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Popkultur

Zeitsprung: Ab 6.4.1968 gehört Syd Barrett offiziell nicht mehr zu Pink Floyd.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.4.1968.

von Christof Leim

Am Anfang war Syd Barrett die treibende Kraft hinter Pink Floyd, als Gitarrist, Sänger, genialer Songschreiber und spiritueller Anführer. Von den elf Songs auf dem Debüt The Piper At The Gates Of Dawn stammen acht von ihm, an zwei weiteren schreibt er mit. Die Platte erscheint am 4. August 1967, ein halbes Jahr später gehört er nicht mehr zur Band. Denn Barrett verschwindet in seinem eigenen Universum, aus der Welt geworfen durch viel zu viel LSD und eine instabile Psyche.

Hier könnt ihr in The Piper At The Gates Of Dawn reinhören:

1967 gibt es viel zu tun bei Pink Floyd. Das erste Album steht in den Läden, die Reaktionen fallen bestens aus, Konzerte sollen gespielt werden. Doch Roger Keith „Syd“ Barrett legt ein zusehends verstörendes Verhalten an den Tag: Der früher gut gelaunte und witzige junge Mann mit dem natürlichen Rockstar-Look verwandelt sich allmählich in einen deprimierten Eremiten, der wirres Zeug redet oder einfach ins Leere starrt. Der 21-Jährige leidet unter Halluzinationen, gestörter Sprache, Gedächtnislücken und Stimmungsschwankungen.

Das kann nicht gut gehen

Im Juni 1967 dann bleibt er für ein ganzes Wochenende verschollen. Als seine Kollegen ihn finden, haben sie ihn trotzdem verloren. Der Syd Barrett, den sie kannten, ist „verschwunden“, wie Keyboarder Rick Wright es ausdrückt. Für mehrere Monate hatte der Frontmann schon üppige Mengen an Acid und anderen bewusstseinserweiternden Drogen genommen. Man darf davon ausgehen, dass es an jenem Wochenende zu einem Trip keine Rückfahrkarte mehr gab. Ebenso gilt als wahrscheinlich, dass Syd Barrett an Schizophrenie oder einer anderen psychischen Erkrankung litt. In Kombination mit LSD & Co. kann das nicht gut gehen.

Ein Bild aus fröhlicheren Zeiten: Syd Barrett lachend mit Pink Floyd

Als Mitglied, ja sogar Anführer einer Band funktioniert das natürlich kein Stück: Bei einer Show in San Francisco verstimmt er während Interstellar Overdrive ganz langsam seine Gitarre, bei anderen Gigs spielt er durchgehend nur einen Akkord oder steht einfach bewegungslos da. Seine Antworten in Interviews wirken einsilbig und wirr, wenn er überhaupt etwas sagt. Oft weiß er nicht, wo er sich befindet, manchmal verfällt er sogar in eine katatonische Starre.

Ein Schulfreund muss helfen

Es gibt noch helle Momente, unter Fans wird etwa das Konzert in Stockholm im September 1967 geschätzt, aber bei einer Tour im November 1967 zusammen mit Jimi Hendrix spielt David O’List von The Nice die Gitarre – zur Sicherheit. Kurz darauf heuern Pink Floyd David Gilmour an, einen Schulfreund von Barrett. Er soll als zusätzlicher Gitarrist die Konzerte zusammenhalten. Fünf Mal tritt die Band als Quintett auf, manchmal umkreist Syd dabei den Neuen lauernd oder stellt sich nur wenige Zentimeter vor ihn. Es wird klar, dass es so nicht weiter gehen kann.

Am 26. Januar 1968 befinden sich die Musiker auf dem Weg zu einer Show in der Universität von Southampton – und verzichten darauf, Barrett einzusammeln. Im Van fällt damals die Frage:„Sollen wir Syd abholen?“ Die Antwort: „Das können wir sein lassen.“ Fertig. Syd Barrett ist damals 22 Jahre alt. Einfach dürfte das den Pink-Floyd-Mitgliedern nicht fallen, aber allem Anschein nach haben sie schlicht keine Wahl. Drummer Nick Mason gibt später im Rolling Stone zu Protokoll: „Ich kann mich noch genau an das Gefühl der Erleichterung erinnern. Er war der Hauptsongwriter, der Frontmann, aber interessanterweise schienen wir uns ohne ihn besser gefühlt zu haben. Wenn ich zurückdenke, frage ich mich, wie das funktionieren konnte. Aber so war es.“

Streich eines verrückten Genies

Anfangs soll Syd Barrett weiter zur Band gehören, Musik schreiben und aufnehmen, nur eben nicht mehr auf Tour gehen. So hatten es die Beach Boys mit Brian Wilson gehandhabt. Aber das funktioniert nicht. Zu seiner letzten Probe mit Pink Floyd bringt der Gitarrist den neuen Song Have You Got It Yet? mit, auf deutsch: „Hast du es jetzt verstanden?“ Zunächst wirkt die Nummer recht simpel, trotzdem bekommen die Musiker es einfach nicht hin – bis sie feststellen, dass Barrett bei jedem Durchgang klammheimlich das Arrangement ändert und dazu „Have you got it yet?“ singt. Bassist Roger Water nennt das treffend einen „Streich eines verrückten Genies“.

Das verrückte Genie: Syd Barrett (2.v.l.) mit Pink Floyd

Am 29. Juni 1968 erscheint das Zweitwerk A Saucerful of Secrets, nur ein einziger Barrett-Song findet sich darauf (Jugband Blues). Er spielt Gitarre bei Remember A Day und Set The Controls For The Heart Of The Sun, ansonsten erledigen die Kollegen die Arbeit. Angeblich wartet Syd mehrmals im Empfangsbereich des Studios darauf, von ihnen hereingebeten zu werden. Doch das bringt nichts mehr.

Nur: Er weiß nichts davon

Allerdings haben Waters, Wright, Mason und Gilmour es bisher nicht über das Herz gebracht, ihrem alten Freund ihre Entscheidung mitzuteilen. Das führt insbesondere für Keyboarder Wright zu unschönen Situationen, denn zu dem Zeitpunkt teilt er sich eine Wohnung mit Barrett. Manchmal muss er behaupten, nur eben Zigaretten zu holen, wenn er zu einem Gig fährt. Nicht selten findet er danach seinen Mitbewohner in gleicher Position vor, unbewegt und ausdruckslos. Bei ein paar Gigs taucht Syd sogar auf, starrt aber nur David Gilmour an. Am 6. April 1968 schließlich verkündet die Band offiziell, dass Syd Barrett nicht mehr zu Pink Floyd gehört.

 

Von dem schillernden Künstler, der die Band gestartet hatte, ist da nicht mehr viel übrig. Eine Schande, dass womöglich einfach ein schlechter Trip (oder eher: mehrere Dutzend) eine weitere Karriere verhindert haben. Dabei hatte der Mann noch viel vor. Ein Freund, der Poet Spike Hawkins, berichtete einmal von einem Ausspruch Barretts über die frühen Floyd-Aufnahmen: „Ich will viel tiefer gehen“, habe der Gitarrist gesagt. „Ich will Musik und Texte als Schlüssel verwenden, um Türen zu öffnen.“ Auf den Hinweis, er habe bereits Türen für die Band geöffnet, entgegnete der Künstler nur: „Ja, aber mit billigen Schlüsseln.“

Die erste Inkarnation von Pink Floyd: Mason, Barrett, Waters, Wright

Keine Rückkehr mehr

Damit endet die Geschichte von Syd Barrett noch nicht, aber wirklich ins Leben zurückkehren wird er nicht mehr. 1970 veröffentlicht er zwei Soloalben (The Madcap Laughs und Barrett), Konzerte spielt er kaum, weitere Projekte verlaufen im Sande. Seine Kollegen haben noch lange an dem Verlust zu knabbern und schreiben die Songs Wish You Were Here und Shine On You Crazy Diamond. Ausgerechnet bei den Aufnahmen zu letzterem taucht Barrett im Studio auf, übergewichtig und deutlich gezeichnet. Seine Freunde erkennen ihn anfangs nicht einmal. Er lebt zurückgezogen zunächst in London, dann in Cambridge, malt und gärtnert. Als einziger Kontakt zur Außenwelt fungiert seine Schwester Rosemary. Am 7. Juli 2006 stirbt Syd Barrett im Alter von 60 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Auf seinem Totenschein steht als Beruf: „Musiker im Ruhestand“. Traurig.

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Popkultur

Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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