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Popkultur

10 Dinge, die ‘Sgt. Pepper’ von den Beatles möglich gemacht haben

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Sgt. Pepper nimmt einen ganz besonderen Platz im Katalog der Beatles und im kollektiven Gedächtnis der Leute ein. Egal welche Musik Sie bevorzugen, niemand kann den gewaltigen Einfluss dieses Albums auf die Musik und Kultur im Allgemeinen bestreiten. Im Grunde kann man die Geschichte sogar in ein Zeitalter vor und nach Pepper unterteilen.

Für die, die die erste Veröffentlichung von Sgt. Pepper nicht live miterlebt haben, ist das Album nur Altvertrautes. Was einmal als extrem experimentell und bahnbrechend galt, wird jetzt als “Classic Rock” bezeichnet. Aber dank Sgt. Pepper wurde Rockmusik zu einer respektierten Kunstform und die Nachwirkungen sind in den folgenden Jahrzehnten deutlich zu sehen. Sgt. Pepper wäre in keinem anderen Jahr als 1967 möglich gewesen. Um das zu verstehen, muss man die wichtige, symbiotische Beziehung zwischen Kultur und Musik erkennen. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums seit Erscheinen von Sgt. Pepper wollen wir Ihnen hier einige der Umstände näherbringen, die zum gefeiertsten Werk der Beatles führten.


Hört euch hier das The Beatles Album Sgt. Pepper’s Lonley Hearts Club Band an und lest weiter:


1. Die Gegenkultur der 60er Jahre

 

Der Geist der Gegenkultur war schon lange vor Sgt. Pepper spürbar. Bob Dylan hatte sein beeindruckendes Doppelalbum Blonde On Blonde bereits veröffentlicht und Brian Wilson arbeitete gemeinsam mit den Beach Boys an Pet Sounds. Es schien, als würden die Künstler aus allen Rohren feuern und die Geschwindigkeit, mit der innerhalb dieses einen Jahres Platten auf den Markt kamen, war atemberaubend. Sowohl in den USA als auch Großbritannien war unter den Künstlern ein kreativer Austausch zu beobachten – sie inspirierten sich gegenseitig und erschufen so ständig etwas Neues.

Laut John Lennon haben die Beatles die Gegenkultur nicht begründet, aber sie waren natürlich ihr sichtbarstes Symbol. “So heißt es ja z. B., wir hätten die Haarmode geprägt. Aber auch wir hatten unsere Einflüsse … nämlich alles, was gerade so passierte”, erklärte Lennon. “Wir waren ein Teil der 60er und die sind halt einfach passiert. Uns fiel nunmal die Rolle zu, dieser allgemeinen Atmosphäre ein Gesicht zu geben.” Sgt. Pepper verkörperte zwar nicht die Anti-Establishment Stimmung der Kultur der 60er, prägte aber definitiv ihre Offenheit in Bezug auf die Musik, die Optik und die bildhaften Texte. Vom Vaudeville-inspirierten Being For The Benefit Of Mr Kite! bis zu dem gesprochenen Text auf Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band und einem kompletten Orchester auf ‘A Day In The Life’ verwischten sie die Grenzen zwischen Avantgarde-Kunst und Popmusik.

 


2. Psychedelische Bandnamen aus Kalifornien

Paul McCartney war fasziniert von der Szene der amerikanischen Westküste, insbesondere von San Francisco, und ihm war aufgefallen, dass die Bandnamen in letzter Zeit zunehmend länger und origineller wurden. Man hieß nicht mehr The Beatles, The Byrds oder The Kinks, sondern Lothar And The Hand People, Big Brother And The Holding Company oder, wie Lennon vorschlug, “Fred And His Incredible Shrinking Grateful Airplanes”. Und als die Band sich immer mehr lustige, neue Namen einfallen ließ, entstand auch die Idee, sich von “The Beatles” zu verabschieden und sich eine neue Identität zu kreieren.


3. Alter EgosBeatles---UMg-News---Sgt-Pepper---s-Lonely-Heart-Club-Band

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Popularität der Beatles noch nie dagewesene Ausmaße angenommen und die Beatlemania erstickte die eigentliche Musik. Die Band wollte sich weiterentwickeln – über ihr Pilzkopfimage hinaus – und so begannen sie, mit Alter Egos zu experimentieren. McCartney erinnerte sich später: “Ich fand, es wäre schön, wenn wir unsere Identität abstreifen und uns als eine neue Fantasieband ausgeben könnten”. Und so entstand Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. Die Vorstellung einer nicht festgelegten Identität gefiel den jungen Leuten der Gegenkultur; wenn ihre Herkunft nicht mehr ihre ganze Zukunft bestimmen würde und man sich neu erfinden könnte.


4. Pet Sounds von den Beach Boys

 

George Martin und Paul McCartney sind bekanntermaßen beide große Fans von Pet Sounds und sprechen auch in Interviews darüber, welchen Einfluss das Album auf Sgt. Pepper hatte. Martin sagte, wenn Brian Wilson und die Beach Boys dieses legendäre Album nicht herausgebracht hätten, “hätte es Sgt. Pepper nie gegeben”. Und McCartney erinnerte sich: “Die Musik war so unglaublich innovativ! Das war für mich wirklich überwältigend und mir war eigentlich klar, dass das das beste Album aller Zeiten war. Was sollten wir da noch erreichen?” So lief Pet Sounds eigentlich ununterbrochen, als die Beatles mit Sgt. Pepper im Studio waren. Andererseits wäre auch Pet Sounds ohne den Einfluss des Beatles-Albums Rubber Soul so nicht möglich gewesen. Und so schließt sich der Kreis.


5. Freak Out! von Frank Zappa And The Mothers of InventionFrank-Zappa---UMG-News

Dem Popappeal der Platte merkt man deutlich den Einfluss von Brian Wilson an, aber Frank Zappa inspirierte die Beatles zu mehr Experimentierfreude. 1966 erschien mit Freak Out! das Debütalbum von Frank Zappa And The Mothers of Invention und es war absolut außergewöhnlich und unvergleichlich. Mit neoklassischer Orchestrierung, Improjazz und politischen Statements der Gegenkultur vollzog sich hier die Entwicklung des Longplayers zu einem Konzeptmedium. Pet Sounds und Freak Out! Hatten gezeigt, dass Rockmusik nicht nur die Spielwiese eines Musikproduzenten sein konnte, sondern auch eine Art Performance Kunst. Wenn man Freak Out! als Manifest der Freakkultur von Los Angeles sieht, dann stellt sich der vornehme Sgt. Pepper hinter die Hippie-Subkultur San Franciscos.


6. Keine Tourneen mehr

 

Noch vor ihrer Entscheidung, sich ein Alter Ego zuzulegen, hatten die Beatles bereits beschlossen, dass sie nicht mehr auf Tour gehen würden. Mal davon abgesehen, dass es einfach anstrengend war, war es für die Band mit der Zeit tatsächlich gefährlich geworden – zum einen wegen der Fans, die sich nicht im Griff hatten, zum anderen aber auch wegen einiger nicht ganz so begeisterter Besucher, die sich an John Lennons als blasphemisch aufgefassten Bemerkungen über die christliche Religion störten. Abgesehen von ihrem legendären Auftritt auf dem Dach des Apple-Gebäudes im Jahr 1969, war ihr Konzert in Candlestick Park in San Francisco am 29. August 1966 das letzte ihrer Karriere.


 


Danach fand jeder der vier Musiker seine eigene Rückzugsmöglichkeit und als sie im November 1966 wieder zusammenkamen, machten sie den Schritt von einer aktiven Band zu einem Konzept, einer “Idee”. Bei den Songs, wo Gesang und Instrumente nicht demokratisch aufgeteilt werden mussten, konnte die Band sich frei, entsprechend ihrer Stärken, entfalten und so lange spielen, bis das Ergebnis an Perfektion grenzte. In dem Buch Anthology fasste Ringo die Überlegungen der Band folgendermaßen zusammen: “Nachdem klar war, dass wir nicht mehr auf Tour gehen würden, war uns eigentlich alles egal. Und wie man auf Revolver und Rubber Soul hören kann, hatten wir im Studio eine Menge Spaß. Wir wurden nicht mehr aus dem Studio gezerrt, um auf Tour zu gehen, sondern konnten wirklich Zeit dort verbringen und uns entspannen.”


7. Studioexperimente und George Martingeorge-martin2-6-2001

Mit ihren Studiosessions in der Abbey Road ließ die Band die Beatlemania endgültig hinter sich und öffnete ein neues Kapitel: Die sogenannten “Studio Years”. Jahrelang war Rock- und Popmusik vor allem so geschrieben worden, dass man sie gut live spielen konnte. Und auch bei der Studioarbeit ging es oft darum, eine Liveperformance auf Band festzuhalten. Aber Martin und die Jungs wollten dieses Konzept auf den Kopf stellen. George Martin dazu: “Wir nahmen Sachen auf, die wirklich nur im Studio passieren konnten.” Er war mehr als nur ein Produzent. Für die Beatles war er der Architekt ihres Sounds und brachte sie mit den avantgardistischeren Klängen und Ideen in Berührung, die ihren Horizont dermaßen erweiterten.


8. Die Grenzen der technischen Möglichkeiten

 

Es ist erstaunlich, was Martin und die Band mit der damaligen Studiotechnik erreicht haben – das ist einer der Umstände, die Sgt. Pepper so beeindruckend machen. Wie bei allen anderen großartigen Entwicklungen führten die Widrigkeiten zu genialen Lösungen. Mehrspuraufnahmeverfahren waren 1967 schon der Standard, aber 8-Spur-Tonbandgeräte hatten sich zwar in den USA schon durchgesetzt, waren aber bis Ende 1967 in Großbritannien nicht so leicht zu bekommen. Viele der psychedelischen Soundeffekte auf dem Album entstanden durch kreatives Zusammenkleben und indem an fast jedem Gegenstand im Raum Mikrophone angebracht wurden. Auch Kopfhörer wurden zu Mikrophonen umfunktioniert und das war noch nicht das Ende ihres Einfallsreichtums.


9. Östliche Mystik

 

Genau wie der Rest der westlichen Welt hatten auch die Beatles die Musiktradition, Spiritualität und Kultur Indiens entdeckt und waren vollkommen fasziniert. Seit Norwegian Wood auf Rubber Soul war dieser Einfluss zu spüren gewesen und insbesondere auf Revolver, dank George Harrisons Song Love You To. Für Harrison wurde aus dem Interesse an indischer Musik eine Leidenschaft, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte. Bevor die Band für Sgt. Pepper ins Studio ging, flog Harrison nach Bombay und nahm bei Ravi Shankar Sitarunterricht. Das Ergebnis hört man auf dem östlich-angehauchten ‘Within You Without You’ und den atmosphärischen Hintergrundklängen von Lucy In The Sky With Diamonds.


10. Branchentrends ignorierenThe-Beatles-umg-News---Love

1966 hatten die Beatles schon eine beachtliche Reihe von Hits vorzuweisen, so waren z. B. vom Album Revolver bis 31. Dezember 1966 allein in den USA 1.187.869 Exemplare verkauft worden. Dank dieses Erfolges waren sie in der Lage, beim Songwriting und Instrumentierung ein wenig abenteuerlustiger zu sein. Mit jedem Album hatten sie die allgemein akzeptierte Definition von “Rockmusik” erweitert und da ihre Fans in allen möglichen Genre beheimatet waren, konnten sie mit Stilen und Instrumenten experimentieren und trotzdem den Mainstream ansprechen. Sie mussten sich nicht an kurzlebigen Trends orientieren und tanzbare oder radiotaugliche Singles produzieren. Stattdessen hoben sie Rockmusik auf eine neue Ebene und bereiteten den Boden für den sich später entwickelnden Progressive Rock und Art Rock.

Die Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band Reissue erscheint am 26. Mai.


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