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Popkultur

Die musikalische DNA von Japan

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Was musst du in deinem Leben eigentlich alles falsch gemacht haben, dass Duran Duran dich vergöttern? Eine ganze Menge, scheint es. Aber es scheint eben nur so. Denn das genau ist doch das Merkwürdige: Eigentlich haben Japan und ihr Frontmann David Sylvian nämlich im Gegenteil alles immer und immer richtiger gemacht. Noch bevor Bands wie Talk Talk Ende der achtziger oder Radiohead Mitte der neunziger Jahre bewiesen, dass Pop mit Avantgarde zu vereinen war und dennoch Charterfolge davon nicht ausgeschlossen wurden, eroberte die britische Gruppe zuerst die Pop-Welt und stand schließlich mit Ghosts weit oben in den Hitparaden. Keine Rhythmussektion, keine Gitarre, ein Refrain, der so kaum zu nennen wäre und wunderliche Blubber-Sounds aus dem Synthesizer – es ist und bleibt der skurrilste Hit der Achtziger und darüber hinaus.


Hört hier in die musikalische DNA von Japan rein:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Dabei hatten Japan doch ganz anders angefangen. Erst als schrammelige Hobbyband neben der Schule, später als schriller Glam Rock-Verschnitt, dann wurden sie den sogenannten New Romantics zugerechnet. Eine Zuschreibung, gegen die Sylvian stets Einspruch einlegte. „Ich will mit denen nicht in einen Topf geschmissen werden“, schäumte er. „Die Haltungen sind so verschieden. Für die ist ein schickes Outfit nur ein Kostüm. Für uns ein Lebensstil. Wir sehen und kleiden uns jeden Tag so.“ Da sprach auch ein frustriertes Kind der Arbeiterklasse aus ihm, das sich aus bescheidenen Umständen nach oben durchgekämpft hatte – mit Kunst, die nicht selten kompromisslos war. Was davon übrig blieb? Eine Marketingkampagne ernannte ihn zum „schönsten Mann der Welt“. Gegen seinen Willen, versteht sich. Dabei wollten er und seine Kollegen Steve Jansen (Schlagzeug), Richard Barbieri (Keyboards), Mick Karn (Bass) und der kurz vor Auflösung ausgestiegene Rob Dean (Gitarre) niemals Stars sein. Kein Wunder also, dass sie auf dem Zenit ihres Schaffens die Reißleine zogen.

Japan waren mehr als die Summe ihrer Teile. Mehr als Glam, mehr als schrille Frisuren und noch schrillere Songs. Für sie war Pop Kunst, weil ihre Kunst wie Pop klang. Sehr, sehr merkwürdiger Pop allerdings. Was diesen einzigartigen Sound beeinflusste, erfahren wir mit Blick auf die musikalische DNA von Japan.


1. New York Dolls – Personality Crisis

Catford ist ein beschaulicher Londoner Vorort, in dem heutzutage gerade mal 15 000 Menschen leben und in dem Mitte der siebziger Jahre tote Hose herrschte. Sylvian, Jansen, Barbieri und Karn wollten mehr vom Leben, so einfach war das aber nicht zu bekommen. Musik bot eine Ausflucht. Sylvian schrieb spartanische Songs und wechselte sich mit Karn am Mikro ab. Ein erster Live-Auftritt wurde arrangiert, ein Name musste her. Er fand sich in der Broschüre eines Reisebüros – so will es zumindest die Legende, besser gesagt: eine der vielen Legenden. Es ergibt allerdings durchaus Sinn: Japan schließlich ist vom tristen Catford weit, weit entfernt.

Nach nur drei Jahren indes öffnete sich für die fünf Jungspunde die Tür zur großen Welt zumindest für einen Spalt: Ariola Hansa nahm die Band unter Vertrag. Zwischen den deutschen Disco- und Electro-Acts im Roster waren Japan ein echter Fremdkörper, als sie 1978 mit ihrer LP Adolescent Sex debütierten. Nachdem die Band sich zuerst an Funk versucht hatte, ging es in Richtung Glam Rock. Häufig werden die New York Dolls als Hauptinspiration genannt. „Es war eher der visuelle als der musikalische Aspekt, der uns an den Dolls gereizt hat“, erklärte Dean dazu in einem Interview. „Die waren sehr Rock’n‘Roll. Wir waren nicht Rock’n‘Roll.“


2. Velvet Underground & Nico – All Tomorrow’s Parties

Von den New York Dolls also kamen eher modische und visuelle Impulse. Doch die Musik? Die Band mochte es gerne, wenn Musik etwas schräg war, gab Dean im selben Gespräch zu. „Die besten Bands hatten etwas Herausforderndes und Eklektisches an sich“, sagte er. „Deswegen ist es vermutlich nur folgerichtig, dass wir genau dasselbe angestrebt haben.“ Ja, doch – das klingt einleuchtend! Besonders herausfordernd waren Lou Reed und seine Band Velvet Underground, die gemeinsam mit Nico eines der herausforderndsten Alben der Rock-Geschichte aufnahmen.

Als 1979 das Japan-Album Quiet Life erschien, fand sich darauf auch eine Coverversion von All Tomorrow‘s Parties von eben jenem Album, die ganz anders als das Original klang. Fröhlicher, freundlicher war sie – und deshalb umso unheimlicher. Nachdem Japan schon mit ihrem Zweitwerk Obscure Alternatives einen Richtungswechsel vollzogen hatten, klangen sie nun anders als zuvor. Zugleich aber setzten sie sich stilistisch und ästhetisch auch von ihren eigenen Idolen ab. „Worin besteht denn auch der Sinn einer Cover-Version, die sich genauso wie das Original anhört“, fragte Dean, als er auf All Tomorrow‘s Parties angesprochen wurde. Im Grunde führte seine Band damit im selben Zug nur umso konsequenter fort, was Velvet Underground mehr als ein Jahrzehnt angefangen hatten.


3. David Bowie – Warszawa

Damit waren Japan allerdings natürlich nicht die einzigen. David Bowie setzte mit ähnlicher Konsequenz dort an, wo Velvet Underground aufgehört hatten. 1977 erschien mit Low ein düsteres Album, das mit viel elektronischen Mitteln auf Songs wie Warszawa eine intime und doch obskure Stimmung einfing. Bowie war einer der maßgeblichen Fixsterne im Japan-Kosmos. Vielleicht nämlich hat sich die Band doch nicht nach einer Broschüre benannt, sondern nach der Ziggy Stardust-Zeile „Like some cat from Japan, he could lick ’em by smiling“. Oder doch nicht? Dean selbst war sich nicht so sicher.

Fest steht zumindest, dass Bowie einer der maßgeblichen Einflüsse für Japans kreative Entwicklung war: Ständig wandelte sich Bowie, ständig taten es Japan. Als sich die Band schon aufgelöst hatte, kam dann endlich zusammen, was zusammen gehörte: Forbidden Colours, ein gemeinsamer Song von David Sylvian und dem japanischen Musiker Ryuichi Sakamoto wurde als Lead-Single für den Film Merry Christmas Mr Lawrence verwendet. In der Hauptrolle: David Bowie.


4. Brian Eno & David Byrne – Regiment

Bowies Low-Album markierte den Beginn einer fruchtbaren Kollaboration mit dem britischen Klangkünstler Brian Eno, der sich zuerst als Mitglied von Roxy Music einen Namen gemacht hatte. Richtig, auch Eno vollzog den Wandel vom Glam zu abenteuerlicher Musik! Da ist es nur logisch, dass auch seine Musik für Sylvian und sein Truppe interessant wurde. Das zeigt sich allein schon daran, dass der Japan-Frontmann später mit vielen engen Bekannten Enos zusammenarbeitete, unter anderem Robert Fripp und Jon Hassell, mit dem Eno 1980 am Album Fourth World Vol. 1: Possible Musics getüftelt hatte.

Ein Jahr später folgte My Life in the Bush of Ghosts, Enos Kollaboration mit dem Talking Heads-Mitglied David Byrne. Darauf führte Eno die eigentlich von Hassell entwickelten Sampling-Experimente fort und schuf eine Musik, die mit für das westliche Ohr ungewohnten Rhythmen und Klängen arbeitete und ordentlich Funk in sich trug, wie etwa in Regiment zu hören ist. Eno und Sylvian beziehungsweise Japan sprachen nie offen über ihr gegenseitiges Verhältnis, doch sind die Parallelen zwischen den beiden Ansätzen, die der Brite und die Gruppe Anfang der achtziger Jahre jeweils verfolgten, kaum von der Hand zu weisen: Beide wollten mit elektronischen Mitteln Musik schaffen, die kulturelle Grenzen überbrückte.


5. John Foxx – Underpass

Trotz ihrer Liebäugelei mit dem eher avantgardistischen Spektrum der Pop-Welt wurden Japan auf dem Höhepunkt ihrer Karriere doch in die New Romantics-Schublade gesteckt. Dabei wollten sie mit Sängern wie Boy George nun wirklich nichts zu tun haben! Und mit der Pop-Welt schon sowieso gar nicht. Kunst ging ihnen vor Kommerz, Allüren lagen Japan fern. Sie wollten wichtige, besondere Musik machen anstatt als Eintagsfliegen zu vergehen. Ein Schicksal, das sie mit John Foxx teilten. Als Gründungsmitglied von Ultravox hatte dieser nämlich Ambitionen, die sich nicht auf eine Platzierung in den Top 10 beschränkten.

Ultravox‘ drittes Album unter seiner Führung nahm die Gruppe mit dem legendären Krautrock-Produzenten Conny Plank auf und floppten damit, ebenso wie eine anschließende US-Tour. Foxx verließ die Band, die mit Midge Ure – mit dem Mick Karn später Hits schreiben sollte – einen immer kommerzielleren Kurs aufnahmen, der in Songs wie Dancing With Tears in My Eyes resultierte. Foxx aber wechselte zu Virgin, wo auch Japan zu dieser Zeit unter Vertrag standen, und veröffentlichte 1980 mit Metamatic eine wunderbar eigenwillige Platte, die auch Japan beeindruckte. 2009 dann tat sich Steve Jansen mit Foxx und anderen für ein Kollaborationsalbum zusammen.


6. Yellow Magic Orchestra – Yellow Magic (Tong Poo)

Jansen und Foxx, das beweist mal wieder: Was zusammen gehört, findet einander irgendwann. So wie auch Japan und Japan. Also, Japan die Band und Japan, das Inselreich. Dort feierten die fünf bleichen Briten nämlich schon früh in ihrer Karriere einige Hits und näherten sich ästhetisch – und im Falle Sylvians sogar spirituell – immer mehr der japanischen Kultur an. Nicht allein Zen-Buddhismus und Shintoismus, sondern auch der neue japanische Sound der späten siebziger und frühen achtziger Jahre war für sie prägend.

„Es kam viel coole Musik aus Japan zu dieser Zeit“, schwärmte Dean und hob besonders Yellow Magic Orchestra hervor. „Sie waren die japanischen Kraftwerk. Nur mit etwas mehr Funk!“ Auch Jansen nannte den Drummer der Band, Yukihiro Takahashi, als Inspiration. Auch die intensive musikalische Beziehung zwischen Sakamoto und Sylvian ist bestens dokumentiert. Gemeinsam schrieben sie Stücke wie Bamboo Houses oder das bereits genannte Forbidden Colours, auch auf dem Japan-Live-Album Oil on Canvas ist Sakamoto beim Stück Ghosts zu hören. Im fernen Osten fand die Gruppe offenkundig etwas, das ihnen in Großbritannien fehlte: die Zukunft.


7. CAN – Future Days

1977 schrien die Punks noch „No Future“ durch die Straßen – und was sollte danach schon außer Ernüchterung kommen? Japan zeigten, wie Musik nach der Absage an den kulturellen Fortschritt klingen könnte. Auch dafür gab es – ironischer Weise – Vorbilder. Sie fanden sich in Deutschland, wo eine ganze Generation von Musiker*innen in derselben Zwickmühle steckte, aus dem Stehgreif ihren eigenen Sound erfinden zu müssen. Sie taten das aber mit Bravour, insbesondere die Band CAN mit dem Japaner Damo Suzuki am Mikro, Irmin Schmidt an den Synthies, Jaki Liebezeit am Drumkit, Holger Czukay am Bass und Michael Karoli an der Gitarre und Violine.

CAN werden der Krautrock-Bewegung zugeordnet, doch bei einer Band wie dieser verfehlt jede Genrezuschreibung ihren Kern. CAN waren CAN, und zogen damit auch Japan in ihren Bann – schon von früh auf an. Da verwundert es auch kaum, dass Sylvian beispielsweise später mit Czukay und dem Ausnahmeschlagzeuger Liebezeit zueinander fand, mit ihnen Musik aufnahm von viel von ihnen lernte, obwohl er selbst schon eine Größe für sich war. Selbst heute flüstert CANs Musik noch mit magischer Kraft von den Future Days und was von ihnen zu erwarten ist…


8. Tea Picking Dance – Ancient Chinese Music

Ob sich Sylvian, Jansen, Barbieri und Karn bewusst sind, dass manche ihr Album Tin Drum für eine Art Future Days der frühen Achtziger halten? Als die Band mit Ghosts den vermutlich unwahrscheinlichsten Hit der Pop-Geschichte landeten und damit sogar bei der Chart-Show Top of the Pops auftraten, verstand ein Teil des Publikums die Welt nicht mehr. Plötzlich waren die „No Future“-Rufe vergessen und es hieß stattdessen dieser Band zuzuhören, die alle Konventionen über den Haufen warfen. Und nebenbei gesagt noch unfassbar gut dabei klangen. Nur eben ein bisschen sonderlich, fremdartig. Als „artifiziellen Ethno-Funk“ beschrieb der Kulturtheoretiker Mark Fisher das Album.

Doch handelte es sich bei den Ethno-Elementen, die Japan verwendeten, häufig um Finten. Anders als der Name vermuten ließ, bezog sich insbesondere Tin Drum nämlich aus klassischen chinesischen und nicht japanischen Motiven. Insbesondere in den sachten Klängen von Ghosts, die gleichermaßen perkussiv wie melodisch scheinen, deutet sich eine Faszination für die Klangfarbe klassischer Instrumente wie der zitherähnlichen Guzheng an, die im Japanischen in ähnlicher Form als Koto bekannt ist. Doch wie schon das Gesicht von Mao Zedong auf dem Cover von Tin Drum andeutete: die transkulturelle Zukunft, die Japan präsentierten, orientierte sich überwiegend in Richtung China.


9. Donna Summer – I Feel Love (12” Version)

Andererseits ist es schon schwierig, überhaupt aus Japans Einflüssen und ihrer Musik schlau zu werden. So voll von überraschenden Referenzen und Querverweisen ist diese, so wenig scheinen einzelne Alben der Band miteinander zu tun zu haben. Im Japan-Universum nämlich bedeutete es offenkundig keinen Stilbruch, auch mal Marvin Gaye zu covern – obwohl die Ain‘t That Peculiar-Interpretation der Truppe vom Album Gentlemen Take Polaroids nun wirklich nicht viel mit dem Motown-Smashhit gemein hat. Und dass sie noch ein Jahr zuvor mit einer der Eurodisco-Legenden schlechthin gearbeitet hatten… Wie passt das eigentlich ins Bild?

Sehr gut tut es das! Wer jemals Life in Tokyo von Quiet Life aus dem Jahr 1979 gehört hat, wird darin unbedingt die Handschrift eines Giorgio Moroders erkennen, der als Co-Produzent im Studio saß. Genauer erinnern die nervösen Arpeggien, die unbeirrt durch den Mix schwirren, mehr als deutlich an I Feel Love, Moroders Hit-Single von 1977 mit Donna Summer hinter dem Mikrofon. Dass Life in Tokyo auch im clubfreundlichen 12“-Format als Extended-Version erschien, bewies nur einmal mehr, dass Japan sich ebenso auf dem Dancefloor wohl fühlten oder zumindest dorthin wollten. Nur schade eigentlich, dass Moroder ihnen kaum mehr als einen müden Abklatsch seines unsterblichen Hits auftischte…


10. Rufige Kru – Ghosts of My Life

Aber was soll‘s! Denn schließlich hatten Japan, die sich nur kurzfristig 1991 als Rain Tree Cow wieder zusammen fanden, selbst nach ihrer Auflösung 1982 noch genug Einfluss auf das musikalische Treiben der Pop-, Rock- und Dance-Welt. Barbieri ist heute als Keyboarder der Prog-Band Porcupine Tree bekannt, Sylvian als Solo-Künstler umtriebig, Karn arbeitete unter anderem mit Kate Bush und Jansen mit seinem Idol Yukihiro Takahashi, derweil der frühzeitig ausgestiegene Dean nach Gelegenheitsjobs für Gary Numan und Sinéad O‘Connor mittlerweile als Vogelkundler Karriere macht. Ähm, wie? Ja, genau.

Dass die – pardon, Kalauer – Paradiesvögel von Japan ihren Abdruck auf der Musikwelt hinterlassen hatten, zeigte sich vor allem in den neunziger Jahren. Der so spartanisch komponierte Song Ghosts wurde gleich von zwei prägenden Projekten der Dance-Szene gesampelt: Bomb the Bass (in Winter in July) und Rufige Kru (in Ghosts of My Life), einem Pseudonym der Jungle-Goldie. Kaum vorzustellen, wie die heruntergepitchte Stimme Sylvians damals auf den Dancefloors der britischen Rave-Community eingeschlagen sein muss. Aber wie schon die musikalische DNA von Japan selbst beweist: Besondere Bands finden besondere Fans, die wiederum ihr ganz eigenes musikalisches Universum erschaffen. Das mag zuerst merkwürdig klingen, ist aber vor allem eins: bemerkenswert.


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Popkultur

„Screaming Life“: Als Soundgarden mit ihrer ersten EP den Turbomodus einlegten

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Soundgarden
Foto: Alison S. Braun/CORBIS/Corbis via Getty Images

1987 brodelt der Grunge-Kessel in Seattle bereits gewaltig. Nirvana finden gerade zusammen, genau wie Alice In Chains. Doch eine Gruppe ist ihren Mitstreitern schon einen Schritt voraus. Am 1. Oktober 1987 bringen Soundgarden ihre erste EP Screaming Life raus. Vom Mainstream halten sie sich aber lieber noch ein bisschen fern.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch die beiden Soundgarden-EPs Screaming Life und Fopp anhören:

Genau genommen beginnt die Geschichte von Soundgarden bereits 1984. Zu jener Zeit bewegen sich Bassist Hiro Yamamoto und der trommelnde Sänger Chris Cornell unter dem Namen Shemps durch die Musikszene von Seattle. Als Yamamoto aussteigt, kommt Kim Thayil an Bord. Mit ihrem alten Bassisten bleibt die Gruppe trotzdem in Kontakt, was sich später auszahlen soll. Als die Geschichte von Shemps endet, treffen sich Yamamoto und Cornell nämlich wieder zum Jammen. Thayil stößt auch dazu und mit diesem Line-up gründen die drei Musiker eine Band, deren Namen wir alle kennen: Soundgarden.

Die ersten Schritte

Den Bandnamen entleiht das Trio einer Klangskulptur namens A Sound Garden, die auf dem Campus der National Oceanic And Atmospheric Administration in Seattle zu finden ist. Damit sich Cornell voll auf den Gesang konzentrieren kann, holen die Musiker Schlagzeuger Scott Sundquist an Bord. Ab da touren Soundgarden umher und erspielen sich in ihrer Umgebung einen Ruf als hervorragende Live-Band. 1986 nehmen sie für den Sampler Deep Six drei Songs auf: Heretic, Tears To Forget und All Your Lies. Stück Nummer zwei soll für die Gruppe später noch einmal eine Rolle spielen.

Auf der Zusammenstellung befinden sich Soundgarden in bester Gesellschaft. So sind auch Malfunkshun und Melvins auf dem Sampler zu finden. Weil es mit Soundgarden langsam bergauf geht, übernimmt Cornells zukünftige Frau Susan Silver das Management der Gruppe. Sundquist wird der Zeitaufwand zu groß und er möchte wieder mehr bei seiner Familie sein, weshalb er 1986 aussteigt. Auf seinen Hocker setzen Soundgarden den Trommler, der das klassische Line-up der Band vervollständigen soll: Matt Cameron. Wenig später startet die Truppe erst so richtig durch.

Screaming Life: Der Weg zur ersten Soundgarden-EP

Als Soundgarden wieder einmal live spielen, steht auch Radio-DJ Jonathan Poneman im Publikum. Er fasst einen Entschluss: Nicht nur, dass er der Band ihre erste Veröffentlichung sponsern möchte. Nein, er steckt gleich 20.000 US-Dollar in das Label Sub Pop. Betrieben wird die Plattenschmiede von Bruce Pavitt, einem Kumpel von Soundgarden. 1987 erscheint die erste Single Hunted Down; auf der B-Seite gibt es das Stück Nothing To Say zu hören. Außerdem erscheinen beide Nummern auf einer weiteren Compilation.

Der Radiosender KCMU, bei dem Poneman als DJ arbeitet, veröffentlicht zu jener Zeit einen Sampler namens Bands That Will Make Money und verschickt ihn an zahlreiche Plattenfirmen. Die wiederum zeigen brennendes Interesse an Soundgarden. Auf Gegenseitigkeit beruht das nicht: Obwohl die Band jede Menge Angebote bekommt, bleibt sie zunächst ihrem Label Sup Pop treu — und genau dort erscheint am 1. Oktober 1987 Screaming Life, die erste EP der Band. Darauf enthalten: das vorhin bereits erwähnte Stück Tears To Forget, die beiden Songs von der ersten Single sowie drei neue Stücke.

Ein Prediger vom Flohmarkt-Tonband

Eine nette Anekdote verbirgt sich hinter dem letzten Song Hand Of God: Kurz bevor die Aufnahmen für die EP beginnen, findet Produzent Jack Endino auf einem Flohmarkt einige Tonbänder. Darauf zu hören ist ein christlicher Prediger der frühen Fünfziger Jahre. Als Frontmann Chris Cornell das mitbekommt, hat er den Geistesblitz, den Mitschnitt in den Song Hand Of God einzubauen. Wie der Prediger auf der Tonaufnahme heißt, finden Soundgarden und Endino allerdings nicht mehr heraus, weil die Etiketten zu unleserlich sind.

Spätestens nach der Veröffentlichung ihrer ersten EP Screaming Life öffnen sich für Soundgarden alle Türen. Die Labels stehen Schlange, die Fans sowieso. „Jeder hat die EP geliebt“, verrät Frontmann Cornell 1989 in einem Interview. Doch obwohl sie alle Möglichkeiten der Welt haben, unterschreiben Soundgarden einen Plattenvertrag mit dem relativ kleinen Label SST Records. Dort veröffentlichen sie am 31. Oktober 1988 ihr erstes Album Ultramega OK. Das verläuft nicht unbedingt reibungslos, doch das ist wie so oft eine andere Geschichte.

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Mitglieder von Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden formen neue Band!

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.10.1984 erweisen sich die Ramones als „Too Tough To Die“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.10.1984.


von Peter Hesse und Christof Leim

Nach sieben Alben haben die Ramones sich ein bisschen verirrt, deshalb wollen sie mit Too Tough To Die zurück zum Sound der Anfangstage. Der Titel kommt dabei nicht von ungefähr, denn im Vorjahr wäre Johnny beinahe totgeschlagen worden. Am 1. Oktober 1984 erscheint die Platte.

Hier könnt ihr das Album anhören:

Keine Frage, die ersten Alben der Ramones sind legendär, stilprägend und großartig. Aber mit dem Beginn der Achtziger liegen die Nachfolger wie Blei in den Regalen. End Of The Century (1980) und Pleasant Dreams (1981) können weder künstlerisch noch  kommerziell überzeugen. Dabei hatte die Plattenfirma Sire wegen stagnierender Verkaufszahlen, mangelnder Präsenz im Radio und ausbleibender Chartsnotierungen sogar große Namen als Produzenten engagiert, etwa Motown-Legende Phil Spector. Doch damit schoß sich die Band ins eigene Bein: Die Ramones klangen nicht mehr wie sie klingen sollen. Zu glatt, zu poppig, zu verschnörkelt (zumindest, wenn Ramones-Maßstäbe anlegt). Nach Subterranean Jungle (1983) überwirft sich die Gang noch mit ihrem Drummer Marky, weil dessen Sauferei aus dem Ruder läuft. So kann es nicht weiter gehen. Gabba, Gabba, „Hey, was sollen wir jetzt machen?“

Einfacher ist besser

Mit Too Tough To Die wollen die New Yorker sich wieder stärker an ihren Vorbildern orientieren, also an The Who, den Kinks, den Beach Boys, Stooges, MC5 und dem amerikanischen Rock’n’Roll der Fünfziger. Das heißt: Einfache Harmonien und Strukturen sowie das völlige Fehlen von Soli, Intros oder Übergängen. Außerdem darf es darf ruhig wieder schneller und härter klingt. Zum Glück übernimmt das ausgeschiedene Gründungsmitglied Tommy Ramone erneut die Produktion, die er anpackt wie auf dem Debüt von 1976. Im Songwriting orientieren sich die Musiker ebenfalls an ihren Wurzeln.

 

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Die Aufnahmen für die neue Platte gehen trotzdem nicht leicht von der Hand, weil das Quartett in Wirklichkeit wie eine Freakshow agiert. Joey Ramone ist nach wie vor ein hippiehafter und unpünktlicher Träumer mit Zwangsstörungen. (Wenn er etwa in einem Hotel vor einem Aufzug steht, kann er den Etagenknopf nicht drücken – und wartet so lange, bis jemand kommt und das für ihn übernimmt.) Zwar fungiert Dee Dee in Sachen Songwriting weiter als das Kreativgenie, doch um seine Geister zu wecken, liegen nicht selten eimerweise Drogen auf dem Tisch. Und der neue Drummer Richie Ramone ist zwar am Schlagzeug eine saubere Taktmaschine, wird aber im Bandgefüge nicht gleichwertig behandelt. Stattdessen gibt man ihm stets zu verstehen, nur ein kleiner Angestellter im Ramones-Universum zu sein. Über allem schwebt Gitarrist Johnny Ramone, der mit militärischer Strenge, erzkonservativem Weltbild und vielen Kontrollmechanismen dafür sorgt, dass die Band nicht aus dem Ruder läuft. Einfach passiert bei diesem Quartett gar nichts, und so soll die neue Platte entstehen.

Fast verhängnisvolle Schlägerei

Leider steckt auch hinter dem Albumtitel Too Tough To Die eine wahre, leider unschöne Geschichte: In den frühen Morgenstunden des 15. August 1983, gerät Johnny in eine gewalttätige Auseinandersetzung vor seiner Wohnung im New Yorker East Village mit einem anderen Musiker, der mit Johnnys Freundin unterwegs ist. Anscheinend herrscht Uneinigkeit, wie offen die Beziehung zwischen der Dame und dem Gitarristen sein soll. Nach Zeitungsberichten startet Ramone (der eigentlich John Cummings heißt) deshalb einen Kampf – und erleidet einen lebensgefährlichen Schädelbruch. Es folgen eine Notoperation und eine mehrmonatige Pause.

Das Album erscheint schließlich am 1. Oktober 1984 mit einem markanten Cover, das die Silhouetten der Musiker in blauem Nebel zeigt. Wie der Fotograf George DuBose später berichtet, war das so gar nicht geplant: Schlussendlich erwies sich eine Fehlfunktion seiner Kamera als Glücksfall.

Ziel nicht erreicht

Zu den bekanntesten Liedern der Scheibe gehören Mama’s Boy, Too Tough To Die und Wart Hog, mit Durango 95 gibt es das einzige Ramones-Instrumental, und bei zwei Nummern singt Dee Dee. Amüsant fällt auch das Intro von Danger Zone aus, denn dabei fragt einer der Rocker: „Welchen Song spielen denn?“ 

Insgesamt klingt die Scheibe wieder roher und ursprünglicher. Doch trotz dieser Bemühungen wird sie nicht der große Wurf. Da helfen die schöne Melodie und der knackige Refrain der von Eurythmics-Kopf Dave Stewart produzierten Singleauskopplung Howling at the Moon (Sha-La-La) auch nicht. (Die Keyboards dazu spielt übrigens Benmont Tench von Tom Petty & The Heartbreakers.) Viele Kritiker und Fans vermissen in den Texten vor allem den typisch augenzwinkernden Ramones-Humor, der auf ihren frühen Alben so wichtig und witzig war. Die politisch und gesellschaftskritisch gefärbten Zeilen wie in Danger Zone oder Planet Earth wirken zu unbeholfen, bemüht und wenig glaubhaft. Es soll noch ein paar Jahre dauern, bis die Perlen dieses Albums, zum Beispiel I’m Not Afraid of Life oder Durango 95, für die Ewigkeitslisten entdeckt werden.

Zeitsprung: Am 6.8.1996 spielen die Ramones ihre letzte Show

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Popkultur

Zeitsprung: Am 30.9.1984 starten Kiss ihre problematische „Animalize“-Tour.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.9.1984."

von Christof Leim

Mit ihrem neuen Album Animalize können Kiss 1984 endlich wieder die Massen begeistern, nachhaltige Ruhe kommt allerdings weiterhin nicht ins Boot. Am 30. September 1984 startet die Welttour, doch der neue Gitarrist Mark St. John hat geschwollene Finger…

Hier könnt ihr Animalize anhören:

Mit Heaven’s On Fire landen Kiss 1984 einen mittelgroßen Hit. Endlich mal wieder. Die Single vom zwölften Kiss-Album Animalize erfreut sich großzügiger Einsätze im Rockradio und verschafft der Band nach vergleichsweise mageren Jahren wieder eine Platinauszeichnung. (Mehr zu dieser Phase der „Kisstory“ könnt ihr hier und hier nachlesen.) Jetzt steht die obligatorische Welttour an.

Auf der Platte hatte Mark St. John gespielt, der zweite neue Leadgitarrist in drei Jahren. Unproblematisch lief das nicht, weil St. John sich eines vor allem auf Geschwindigkeit und Virtuosität basierenden Stils befleißigt, der nicht so ganz zum basischen Hard Rock der Band passt. (Das zumindest erzählt Frontmann Paul Stanley in seiner Autobiografie Face The Music. Man darf aber annehmen, dass Kiss schon wussten, wenn sie da engagieren. In den Achtzigern ging es eben inspiriert von „König Edward“ Van Halen oft um instrumentale Pyrotechnik.) Aber immerhin: Kiss sind offiziell wieder vollzählig, die Platte läuft, und der ohne Zweifel musikalisch kompetente Mark Norton (wie St. John eigentlich heißt) spielt im Videoclip zu Heaven’s On Fire mit. Dann könnte es ja eigentlich ohne Drama und personelle Verwirrung vorwärts gehen, oder? Nicht ganz.

Tragische Probleme mit den Fingern

Als die Tour am 30. September 1984 im britischen Brighton startet, muss St. John/Norton aussetzen, denn er leidet mittlerweile unter reaktiver Arthritis (auch: Reiter-Krankheit), die seine Arme und vor allem Finger anschwellen lässt. Aus der personellen Konstanz wird also nichts. Für ihn übernimmt erstmal der New Yorker Bruce Kulick, der vorher unter anderem mit der Bat Out Of Hell-Tour von Meat Loaf unterwegs gewesen war. Die Kiss-Chefs kennen ihn über seinen Bruder Bob Kulick, der bereits 1973 mal vorgespielt und später heimlich im Studio ausgeholfen hatte. Bruce übernimmt sogar ebenfalls und auch inkognito ein paar Soloparts auf Animalize. Dabei erhält er schon den kryptischen Hinweis, sich erstmal nicht die Haare abzuschneiden…


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Der europäische Teil der Animalize World Tour dauert bis 5. November 1984 und beinhaltet auch sechs Shows in Deutschland (München, Offenbach, Nürnberg, Hannover, Düsseldorf, Ludwigshafen). Weil Kiss in den vergangenen Jahren kleinere Brötchen gebacken hatten und keiner mit dem Erfolg des Albums gerechnet hat, werden für die Termine die Bühnenaufbauten der Unmasked-Tour von 1980 (das war die mit Iron Maiden) einfach umdekoriert: Leopardenflecken und Tigerstreifen auf die Verstärker, fertig ist die visuelle Umsetzung des Animalize-Covers. Als Vorgruppe in Europa rockt übrigens eine Nachwuchsband aus New Jersey namens Bon Jovi mit, die sich nach eigenen Aussagen sehr genau anschaut, was die Veteranen so machen. Bei der ersten Show am 30. September stehen gleich fünf neue Songs auf der Kiss-Setlist, danach werden Burn Bitch Burn und Get All You Can Take nie mehr live gespielt. Ab 15. November geht es weiter für fünfeinhalb Monate quer durch Nordamerika, diesmal mit einem neuen und üppigeren Bühnenset. Als Supports fungieren Queensrÿche, W.A.S.P., Krokus und Dokken. 

Werbeanzeige für die US-Tour 1984: Dass hier noch das Line-up von 1983 abgebildet ist, zeigt die allgemeine Verwirrung zur Mannschaftsaufstellung von Kiss damals.

Kurzes Gastspiel, trauriges Ende

Eigentlich hat Mark St. John mit dem Job als Kiss-Leadgitarrist ja das große Los gezogen. Doch der unglückliche Flitzefinger spielt schlussendlich nur zweieinhalb Konzerte mit: Am 27. November steht er in Baltimore, Maryland für ein paar Songs auf Bühne, an den folgenden beiden Tagen für das ganze Set, danach muss Kulick wieder übernehmen. Weil es St. John gesundheitlich nicht besser geht, wird Bruce Kulick am 8. Dezember 1984 offiziell als neuer Sologitarrist verkündet. Seinem kurzzeitigen Vorgänger ergeht es in den Folgejahren nicht gut: Musikalische Projekte unter anderem mit Ex-Kiss-Trommler Peter Criss zünden nicht, Geschichten über Drogenprobleme machen die Runde, 2006 kommt St. John/Norton sogar zeitweilig ins Gefängnis, wo er in einer gewalttätigen Auseinandersetzung schwer verletzt wird. Wenige Monate später, am 5. April 2007, stirbt er mit 51 Jahren, auch an den Folgen der Attacke. Traurig.

Endlich mal Ruhe im Personalbüro: Ab Ende 1984 gehört Bruce Kulick (2.v.r.) offiziell zu Kiss und bleibt auch für zwölf Jahre.

Für Kiss geht die Show weiter, die Tour erweist sich als die erfolgreichste seit Jahren. Am 8. Dezember schneiden sie das Konzert in Detroit (Rock City) mit und veröffentlichen es als Animalize Live Uncensored. In dem Video regieren die Achtziger mit schreiend bunten Klamotten, anzüglichem Ansagen, Soloeinlagen aller Mitglieder und einem ziemlich flotten, quasi metallischen Tempo bei allen Songs.

Generell geht es jetzt aufwärts: Mit dem Lineup Paul Stanley, Gene Simmons, Eric Carr und Bruce Kulick kommt für ein paar Jahr endlich mal Stabilität ins Bandgefüge, und auch das nächste Album Asylum (1985) bekommt ein schickes Platinmäntelchen. Aber einfach bleiben die Achtziger für unsere Helden nicht. Mehr dazu erzählen wir ein andermal.

Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

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