auf einem rasch gepressten Acetat-Tonträger mit nach Hause nehmen können. Das gefällt auch dem gerade mal zwanzig Jahre jungen Elvis Aron Presley. Der kommt eines Tages in das Studio und möchte als Geburtstagsgeschenk für seine Mutter zwei Songs aufnehmen. Der Kunde ist König, Elvis bekommt seine Platte. Vor allem aber ist Parker recht angetan von dem, was er hört, und lädt den jungen Musiker zu weiteren Aufnahmen ein. 

Zunächst springt der musikalische Funke nicht richtig über, dann hat der Legende nach Parkers Sekretärin Marion Keisker den Geistesblitz, Presley mit dem Gitarristen Scotty Moore bekannt zu machen. Die erste Reaktion des erfahrenen Musikers ist pures Gold: „Elvis Presley? Was zum Geier soll denn das für ein Name sein?“ Nach einer gemeinsamen Probe ändert sich seine Meinung, umgehend wird für den 5. Juli 1954 eine weitere Aufnahmesession angesetzt. Doch die angedachten Interpretationen zeitgenössischer Pop-Hits zünden nicht wirklich. 

Während der Rest der Anwesenden während einer Pause ratlos dreinblickt, schnappt sich Elvis einfach eine Gitarre und beginnt, eine flotte Version von That’s All Right zu singen, einen Proto-Blues von Arthur Crudup. Später wird Presley erzählen, dass er eigentlich lediglich einmal kurz den Clown geben wollte, um die Stimmung aufzuheitern. Kontrabassist Bill Black steigt allerdings zupfenderweise auf den Witz ein, und da geht Parker plötzlich ein Licht auf: Das ist genau der neue Sound, nach dem alle suchen, und er hat ihn gerade eben gefunden. Moore stürzt zurück in den Aufnahmeraum, sucht ein paar Akkorde zusammen, und fertig ist die Nummer. 

Drei Tage später läuft That’s All Right dann zum ersten Mal im Radio bei Sendern, die Philipps mit einer Vorabpressung versorgt hat. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten; in einem Studio glühen die Telefone solange, bis sich der DJ genötigt sieht, die Platte während seiner zweistündigen Show immer und immer wieder aufzulegen. Elvis wird sogar zu einem Liveinterview eingeladen.

Am 19. Juli 1954 steht That’s All Right dann als Single in den Läden mit Blue Moon Of Kentucky als B-Seite, den die drei Musiker auf ähnliche Weise eingespielt hatten: Gesang, Gitarre, Bass, fertig. Und damit beginnt eine bis heute unvergleichliche Weltkarriere.

Und das soll alles darauf basieren, das Presley nur mal kurz einen Witz reißen wollte? Ein paar Jahre vor seinem Tod beantwortet Scotty Moore genau diese Frage mit einem Lachen im Gesicht und einem eindeutigen „Absolut!“ Manche Geschichten kann man sich echt nicht ausdenken…

Zeitsprung: Am 26.8.1969 kann Elvis Presley auf der Bühne nicht aufhören zu lachen.

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