------------

Popkultur

Verbotene Songs: 10 kontroverse Lieder, die die Welt schockten

Published on

Jane Birkin & Serge Gainsbourg
Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Von Texten mit scheinbarem Drogenbezug bis hin zu Angriffen gegen die Obrigkeit, sexuell eindeutigen Inhalten oder Produktplatzierung – die Charts dienten oft als Schauplatz für das Kräftemessen zwischen Künstler*innen und Sittenwächtern. Nicht wenige Acts bringen es auf mehrere gesperrte Songs im Laufe ihrer Karriere, was nicht nur zeigt, wie weit manche Künstler*innen den Bogen in Sachen Zensur überspannen, sondern auch, wie weit die Sittenwächter*innen gehen, um ihnen den Mund zu verbieten. Diese zehn Songs haben dennoch triumphiert.

von Jamie Atkins

Hört hier in die verbotene Playlist rein:

1. Sex Pistols: God Save The Queen (1977)

Es gibt Songs, wie z. B. Strange Fruit, deren verstörende Wirkung auch nach vielen Jahren ungebrochen ist. Aber wenn man sich heute God Save The Queen von den Sex Pistols anhört, ist es wirklich schwer, den Aufschrei nachzuvollziehen, den der Song damals verursachte. Auch heute ist der Song aufregend und rebellisch, aber könnte er nochmal die britische Gesellschaft derart erschüttern? Wohl kaum.

1977 sah das anders aus und die Band – allen voran Sänger John Lydon – fanden sich im Zentrum einer öffentlichen Panik wieder. Das silberne Thronjubiläum der englischen Königin stand kurz bevor und die Sex Pistols, zusammen mit Manager Malcom McLaren, witterten ihre Chance, Kapital daraus zu schlagen. Am 10. März unterschrieb die Band direkt vor dem Buckingham Palace einen neuen Plattenvertrag mit A&M Records und ließ 25.000 Exemplare ihrer Schimpftirade auf das Establishment pressen. Die Party geriet allerdings so sehr außer Kontrolle, dass das Label sich der Band nur vier Tage später wieder entledigte und die meisten Singles einstampfen ließ.

Auftritt Richard Branson und Virgin Records, die die Pistols am 18. Mai unter Vertrag nahmen und den Song in aller Eile noch rechtzeitig zu den Jubiläumsfeierlichkeiten veröffentlichten. Obwohl die BBC die Single boykottierte, wurde sie nur so aus den Regalen gerissen und verkaufte innerhalb der ersten Woche über 200.000 Exemplare. Aus irgendeinem Grund schaffte es der Song aber trotzdem nicht an die Spitze der Charts. Die Band und McLaren hatten das Gefühl, von der Musikbranche betrogen worden zu sein und organisierten eine weitere Aktion: Am 7. Juni spielten die Sex Pistols einen nicht zugelassenen Gig auf einem Boot, während dieses die Themse hinunter und am Parlamentsgebäude vorbeischipperte. Die Boulevardzeitungen konnten ihr Glück kaum fassen und die Sex Pistols hatten sich ihren Ruf als Schreckgespenst redlich verdient.

2. NWA: F__k Tha Police (1988)

Ende der 1980er Jahre gehörten Polizeischikanen für junge Afroamerikaner*innen in L.A. zum Alltag. 1987 startete das LAPD ein Programm mit dem klangvollen Namen Operation Hammer, um der Ganggewalt den Kampf anzusagen. Nur ein Jahr später hatten sie mehr als 50.000 Menschen verhaftet. Die Wenigsten bekamen die Chance, ihrem Ärger Luft zu machen (nur ein Prozent der Polizist*innen, denen während der Zeit extreme Gewaltanwendung vorgeworfen wurde, wurden tatsächlich angeklagt). Aber NWA konnten sich zumindest der Kraft der Musik bedienen. Ice Cube sagte: „Es war ein unerträglicher Zustand, unter solch einen brutalen Besatzungsmacht [der Polizei] zu leben. Was zuviel ist, ist zuviel. Unsere Musik war unsere einzige Waffe. Gewaltfreier Protest.” Die Antwort von NWA kam in Form des kompromisslosen F__k Tha Police: Eine textliche Glanzleistung, in der sie nicht mit Beleidigungen sparten und die Obrigkeiten herausforderten.

Mit dem Song untermauerten NWA ihren Status als „Die gefährlichste Gruppe der Welt”. Dass er nicht im Radio gespielt werden durfte, machte ihn nur noch interessanter. Die Polizei ging sogar soweit, den Text vor der Tour in die verschiedenen Städte zu faxen und verstärkte damit die Ressentiments, sodass die Veranstalter Schwierigkeiten hatten, Securities für die Shows zu finden.

3. The Kinks: Lola (1971)

Interessanterweise war es nicht das Thema des Songs an sich, wegen dem die BBC Ray Davies‘ kleine Geschichte über eine nicht ganz eindeutige Begierde aus dem Radio verbannte. Auch wenn sich der Protagonist vom unerwarteten Geschlecht seines angetrunkenen Schwarms nach einem kurzen Schockmoment durchaus nicht abgestoßen zeigt, war das eigentliche Problem, dass der Softdrink Coca-Cola namentlich erwähnt wird.

Was Produktplatzierung angeht, hatte die BBC strenge Regeln und so fand Lola im Radio nicht statt. Dadurch minimierten sich natürlich die Chancen, dass der Song ein Hit werden würde und so entschied man sich schnell, den Markennamen im Text durch das unproblematische „Cherry Cola” zu ersetzen. Dummerweise waren die Kinks zu dem Zeitpunkt in den USA auf Tour und die Bänder befanden sich in Großbritannien. Also flog Davies nach einem Auftritt in Minnesota nach England. Er arbeitete an den Overdubs, unterbrach die Arbeit für den nächsten Auftritt in Chicago … und kehrte dann nach London zurück, um die Änderungen zu finalisieren. Jetzt dominierte der Song die Radioplaylisten und bescherte den Kinks ihren größten Hit für mehrere Jahre. Und Ray legte vermutlich erstmal die Füße hoch.

4. Neil Young: This Note’s For You (1988)

Neil Young war es nie besonders wichtig, die Erwartungen der Musikbranche zu erfüllen, aber in den 80er Jahren verstörte er mit einer Reihe von Alben selbst die, die ein gewisses Maß an Unangepasstheit von ihm erwarteten. Die Fans waren verwirrt und sein Label verklagte ihn, weil er „nicht-repräsentative” Alben produzierte. Da überrascht es nicht, dass er auch die damals in Musikerkreisen um sich greifende Praxis, Marken zu unterstützen, mit einigem Zynismus beobachtete.

Der Titelsong seines 1988 erschienenen Album This Note’s For You ließ an seiner Meinung zum wachsenden Einfluss der Konsumindustrie auf die Musik keinen Zweifel. Trotzig singt Young: „Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke/I don’t sing for nobody, makes me look like a joke”. Im Video zur Singleveröffentlichung ging er noch weiter und machte sich über die Stereotypen der Werbeindustrie lustig (die übliche verrauchte Bar, Parfumwerbung im Schwarz-weiß-Look). In dem Video tauchen sogar Doppelgänger von Michael Jackson und Whitney Houston auf – ein Seitenhieb auf Künstler*innen, die das Geld der Werbeindustrie gerne angenommen hatten. Der wichtige Musiksender MTV fand das allerdings nicht so witzig und verzichtete darauf, das Video zu zeigen.

Young schrieb einen herrlich unverblümten Brief an den Sender: „MTV, Ihr rückgratlosen Affen”, begann er und endete mit: “Wofür steht das ‘M’ in MTV: Music oder Money? Lang lebe der Rock’n‘Roll.” Der Song wurde trotzdem ein Hit und 1989 gab sich MTV geschlagen und zeichnete This Note’s For You mit einem Video Of The Year-Award aus.

5. Frankie Goes To Hollywood: Relax (1983)

Ist es nicht faszinierend, was ein kleiner Skandal für einen Song alles bewirken kann? Genau genommen steht Frankie Goes To Hollywoods Debütsingle Relax nicht auf der Liste der von der BBC gesperrten Songs. Zwei Monate lang kletterte der Song ohne besondere Eile die Top 100 nach oben. Als er die Top 40 erreichte, spielte DJ Mike Read den Song wie üblich in der Chartsendung von BBC Radio 1. Mitten im Song fielen ihm offenbar die vielen Anspielungen im Song auf und er brach ihn einfach ab. Frankies gewiefter Manager Paul Marley erkannte, dass der Song einen weiteren Schub bekommen könnte, wenn man sich gegen das Establishment stellte und so verbreitete er das Gerücht, dass der DJ die Single komplett vom Sender genommen hatte.

Read betonte später, dass das gar nicht in seiner Macht gestanden hätte und dass er den Song nur deswegen abgekürzt hatte, weil er keine Zeit mehr hatte. Aber für Relax wirkte das „Verbot” Wunder: Die Single verbrachte fünf Wochen auf Platz 1 der britischen Charts, wurde ein internationaler Hit und katapultierte Frankie Goes To Hollywood auf ihren Platz als Popphänomen.

6. Ian Dury & The Blockheads: Spasticus Autisticus (1981)

Mit sieben Jahren erkrankte Ian Dury an Kinderlähmung und ist seitdem gehbehindert. Als Jugendlicher durchlebte er qualvolle Jahre in verschiedenen Einrichtungen, die in den 1950ern als Behindertenschulen durchgingen. Daher kannte er die harte Realität eines Lebens mit Behinderung. Als die UN 1981 das ‘Internationale Jahr der Menschen mit Behinderung’ ausrief, ging Dury der Gedanke, dass eine Randgruppe plötzlich zum Lieblingsthema des Tages ernannt wurde, mächtig gegen den Strich. Als Antwort schrieb er den Track Spasticus Autisticus.

Der Song war sehr direkt, beschönigte nichts und erklärte unmissverständlich, wie ehrlich wohltätige Spenden seiner Meinung nach sind (“So place your hard-earned peanuts in my tin, and thank the Creator you’re not in the state I’m in”) – alles zusammen war das Grund genug für die BBC und diverse lokale Radiosender, den Text als beleidigend einzustufen und Spasticus Autisticus auf ihre Sperrliste zu setzen. Aber was man über so unerschrockene Kunst wissen muss ist, dass sie nicht einfach wieder verschwindet. Durys angriffslustiger Song hat zwar seine Karriere kurz ausgebremst (obwohl es seine erste Singleveröffentlichung auf einem Majorlabel war), aber der Song weiß immer noch zu beeindrucken. Bei der Eröffnungszeremonie der Paralympics 2012 in London wurde Spasticus Autisticus von der aus Künstler*innen mit Behinderung bestehenden Graeae Theatre Company präsentiert.

7. Loretta Lynn: The Pill (1975)

„Ich war die Erste, die genau das aufgeschrieben hat, was Frauen jeden Tag lebten”, sagte Loretta Lynn einmal über einen ihrer direktesten Songs. Damit überzeugte sie viele Fans und wurde zu einem der erfolgreichsten Countrystars aller Zeiten. Konservative Radiosender allerdings sperrten regelmäßig ihre Songs, wie z. B. Fist City, Rated X, Don’t Come Home A-Drinkin’ (With Lovin’ On Your Mind) und ihre bisher bestplatzierte Single in den US-Charts, The Pill.

Lynn hatte den Song schon 1975 geschrieben und aufgenommen. Aber ihr Label MCA veröffentlichte ihn erst drei Jahre später, weil sie sich darüber im Klaren waren, welche Wirkung ein Song, der scheinbar orale Verhütungsmittel promotete, auf die Countrywelt haben würde. Es gab einige Countrysongs über Abtreibung und Familienplanung, aber keinen, in dem die Sängerin das Ganze fröhlich mit einer größeren Freiheit und Selbstbestimmung gleichsetzte. Möglicherweise war es einfach Lynns Ton, an dem sich die Radiosender störten. Selbst die New York Times wurde auf sie aufmerksam und berichtete über ihren Erfolg mit der Überschrift: „Sie öffnet den Bibelgürtel”. Dank der Aufregung wurde The Pill für Lynn ein weiterer Megahit.

8. Scott Walker: Jackie (1967)

BBC Radio 1 wurde im September 1967 als Antwort auf die Popularität trendiger Piratensender gegründet, die sich perfekt auf die Wünsche der hippen Jugend eingestellt hatten. Aber auch wenn sie sehr bemüht waren, die coolen Kids zurückzuerobern, waren sie doch meilenweit davon entfernt, einige der riskanteren Veröffentlichungen ins Programm zu nehmen.

Als sie den Text von Scott Walkers Cover des Jacques Brel-Songs La Chanson De Jacky hörten – und dabei mit „authentic queers and phony virgins” konfrontiert wurden, von „boats of opium” ganz zu schweigen –, wurden die BBC-Bosse so nervös, dass sie zum allerersten Mal einen Song offiziell sperrten und nicht spielten. Viele weitere sollte das gleiche Schicksal ereilen. Es war extrem schade, denn ohne seinen galoppierenden Rhythmus und herrlich vulgären Text war die Radiolandschaft ein bisschen langweiliger.

9. The Beatles: Lucy In The Sky With Diamonds/A Day In The Life (1967)

1967 waren die Beatles Kontroversen schon gewöhnt. Das gehört schließlich zum Handwerk, wenn man die Popmusik ständig neu erfindet. John Lennon hatte es fertiggebracht, fanatische Elemente in den USA zu verärgern, als er andeutete, die Band könnte für junge Leute eine größere Bedeutung haben als Religion. Außerdem brachten sie ein Album mit einem so umstrittenen Artwork heraus, dass die ausgelieferten Exemplare zurückgerufen werden mussten (das sogenannte „Butcher Sleeve” des nur in den USA erschienen Albums Yesterday & Today).

Aber erst mit dem Album Sgt Pepper’s Lonely Hearts Club Band schafften sie es auf die Liste der von der BBC gesperrten Songs: A Day In The Life und Lucy In The Sky With Diamonds wurden beide nicht gespielt, weil sie wohl Hinweise auf illegalen Drogenkonsum enthielten. Und obwohl die Band darauf bestand, dass die Songs nichts mit bewusstseinsverändernden Substanzen zu tun hatten, wurden sie doch innerhalb einer sich bestimmten Subkultur gefeiert.

10. Jane Birkin & Serge Gainsbourg: Je T’aime… Moi Non Plus (1969)

1967 war die französische Schauspielerin Brigitte Bardot ein beliebtes Pin-up und Serge Gainsbourg einer von Millionen Bewunderer*innen weltweit. Der spitzbübische Songwriter nahm Bardot auf seinem Label unter Vertrag und überredete sie zu einem Date, obwohl sie verheiratet war. Von Alkohol benebelt spielten Gainsbourgs Nerven verrückt und er versaute es. Das dachte er zumindest. Am nächsten Tag rief Bardot an und bot ihm die Chance zur Wiedergutmachung. Er müsste ihr lediglich „das schönste Liebeslied schreiben, das er sich vorstellen konnte”. Er ging auf Nummer sicher und schrieb zwei: Bonnie & Clyde und das wollüstige Je T’aime… Moi Non Plus.

Die Beiden wurden ein Paar und ihre Version von Je T’aime… war so heiß, dass sie einen Skandal in der französischen Presse verursachte. Bardot flehte Gainsbourg an, den Song nicht zu veröffentlichen. Aber er wusste, dass er Song viel zu gut war, um ihn komplett zu den Akten zu legen. 1969 überredete er seine neue Freundin, die englische Schauspielerin Jane Birkin, Bardots Textpassagen zu singen. Das Stöhnen, Seufzen und schwere Atmen sorgte für einige Aufregung und führte zu einer Sperre von der BBC. Selbst der Vatikan protestierte. All diese Maßnahmen gossen aber nur noch mehr Benzin ins Feuer. In Großbritannien war es die erste derart umstrittene und obendrein gesperrte Single der 60er Jahre, die es trotzdem auf Platz 1 der Charts schaffte.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

28 Jahre Rammstein: Die größten Skandale der Bandkarriere

Popkultur

Zeitsprung: Am 1.2.1950 kommt Mike Campbell, Gitarrist von Tom Petty, zur Welt.

Published on

Foto: Larry Hulst/Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.2.1950.

von Frank Thießies und Christof Leim

Am 1. Februar 1950 erblickt Mike Campbell das Licht der Welt, der später als Gitarrist, Songschreiber und Produzent Karriere machen sollte. Von seiner emotionalen, stets songdienlichen Saitenarbeit und Kompositionskunst profitierten nicht nur Tom Petty (und die Heartbreakers), sondern auch Rockgrößen wie Stevie Nicks, Roy Orbison, Don Henley und Bob Dylan. Wir gratulieren dem Heartland-Rocker zu seinem heutigen Geburtstag!

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Tom Petty And The Heartbreakers anhören:

Kein Versumpfen

1950 in Panama City, Florida geboren und in Jacksonville aufgewachsen, greift Campbell im Alter von 16 Jahren erstmals zur Gitarre. Als Einfluss erweisen sich subtilere Sechs-Saiten-Stars wie Scotty Moore (Elvis Presley), Luther Perkins (Johnny Cashs Tennessee Three) und George Harrison, außerdem hinterlassen Bob Dylans Folk-Verständnis und der psychedelischen Rock der Byrds Eindruck. So geprägt unternimmt Campbell zusammen mit einem gewissen Tom Petty ab Anfang der Siebziger erste ernstzunehmende musikalische Gehversuche. Ihre Band Mudcrutch kann im regionalen Umkreis Erfolge verzeichnen, der Umzug von Florida nach Los Angeles 1974 sowie der erste Plattenvertrag fruchten indes noch nicht so wie zunächst gedacht. Also lösen sich Mudcrutch auf. Aus ihrer Asche entsteht 1976 die Formation Tom Petty And The Heartbreakers. 

Hoch hinaus 

Nach zwei Platten (Tom Petty And The Heartbreakers, You’re Gonna Get It!), die man eher unter „Achtungserfolge“ verbuchen kann, erfolgt für Petty, Campbell und den Rest schließlich 1979 mit dem Album Damn The Torpedos (alles dazu hier) der große Mainstream-Durchbruch. Der von Roots zu Rock bis hin zu Pop schwingende Sound der Band trifft den Massengeschmack und ist Ausdruck eines archetypischen Amerikas zwischen Diners und Sägewerken, Fabriken und Roadhouse Bars. Bis zum Jahre 2014 wird Campbell mit Petty und den Heartbreakers 13 Studioalben aufnehmen und (zuletzt primär) die heimatlichen Bühnen der USA bereisen. 

Dabei ist Bandleader Petty nicht der einzige, der auf Mike Campbells Gitarrentalent und Künste als gelegentlicher Co-Songwriter baut. Mit der stimmgewaltigen Fleetwood-Mac-Magierin Stevie Nicks kollaboriert Campbell seit deren Solodebüt Bella Donna (1981) auf sämtlichen ihrer acht Album-Alleingänge. Ebenso greift der Gitarrist für Building The Perfect Beast (1984)von Don Henley in die Saiten und fungiert zudem als Co-Komponist und -Produzent von dessen Über-Hit The Boys Of Summer.

Der Gaststar

Ab Mitte der Achtziger ist Campbell gerne gesehener Studiogast bei Größen wie Bob Dylan, Roy Orbison und Joe Cocker. Mitte der Neunziger akquiriert ihn Produzent Rick Rubin zusammen mit Petty und den anderen Heartbreakers für Johnny Cashs American-Aufnahmereihe als Begleitband. Doch Campbell fühlt sich nicht nur dem Rock- und Country-Adel (und damit im Laufe seiner Karriere nahezu allen einstigen musikalischen Helden) verpflichtet. Auch die Punklegenden Bad Religion zeigen sich vom musikalischen Minimalismus des Mannes begeistert und laden ihn 2004 und 2010 zu Gastbeiträgen auf jeweils einem Song ein. Oder wie es Bad-Religion-Gitarrist Brett Gurewitz formuliert: „Mike Campbell ist mein Held, auch wenn er es immer peinlich findet, wenn ich das sage. Er mag nicht für seine Soli berühmt sein, aber er spielt einfach immer genau das richtige – genau das, was ein Song braucht.“

Das Leben nach Tom Petty

Das mit Tom Pettys überraschendem Tod am 2. Oktober 2017 zwangsläufig eingeläutete Ende seiner Stammband bricht Mike Campbell wie Heartland-Rock-Fans allerorts das Herz. Umso mehr freut, dass Campbell musikalisch schon bald die Flucht nach vorn antritt. Nachdem er zunächst von 2018 bis 2019 (neben Neil Finn von Crowded House) Fleetwood Macs eigentlichen Leadgitarristen Lindsey Buckingham auf deren Welttournee vertreten hat, zieht es Campbell mit eigener Band zurück ins Rampenlicht. Mit The Dirty Knobs, einer Kapelle, die er schon seit gut 15 Jahren parallel zu seinen Aktivitäten mit den Heartbreakers unterhält, veröffentlicht der Umtriebige am 20. März 2020 das erste Album Wreckless Abandon. Der Sound? Natürlich Roots-geschulter, amerikanischer Classic Rock mit hochmelodischer Sechziger-Pop-Sensibilität. Wobei Campbell sowohl am Mikro als auch optisch in Pettys Fußstapfen zu treten scheint. 

Damit bleibt uns, dem Gitarristen an seinem Ehrentag alles erdenklich Gute sowie noch eine ganze Reihe an weiteren musikalischen Höhenflügen zu wünschen!

Zeitsprung: Am 23.5.1979 geht Tom Petty pleite — absichtlich.

 

Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

Published on

Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

Zeitsprung: Am 19.3.1919 verlangt ein Axtmörder Live-Jazz in New Orleans.

Continue Reading

Popkultur

55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

Published on

The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss