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Popkultur

7 Gründe, warum „A Day In The Life“ das großartigste Stück Popmusik aller Zeiten ist

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Beatles
Foto: John Pratt/Keystone/Getty Images

Ein Lied über den Tod, Drogen und das Ende der Welt: Mit dem kolossal-visionären Monument A Day In The Life beschließen die Beatles ihren viktorianischen Wanderzirkus Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. Zum 53. Geburtstag des Albums widmen wir uns dem besten Popsong, der jemals geschrieben wurde. Und dem berühmtesten Schlussakkord der Popkultur.

von Björn Springorum

Hört hier Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band:

Die Beatles waren brillant. Wie brillant, ist ohne eine Professur in Beatology fast unmöglich zu bestimmen. Einigen wir uns also einfach darauf, dass sie sehr, sehr brillant waren. Brillanter als alles, was vor ihnen kam, brillanter als alles, was gleichzeitig mit ihnen geschah und brillanter als ein Großteil von dem, was seither kam. Besser als auf Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band waren sie jedoch nie. Progressiver vielleicht, postmoderner auch, sperriger ebenso. Aber nie besser.

Das liegt einerseits an der kongenialen Idee, in die Rolle von Alter Egos zu schlüpfen und in bester Vaudevilla-Manier einen viktorianischen Wanderzirkus zu mimen. Es liegt aber vor allem am allerletzten Lied auf der Platte, diesem erschütternden, monumentalen, größenwahnsinnigen Stück, das sich hinter dem täuschend profanen Titel A Day In The Life verbirgt. Was die Beatles in diesen fünf Minuten und 35 Sekunden erschaffen, ist nicht weniger als das großartigste Stück Popmusik, das je geschrieben wurde. Und dafür gibt es viele gute Gründe.

1. Der Text

Wenn die Beatles jemals in die Nähe von Beat-Poeten wie William S. Burroughs rückten, dann mit diesem Stück. Inspiriert vom Unfalltod des 21-jährigen Guinness-Erben und Beatles-Freundes Tara Browne am 18. Dezember 1966, strickt John Lennon in einer Art Gonzo-Ansatz sein ganz eigenes morbides Narrativ daraus, gespickt mit Drogenreferenzen und unzusammenhängenden Nachrichtenfetzen, ausgestaltet mit viel künstlerischer Freiheit. Surrealismus pur! McCartneys Strophe steht im krassen Gegensatz dazu: Fast schon wie im magischen Realismus führt er mit träumerischer Stimme ins Liverpool seiner Kindheit, erzählt vom 82er Bus, der Schule und dem Haare kämmen. Dann übernimmt Lennon wieder, singt von Löchern in der Straße und dann wieder das notorische I’d love to turn you on, inspiriert von Timothy Learys LSD-Mantra Turn on, tune in, drop out. Reicht, um neue Standards in der Pop-Lyrik zu setzen. Und bei der BBC gleich mal auf dem Index zu landen.

2. Die Aufnahme

Die Beatles verdanken George Martin viel. Was sie sich auch ausdenken und was sie auch verlangen: Irgendwie macht es der Produzent im Studio Two der Abbey Road Studios (die damals noch EMI Studios heißen) möglich. So auch an fünf Tagen im Januar und Februar 1967. Am 19. Januar beginnen die Aufnahmen für ein Stück, das damals noch In The Life Of… heißt. John Lennon sitzt am Piano, Paul McCartney an der Hammond-Orgel, George Harrison an der akustischen Gitarre und Ringo Starr an den Congas. Sie nehmen vier Takes der Rhythmus-Spuren auf und haben am Ende eine frühe Version des dreigeteilten Songs, dessen Übergänge lediglich aus einem Klavierakkord bestehen. Keine Spur also von diesem Monumentalwerk, das bald darauf entstehen soll. Am 20. Januar wie auch am 3. Februar 1967 verfeinern die Beatles den Song weiter, nehmen sogar Bass und Schlagzeug neu auf. Insbesondere Starrs Schlagzeugspiel wird an diesem Tag zu diesem ungewöhnlichen, meisterhaften Rhythmus, der so gut zu diesem mystischen Stück passt.

3. Das Orchester

Obwohl die Beatles an A Day In The Life schon länger tüfteln als an manchem ganzen Album ihrer frühen Karriere sind sie noch lange nicht fertig. Das Orchester muss her! John Cage, Luciano Berio und Karlheinz Stockhausen, der es übrigens auch auf das legendäre Pantheon der Popkultur auf dem Cover des Albums geschafft hat, haben Lennon und McCartney stark beeindruckt, diese Avantgarde wollen sie auch für das Grande Finale von Sgt. Pepper. Der simple Pianoakkord wird gestrichen und am 10. Februar stattdessen ein 40-köpfiges Orchester ins Studio geholt. Bevor Lennons Weltuntergangspoesie des ersten Teils in McCartneys nostalgischen Tagtraum übergeht, steigert sich das durchaus verwunderte Orchester in ein legendäres, kakophones Crescendo, das Lennon dem unter Strom stehenden Produzenten George Martin so vermittelt: „Eine gewaltige Steigerung von nichts in etwas, das klingt wie das Ende der Welt.“ Lennons geleierte Inkantation von turn you on gibt den Rhythmus für das weitgehend improvisierte, von Martin und McCartney in einem psychedelischen Anzug in wild-ekstatischen Bewegungen dirigierte Orchester-Wettrüsten vor, das ebenso irrwitzig klingt wie größenwahnsinnig, ein Klang wie vom Rand der Welt. Das Segment wird mehrfach aufgenommen und füllt einen eigenen Vierspurrekorder.

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4. Das Ende

A Day In The Life endet mit dem vielleicht berühmtesten Schlussakkord der Popmusikgeschichte. Am 22. Februar stehen McCartney, Starr und Beatles-Roadie Mal Evans hinter drei Pianos, Martin an einem Harmonium. Dann hauen alle gleichzeitig einen E-Dur-Akkord in die Tasten so fest sie können. 40 Sekunden lassen sie diesen historischen Akkord nachhallen, ein donnerndes Artefakt der Popkultur, bei dem Martin gegen Ende die Aufnahmelautstärke so laut dreht, dass man sogar einen quietschenden Stuhl und Papierrascheln aus dem Studio hört. Eine Stimme aus der Vergangenheit, ein Akkord, den Jonathan Gould als „40-sekündige Meditation über die Endlichkeit“ beschreibt. Am Ende haben die Beatles 34 Stunden gebraucht, um das Stück zu vollenden. Ihr erstes Album Please Please Me war nach zehn Stunden und 45 Minuten im Kasten! David Crosby, damals noch bei den Byrds, ist live im Studio dabei, als drei Pianos und ein Harmonium Geschichte schreiben: „Ich war völlig von den Socken“, sagte er. „Es dauerte ein paar Minuten, bis ich überhaupt wieder ein Wort herausbrachte.

5. Das Happening

Die Orchester-Session im Studio Two ist auch aus einem anderen Grund ein Stück Musikgeschichte: Die Beatles entscheiden sich, das Ganze zu eine sogenannten Happening zu machen, in der Kunstszene damals höchst angesagt. Sie laden die Pop-Aristokrat*innen der Sechziger ins Studio ein, um der Aufnahme beizuwohnen: Mick Jagger, Marianne Faithfull, Keith Richards, Brian Jones, Donovan, Pattie Boyd, Michael Nesmith und einige andere mehr werden Zeug*innen, wie die Beatles einem professionellen Orchester Clownsnasen, Sonnenbrillen, Aufklebe-Nippel oder Gorillahände aushändigen. Auch Ron Richards, der Produzent der Hollies, ist unter den Gästen. Alles, was er dazu zu sagen hat: „Ich glaub’s einfach nicht… ich gebe auf!“

6. Das Nonsens-Ende

Die Beatles haben gerade das wichtigste Stück ihrer Karriere vollendet und eine Götterdämmerung in der Popmusik heraufbeschworen. Doch ihren seltsamen Humor lassen sie sich selbst in diesem Moment purer Gravitas nicht nehmen: Sie lassen ihr Opus Magnum in einem hochfrequenten 15-Kilohertz-Ton enden, den das menschliche Gehör nicht wahrnehmen kann, wohl aber die Ohren von Hunden und Katzen. Die Idee kommt, klar, von Lennon. Auch das unverständliche (und bislang nicht dechiffrierte) Gebrabbel der Beatles ist nicht ohne Hintergedanken: Plattenspieler ohne automatischen Tonarm bleiben auf ebendiesem Loop hängen und wiederholen es immer und immer wieder.

7. Das Vermächtnis

Über wenige Beatles-Songs wurde so viel geschrieben wie über A Day In The Life. Die Liste der Superlative ist ebenso lang wie einfallsreich: Das Stück wird mit T.S. Eliots The Waste Land gleichgesetzt, mit Wagner und gilt für viele Beatles-Expert*innen als absolute Krönung im Schaffen Lennons und McCartneys. Das Orchester-Crescendo inspiriert die Kino-Sound-Firma THX zu ihrem Trandemark-Sound, außerdem bringt der finale Akkord des Stücks auch den Apple-Sounddesigner Jim Reekes auf die Idee für den Start-Sound der Macintosh-Computer. Alles von ein paar Jungs aus Liverpool, die wenige Jahre zuvor noch in Lederjacken über die Reeperbahn zogen.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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Wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ die Musikwelt veränderte

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Popkultur

Zeitsprung: Am 7.12.1949 kommt Sänger und Songwriter Tom Waits zur Welt.

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Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 7.12.1949.


von Frank Thießies und Christof Leim

Am 7. Dezember 1949 erblickt der Sänger und Songwriter Tom Waits das Licht der Welt. Mit seiner knurrenden Charakterstimme und ebenso knarzigen Songs begeistert der kauzige Kalifornier seit den frühen Siebzigern. Wir gratulieren dem amerikanischen Unikat und Genre-Grenzgänger zum Geburtstag!

Hier könnt ihr euch Tom Waits’ Debütalbum Closing Time (1973) anhören:

1949 in Pomona, Kalifornien als Thomas Alan Waits und Sohn eines Lehrerehepaars geboren, verschlägt es den jungen Mann nach kurzem Liebäugeln mit einem Studio der Fotografie im Alter von zwanzig Jahren nach San Diego. Fasziniert von der dortigen Folk-Szene nimmt er in einem Kaffeehaus-Club namens Heritage einen Aushilfsjob als Türsteher an, beginnt dort aber auch an seinem eigenen Bühnenrepertoire zu feilen, welches anfänglich noch hauptsächlich aus Covermaterial und kruder Comedy besteht. Sein beachtliches Talent als Songschreiber führt ihn in Folge jedoch schnell über die limitierend kleine San-Diego-Szene hinaus und dorthin, wo es alle verlorenen Künstlerseelen hinzieht: nach Los Angeles.

Bukowski am Bar-Piano

Bei einer Open-Stage-Nacht in Doug Westons renommierten Schuppen Troubadour in West Hollywood wird Waits 1972 entdeckt und ergattert zunächst einen Job als Songwriter bei Frank Zappas Plattenfirma Bizarre Records. Nur kurze Zeit später hat er einen eigenen Plattenvertrag bei David Geffens Asylum Records in der Tasche. Waits Debüt Closing Time erregt 1973 jedoch nur wenig Aufsehen in der breiten Öffentlichkeit. Dafür erkennen (nicht nur) die Eagles die Qualität von Komposition wie Ol’ 55. Ihr Cover der Waits-Nummer auf dem Album On The Border ein Jahr darauf sichert dem jungen Künstler zumindest die finanzielle Annehmlichkeit in Form von Tantiemen-Zahlungen. In seiner späteren Karriere werden Waits’ Lieder noch oft von anderen Leuten neu aufgelegt werden; Rod Stewarts Fassung von Downtown Train etwa ist legendär.

Ist Waits‘ Debüt noch von einem Folk-Vibe beseelt, bewegen sich die Folgewerke in den Siebzigern noch stärker zwischen verrauchtem Bar-Jazz, Charles Bukowski und Beat-Poeten wie Jack Kerouac, die Waits schon länger bewundert. Sich selbst mit Schiebermütze oder Trilby, ewigem Glimmstängel und Spitzbärtchen zu einem glamourösen, versoffenem Gossen-Troubadour stilisierend, klingen Waits‘ Alben, als könnten sie die Jukebox in Edward Hoppers berühmten Gemälde Nighthawks bestücken. 

Gekappte Wurzeln

Die künstlerische und private Kehrtwende erfolgt schließlich mit dem Dekadenwechsel: Im August 1980 heiratet der Sänger Kathleen Brennan, die künftig auch in kreativer Hinsicht seine Stütze und Partnerin wird. Das 1983 veröffentliche Album Swordfishtrombones, welches er mit Brennan schreibt und produziert, stößt die Tür zu einer zuweilen herrlich unkonventionellen, so experimentellen wie kaputten Klangwelt auf, die fortan zu Waits‘ musikalischem Markenzeichen werden soll. Mit der Trennung von seinem Management und der alten Plattenfirma stehen alle Zeichen auf Neuerfindung.

Zum erweiterten Repertoire des Sängers und Geschichtenerzählers zählt bald auch die Schauspielerei. So spielt er zu Beginn der Achtziger gleich in drei Filmen von Francis Ford Coppola (Rumble Fish, Die Outsider, Cotton Club) kleine, aber höchst überzeugende (Neben-)Rollen und brilliert in Jim Jarmuschs Down By Law 1986 an der Seite Roberto Benignis. Die Nebentätigkeit als Schauspieler hält er sich bis heute warm. Unlängst war Waits in dem Anthologie-Western der Coen Brüder The Ballad Of Buster Scruggs noch in einer Paraderolle als verschrobener ergrauter Goldgräber zu bewundern. Darüber hinaus wirkt Waits seit Ende der Achtziger auch auf der Theaterbühne: Mit Regisseur Robert Wilson realisiert er Stücke wie The Black Rider oder das auf Alice im Wunderland basierende Alice.

Waits, der Eremit 

Mit Beginn der Neunziger werden die klassischen Albumveröffentlichungen von Waits  sporadischer. Mule Variations (1999), das Doppelwerk Blood Money und Alice (2002) oder Real Gone (2004) lassen jedoch nichts vom musikalischen Pioniergeist vermissen, der Waits zwischen Americana- und Roots-Musik, gehusteter Folklore und Vaudeville sowie avantgardistischer Klangkunst heimisch geworden zeigt. Seine letzte Plattenveröffentlichung (Stand 2019) namens Bad As Me datiert auf das Jahr 2011 zurück. Womit so langsam eigentlich mal wieder Nachschub fällig wäre aus dem Hause Waits/Brennan. Doch das soll von Waits‘ Ehrentag nicht abhalten. Und so darf man heute gern ein bisschen tiefer in die Sakko-Tasche greifen und eine extra große Portion Konfetti herausfischen, während man auf dem rostigen Eisenbahnschienen für Tom Waits ein staubiges „Happy Birthday“ steppt. Herzlichen Glückwunsch.

Zeitsprung: Am 14.7.2015 erlebt Nick Cave eine Tragödie & verarbeitet sie mit Musik.

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