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Popkultur

10 essentielle Talk Talk-Songs, die alle Fans kennen müssen

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Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Viel mehr als It‘s My Life: Zehn essentielle Songs von Mark Hollis, die exemplarisch aufzeigen, wie viel ihm die Musikgeschichte zu verdanken hat.

von Björn Springorum

Mark Hollis war ein Genie. Ein verdammtes, scheues Genie. Die Antithese des grellen Popstars und doch ein solcher. Mit seiner Band Talk Talk schrieb er ziemlich viele Pophits, wollte aber nie dazugehören zu den Zugpferden des Wave und der New Romantic, zu Duran Duran, Depeche Mode und Konsorten. 1955 in Tottenham geboren und spätestens seit 1984 mit It‘s My Life in aller Munde. Es ist vielleicht bis heute sein bekanntester Song. Aber weder sein bester noch sein wichtigster. Eine Chronologie in Liedform.


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Mark Hollis - Mark Hollis
Mark Hollis
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Talk Talk (1982)

Es beginnt, wie es beginnen muss: Mit dem Debüt The Party Is Over. 1982 erschienen, ist es auf den ersten Blick ein gutes Synth-Pop-Album, typisch für diese Zeit und schon damals mit der Verheißung gesegnet, dass wir es bei Mark Hollis mit einem Ausnahmesänger zu tun haben. Er und Produzent Tim Friese-Greene waren stets bekannt dafür, sich nicht allzu lobend über die ersten Gehversuche von Talk Talk zu äußern; diesem nach der Band benannten Song wird das nicht gerecht: Ein handwerklich ausgezeichneter New-Wave-Song, der ganz am Anfang einer langen Reise ins Herz der Popmusik stand – und schließlich zu gänzlich neuen Ufern führte.

Such A Shame (1984)

Natürlich muss auch über die ganz großen Hits gesprochen werden. Einer davon ist vom zweiten Talk Talk-Album It‘s My Life. Sie waren zweifellos einen Schritt weiter in ihrer künstlerischen Metamorphose, zeigten in den Singles aber nach wie vor konventionell: Achtziger-Pathos, Weltschmerz und Bombast, dazu Hollis‘ unverkennbare Stimme und ein Ohrwurm-Potential, das bis heute nicht nachgelassen hat. Von dem, was da noch kommen sollte, fehlte aber jede Spur.

It‘s My Life (1984)

Das gilt auch für It‘s My Life vom selben Album, der berühmteste und erfolgreichste Song der Briten. Mittlerweile war klar: Talk Talk können Hits schreiben. Große, weltumspannende Hits, die schlicht perfekt inszeniert waren und Mark Hollis allen Raum für seinen Gesang gaben. Noch eine Handvoll dieser Songs und die Band wäre zum unsterblichen Pop-Titan aufgestiegen. Es gab nur ein Problem: Hollis hatte andere Pläne. Ganz, ganz andere Pläne.

Living In Another World (1986)

So wie das dritte Album The Colour Of Spring von 1986 zum Beispiel. Was vor zwei Jahren noch undenkbar gewesen wäre, nimmt jetzt Formen an: Living In Another World bringt es auf sieben Minuten, damals absolut unvorstellbar für die generische Welt des Radio-Pops. Nervös, mit Orgelspiel und meisterlichen Harmonien beginnen Talk Talk, die Popmusik zu sezieren, um in ihr Innerstes zu blicken.

Life‘s What You Make It

Noch so ein gutes Beispiel für die Übergangsphase, in der sich Talk Talk 1986 befinden. Sicher, viele ihrer Zeitgenossen legen sich in der zweiten Hälfte der Achtziger neue Einflüsse zu, denn urplötzlich sind akustische Instrumente ziemlich en vogue. Talk Talk verinnerlichen diese neuen Ansätze aber mantraesk und machen sie sich zu Eigen, während andere einfach neue Sounds ausprobieren. Life‘s What You Make It klingt dann auch überhaupt nicht mehr nach den Anfängen, die gerade mal vier Jahre zurücklagen. So langsam beginnt es.

Eden (1988)

Da haben wir es: Das Album, das alles verändert. Spirit Of Eden, veröffentlicht 1988, schließt die Metamorphose einer Pop-Band hin zu einem Kunstwerk ab. Pop-Mechanismen, Radiotauglichkeit und zufriedene Plattenbosse werden kurzerhand über Bord geworfen für ein Album, das sich jeder Definition entzieht. Eher eine einzige lange Komposition denn eine Ansammlung von Popsongs, steht der zweite Song Eden stellvertretend für die Vision eines Mark Hollis, dessen Gesang das erste Mal so richtig angekommen zu sein scheint. Abgeschottet aufgenommen in einer Kirche, jede Deadline ignoriert und eine Menge Kohle verschlungen: Hollis hat endlich den nötigen Erfolg und die finanziellen Mittel, um dieses Album und diese musikalische Collage ohne Vorbilder, zu erschaffen, nebenher den Post-Rock zu erfinden – und seine Pop-Karriere sehr erfolgreich zu torpedieren.

Inheritance (1988)

Will man die binnen sechs Jahren vollzogene Wandlung des Mark Hollis in nur zwei Songs erklären, hört man am besten erst It‘s My Life und dann Inheritance. Gesagt werden muss dann nur noch sehr, sehr wenig…

Ascension Day (1991)

Beirren lässt sich Hollis zu Beginn des neuen Jahrzehnts schon lange nicht mehr. 1991 veröffentlicht er Laughing Stock, sein fünftes Album. Es ist ein kommerzieller Flop, aber bietet dem Künstler das weitere Versprechen einer Katharsis. Experimentell, jazzig, brütend, minimalistsich und auf fast schon trotzige Weise antikommerziell: Viele heutige Art-Rock-Bands wären ohne dieses Album (und diesen Song) undenkbar. Radiohead zum Beispiel…

Watershed (1998)

Die Band überlebt diese kommerzielle Talfahrt nicht. Nach Laughing Stock lösen sich Talk Talk auf, obwohl sie schon davor keine wirklich intakte Band mehr waren. Hollis‘ erstes und einziges Soloalbum, das selbstbenannte Werk von 1998, ist aber streng genommen ein Talk Talk-Album und wurde 1997 zur Erfüllung eines Zwei-Album-Deals mit der Plattenfirma Polydor aufgenommen. Es erscheint als Hollis‘ solitäres Werk. Ein zwar ähnlich minimalistisches, aber durchaus helleres und hoffnungsfroheres als der düstere Vorgänger. Watershed, der zweite Song, ist einsam, ruhig wie ein See, doch aufgebrochen von durchdringendem Gesang. Eine eigene Welt, ganz und gar.

A Life (1895 – 1915) (1998)

Und schließlich das letzte große Epos des Mark Hollis: Mit seinen acht Minuten Spielzeit ist A Life (1895 – 1915) ein aufwühlendes Stück über Ronald Leighton, einen britischen Soldaten und Poeten im Ersten Weltkrieg. Wie viele andere Stücke auf diesem Album entsteht es mit dem Produzenten Warne Livesey und ist eine Studie in dynamischer und intimer Stille. Der Rückzug ins Nichts und das Verschwinden des Mark Hollis ist perfekt. Und kann mit der Neuauflage von Mark Hollis ebenso schmerzhaft wie schwelgerisch nacherlebt werden.

Zeitsprung: Am 19.5.1993 starten Depeche Mode ihre „Devotional-Tour“ – und drehen auf.

 

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