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Popkultur

The Silver Beetles: Die allererste Tournee der Beatles

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Foto: Michael Ochs Archive/Getty Images

Vor 60 Jahren brechen die Beatles auf ihre erste Tour auf. Noch ohne Ringo und lediglich als Backing-Band, dafür mit Idealismus, staunend großen Augen und unter einem anderen Namen. Die sieben Tage machen sie weder reich, noch berühmt. Aber sie stellen die Weichen für das, was kommt.

von Björn Springorum

Allein die Etymologie der Beatles füllt Bücher und ist Gegenstand akademischer Arbeiten. Niemand kann ganz genau sagen, wann die Jungs aus Liverpool einfach nur noch als The Beatles bekannt waren. Damit ist nicht mal die Vorgeschichte der Fab Four in Formationen wie The Quarrymen gemeint, sondern jene rastlose Phase, in denen sich John Lennon, Paul McCartney und George Harrison mit Stu Sutcliffe und wechselnden Schlagzeugern von einem schlecht bezahlten Arrangement zum nächsten hangeln und dennoch frustrierend auf der Stelle treten.

Stu Sutcliffe hat die zündende Idee

Ein neuer Name soll es richten. In Anlehnung an Buddy Hollys The Crickets war also zunächst mal Beatals im Umlauf, später macht Stu Sutcliffe, der wahre Urheber des Namens, The Beetles daraus. Dann, weil erfolgreiche Bands meist längere Namen haben, nennt man sich The Silver Beetles. Wann daraus The Silver Beatles und in der Folge lediglich The Beatles wird, ist fast nicht mehr zu rekonstruieren. Und für diese Geschichte eigentlich auch gar nicht wichtig. Im Sommer 1960 flattert nach einem gefloppten Casting dann doch noch ein vielversprechendes Angebot ins Haus: Eine Tournee als Backing-Band für den ebenfalls aus Liverpool stammenden Crooner Johnny Gentle. Der ist damals durchaus angesagt, in der Musikgeschichte aber nicht mehr als eine kuriose Randerscheinung, die zufällig bei der allerersten Tournee der größten Band aller Zeiten dabei ist.

Mit Pseudonymen durch die Highlands

Die Beatles steigen in einen Zug und dann in einen kleinen klapprigen Van. Zwischen dem 20. und 28. Mai 1960 führt die Beat Ballad Show Tour durch Schottlands Highlands, in Weltstädte wie Alloa, Forres oder Nairn. Den Beatles ist das ziemlich egal. Sie bekommen 18 Pfund für die Woche (heute ungefähr 400 Euro), sind unterwegs, auf Achse, on the road wie eine richtige Band. Gut, sie sind nur die Backing Band für einen Kollegen und wurden auf den Plakaten nicht mal namentlich erwähnt. Doch Johnny Gentle And His Group, wie man bezeichnet wird, ist für die jungen Pilzköpfe erst mal genug. Sie finden sich sogar verwegen genug, sich Pseudonyme für diese Konzerte zuzulegen – das erste und einzige Mal. John Lennon wird zu Johnny Lennon, Paul McCartney verwandelt sich in den rassigen Paul Ramon, George Harrison wird Carl Harrison und Stu Sutcliffe mutiert zu Stuart de Staël. Nur ihr kurzzeitiger Drummer Tommy Moore bleibt ganz einfach Tommy Moore. Er war damals schon Ende 20 und wohl zu alt für diesen infantilen Spaß.

Lennon hilft als Komponist aus

Die Beatles nicht. Insbesondere George Harrison, damals gerade 17 Jahre jung, genießt die Zeit weg von Liverpool, von seiner Ausbildung zum Elektriker. Sie haben zwar kaum geprobt vor dieser Tour (ein Dauerzustand in den Tagen vor Hamburg) und kennen Johnny Gentles Songs so gut wie gar nicht; das ändert nichts an dem guten Verhältnis zwischen den jungen Hitzköpfen und Gentle. John Lennon soll Gentle sogar beim Song I‘ve Just Fallen For Someone geholfen haben, den später Adam Faith aufnehmen würde. Es ist eine der ganz frühen kompositorischen Beteiligung des Beatles. Folgende Zeilen gehen wohl auf Lennons Konto, obwohl er nie in den Credits genannt wird:

We know that we’ll get by

Just wait and see

Just like the song tells us

The best things in life are free

Schottische Lektionen in Routine

Gentle selbst erinnert sich an die erste Begegnung so: „Wir trafen uns erst eine halbe Stunde vor dem ersten Konzert an der Location. Zieht man das alles in Betracht, klangen wir eigentlich von Anfang an ziemlich gut. Jeden Abend wurde unser Sound besser – und am Ende der Tour wusste ich, dass diese Jungs so gut wie alle anderen waren, mit denen ich bislang gearbeitet hatte.“ In diesen Zeilen steckt eine zentrale Aussage: Diese schottische Woche bringt den Beatles endlich etwas, das sie bei ihren unregelmäßigen, oftmals völlig chaotischen Engagements in den Monaten zuvor nie zu fassen bekamen. Etwas, das in den endlosen und rauschhaften Hamburger Nächten zu einem Handwerk und dann zu einem Alleinstellungsmerkmal heranwächst: Stabilität und Routine.

Rock‘n‘Roll statt Abitur

Das gilt natürlich nur für das halbwegs geordnete Geschehen auf den Bühnen der Stadthallen und Ballrooms. Abseits davon verläuft die Tour für die Beatles so, wie man es sich vorstellt, wenn fünf halbstarke Jungs aus Liverpool endlich mal losgelassen werden. Überhaupt auf diese Tournee fahren zu dürfen, hat die meisten von ihnen reichlich Überredungskunst gekostet, wie sich Paul McCartney auf Anthology erinnert: „Und hier waren wir nun, mitten in Schottland, obwohl ich doch eigentlich mein Abitur machen sollte.“ McCartney galt zwar als Musterschüler; doch der Beat und der Rock‘n‘Roll zwangen auch bei ihm die Schule irgendwann in die Knie. We don‘t need no education, oder so.

Die Silver Beetles auf ihrer Tour im Jahre 1960 – noch ohne Ringo.
Foto: Keystone/Getty Images.

Lager hinterm Steuer

Was die Beatles damals genau wollen, wissen sie wahrscheinlich selbst nicht so ganz genau. Bei einer Show leiht Gentle George Harrison eines seiner schwarzen Shirts, weil Lennon und McCartney ebenfalls schwarz tragen. So ist zumindest eine Art Uniform zu erahnen, ein Einheitslook, der auf der Reeperbahn verfeinert wird. Hamburg ist Ende Mai 1960 aber ebenso weit weg wie Erfolg, Kohle oder die Beatlemania. Den frühen Beatles ist das egal. Ihnen ist auch egal, dass sie mit weniger Kohle zurück nach Liverpool kommen als sie anfangs in der Tasche hatten. Sie fahren mit einem Van, gesteuert von einem konstant Lager süffelnden Gentle, durch Schottland, teilen sich in den Hotels meist zwei Zimmer, träumen von großen Hallen.

Sie spielen Coversongs für die Provinz, die natürlich nicht ahnt, welchen Musikern sie hier zusehen darf. Es sind unschuldige, nichtssagende, austauschbare Nummern mitten in den Highlands: Buddy Hollys It Doesn’t Matter Anymore und Raining In My Heart, Elvis Presleys I Need Your Love Tonight, Ricky Nelsons Poor Little Fool, Clarence Frogman Henrys I Don’t Know Why I Love You But I Do, Eddie Cochrans Come On Everybody und Jim Reeves He’ll Have To Go bestimmten die Setlist, eigene Stücke sind unter Englands Beat-Interpreten immer noch eher ungewöhnlich. So oder so: Auch Gentle muss bald zugeben, dass seine Backing Band mehr Applaus bekommt als er.

Keine Zeit fürs Krankenhaus

Bei einer der endlosen Fahrten durch Schottlands Wildnis wird der Van in einen Unfall verwickelt. Tommy Moore, der deutlich ältere Schlagzeuger, verliert seine beiden Vorderzähne. Er kommt ins Krankenhaus, wird aber von Lennon persönlich aus dem Bett und am Abend wieder hinter das Schlagzeug gezerrt. Zahnschmerzen hin oder her. Wenig verwunderlich, dass Moore nach der Rückkehr an den Mersey River in Liverpool nur noch ein weiteres Konzert mit den Beatles gibt. Als sie im August 1960 erstmals nach Hamburg aufbrechen, haben sie schon Pete Pest als Drummer rekrutiert. Aber wie alles bei den Beatles, ist das schon wieder eine ganz eigene Geschichte. Nur eines steht fest: Ziemlich genau zehn Jahre nach dieser ersten Tournee erscheint mit The Long And Winding Road die letzte Single der Beatles.

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