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Popkultur

Zeitsprung: Am 5.6.1975 besucht ein verwirrter Syd Barrett Pink Floyd im Studio.

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Syd Barrett 1970, bevor sein Leben auseinanderfiel.Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.6.1975.

von Christof Leim

Zunächst erkennen sie ihn gar nicht, den kahlgeschorenen, übergewichtigen und verwirrten Mann, der da in den Abbey Road Studios auftaucht: Pink Floyd arbeiten gerade an Wish You Were Here, als am 5. Juni 1975 ihr früherer Gitarrist Syd Barrett im Raum steht. Gut geht es ihm nicht. Eine traurige, gespenstische Geschichte. 

Hier könnt ihr euch Wish You Were Here anhören:

Klare Sache: Ohne Syd Barrett wären die frühen Erfolge von Pink Floyd nicht passiert. Der Sänger und Gitarrist galt in den Anfangszeiten als der spirituelle Anführer der Band, vor allem schrieb er fast alle Songs des Debütalbums Piper At The Gates Of Dawn und die Hitsingle See Emily Play. Die Platte erscheint im August 1967, doch schon im darauffolgenden Frühling müssen sich die Musiker von ihrem Freund trennen: Syd Barretts Geist weilt viel zu oft in anderen Universen. Großzügig konsumierte Bewusstseinserweiterungen haben seine instabile Psyche in eine ferne Umlaufbahn geschossen, von der es keinen Rückflug mehr gibt. Der 22-jährige Rockstar hat sich in einen deprimierten und deprimierenden Eremiten verwandelt. Ab 6. April 1967 gehört Syd Barrett offiziell nicht mehr zu Pink Floyd (wie ihr hier nachlesen könnt). Für ihn übernimmt sein Schulfreund David Gilmour.

Verschwunden

Während die anderen vier in den folgenden Jahren Prog-Rock-Geschichte schreiben und 1973 mit The Dark Side Of The Moon einen Mega-Multiplatin-Meilenstein (und ein verdammt tolles Album) veröffentlichen, zieht sich Barrett zurück. Zwei Solowerke und vereinzelte Aufnahmen gibt es noch, ab Anfang der Siebziger ward von ihm jedoch nicht mehr viel gesehen oder gehört. Auch seine ehemaligen Bandkollegen haben jahrelang keinen Kontakt.

Nach dieser Vorgeschichte wirkt es um so gespenstischer, dass Syd Barrett just an dem Tag unangemeldet in den Abbey Road Studios in London auftaucht, als Pink Floyd an der Abmischung von Shine On You Crazy Diamond arbeiten, einem Stück, das explizit von ihm handelt. Auch mindestens der Titel der dazugehörigen Platte, Wish You Were Here, bezieht sich auf den verlorenen Freund, dessen Verlust die Musiker – Roger Waters, Nick Mason, Dave Gilmour und Rick Wright – offensichtlich weiter beschäftigt.

Verstörend und traurig

Doch Syd Barrett sieht an diesem 5. Juni 1975, einem Donnerstag, nicht mal mehr aus wie das verrückte Genie von einst: Der 29-Jährige hat sich den Kopf komplett rasiert, die Augenbrauen eingeschlossen, und stark an Gewicht zugenommen. Deshalb erkennen ihn Wright und Waters zunächst auch nicht, als er auf einem Sofa sitzt, während sie am Mischpult werkeln und jeweils annehmen, der Besucher sei ein Bekannter des anderen oder vielleicht ein Crew-Mitglied. „Damals war es ganz normal, dass Fremde bei unseren Sessions ein und aus gehen“, wird Rick Wright auf einer Archiv- und Gedenkseite zu Barrett zitiert. „Nach vielleicht 45 Minuten habe ich realisiert, dass es Syd ist – ein Schock, denn ich hatte ihn sechs Jahre nicht gesehen. Er ist immer aufgestanden und hat sich die Zähne geputzt, dann hat er die Zahnbürste verstaut und sich wieder hingesetzt.“ Irgendwann fragt Barrett: „Okay, wann spiele ich meine Gitarren ein?“ Als Waters ihn fragt, was er von dem Stück hält, lautet die Antwort: „Es klingt ein bisschen alt.“

Nun begibt es sich, dass Gilmour am gleichen Tag seine erste Frau Ginger geheiratet hat. Den von der Plattenfirma EMI in der Kantine des Abbey Road ausgerichteten Empfang besucht Syd Barrett ebenfalls. Jerry Shirley, ein Schlagzeuger und zeitweiliger Mitmusiker des gefallenen Helden, erinnert sich auf besagter Archivseite: „Mir gegenüber am Tisch war dieser übergewichtige Typ, der ein bisschen nach Hare Krishna aussah. Ich habe Dave angesehen, und der hat gelächelt. Da wurde mir klar, dass es Syd ist. Nach einer Weile habe ich den Mut gefasst, ihm Hallo zu sagen. Ich habe ihm meine Frau vorgestellt, und ich glaube, er hat einfach gelacht. Auf die Frage, was er so macht dieser Tage, lautete seine Antwort: ‚Och, nicht viel. Essen, schlafen. Ich stehe auf, esse, gehe spazieren und schlafe.’“ Kurz darauf verabschiedet sich Syd Barrett, ohne sich von den Neuverheirateten zu verabschieden.

Nie wieder gesehen

An diesem Tag im Sommer 1975 sehen die Pink-Floyd-Mitglieder ihren ehemaligen Mitmusiker zum letzten Mal. (Nur ein einziges Mal läuft Barrett ein paar Jahre später im Kaufhaus Harrods Roger Waters über den Weg. Als er den Bassisten erkennt, lässt er seine Tüte mit Süßigkeiten fallen und rennt davon.)

Die Wirkung dieses Studiobesuchs auf die Band ist immens. Nicht nur kommen Roger Waters die Tränen, im Film zu The Wall rasiert sich der Charakter Pink, gespielt von Bob Geldof, alle Haare vom Körper, nachdem er einen Nervenzusammenbruch erlitten hat. Für David Gilmour, der Shine On You Crazy Diamond und Wish You Were Here mitkomponiert hat, tragen diese Songs immer die Erinnerung an die ehemalige Psychedelic-Ikone, wie er 2012 in einer Dokumentation zum Album erklärt: „Ich kann sie nicht singen, ohne an Syd zu denken.“

Barrett lebt in den folgenden Jahrzehnten völlig zurückgezogen in seinem Geburtstort Cambridge, malt und arbeitet im Garten. Den einzigen Kontakt zur Außenwelt stellt seine Schwester Rosemary dar. Am 7. Juli 2006 verstirbt er im Alter von 60 Jahren. Diese Welt verlassen hat er leider schon vorher. Rest in peace.

Zeitsprung: Ab 6.4.1968 gehört Syd Barrett offiziell nicht mehr zu Pink Floyd.

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