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Popkultur

Zeitsprung: Am 2.9.1965 nehmen The Doors ihr erstes Demo auf, heißen aber noch anders.

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Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 2.9.1965.

von Peter Hesse und Christof Leim

Am 2. September 1965 spielt die Band Rick & The Ravens in Los Angeles ihre ersten Songs ein, darunter Nummern wie Hello I Love You, Moonlight Drive und End Of The Night. Kurz darauf benennen sie sich um in The Doors. Der Grundstein ist gelegt.

Hier könnt ihr The Doors: The Box Set hören, auf dem das Demo 1997 veröffentlicht wird:

Es kommt nicht von ungefähr, dass die späteren Doors ihren Bandnamen in Anlehnung an ein Essay von Aldous Huxley gewählt haben, das sich The Doors Of Perception nennt, „die Pforten der Wahrnehmung“ also: Huxley experimentierte genauso gern mit bewusstseinserweiternden Drogen wie die Musiker selbst – und das färbt auf die Lieder ab – auch schon 1965, als The Doors noch gar nicht so heißen.

Fast die Urbesetzung

Damals nennt sich die Truppe noch Rick & The Ravens. Zur Mannschaft gehören Sänger Jim Morrison, Keyboarder Ray Manzarek und Schlagzeuger John Densmore, außerdem Manzareks Brüder Rick an der Gitarre und Jim an der Mundharmonika sowie die Bassistin Patricia „Pat“ Sullivan (manchmal auch Pat Hansen benannt). Sie verlässt ebenso wie Rick und Jim kurz nach den Aufnahmen die Band; die Position an den vier Saiten sollte in der Folgezeit nie mehr fest besetzt werden. Der spätere Doors-Gitarrist Robby Krieger stößt erst im Oktober des Jahres 1965 hinzu.

Die Aufnahmen in den World Pacific Studios von Los Angeles sind ziemlich schnell im Kasten: Sie dauern nur drei Stunden. Angeblich zeigt sich insbesondere Morrison erfreut davon, zum ersten Mal seine Stimme auf einer Platte zu hören. Alle sechs Songs erscheinen später in variierter Form auf Doors-Veröffentlichungen, man kann sie also durchaus als erste Grundlage für den legendären Sound der späteren Rockstar bezeichnen. Das Demo selber wird 1997 auf The Doors: Box Set veröffentlicht, kopiert von Rick Manzareks originalem Acetat (einem Vinyl-Vorläufer), von dem nur fünf Exemplare gepresst worden waren.

Leben, Liebe, Tod

Schauen wir uns an, was The Doors – pardon: Rick & The Ravens – 1965 auf Band bringen: In diesen Jahren stehen die Vereinigten Staaten unter vielen gesellschaftlichen Spannungen: der Bürgerrechtler Malcolm X wird ermordet, der Vietnamkrieg nimmt mit vielen aggressiven Gefechten Tempo auf, und Präsident Lyndon B. Johnson muss zwei Jahre nach der Ermordung von John F. Kennedy viel Kritik einstecken. Im Windschatten dieser Konflikte und der Aufbruchsstimmung der Sechziger nehmen Sänger Jim Morrison und seine Mitstreiter dieses halbe Dutzend an Songs auf, die die ersten Bausteine ​​für die künftige Karriere von The Doors legen werden. Eine rohe und sehr einfache Fassung von Hello I Love You ist das erste Stück, der an diesem Spätsommertag eingespielt wird. Es wird im Jahr 1967 für das dritte The-Doors-Album Waiting For The Sun wieder ausgegraben. Die Nummer verbreitet ein fröhliches Flair und erinnert mit ihrer Beat-Textur an The Kinks.

Eine weitere frühe Aufnahme heißt Summer’s Almost Gone und basiert in großen Teilen auf einer Pianolinie von Ray Manzarek. Auch dieser Track taucht später auf Waiting For The Sun wieder auf, dann mit der einfühlsamen Slide-Gitarre von Robby Krieger. Den zugehörigen Texten gibt Jim Morrison einen mystischen Touch, der Sänger behauptet sogar, den Geist eines verstorbenen Indianers in sich zu tragen. Er sieht sich als eine Art neuzeitlicher Schamane, der seine Gedanken mit Schriften von Rimbaud und Nietzsche füttert. Aus diesen Bausteinen formt er Texte, die von Leben, Liebe, Tod handeln und voller kruder Metaphern stecken. Um seine gekünstelten Wortsalven entwickeln Manzarek, Krieger & Co. psychedelische Klangteppiche, die manchmal auf klassischen Blues-Schemata aufgebaut sind, aber auch Rock- oder Soul-Elemente beinhalten und zusätzlich von ausufernden Instrumentalsoli begleitet werden.

Mit der Komposition Moonlight Drive zeigt Morrison seine ureigene Poesie mit lyrischer Kraft und einem präzisen Reimgefühl: „Let’s swim to the moon, let’s climb through the tide, penetrate the evening, that the city sleeps to hide“. Von diesen Texten zeigte sich vor allem Ray Manzarek beeindruckt, der über die Zusammenarbeit mit Morrison mal gegenüber dem Classic Rock sagte: „Wir haben zusammen eine Art musikalische Séance aufgeführt. Aber nicht um die Toten zu erwecken, sondern um sie zu besänftigen. Und damit tauchten wir tief in die Welt von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung ein – wir wollten die beiden psychologischen Gedankenansätze mit unserem Feeling verknüpfen.“

Machtvolle Strömungen in der Musik

Auch der Song My Eyes Have Seen You schlägt mit seinem lasziven Beatnik-Feeling in die gleiche Kerbe – und sollte genau wie Moonlight Drive erst auf dem zweiten Doors-Album Strange Days im September 1967 erscheinen. 

Das einzige Lied von dieser Session, das schon auf dem Debüt von 1967 landet, ist das zart swingende End Of The Night, welches mit seinem gebremsten Hammond-Orgel-Sounds und dem suggestiven Weltraum-Vibe an The Ventures erinnert, obwohl Kriegers Gitarre bei dieser ersten Demoaufnahme noch fehlt und später mit nur ganz sparsam verklingenden Akkorden hinzugefügt wird. 

Der sechste Track vom September 1965 nennt sich Go Insane – und ist vielleicht der faszinierendste Teil dieser Sessions. Dieser pochende Rocker erinnert mit seiner Kaputtnik-Orgel, einem wütenden Jim Morrison und der schwankenden Krautrock-Rhythmik an Cpt. Beefheart. Trotzdem landet dieser Song auf keinem der ersten sechs Alben von The Doors, sondern erst im Jahr 1991 auf der gleichnamigen Go Insane Compilation als einer von zwei unveröffentlichten Bonus-Tracks. 

Zu dem Zeitpunkt dieser ersten Demoaufnahmen konnte noch niemand ahnen, dass die Band nur wenige Jahre später in der Champions League des Rock spielen werden. Doch die frühen Tondokumente bieten nicht nur für Rock-Historiker einen faszinierenden Einblick in die Anfangsphase, bevor The Doors überhaupt The Doors waren. Das musikalische Grundgerüst ist da, aber der Zauber sollte noch folgen – und 1973, zwei Jahre nach dem Tod von Jim Morrison, wird alles endgültig vorbei sein.

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