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Popkultur

30 Jahre „Freedom“: Das Album, das Neil Young rettete

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Der Godfather of Grunge wurde natürlich nicht immer so genannt. Insbesondere in den Achtzigern wusste niemand so recht, was zum Teufel sich Neil Young bei seinen Platten dachte. Freedom beendete die Dekade dann doch noch versöhnlich – und legte ganz nebenbei den Grundstein für seinen heutigen Status.

Björn Springorum

Hört hier in Freedom von Neil Young rein

Die Achtziger waren nicht gut gewesen zu Neil Young. Drogen, Stress mit der Plattenfirma, Sorgen um seinen Sohn, der kommerzielle Absturz und einige, sagen wir, fragwürdige Alben standen in starkem Kontrast zu den unglaublichen Siebzigern. Damals begann es mit After The Goldrush, gefolgt von Harvest. Kurz vor Ausklang seines goldenen Jahrzehnts kam dann noch der schroffe Grunge-Vorbote Rust Never Sleeps. Ausnahmslos Großtaten, die eigentlich auch für das neue Jahrzehnt jede Menge versprachen. Doch die Prognosen, sie hatten mal wieder die Rechnung ohne die unberechenbare Künstlerseele Youngs gemacht.

Gerade steuerte er noch die Musik für eine Hunter S. Thompson-Biografie bei, dann ließ er Country, Folk und Rock weitgehend hinter sich: Re·ac·tor von 1981 versuchte sich beispielsweise in New Wave – mit mäßigem Erfolg. Er spielte nicht mehr live und verließ sein langjähriges, einst von Frank Sinatra gegründetes Label Reprise. Schließlich versuchte er sein Glück bei Geffen, jenem durch den Mord an John Lennon auf geschmacklose Weise zum millionenschweren Big Player aufgestiegenen Label. Erstes Produkt dieser unglückseligen Zusammenarbeit: Trans, ein Album, das mit Vocoder, Synthesizern und elektronischen Beats experimentierte. Damals verblüffte (okay, sagen wir eher: erschütterte) dieser rigorose Stil viele Fans. Heute ist bekannt, dass Young die Werke der frühen Achtziger zur Verarbeitung der Kinderlähmung seines Sohnes Ben nutzte.

Phönix aus der Asche des Folk Rock

Doch wusste das niemand. Also schaute man mit ungläubigem Staunen zu, wie Young seine Karriere mit allem, was er tat, den Bach runtergehen ließ und seinen Ruf genüsslich demontierte. Auch 1983 wurde es nicht besser. Everybody’s Rockin‘, Album zwei für Geffen, bestand aus Rockabilly-Songs und –Covern von Elvis Presley oder Jimmy Reed, eingespielt mit einer eigens für die Aufnahmen zusammengestellten Band.

Geffen konnten nicht glauben, was sie da hörten. Sie beendeten die Aufnahmen vor dem eigentlichen Ende und brachten das Album mit gerade mal 25 Minuten Spielzeit einfach raus. Heute hält Everybody’s Rockin‘ den traurigen Rekord in Sachen negativer Kritiken. Doch selbst viele Jahre später betont Young noch die Wichtigkeit dieser kruden Platte: „Sie bot mir die Möglichkeit, das, was ich aufgebaut hatte, noch mehr zu zerstören. Hätte ich das nicht gemacht, würde ich heute nicht tun können, was ich tue.“ Nein Young, der Phönix aus der Asche des Folk Rock.

Vom größten Misserfolg zum Comeback

Dem erzürnten Labelboss David Geffen war das egal. Er hetzte Young die Anwälte auf den Hals und verklagte ihn, weil er absichtlich unrepräsentative Musik zur Schädigung des Labels machte. Man focht verbittert vor Gericht, Neil Young konterte unnachahmlich: Mit Old Ways, einem zum damaligen Zeitpunkt längst geschriebenen, puren Country-Album. Da wusste man aber so langsam gar nicht mehr, wie man ihn einschätzen sollte – sehr zu seinem Pläsier. Life erschien 1987 und beendete die turbulente Zusammenarbeit mit Geffen. Es ist bis heute das mit Abstand erfolgloseste Neil-Young-Album aller Zeiten.

Da musste selbst ein Grantler wie Young so langsam einsehen, dass das alles ein ziemlicher Karrierekiller war, was er sich zehn Jahre lang geleistet hatte. Kurzerhand unterschrieb er wieder bei Reprise und tourte sich den Hintern wund. Selbst mit Crosby, Stills, and Nash nahm er 1988 noch mal ein Album auf. Dann, 1989, war es endlich wieder so weit: Seine vor Zynismus tropfende Anti-Bush-Single Rockin‘ in the Free World wurde ein gewaltiger Hit und das dazugehörige Album Freedom sein erster großer Wurf seit einer Dekade. Vom größten Misserfolg zum leuchtenden Comeback – so was kann auch nur er aus dem Hut zaubern.

Zeitsprung: Am 11.8.1976 nimmt Neil Young in einer durchzechten Nacht ein Album auf.

Der Godfather of Grunge wird geboren

Zehn Jahre nach Rust Never Sleeps kehrte Young zu seiner bissigen, schroffen Mischung aus Folk und der Urgewalt qualvoll verzerrter Gitarren, gepaart mit hoffnungslosen, verbitterten, düsteren Texten zurück. Mit einem Unterschied: Diesmal hörten Kurt Cobain und Eddie Vedder zu. Die Achtziger waren auf einmal vergessen, Young wurde zum Godfather of Grunge. Noch im selben Jahr erschien mit The Bridge: A Tribute to Neil Young ein Cover-Album mit Songs von Sonic Youth, Nick Cave, Soul Asylum, Dinosaur Jr oder den Pixies. Noch fünf Jahre zuvor wäre das vollkommen undenkbar gewesen.

Bis heute bleibt Neil Young die große Unbekannte in der Gleichung der Popkultur. In den letzten 30 Jahren machte er mal Musik für Jim Jarmusch, mal nahm er Sonic Youth mit auf Tournee, mal spielte er lupenreinen Country, mal nahm er mit Pearl Jam auf. Er entwickelte das seinen Worten nach ultimative digitale Format für Musik und rockt bis heute gegen Monsanto. Außerdem setzte er das von Barclaycard gesponsorte British Summer Time-Festival im Londoner Hyde Park diesen Sommer sogar so sehr unter Druck, bis der von ihm und Bob Dylan bestrittene Festivaltag ohne einen einzigen Barclaycard-Schriftzug über die Bühne ging.

Ein ewiger Protestler eben, ein unbeugsamer Geist des Rock‘n‘Roll, der auch heute, mit bald 74 Jahren, nichts von seiner subversiven Anarcho-Art hergegeben hat. Einfach macht es das sicherlich nicht mit ihm. Aber unglaublich spannend. Sein neues Crazy-Horse-Album Colorado sollte man deswegen mit großer Spannung erwarten; es sind schließlich insbesondere die ausklingenden Jahrzehnte, die Young zu Großem berufen: 1969 erschien Everybody Knows This Is Nowhere, das erste Album mit Crazy Horse, 1979 Rust Never Sleeps und 1989 das Comeback Freedom. Enden und Anfänge – für den ewigen Gestaltwandler Young ein gefundenes Fressen.

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