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Popkultur

Zeitsprung: Am 11.8.1976 nimmt Neil Young in einer durchzechten Nacht ein Album auf.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 11.8.1976.

von Christof Leim und Tom Küppers

Drogen und Arbeit – zwei Dinge, die man tunlichst nicht miteinander vermischen sollte. Normalerweise zumindest, denn im Rock’n’Roll haben bewusstseinserweiternde Substanzen für den kreativen Prozess schon immer eine Rolle gespielt. Ohne Beteiligung von Marihuana klänge Reggae wohl kaum so tiefenentspannt, andererseits lassen sich die vielen tragischen Fälle nicht übersehen, etwa Pink Floyd-Gitarrist Syd Barrett, der an zu viel LSD kaputt geht.

Den Siebzigern hängt diesbezüglich ein besonders wilder Ruf an: Legendär sind die Koks-Geschichten von Fleetwood Mac oder der Lebenswandel von Keith Richards, der zeitweise mit einer halben Apotheke im Gepäck verreist. Und wie berichtet Joe Walsh Eagles von den Exzessen mit seinem Kumpel, Blues-Brother John Belushi? „Er kam abends vorbei, und dann sind wir zwei Wochen wach geblieben.“


Bildet euch euer eigenes Urteil zu Hitchhiker:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Ein Kind von Traurigkeit kann man Neil Young seinerzeit ebenfalls nicht nennen. Nachdem er in den Sechzigern mit Buffalo Springfield und den Country-/Folk-Rockern Crosby, Stills, Nash & Young schon Erfolge feiern konnte, hat er sich als Solokünstler und als Teil der Formation Crazy Horse etabliert. Natürlich pflegt ein kreativ Ratloser wie Young dabei die eine oder andere schrullige Eigenschaft: So geht er gemeinsam mit Produzent Davis Briggs von 1975 bis 1976 regelmäßig in das Indigo Ranch-Aufnahmestudio im kalifornischen Malibu, allerdings nur in Vollmondnächten. Im Rahmen dieser Sessions entstehen einige Titel, die, selbst wenn sie keine Welthits wie Rockin’ In The Free World werden, heutzutage aus Youngs Oeuvre nicht mehr wegzudenken sind, beispielsweise das Stück Stringman.

Neil Young in den wilden Siebzigern (Austin, 1976)  – Pic: Mark Estabrook

Am 11. August 1976 steht der Mond mal wieder passend, und diesmal läuft Youngs Kreativmotor auf vollen Touren. Mit gleich mehreren Rauschmitteln als Treibstoff (flüssig, pulverförmig und rauchbar) lässt er aus dem Nichts in nur einer Nacht das Album Hitchhiker entstehen. In der Biografie Harpoon Dodger erinnert sich Produzent Briggs: „Er dreht sich zu mir um und sagt nur, dass er jetzt den kreativen Zapfhahn aufdreht. Und dann kommen so Songs wie Pocahontas und Powderfinger raus. Wir reden hier nicht von Stift und Papier: Er nimmt eine Gitarre, sitzt da, blickt mir ins Gesicht und zwanzig Minuten später… Pocahontas ist fertig.In seinen Memoiren Special Deluxe: A Memoir of Life & Cars beschreibt Neil Young den Abend ebenfalls: „Das ging tatsächlich in einem Rutsch, obwohl ich ganz schön dicht war, was man meiner Darbietung auch anhört. Ich habe die Songs nacheinander gemacht und nur für Gras, Bier oder Kokain eine Pause eingelegt.“ Ohne verherrlichend wirken zu wollen: Das ist eine stramme Leistung.

Die Plattenfirmen zeigen sich allerdings nicht ganz so beeindruckt: In ihren Ohren wirkt das Ergebnis dieser „rauschenden“ Nacht eher wie eine Sammlung von Demos, wie Young später in einem Video erklärt erklärt. Man legt dem Künstler nahe, das Material nochmal ordentlich (und womöglich nüchtern) mit einer Band aufzunehmen. Doch wie so oft ignoriert Young solche Ratschläge, denn die Songs haben längst angefangen, ein Eigenleben zu entwickeln, und tauchen in seinen Konzerten auf, etwa bei seinem MTV Unplugged-Auftritt 1993.



Erst nach über 41 Jahren, am 8. September 2017, erscheinen die kompletten Aufnahmen dieser lebhaften Nacht in offizieller Form. Nostalgische Verklärung hin oder her: Man kommt nicht umhin, diesen spartanisch instrumentierten Liedern in ihrer ursprünglichen Form einen gewissen Charme zu attestieren, und als Zeitdokument sind sie ohnehin von Bedeutung. Musikalisch gerät allerdings nicht alles so glänzend, wie Young-Jünger es über jeden Ton des Meisters behaupten. Deswegen: Finger weg von den Drogen.


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