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Popkultur

Verbotene Songs: 10 kontroverse Lieder, die die Welt schockten

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Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Von Texten mit scheinbarem Drogenbezug bis hin zu Angriffen gegen die Obrigkeit, sexuell eindeutigen Inhalten oder Produktplatzierung – die Charts dienten oft als Schauplatz für das Kräftemessen zwischen Künstler*innen und Sittenwächtern. Nicht wenige Acts bringen es auf mehrere gesperrte Songs im Laufe ihrer Karriere, was nicht nur zeigt, wie weit manche Künstler*innen den Bogen in Sachen Zensur überspannen, sondern auch, wie weit die Sittenwächter*innen gehen, um ihnen den Mund zu verbieten. Diese zehn Songs haben dennoch triumphiert.

von Jamie Atkins

Hört hier in die verbotene Playlist rein:

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Sex Pistols: God Save The Queen (1977)

Es gibt Songs, wie z. B. Strange Fruit, deren verstörende Wirkung auch nach vielen Jahren ungebrochen ist. Aber wenn man sich heute God Save The Queen von den Sex Pistols anhört, ist es wirklich schwer, den Aufschrei nachzuvollziehen, den der Song damals verursachte. Auch heute ist der Song aufregend und rebellisch, aber könnte er nochmal die britische Gesellschaft derart erschüttern? Wohl kaum.

1977 sah das anders aus und die Band – allen voran Sänger John Lydon – fanden sich im Zentrum einer öffentlichen Panik wieder. Das silberne Thronjubiläum der englischen Königin stand kurz bevor und die Sex Pistols, zusammen mit Manager Malcom McLaren, witterten ihre Chance, Kapital daraus zu schlagen. Am 10. März unterschrieb die Band direkt vor dem Buckingham Palace einen neuen Plattenvertrag mit A&M Records und ließ 25.000 Exemplare ihrer Schimpftirade auf das Establishment pressen. Die Party geriet allerdings so sehr außer Kontrolle, dass das Label sich der Band nur vier Tage später wieder entledigte und die meisten Singles einstampfen ließ.

Auftritt Richard Branson und Virgin Records, die die Pistols am 18. Mai unter Vertrag nahmen und den Song in aller Eile noch rechtzeitig zu den Jubiläumsfeierlichkeiten veröffentlichten. Obwohl die BBC die Single boykottierte, wurde sie nur so aus den Regalen gerissen und verkaufte innerhalb der ersten Woche über 200.000 Exemplare. Aus irgendeinem Grund schaffte es der Song aber trotzdem nicht an die Spitze der Charts. Die Band und McLaren hatten das Gefühl, von der Musikbranche betrogen worden zu sein und organisierten eine weitere Aktion: Am 7. Juni spielten die Sex Pistols einen nicht zugelassenen Gig auf einem Boot, während dieses die Themse hinunter und am Parlamentsgebäude vorbeischipperte. Die Boulevardzeitungen konnten ihr Glück kaum fassen und die Sex Pistols hatten sich ihren Ruf als Schreckgespenst redlich verdient.

NWA: F__k Tha Police (1988)

Ende der 1980er Jahre gehörten Polizeischikanen für junge Afroamerikaner*innen in L.A. zum Alltag. 1987 startete das LAPD ein Programm mit dem klangvollen Namen Operation Hammer, um der Ganggewalt den Kampf anzusagen. Nur ein Jahr später hatten sie mehr als 50.000 Menschen verhaftet. Die Wenigsten bekamen die Chance, ihrem Ärger Luft zu machen (nur ein Prozent der Polizist*innen, denen während der Zeit extreme Gewaltanwendung vorgeworfen wurde, wurden tatsächlich angeklagt). Aber NWA konnten sich zumindest der Kraft der Musik bedienen. Ice Cube sagte: „Es war ein unerträglicher Zustand, unter solch einen brutalen Besatzungsmacht [der Polizei] zu leben. Was zuviel ist, ist zuviel. Unsere Musik war unsere einzige Waffe. Gewaltfreier Protest.” Die Antwort von NWA kam in Form des kompromisslosen F__k Tha Police: Eine textliche Glanzleistung, in der sie nicht mit Beleidigungen sparten und die Obrigkeiten herausforderten.

Mit dem Song untermauerten NWA ihren Status als „Die gefährlichste Gruppe der Welt”. Dass er nicht im Radio gespielt werden durfte, machte ihn nur noch interessanter. Die Polizei ging sogar soweit, den Text vor der Tour in die verschiedenen Städte zu faxen und verstärkte damit die Ressentiments, sodass die Veranstalter Schwierigkeiten hatten, Securities für die Shows zu finden.

The Kinks: Lola (1971)

Interessanterweise war es nicht das Thema des Songs an sich, wegen dem die BBC Ray Davies‘ kleine Geschichte über eine nicht ganz eindeutige Begierde aus dem Radio verbannte. Auch wenn sich der Protagonist vom unerwarteten Geschlecht seines angetrunkenen Schwarms nach einem kurzen Schockmoment durchaus nicht abgestoßen zeigt, war das eigentliche Problem, dass der Softdrink Coca-Cola namentlich erwähnt wird.

Was Produktplatzierung angeht, hatte die BBC strenge Regeln und so fand Lola im Radio nicht statt. Dadurch minimierten sich natürlich die Chancen, dass der Song ein Hit werden würde und so entschied man sich schnell, den Markennamen im Text durch das unproblematische „Cherry Cola” zu ersetzen. Dummerweise waren die Kinks zu dem Zeitpunkt in den USA auf Tour und die Bänder befanden sich in Großbritannien. Also flog Davies nach einem Auftritt in Minnesota nach England. Er arbeitete an den Overdubs, unterbrach die Arbeit für den nächsten Auftritt in Chicago … und kehrte dann nach London zurück, um die Änderungen zu finalisieren. Jetzt dominierte der Song die Radioplaylisten und bescherte den Kinks ihren größten Hit für mehrere Jahre. Und Ray legte vermutlich erstmal die Füße hoch.

Neil Young: This Note’s For You (1988)

Neil Young war es nie besonders wichtig, die Erwartungen der Musikbranche zu erfüllen, aber in den 80er Jahren verstörte er mit einer Reihe von Alben selbst die, die ein gewisses Maß an Unangepasstheit von ihm erwarteten. Die Fans waren verwirrt und sein Label verklagte ihn, weil er „nicht-repräsentative” Alben produzierte. Da überrascht es nicht, dass er auch die damals in Musikerkreisen um sich greifende Praxis, Marken zu unterstützen, mit einigem Zynismus beobachtete.

Der Titelsong seines 1988 erschienenen Album This Note’s For You ließ an seiner Meinung zum wachsenden Einfluss der Konsumindustrie auf die Musik keinen Zweifel. Trotzig singt Young: „Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke/I don’t sing for nobody, makes me look like a joke”. Im Video zur Singleveröffentlichung ging er noch weiter und machte sich über die Stereotypen der Werbeindustrie lustig (die übliche verrauchte Bar, Parfumwerbung im Schwarz-weiß-Look). In dem Video tauchen sogar Doppelgänger von Michael Jackson und Whitney Houston auf – ein Seitenhieb auf Künstler*innen, die das Geld der Werbeindustrie gerne angenommen hatten. Der wichtige Musiksender MTV fand das allerdings nicht so witzig und verzichtete darauf, das Video zu zeigen.

Young schrieb einen herrlich unverblümten Brief an den Sender: „MTV, Ihr rückgratlosen Affen”, begann er und endete mit: “Wofür steht das ‘M’ in MTV: Music oder Money? Lang lebe der Rock’n‘Roll.” Der Song wurde trotzdem ein Hit und 1989 gab sich MTV geschlagen und zeichnete This Note’s For You mit einem Video Of The Year-Award aus.

Frankie Goes To Hollywood: Relax (1983)

Ist es nicht faszinierend, was ein kleiner Skandal für einen Song alles bewirken kann? Genau genommen steht Frankie Goes To Hollywoods Debütsingle Relax nicht auf der Liste der von der BBC gesperrten Songs. Zwei Monate lang kletterte der Song ohne besondere Eile die Top 100 nach oben. Als er die Top 40 erreichte, spielte DJ Mike Read den Song wie üblich in der Chartsendung von BBC Radio 1. Mitten im Song fielen ihm offenbar die vielen Anspielungen im Song auf und er brach ihn einfach ab. Frankies gewiefter Manager Paul Marley erkannte, dass der Song einen weiteren Schub bekommen könnte, wenn man sich gegen das Establishment stellte und so verbreitete er das Gerücht, dass der DJ die Single komplett vom Sender genommen hatte.

Read betonte später, dass das gar nicht in seiner Macht gestanden hätte und dass er den Song nur deswegen abgekürzt hatte, weil er keine Zeit mehr hatte. Aber für Relax wirkte das „Verbot” Wunder: Die Single verbrachte fünf Wochen auf Platz 1 der britischen Charts, wurde ein internationaler Hit und katapultierte Frankie Goes To Hollywood auf ihren Platz als Popphänomen.

Ian Dury & The Blockheads: Spasticus Autisticus (1981)

Mit sieben Jahren erkrankte Ian Dury an Kinderlähmung und ist seitdem gehbehindert. Als Jugendlicher durchlebte er qualvolle Jahre in verschiedenen Einrichtungen, die in den 1950ern als Behindertenschulen durchgingen. Daher kannte er die harte Realität eines Lebens mit Behinderung. Als die UN 1981 das ‘Internationale Jahr der Menschen mit Behinderung’ ausrief, ging Dury der Gedanke, dass eine Randgruppe plötzlich zum Lieblingsthema des Tages ernannt wurde, mächtig gegen den Strich. Als Antwort schrieb er den Track Spasticus Autisticus.

Der Song war sehr direkt, beschönigte nichts und erklärte unmissverständlich, wie ehrlich wohltätige Spenden seiner Meinung nach sind (“So place your hard-earned peanuts in my tin, and thank the Creator you’re not in the state I’m in”) – alles zusammen war das Grund genug für die BBC und diverse lokale Radiosender, den Text als beleidigend einzustufen und Spasticus Autisticus auf ihre Sperrliste zu setzen. Aber was man über so unerschrockene Kunst wissen muss ist, dass sie nicht einfach wieder verschwindet. Durys angriffslustiger Song hat zwar seine Karriere kurz ausgebremst (obwohl es seine erste Singleveröffentlichung auf einem Majorlabel war), aber der Song weiß immer noch zu beeindrucken. Bei der Eröffnungszeremonie der Paralympics 2012 in London wurde Spasticus Autisticus von der aus Künstler*innen mit Behinderung bestehenden Graeae Theatre Company präsentiert.

Loretta Lynn: The Pill (1975)

„Ich war die Erste, die genau das aufgeschrieben hat, was Frauen jeden Tag lebten”, sagte Loretta Lynn einmal über einen ihrer direktesten Songs. Damit überzeugte sie viele Fans und wurde zu einem der erfolgreichsten Countrystars aller Zeiten. Konservative Radiosender allerdings sperrten regelmäßig ihre Songs, wie z. B. Fist City, Rated X, Don’t Come Home A-Drinkin’ (With Lovin’ On Your Mind) und ihre bisher bestplatzierte Single in den US-Charts, The Pill.

Lynn hatte den Song schon 1975 geschrieben und aufgenommen. Aber ihr Label MCA veröffentlichte ihn erst drei Jahre später, weil sie sich darüber im Klaren waren, welche Wirkung ein Song, der scheinbar orale Verhütungsmittel promotete, auf die Countrywelt haben würde. Es gab einige Countrysongs über Abtreibung und Familienplanung, aber keinen, in dem die Sängerin das Ganze fröhlich mit einer größeren Freiheit und Selbstbestimmung gleichsetzte. Möglicherweise war es einfach Lynns Ton, an dem sich die Radiosender störten. Selbst die New York Times wurde auf sie aufmerksam und berichtete über ihren Erfolg mit der Überschrift: „Sie öffnet den Bibelgürtel”. Dank der Aufregung wurde The Pill für Lynn ein weiterer Megahit.

Scott Walker: Jackie (1967)

BBC Radio 1 wurde im September 1967 als Antwort auf die Popularität trendiger Piratensender gegründet, die sich perfekt auf die Wünsche der hippen Jugend eingestellt hatten. Aber auch wenn sie sehr bemüht waren, die coolen Kids zurückzuerobern, waren sie doch meilenweit davon entfernt, einige der riskanteren Veröffentlichungen ins Programm zu nehmen.

Als sie den Text von Scott Walkers Cover des Jacques Brel-Songs La Chanson De Jacky hörten – und dabei mit „authentic queers and phony virgins” konfrontiert wurden, von „boats of opium” ganz zu schweigen –, wurden die BBC-Bosse so nervös, dass sie zum allerersten Mal einen Song offiziell sperrten und nicht spielten. Viele weitere sollte das gleiche Schicksal ereilen. Es war extrem schade, denn ohne seinen galoppierenden Rhythmus und herrlich vulgären Text war die Radiolandschaft ein bisschen langweiliger.

The Beatles: Lucy In The Sky With Diamonds/A Day In The Life (1967)

1967 waren die Beatles Kontroversen schon gewöhnt. Das gehört schließlich zum Handwerk, wenn man die Popmusik ständig neu erfindet. John Lennon hatte es fertiggebracht, fanatische Elemente in den USA zu verärgern, als er andeutete, die Band könnte für junge Leute eine größere Bedeutung haben als Religion. Außerdem brachten sie ein Album mit einem so umstrittenen Artwork heraus, dass die ausgelieferten Exemplare zurückgerufen werden mussten (das sogenannte „Butcher Sleeve” des nur in den USA erschienen Albums Yesterday & Today).

Aber erst mit dem Album Sgt Pepper’s Lonely Hearts Club Band schafften sie es auf die Liste der von der BBC gesperrten Songs: A Day In The Life und Lucy In The Sky With Diamonds wurden beide nicht gespielt, weil sie wohl Hinweise auf illegalen Drogenkonsum enthielten. Und obwohl die Band darauf bestand, dass die Songs nichts mit bewusstseinsverändernden Substanzen zu tun hatten, wurden sie doch innerhalb einer sich bestimmten Subkultur gefeiert.

Jane Birkin & Serge Gainsbourg: Je T’aime… Moi Non Plus (1969)

1967 war die französische Schauspielerin Brigitte Bardot ein beliebtes Pin-up und Serge Gainsbourg einer von Millionen Bewunderer*innen weltweit. Der spitzbübische Songwriter nahm Bardot auf seinem Label unter Vertrag und überredete sie zu einem Date, obwohl sie verheiratet war. Von Alkohol benebelt spielten Gainsbourgs Nerven verrückt und er versaute es. Das dachte er zumindest. Am nächsten Tag rief Bardot an und bot ihm die Chance zur Wiedergutmachung. Er müsste ihr lediglich „das schönste Liebeslied schreiben, das er sich vorstellen konnte”. Er ging auf Nummer sicher und schrieb zwei: Bonnie & Clyde und das wollüstige Je T’aime… Moi Non Plus.

Die Beiden wurden ein Paar und ihre Version von Je T’aime… war so heiß, dass sie einen Skandal in der französischen Presse verursachte. Bardot flehte Gainsbourg an, den Song nicht zu veröffentlichen. Aber er wusste, dass er Song viel zu gut war, um ihn komplett zu den Akten zu legen. 1969 überredete er seine neue Freundin, die englische Schauspielerin Jane Birkin, Bardots Textpassagen zu singen. Das Stöhnen, Seufzen und schwere Atmen sorgte für einige Aufregung und führte zu einer Sperre von der BBC. Selbst der Vatikan protestierte. All diese Maßnahmen gossen aber nur noch mehr Benzin ins Feuer. In Großbritannien war es die erste derart umstrittene und obendrein gesperrte Single der 60er Jahre, die es trotzdem auf Platz 1 der Charts schaffte.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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Popkultur

„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 3

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