------------

Popkultur

10 Dinge, die ‘Sgt. Pepper’ von den Beatles möglich gemacht haben

Published on

Sgt. Pepper nimmt einen ganz besonderen Platz im Katalog der Beatles und im kollektiven Gedächtnis der Leute ein. Egal welche Musik Sie bevorzugen, niemand kann den gewaltigen Einfluss dieses Albums auf die Musik und Kultur im Allgemeinen bestreiten. Im Grunde kann man die Geschichte sogar in ein Zeitalter vor und nach Pepper unterteilen.

Für die, die die erste Veröffentlichung von Sgt. Pepper nicht live miterlebt haben, ist das Album nur Altvertrautes. Was einmal als extrem experimentell und bahnbrechend galt, wird jetzt als “Classic Rock” bezeichnet. Aber dank Sgt. Pepper wurde Rockmusik zu einer respektierten Kunstform und die Nachwirkungen sind in den folgenden Jahrzehnten deutlich zu sehen. Sgt. Pepper wäre in keinem anderen Jahr als 1967 möglich gewesen. Um das zu verstehen, muss man die wichtige, symbiotische Beziehung zwischen Kultur und Musik erkennen. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums seit Erscheinen von Sgt. Pepper wollen wir Ihnen hier einige der Umstände näherbringen, die zum gefeiertsten Werk der Beatles führten.


Hört euch hier das The Beatles Album Sgt. Pepper’s Lonley Hearts Club Band an und lest weiter:


1. Die Gegenkultur der 60er Jahre

 

Der Geist der Gegenkultur war schon lange vor Sgt. Pepper spürbar. Bob Dylan hatte sein beeindruckendes Doppelalbum Blonde On Blonde bereits veröffentlicht und Brian Wilson arbeitete gemeinsam mit den Beach Boys an Pet Sounds. Es schien, als würden die Künstler aus allen Rohren feuern und die Geschwindigkeit, mit der innerhalb dieses einen Jahres Platten auf den Markt kamen, war atemberaubend. Sowohl in den USA als auch Großbritannien war unter den Künstlern ein kreativer Austausch zu beobachten – sie inspirierten sich gegenseitig und erschufen so ständig etwas Neues.

Laut John Lennon haben die Beatles die Gegenkultur nicht begründet, aber sie waren natürlich ihr sichtbarstes Symbol. “So heißt es ja z. B., wir hätten die Haarmode geprägt. Aber auch wir hatten unsere Einflüsse … nämlich alles, was gerade so passierte”, erklärte Lennon. “Wir waren ein Teil der 60er und die sind halt einfach passiert. Uns fiel nunmal die Rolle zu, dieser allgemeinen Atmosphäre ein Gesicht zu geben.” Sgt. Pepper verkörperte zwar nicht die Anti-Establishment Stimmung der Kultur der 60er, prägte aber definitiv ihre Offenheit in Bezug auf die Musik, die Optik und die bildhaften Texte. Vom Vaudeville-inspirierten Being For The Benefit Of Mr Kite! bis zu dem gesprochenen Text auf Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band und einem kompletten Orchester auf ‘A Day In The Life’ verwischten sie die Grenzen zwischen Avantgarde-Kunst und Popmusik.

 


2. Psychedelische Bandnamen aus Kalifornien

Paul McCartney war fasziniert von der Szene der amerikanischen Westküste, insbesondere von San Francisco, und ihm war aufgefallen, dass die Bandnamen in letzter Zeit zunehmend länger und origineller wurden. Man hieß nicht mehr The Beatles, The Byrds oder The Kinks, sondern Lothar And The Hand People, Big Brother And The Holding Company oder, wie Lennon vorschlug, “Fred And His Incredible Shrinking Grateful Airplanes”. Und als die Band sich immer mehr lustige, neue Namen einfallen ließ, entstand auch die Idee, sich von “The Beatles” zu verabschieden und sich eine neue Identität zu kreieren.


3. Alter EgosBeatles---UMg-News---Sgt-Pepper---s-Lonely-Heart-Club-Band

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Popularität der Beatles noch nie dagewesene Ausmaße angenommen und die Beatlemania erstickte die eigentliche Musik. Die Band wollte sich weiterentwickeln – über ihr Pilzkopfimage hinaus – und so begannen sie, mit Alter Egos zu experimentieren. McCartney erinnerte sich später: “Ich fand, es wäre schön, wenn wir unsere Identität abstreifen und uns als eine neue Fantasieband ausgeben könnten”. Und so entstand Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. Die Vorstellung einer nicht festgelegten Identität gefiel den jungen Leuten der Gegenkultur; wenn ihre Herkunft nicht mehr ihre ganze Zukunft bestimmen würde und man sich neu erfinden könnte.


4. Pet Sounds von den Beach Boys

 

George Martin und Paul McCartney sind bekanntermaßen beide große Fans von Pet Sounds und sprechen auch in Interviews darüber, welchen Einfluss das Album auf Sgt. Pepper hatte. Martin sagte, wenn Brian Wilson und die Beach Boys dieses legendäre Album nicht herausgebracht hätten, “hätte es Sgt. Pepper nie gegeben”. Und McCartney erinnerte sich: “Die Musik war so unglaublich innovativ! Das war für mich wirklich überwältigend und mir war eigentlich klar, dass das das beste Album aller Zeiten war. Was sollten wir da noch erreichen?” So lief Pet Sounds eigentlich ununterbrochen, als die Beatles mit Sgt. Pepper im Studio waren. Andererseits wäre auch Pet Sounds ohne den Einfluss des Beatles-Albums Rubber Soul so nicht möglich gewesen. Und so schließt sich der Kreis.


5. Freak Out! von Frank Zappa And The Mothers of InventionFrank-Zappa---UMG-News

Dem Popappeal der Platte merkt man deutlich den Einfluss von Brian Wilson an, aber Frank Zappa inspirierte die Beatles zu mehr Experimentierfreude. 1966 erschien mit Freak Out! das Debütalbum von Frank Zappa And The Mothers of Invention und es war absolut außergewöhnlich und unvergleichlich. Mit neoklassischer Orchestrierung, Improjazz und politischen Statements der Gegenkultur vollzog sich hier die Entwicklung des Longplayers zu einem Konzeptmedium. Pet Sounds und Freak Out! Hatten gezeigt, dass Rockmusik nicht nur die Spielwiese eines Musikproduzenten sein konnte, sondern auch eine Art Performance Kunst. Wenn man Freak Out! als Manifest der Freakkultur von Los Angeles sieht, dann stellt sich der vornehme Sgt. Pepper hinter die Hippie-Subkultur San Franciscos.


6. Keine Tourneen mehr

 

Noch vor ihrer Entscheidung, sich ein Alter Ego zuzulegen, hatten die Beatles bereits beschlossen, dass sie nicht mehr auf Tour gehen würden. Mal davon abgesehen, dass es einfach anstrengend war, war es für die Band mit der Zeit tatsächlich gefährlich geworden – zum einen wegen der Fans, die sich nicht im Griff hatten, zum anderen aber auch wegen einiger nicht ganz so begeisterter Besucher, die sich an John Lennons als blasphemisch aufgefassten Bemerkungen über die christliche Religion störten. Abgesehen von ihrem legendären Auftritt auf dem Dach des Apple-Gebäudes im Jahr 1969, war ihr Konzert in Candlestick Park in San Francisco am 29. August 1966 das letzte ihrer Karriere.


 


Danach fand jeder der vier Musiker seine eigene Rückzugsmöglichkeit und als sie im November 1966 wieder zusammenkamen, machten sie den Schritt von einer aktiven Band zu einem Konzept, einer “Idee”. Bei den Songs, wo Gesang und Instrumente nicht demokratisch aufgeteilt werden mussten, konnte die Band sich frei, entsprechend ihrer Stärken, entfalten und so lange spielen, bis das Ergebnis an Perfektion grenzte. In dem Buch Anthology fasste Ringo die Überlegungen der Band folgendermaßen zusammen: “Nachdem klar war, dass wir nicht mehr auf Tour gehen würden, war uns eigentlich alles egal. Und wie man auf Revolver und Rubber Soul hören kann, hatten wir im Studio eine Menge Spaß. Wir wurden nicht mehr aus dem Studio gezerrt, um auf Tour zu gehen, sondern konnten wirklich Zeit dort verbringen und uns entspannen.”


7. Studioexperimente und George Martingeorge-martin2-6-2001

Mit ihren Studiosessions in der Abbey Road ließ die Band die Beatlemania endgültig hinter sich und öffnete ein neues Kapitel: Die sogenannten “Studio Years”. Jahrelang war Rock- und Popmusik vor allem so geschrieben worden, dass man sie gut live spielen konnte. Und auch bei der Studioarbeit ging es oft darum, eine Liveperformance auf Band festzuhalten. Aber Martin und die Jungs wollten dieses Konzept auf den Kopf stellen. George Martin dazu: “Wir nahmen Sachen auf, die wirklich nur im Studio passieren konnten.” Er war mehr als nur ein Produzent. Für die Beatles war er der Architekt ihres Sounds und brachte sie mit den avantgardistischeren Klängen und Ideen in Berührung, die ihren Horizont dermaßen erweiterten.


8. Die Grenzen der technischen Möglichkeiten

 

Es ist erstaunlich, was Martin und die Band mit der damaligen Studiotechnik erreicht haben – das ist einer der Umstände, die Sgt. Pepper so beeindruckend machen. Wie bei allen anderen großartigen Entwicklungen führten die Widrigkeiten zu genialen Lösungen. Mehrspuraufnahmeverfahren waren 1967 schon der Standard, aber 8-Spur-Tonbandgeräte hatten sich zwar in den USA schon durchgesetzt, waren aber bis Ende 1967 in Großbritannien nicht so leicht zu bekommen. Viele der psychedelischen Soundeffekte auf dem Album entstanden durch kreatives Zusammenkleben und indem an fast jedem Gegenstand im Raum Mikrophone angebracht wurden. Auch Kopfhörer wurden zu Mikrophonen umfunktioniert und das war noch nicht das Ende ihres Einfallsreichtums.


9. Östliche Mystik

 

Genau wie der Rest der westlichen Welt hatten auch die Beatles die Musiktradition, Spiritualität und Kultur Indiens entdeckt und waren vollkommen fasziniert. Seit Norwegian Wood auf Rubber Soul war dieser Einfluss zu spüren gewesen und insbesondere auf Revolver, dank George Harrisons Song Love You To. Für Harrison wurde aus dem Interesse an indischer Musik eine Leidenschaft, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte. Bevor die Band für Sgt. Pepper ins Studio ging, flog Harrison nach Bombay und nahm bei Ravi Shankar Sitarunterricht. Das Ergebnis hört man auf dem östlich-angehauchten ‘Within You Without You’ und den atmosphärischen Hintergrundklängen von Lucy In The Sky With Diamonds.


10. Branchentrends ignorierenThe-Beatles-umg-News---Love

1966 hatten die Beatles schon eine beachtliche Reihe von Hits vorzuweisen, so waren z. B. vom Album Revolver bis 31. Dezember 1966 allein in den USA 1.187.869 Exemplare verkauft worden. Dank dieses Erfolges waren sie in der Lage, beim Songwriting und Instrumentierung ein wenig abenteuerlustiger zu sein. Mit jedem Album hatten sie die allgemein akzeptierte Definition von “Rockmusik” erweitert und da ihre Fans in allen möglichen Genre beheimatet waren, konnten sie mit Stilen und Instrumenten experimentieren und trotzdem den Mainstream ansprechen. Sie mussten sich nicht an kurzlebigen Trends orientieren und tanzbare oder radiotaugliche Singles produzieren. Stattdessen hoben sie Rockmusik auf eine neue Ebene und bereiteten den Boden für den sich später entwickelnden Progressive Rock und Art Rock.

Die Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band Reissue erscheint am 26. Mai.


Bestellen könnt ihr Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band in den verschiedenen Versionen unter folgenden Links:

Amazon: 2 LP Set

Amazon: 2 CD Set

Amazon: 6 Disc Boxset


Das könnte dich auch interessieren:

The Beatles feiern neue Jubiläums-Editionen von ‘Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band’

Der historische Verriss: Abbey Road von The Beatles

Quiz: Und du meinst, du kennst die Beatles?

Die musikalische DNA der Beatles

Popkultur

Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

Published on

The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verhalf die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill zu neuer Berühmtheit. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die wunderliche Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Kate Bush: 10 der wichtigsten Stücke der großartigen Sängerin und Songschreiberin

Continue Reading

Popkultur

Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

Published on

Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

Continue Reading

Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

Published on

Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ die Musikwelt veränderte

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss