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Popkultur

10 Dinge, die ‘Sgt. Pepper’ von den Beatles möglich gemacht haben

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Sgt. Pepper nimmt einen ganz besonderen Platz im Katalog der Beatles und im kollektiven Gedächtnis der Leute ein. Egal welche Musik Sie bevorzugen, niemand kann den gewaltigen Einfluss dieses Albums auf die Musik und Kultur im Allgemeinen bestreiten. Im Grunde kann man die Geschichte sogar in ein Zeitalter vor und nach Pepper unterteilen.

Für die, die die erste Veröffentlichung von Sgt. Pepper nicht live miterlebt haben, ist das Album nur Altvertrautes. Was einmal als extrem experimentell und bahnbrechend galt, wird jetzt als “Classic Rock” bezeichnet. Aber dank Sgt. Pepper wurde Rockmusik zu einer respektierten Kunstform und die Nachwirkungen sind in den folgenden Jahrzehnten deutlich zu sehen. Sgt. Pepper wäre in keinem anderen Jahr als 1967 möglich gewesen. Um das zu verstehen, muss man die wichtige, symbiotische Beziehung zwischen Kultur und Musik erkennen. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums seit Erscheinen von Sgt. Pepper wollen wir Ihnen hier einige der Umstände näherbringen, die zum gefeiertsten Werk der Beatles führten.


Hört euch hier das The Beatles Album Sgt. Pepper’s Lonley Hearts Club Band an und lest weiter:


1. Die Gegenkultur der 60er Jahre

 

Der Geist der Gegenkultur war schon lange vor Sgt. Pepper spürbar. Bob Dylan hatte sein beeindruckendes Doppelalbum Blonde On Blonde bereits veröffentlicht und Brian Wilson arbeitete gemeinsam mit den Beach Boys an Pet Sounds. Es schien, als würden die Künstler aus allen Rohren feuern und die Geschwindigkeit, mit der innerhalb dieses einen Jahres Platten auf den Markt kamen, war atemberaubend. Sowohl in den USA als auch Großbritannien war unter den Künstlern ein kreativer Austausch zu beobachten – sie inspirierten sich gegenseitig und erschufen so ständig etwas Neues.

Laut John Lennon haben die Beatles die Gegenkultur nicht begründet, aber sie waren natürlich ihr sichtbarstes Symbol. “So heißt es ja z. B., wir hätten die Haarmode geprägt. Aber auch wir hatten unsere Einflüsse … nämlich alles, was gerade so passierte”, erklärte Lennon. “Wir waren ein Teil der 60er und die sind halt einfach passiert. Uns fiel nunmal die Rolle zu, dieser allgemeinen Atmosphäre ein Gesicht zu geben.” Sgt. Pepper verkörperte zwar nicht die Anti-Establishment Stimmung der Kultur der 60er, prägte aber definitiv ihre Offenheit in Bezug auf die Musik, die Optik und die bildhaften Texte. Vom Vaudeville-inspirierten Being For The Benefit Of Mr Kite! bis zu dem gesprochenen Text auf Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band und einem kompletten Orchester auf ‘A Day In The Life’ verwischten sie die Grenzen zwischen Avantgarde-Kunst und Popmusik.

 


2. Psychedelische Bandnamen aus Kalifornien

Paul McCartney war fasziniert von der Szene der amerikanischen Westküste, insbesondere von San Francisco, und ihm war aufgefallen, dass die Bandnamen in letzter Zeit zunehmend länger und origineller wurden. Man hieß nicht mehr The Beatles, The Byrds oder The Kinks, sondern Lothar And The Hand People, Big Brother And The Holding Company oder, wie Lennon vorschlug, “Fred And His Incredible Shrinking Grateful Airplanes”. Und als die Band sich immer mehr lustige, neue Namen einfallen ließ, entstand auch die Idee, sich von “The Beatles” zu verabschieden und sich eine neue Identität zu kreieren.


3. Alter EgosBeatles---UMg-News---Sgt-Pepper---s-Lonely-Heart-Club-Band

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Popularität der Beatles noch nie dagewesene Ausmaße angenommen und die Beatlemania erstickte die eigentliche Musik. Die Band wollte sich weiterentwickeln – über ihr Pilzkopfimage hinaus – und so begannen sie, mit Alter Egos zu experimentieren. McCartney erinnerte sich später: “Ich fand, es wäre schön, wenn wir unsere Identität abstreifen und uns als eine neue Fantasieband ausgeben könnten”. Und so entstand Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. Die Vorstellung einer nicht festgelegten Identität gefiel den jungen Leuten der Gegenkultur; wenn ihre Herkunft nicht mehr ihre ganze Zukunft bestimmen würde und man sich neu erfinden könnte.


4. Pet Sounds von den Beach Boys

 

George Martin und Paul McCartney sind bekanntermaßen beide große Fans von Pet Sounds und sprechen auch in Interviews darüber, welchen Einfluss das Album auf Sgt. Pepper hatte. Martin sagte, wenn Brian Wilson und die Beach Boys dieses legendäre Album nicht herausgebracht hätten, “hätte es Sgt. Pepper nie gegeben”. Und McCartney erinnerte sich: “Die Musik war so unglaublich innovativ! Das war für mich wirklich überwältigend und mir war eigentlich klar, dass das das beste Album aller Zeiten war. Was sollten wir da noch erreichen?” So lief Pet Sounds eigentlich ununterbrochen, als die Beatles mit Sgt. Pepper im Studio waren. Andererseits wäre auch Pet Sounds ohne den Einfluss des Beatles-Albums Rubber Soul so nicht möglich gewesen. Und so schließt sich der Kreis.


5. Freak Out! von Frank Zappa And The Mothers of InventionFrank-Zappa---UMG-News

Dem Popappeal der Platte merkt man deutlich den Einfluss von Brian Wilson an, aber Frank Zappa inspirierte die Beatles zu mehr Experimentierfreude. 1966 erschien mit Freak Out! das Debütalbum von Frank Zappa And The Mothers of Invention und es war absolut außergewöhnlich und unvergleichlich. Mit neoklassischer Orchestrierung, Improjazz und politischen Statements der Gegenkultur vollzog sich hier die Entwicklung des Longplayers zu einem Konzeptmedium. Pet Sounds und Freak Out! Hatten gezeigt, dass Rockmusik nicht nur die Spielwiese eines Musikproduzenten sein konnte, sondern auch eine Art Performance Kunst. Wenn man Freak Out! als Manifest der Freakkultur von Los Angeles sieht, dann stellt sich der vornehme Sgt. Pepper hinter die Hippie-Subkultur San Franciscos.


6. Keine Tourneen mehr

 

Noch vor ihrer Entscheidung, sich ein Alter Ego zuzulegen, hatten die Beatles bereits beschlossen, dass sie nicht mehr auf Tour gehen würden. Mal davon abgesehen, dass es einfach anstrengend war, war es für die Band mit der Zeit tatsächlich gefährlich geworden – zum einen wegen der Fans, die sich nicht im Griff hatten, zum anderen aber auch wegen einiger nicht ganz so begeisterter Besucher, die sich an John Lennons als blasphemisch aufgefassten Bemerkungen über die christliche Religion störten. Abgesehen von ihrem legendären Auftritt auf dem Dach des Apple-Gebäudes im Jahr 1969, war ihr Konzert in Candlestick Park in San Francisco am 29. August 1966 das letzte ihrer Karriere.


 


Danach fand jeder der vier Musiker seine eigene Rückzugsmöglichkeit und als sie im November 1966 wieder zusammenkamen, machten sie den Schritt von einer aktiven Band zu einem Konzept, einer “Idee”. Bei den Songs, wo Gesang und Instrumente nicht demokratisch aufgeteilt werden mussten, konnte die Band sich frei, entsprechend ihrer Stärken, entfalten und so lange spielen, bis das Ergebnis an Perfektion grenzte. In dem Buch Anthology fasste Ringo die Überlegungen der Band folgendermaßen zusammen: “Nachdem klar war, dass wir nicht mehr auf Tour gehen würden, war uns eigentlich alles egal. Und wie man auf Revolver und Rubber Soul hören kann, hatten wir im Studio eine Menge Spaß. Wir wurden nicht mehr aus dem Studio gezerrt, um auf Tour zu gehen, sondern konnten wirklich Zeit dort verbringen und uns entspannen.”


7. Studioexperimente und George Martingeorge-martin2-6-2001

Mit ihren Studiosessions in der Abbey Road ließ die Band die Beatlemania endgültig hinter sich und öffnete ein neues Kapitel: Die sogenannten “Studio Years”. Jahrelang war Rock- und Popmusik vor allem so geschrieben worden, dass man sie gut live spielen konnte. Und auch bei der Studioarbeit ging es oft darum, eine Liveperformance auf Band festzuhalten. Aber Martin und die Jungs wollten dieses Konzept auf den Kopf stellen. George Martin dazu: “Wir nahmen Sachen auf, die wirklich nur im Studio passieren konnten.” Er war mehr als nur ein Produzent. Für die Beatles war er der Architekt ihres Sounds und brachte sie mit den avantgardistischeren Klängen und Ideen in Berührung, die ihren Horizont dermaßen erweiterten.


8. Die Grenzen der technischen Möglichkeiten

 

Es ist erstaunlich, was Martin und die Band mit der damaligen Studiotechnik erreicht haben – das ist einer der Umstände, die Sgt. Pepper so beeindruckend machen. Wie bei allen anderen großartigen Entwicklungen führten die Widrigkeiten zu genialen Lösungen. Mehrspuraufnahmeverfahren waren 1967 schon der Standard, aber 8-Spur-Tonbandgeräte hatten sich zwar in den USA schon durchgesetzt, waren aber bis Ende 1967 in Großbritannien nicht so leicht zu bekommen. Viele der psychedelischen Soundeffekte auf dem Album entstanden durch kreatives Zusammenkleben und indem an fast jedem Gegenstand im Raum Mikrophone angebracht wurden. Auch Kopfhörer wurden zu Mikrophonen umfunktioniert und das war noch nicht das Ende ihres Einfallsreichtums.


9. Östliche Mystik

 

Genau wie der Rest der westlichen Welt hatten auch die Beatles die Musiktradition, Spiritualität und Kultur Indiens entdeckt und waren vollkommen fasziniert. Seit Norwegian Wood auf Rubber Soul war dieser Einfluss zu spüren gewesen und insbesondere auf Revolver, dank George Harrisons Song Love You To. Für Harrison wurde aus dem Interesse an indischer Musik eine Leidenschaft, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte. Bevor die Band für Sgt. Pepper ins Studio ging, flog Harrison nach Bombay und nahm bei Ravi Shankar Sitarunterricht. Das Ergebnis hört man auf dem östlich-angehauchten ‘Within You Without You’ und den atmosphärischen Hintergrundklängen von Lucy In The Sky With Diamonds.


10. Branchentrends ignorierenThe-Beatles-umg-News---Love

1966 hatten die Beatles schon eine beachtliche Reihe von Hits vorzuweisen, so waren z. B. vom Album Revolver bis 31. Dezember 1966 allein in den USA 1.187.869 Exemplare verkauft worden. Dank dieses Erfolges waren sie in der Lage, beim Songwriting und Instrumentierung ein wenig abenteuerlustiger zu sein. Mit jedem Album hatten sie die allgemein akzeptierte Definition von “Rockmusik” erweitert und da ihre Fans in allen möglichen Genre beheimatet waren, konnten sie mit Stilen und Instrumenten experimentieren und trotzdem den Mainstream ansprechen. Sie mussten sich nicht an kurzlebigen Trends orientieren und tanzbare oder radiotaugliche Singles produzieren. Stattdessen hoben sie Rockmusik auf eine neue Ebene und bereiteten den Boden für den sich später entwickelnden Progressive Rock und Art Rock.

Die Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band Reissue erscheint am 26. Mai.


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25 Jahre „Three Dollar Bill, Y’all“: Limp Bizkit starten ihren Kreuzzug des schlechten Geschmacks

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Limp Bizkit
Foto: Brenda Chase/Getty Images

Nu Metal ist längst auf dem Vormarsch, als Limp Bizkit mit ihrem Debüt Three Dollar Bill, Y’all um die Ecke biegen. Der provokante, für viele abstoßende White-Trash-Appeal von Fred Dursts wilder Bande ist 1997 für viele dann aber doch noch zu viel.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Three Dollar Bill, Y’all anhören:

Limp Bizkit liebt man oder hasst man. Dazwischen, so kann man nach 25 Jahren sicher sagen, gibt es nicht viel Spiel. Genau so wie es sich Fred Durst damals also vorstellte, als er zu Beginn der Neunziger eine Band gründet. Durst steht auf Hip-Hop ebenso wie auf Heavy Metal, skatet, liebt Tattoos, Beatboxen und Breakdancen. Ziemlich viel Cringe-Potential natürlich für einen weißen Dude Anfang 20 in North Carolina. Aber Hobbys sind eben Hobbys.

Nach Stippvisiten bei bedeutungslosen Lokalbands hat er genug und nimmt die Dinge einfach mal selbst in die Hand. Gesegnet mit jeder Menge Selbstbewusstsein, einen gewöhnungsbedürftigen Sinn für Humor und einer Vorliebe für Provokation kann er Bassist Sam Rivers und dessen Cousin, Jazz-Drummer John Otto von seinen Plänen überzeugen. Bald darauf wird das junge Glück ergänzt von Gitarrist Wes Borland. Als Durst einen zweiten Gitarristen an Bord holen will, um den Sound breiter und variabler zu gestalten, funkt Borland dazwischen: Nö, nix da, sagt der, ein Gitarrist reicht völlig. Stattdessen stößt DJ Lethal von House Of Pain zu der jungen Band, völlig begeistert davon, wie er sich hier im Vergleich zu seinen alten Hip-Hop-Buddies ausleben kann: Knallharter Sound, kompromisslose Attitüde, hohes Aggressionspotential und eine durchaus originelle Vermischung von Rap und Metal.

Das Beachtenswerte: Ohne es zu wissen, schart Fred Durst schon in den frühen Tagen ein Line-Up um sich, das bis zum heutigen Tag unverändert bleiben und gemeinsam über 40 Millionen Tonträger verkaufen soll. Nicht schlecht für die selbstgefälligen Visionen eines gelangweilten Twens mit großer Klappe. Aber das ist bei Fred Durst eben immer schon so: Große Klappe, was dahinter.

Schocken um jeden Preis

Er ist es auch, der seiner Band den Namen Limp Bizkit gibt. Er will die Menschen bewusst anwidern, will sie abschrecken und schon sehr frün die Spreu vom Weizen trennen. Wer sich schon von diesem Namen abschrecken lässt, denkt er sich, ist für die Musik eh nicht bereit. Damit soll er Recht behalten: Mit ersten Demo-Songs erregen sie zwar durchaus die Aufmerksamkeit einiger Plattenfirmen, ausnahmslos wird jedoch verlangt, die Band solle ihren Namen ändern. Nicht mit Durst! Der sieht lieber mit Wohlwollen, wie sich seine Band eine Kult-Anhängerschaft erarbeitet. Klar, Korn und die Deftones feiern damals schon große Erfolge; für den expliziten, trashigen, inhaltlich fragwürdigen, überzeichneten bewusst geschmacklosen Nu-Metal-Abriss hat man damals aber einfach noch keine Schublade.

Fred Durst ist überall unterwegs, um für seine Band Werbung zu machen, gibt sich schon auch mal als deren Manager auf, um dick aufzutragen. Wes Borland derweil entwickelt sein Faible für bizarre Kostümierungen, die schon bald einer der Hauptgründe sind, weshalb immer mehr Menschen zu Shows von Limp Bizkit kommen. Irgendwie kann Durst sogar Korn davon überzeugen, seine Band mit auf Tour zu nehmen, obwohl sie damals noch nicht mal einen Plattenvertrag haben.

Geschmacklos und stolz drauf

Den gibt es dann irgendwann doch – und natürlich ohne Namensänderung. Fred Durst kennt die Mechanismen der Industrie zu diesem Zeitpunkt schon beeindruckend gut. Dass er das Limp-Bizkit-Debüt trotzdem Three Dollar Bill, Y’all nennen muss – Queer as a three dollar bill ist eine homophobe Beleidigung –, ist mehr als nur ein Kopfschütteln wert. Aber da hat er sich eben schon eingeschossen auf seine Antihaltung, auf sein gezieltes Anecken, Anwidern, Anpissen.

Was George Michael wohl davon hielt?

Dafür hätte allein der Sound der Platte gereicht: Was am 1. Juli 1997 erscheint, ist ein verstörend hart produziertes, chaotisches, wütendes Album, das hörbar von Tool oder den Deftones geprägt ist, aber zu gleichen Teilen mit breitbeinigem Rap-Gehabe aufwartet und völlig unsubtil auf die Fresse gibt. Pollution ist ihr erster kleiner Hit, mit Counterfeit machen sie sich schon auf ihrem Debüt über Bands lustig, die sie kopieren. Klar, auch ihr anarchisches, tollwütiges Cover von George Michaels Faith, in Undergroundkreisen damals längst Legende, findet sich auf Three Dollar Bill, Y’all wieder. „Wir wussten, dass wir nur auffallen können, wenn wir die Leute schocken“, so Wes Borland damals. „Das bewegt die Leute.“

Scheint zu klappen: Nach dem Release touren sie im Vorprogramm ihrer Helden von Faith No More (wenn auch vor einem sehr ablehnenden Publikum), werden mehr und mehr von MTV entdeckt. Das Album wird zum Erfolg und zündet eine neue Stufe in Sachen Nu-Metal-Welteroberung. Man muss nicht mögen, wie Fred Durst in seinen Texten mit Frauen umgeht; man muss aber immer im Hinterkopf behalten, worum es ihm seit Tag eins bei dieser Band geht: Darum, dass sich die Menschen angewidert abwenden. Das zumindest ist spätestens 1999 allerdings passé: Der Nachfolger Significant Other verkauft sich gleich mal 16 Millionen Mal. Liebe oder Hass: Respekt vor Fred Dursts genialer Strategie muss man haben. Und die Songs, die knallen auch 25 Jahre später noch.

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Scum: Napalm Death und ihr Split-Album mit sich selbst

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Scum Album Cover

„"40 Songs in 33 Minuten: Zeitverschwendung kann man Napalm Death auf Scum wahrlich nicht vorwerfen. Bei der Produktion der Platte sieht das ein wenig anders aus, denn das Debüt der Briten erscheint in zwei Etappen — und am Ende sind darauf quasi zwei unterschiedliche Bands zu hören.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Scum anhören:

Kaum eine Band hat die Extreme der Krachmusik derart ausgelotet wie Napalm Death aus Birmingham. 1981 gegründet, startet die Gruppe ab 1985 so richtig durch. Napalm Death spielen zu jener Zeit regelmäßig im Birminghamer Club The Mermaid, wo sie nicht nur allein auf der Bühne stehen, sondern auch so ziemlich jede Band von außerhalb supporten. Einige Monate, Besetzungswechsel und Demos später kapern sie ein Studio und nehmen ihr erstes Album Scum auf — oder zumindest einen Teil davon. Die Platte entsteht nämlich in zwei Hälften.

Während ihres ersten Studioaufenthalts entstehen Stücke wie The Kill, Death By Manipulation und You Suffer ein. (Mit You Suffer landen die Briten später im Guinness-Buch der Rekorde, doch dazu gleich mehr.) Zwar hatten die Musiker diese Nummern schonmal für ein Demo aufgenommen, doch für die Albumversion treten sie das Gaspedal noch ein wenig tiefer durch und spielen die Kompositionen um einiges schneller. Die Kosten für das Studio übernimmt Mermaid-Veranstalter Daz Russell. Er bietet der Band außerdem an, die Aufnahmen über sein neues Label zu veröffentlichen, doch Napalm Death behalten die Master-Bänder lieber für sich. Die Begründung: Russell hatte die Musiker nie dafür bezahlt, dass sie im Mermaid aufgetreten waren.

Scum: Ein Album in zwei Anläufen

Nach den Aufnahme-Sessions wird die Luft in der Band dicker. Gleich mehrere Mitglieder fühlen sich berufen das Steuerrad zu übernehmen, es kommt zum Streit. Erneut dreht sich das Besetzungskarussell, einzig Schlagzeuger Mick Harris bleibt Napalm Death erhalten. 1986 kommt die Gruppe mit Digby Pearson in Kontakt, der gerade sein neues Label Earache Records an den Start gebracht hat. Nach nur wenigen Monaten unterschreiben Napalm Death einen Plattenvertrag mit ihm und Pearson kauft das Master-Band, dass die Musiker bisher zurückgehalten hatten. Mit etwa 20 Minuten Spielzeit befindet sich darauf allerdings gerade einmal genug Material für die A-Seite eines Albums. Also schickt er Napalm Death noch einmal ins Studio, obwohl die Band in der neuen Besetzung noch keine drei Stunden zusammen geprobt hat.

Dass auf der A-Seite eine andere Bandbesetzung zu hören ist als auf der B-Seite, gibt es in der Geschichte der Rockmusik nicht so häufig. Nur Schlagzeuger Mick Harris wirkt an beiden Seiten mit. Am Mikro steht nun Lee Dorrian, der später die Doom-Legenden Cathedral gründen wird. Doch trotz der eigenartigen Produktionsumstände wird Earache Records die erste Auflage des Albums innerhalb weniger Wochen aus der Hand gerissen. Zeitgleich spielen Napalm Death ihre erste Tour.

Zum großen Knall kommt es, als der Radio-DJ John Peel die Band in seiner Radiosendung auf BBC 1 Radio spielt und Napalm Death sogar dazu einlädt, eine der legendären Peel Sessions aufzunehmen. Auf einmal kennt die ganze britische Szene die neuen Krachmacher und Earache gibt eine zweite Auflage des Debüts in Auftrag. Ganze 10.000 Exemplare gehen innerhalb kürzester Zeit über die britischen Ladentheken.

You Suffer: Auf den Punk in 1,316 Sekunden

Einen besonderen Stellenwert auf dem Album genießt der Song You Suffer — und zwar nicht wegen seiner üppigen Länge. Gerade einmal 1,316 Sekunden dauert die Nummer und landet somit als kürzester Song aller Zeiten im Guinness-Buch der Rekorde. Außerdem veröffentlichen Napalm Death das Stück zwei Jahre nach Scum als kostenlose Promo-Single. Auf der B-Seite: Mega-Armageddon Death Part 3 von den Electro Hippies aus England. Auch dieses Meisterwerk dauert kaum länger als eine Sekunde, was den beiden Bands einen weiteren Rekord beschert: den der kürzesten Single aller Zeiten.

Heute gehören Napalm Death seit vielen Jahrzehnten zu den festen Institutionen der Krawallmusik. Mit Mick Harris verlässt im Jahr 1991 der letzte Musiker die Band, der auf Scum zu hören ist, inzwischen stehen vor allem Sänger Mark „Barney“ Greenway, Schlagzeuger Shane Embury und Gitarrist Mitch Harris für den Sound der Gruppe. Dennoch bleibt Scum ein wichtiges Standardwerk, das Ende der Achtziger Grenzen aufbricht, den Grindcore mit Karacho in der Musikwelt etabliert und laut Autor Ian Christe den zehnjährigen Wettbewerb um den schnellsten und härtesten Sound beendet. Bei 40 Songs in einer guten halben Stunde ist das absolut kein Wunder.

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Zeitsprung: Am 1.7.1945 kommt Debbie Harry von Blondie zur Welt.

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Debbie Harry in den Siebzigern. Foto: Anthony Barboza/Getty Images

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.7.1945.

von Frank Thießies und Christof Leim

Kaum eine andere Künstlerin hat für den Frontfrauen-Feminismus und die Stärkung des weiblichen Selbstbewusstsein im Rockgeschäft so viel getan wie Blondie-Sängerin und Schauspielerin Debbie Harry, ohne die es die Karrieren von Madonna bis Lady Gaga vielleicht so nicht gegeben hätte. Am 1. Juli feiert die platinblonde Pop-Pionierin Geburtstag.

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Blondie anhören:

Als Angela Trimble wird sie in Florida geboren, doch bereits ab dem zarten Alter von drei Monaten wächst das nun in Deborah Ann umbenannte Mädchen bereits bei Adoptiveltern mit den Nachnamen Harry in New Jersey auf. Sie zeigt bereits früh viel Fantasie und ein Faible für Glamour. Sie gibt sich sogar tagträumerisch der Fantasie hin, sie könne wohlmöglich die leibliche Tochter von Marilyn Monroe sein. Entsprechend zieht es die junge Dame nach dem College-Abschluss Ende der Sechziger nach New York, wo sie unter anderem als Sekretärin für die britische Rundfunkanstalt BBC, als Kellnerin, Go-Go-Tänzerin und Bunny-Bedienung im Playboy Club Manhattan arbeitet. 

Platin heißt die Devise

Auch der Musik ist Debbie Harry nicht abgeneigt: So singt sie für die Folk-Truppe The Wind In The Willows Background und unternimmt einen ersten eigenen Gehversuch in der Gruppe The Stilettos. Als schicksalsträchtig erweist sich schließlich die Begegnung mit dem Gitarristen Chris Stein im Jahre 1974, mit dem sie fortan fünfzehn Jahre liiert sein wird und dem sie auch danach künstlerisch und menschlich eng verbunden bleibt. Zusammen rufen die beiden zunächst die Gruppe Angel And The Snake ins Leben, die sie kurz darauf aber in Blondie umtaufen. Das langlebige Gerücht, man habe sich nach Hitlers Schäferhund benannt, ist allerdings Quatsch: Blondie nennen sich Blondie, weil so der Spitzname lautet, den die Männerköpfe verdrehende Harry auf der Straße von Bewunderern zugerufen bekommt, nachdem sich ihren eigentlich natürlich rotblonden Schopf einer Wasserstoff-Blondierung unterzogen hatte. 

Zu Pop für Punk?

Im neuen Hauptquartier der Punk-Bewegung, dem New Yorker Kult-Club CBGB’s, gehören Blondie Mitte der Siebziger zur Stammbesetzung auf der Bühne – obwohl sie musikalisch nie wirklich dorthin passen. Auch erweisen sich ihre Platten Blondie (1976) und Plastic Letters (1977) beim Hipster-Publikum noch nicht als so präsent wie gewünscht, auch wenn Harrys platinblonder Powerfrauen-Look, der zugleich Sex-Appeal wie weibliche Selbstbestimmung suggeriert, damals schon viel Anerkennung findet. Dann gerät das dritte Album Parallel Lines (1978), produziert von Mike Chapman (The Sweet, Suzi Quatro), zum großen internationalen Durchbruch und wirft unter anderem den Welthit Heart Of Glass ab.

Das 1979 eilig nachgeschobene Folgealbum Eat To The Beat hält 1979 das hohe Niveau und lässt Blondie unter Harrys stilistischer Führung weiter zur New-Wave-Vorzeigeband werden. 1980 ist Debbie Harry die Frau der Stunde: Ihr Look besteht aus aus Kostümkollaborationen mit dem Designer Stephen Sprouse sowie wortwörtlichen Straßen- und Kellerfunden, zudem verfügt sie über eine starke Persönlichkeit. Mit beidem wird sie kommenden Künstlerinnen wie Madonna oder Cindy Lauper den Weg ebnen. 

Rap-Pionierin & Filmstar

1980 betreten Neuland: Rapture, der Hitsong des experimentellen fünften Albums Autoamerican geht als erster Nummer-eins-Song mit Rap-Gesang in der Strophe in die Popgeschichte ein. Zudem erweist sich das für den Soundtrack des Richard-Gere-Films American Gigolo (Ein Mann für gewisse Stunden) von Harry mit Giorgio Moroder verfasste Call Me erneut ein weltweiter Disco-Tanzflächen-Füller. 

Nachdem Andy Warhol sie in einer Reihe von Fotokunstwerken unsterblich gemacht hat, kurbelt Harry parallel ihre Filmkarriere an. So brilliert sie zunächst im billigen aber charmanten Neo-Noir-Film Union City (1980) und hat einen Auftritt mit Band im Meat-Loaf-Streifen Roadie. 1983 glänzt sie dann in David Cronenbergs Science-Fiction-Klassiker Videodrom. Dummerweise ist es Harrys erstes Soloalbum, KooKoo (1981), welches die Sängerin zwar erfolgreich mit Nile Rodgers (Chic) und Alien-Designer H.R. Giger arbeiten lässt, sie aber auch um einen wichtigen Genre-Filmauftritt beraubt: Nicht auszudenken, in welche Hollywood-Star-Sphären Harry vielleicht noch vorgestoßen wäre, hätte sie Ridley Scotts Angebot annehmen können, in dessen Blade Runner die Rolle des weiblichen Humanoiden Pris zu spielen. Doch diese Offerte fällt leider den Plänen von Harrys Plattenfirma zum Opfer (und wird schließlich von Schauspielerin Daryl Hannah dankend wahrgenommen).

Comeback und Vermächtnis

Nachdem sich Blondie 1982 nach Veröffentlichung des Albums The Hunter vorläufig trennen, verfolgt Harry weiterhin ihre Solokarriere als Sängerin und agiert als Schauspielerin in Filmen wie Hairspray und Copland. 1997 verschlägt es die inzwischen wiedervereinten Blondie zunächst auf Tournee; zwei Jahre später folgt mit No Exit (und dem Hit Maria) auch schon das große musikalische Studio-Comeback. 

Seitdem sind Blondie recht regelmäßig auf der Bühne und mit Plattenveröffentlichungen aktiv; Pollinator, das elfte und jüngste Album der Band, geht auf das Jahr 2017 zurück. Harrys letztes Soloalbum Necessary Evil liegt indes bereits 13 Jahre zurück. Dafür hat sich Frau Harry allerdings auch ihren Memoiren gewidmet. Die Autobiografie Face It erscheint Ende 2019 und zeichnet unter anderem ein lebhaftes Bild der New Yorker Boheme- und Drogenkultur der Siebziger und Achtziger, von der sie und Stein in ihren harten Heroinjahren ein nicht unwichtiger Teil waren. Und wie bei manch anderem männlichen Vertreter der Rockstar-Spezies Schwerenöter, kann man sich auch im Falle Harry nur über das Wunder freuen, dass sie all dies erlebt und überlebt hat und als Grande Dame des Art Punk/New Wave heute noch ihren Geburtstag feiern kann. 

Zeitsprung: Am 3.1.1979 erscheint „Heart Of Glass“ von Blondie.

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