------------

Popkultur

Zeitsprung: Am 1.3.1973 brillieren Pink Floyd mit „The Dark Side Of The Moon“.

Published on

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.3.1973.

von Christof Leim

Man könnte sagen: Auf ihrem achten Album kommen Pink Floyd zum Punkt. Zumindest schrauben die vier Briten die langen instrumentalen Ausflüge zurück, das „psychedelische Genudel“, wie Gitarrist David Gilmour es selber nennt. Experimentell, ausladend und außergewöhnlich klingt das trotzdem noch, aber selten hat die Mischung aus Rockbasis, Prog-Können und Soundcollagen so gut funktioniert. Damit wird The Dark Side Of The Moon zu einem der erfolgreichsten Alben der Welt. Alleine die Zeit, in der sich die Scheibe in den US-Charts hält, spricht Bände: 741 Wochen. Das sind über 14 Jahre.

Hört euch die Platte hier an und lest weiter:

The Dark Side Of The Moon erscheint am 1. März 1973. Das Songmaterial haben Pink Floyd da schon ausführlich live gespielt und weiterentwickelt. Die ausufernden musikalischen Expeditionen ihres letzten regulären Albums Meddle (1971) kondensieren sie dabei zu aufgeräumteren Songstrukturen. Gleichzeitig schafft eine makellose Produktion eine wunderbare Klangwelt voller Weite und Tiefe. Allerdings verzichten die vier Briten nicht auf Experimente: The Dark Side Of The Moon wimmelt vor ungewöhnlichen Sounds von Herzschlägen und Münzgeklimper über verrückte Lacher bis zu kurzen gesprochenen Dialogfetzen.

Tod, Konflikt & Wahnsinn

Für diese abgedrehten, philosophischen oder lustigen Sätze haben Pink Floyd ihre Roadies, Bedienstete der Londoner Abbey Road Studios und Mitglieder anderer Bands befragt. Sie illustrieren die Grundthemen der Platte, denen sich Bassist Roger Waters in seinen Texten nähert: Tod, Konflikt, Gier, Zeit, Vergänglichkeit und Wahnsinn, letzteres sicher inspiriert von der zusehends degenerierenden Geistesverfassung ihres ehemaligen Frontmannes Syd Barrett. Jede Seite der Langspielplatte besteht aus fünf Stücken, die nahtlos ineinander übergehen. (Für die Jüngeren unter uns: Langspielplatten sind wie CDs, man muss sie aber umdrehen. Für die ganz Jungen: Da laufen immer fünf Tracks hintereinander, und dann muss man aufstehen. Klingt komisch, ist aber so.)

Für das Instrumental The Great Gig In The Sky zum Thema „Tod“, basierend auf einer schönen Klavierkadenz von Richard Wright und gefühlvollen Lap-Steel-Gitarren von David Gilmour, wünscht sich die Band noch eine weibliche Stimme. Also schlägt Toningenieur Alan Parsons die Sängerin Clare Torry vor. Sie kommt an einem Sonntag ins Studio und erhält lediglich die vage Anweisung, ohne Worte über die Musik zu improvisieren. Erst als sich Torry vorstellt, quasi selbst ein Instrument zu sein, fällt der Groschen…

Grandiose Gesangsjubeleien

Die 25-Jährige lässt in wenigen Takes eine Gesangseinlage vom Stapel, die von leise bis laut, von kontrolliert bis ekstatisch und bis in höchste Höhen jubiliert. Großartig. Den Pink Floyd-Musikern klappen die Kinnladen herunter, aber britisch wie sie nun mal sind, bleiben sie so reserviert, dass Clare Torry nicht davon ausgeht, dass ihr Beitrag es auf die Platte schafft. Doch das tut er – und wird zu einem Höhepunkt des Werkes. Torry erhält 30 Pfund, das übliche Honorar für eine Sonntagssession im Studio damals, was heute ein paar Hundert Euro wären, und geht ihrer Wege. Über 30 Jahre später verklagt sie Pink Floyd und die Plattenfirma EMI und argumentiert (durchaus nachvollziehbar), dass ihr Gesang einen signifikanten Anteil an der Komposition hat. Man einigt sich außergerichtlich, seitdem ist neben Richard Wright auch Clare Torry in den Songwriting-Credits von The Great Gig In The Sky genannt.

Die zweite Seite beginnt mit den Sounds von Registrierkassen und Kleingeld: Money nimmt sich mit ironischen Worten der Konsumgeilheit der Gesellschaft an und erscheint als Single. Der Song mit dem markanten Bassriff im 7/4-Takt wird zum Hit, vor allem in den USA. In der zweiten Single, dem wunderschön melancholischen Us And Them, singt Gilmour über Isolation und Depression. Das coole Saxofon in beiden Songs spielt der Brite Dick Parry. Für die Aufnahmen nutzen die Musiker und Toningenieur Parsons alles, was die damals moderne Studiotechnik zu bieten hat, darunter 16-Spur-Maschinen, Tape Loops und neuartige Analogsynthesizer.

Das markante 7/4-Bassriff zu Money.

 

Ein ikonisches Cover

Schon früh stehen die Titel Dark Side Of The Moon oder auch Dark Side Of The Moon: A Piece For Assorted Lunatics im Raum, und zwar als Anspielung auf Wahnsinn, nicht als astronomische Referenz. Doch weil sich herausstellt, dass eine Band namens Medicine Head diesen Begriff schon genutzt hat, wird die Platte kurzzeitig in Eclipse umgetauft. Als das Medicine-Head-Album floppt, interessiert das aber niemanden mehr. Für das Cover wünscht sich Richard Wright ein „einfaches und mutiges“ Aussehen, also ersinnt der legendäre Designer und langjährige Pink-Floyd-Partner Storm Thorgerson das ikonische Artwork mit dem Prisma.

Das Artwork der Doppel-LP: einfach, aber sehr effektiv.

The Dark Side Of The Moon erscheint am 1. März 1973 in den USA, 15 Tage später dann auch in Großbritannien, und wird aus dem Stand ein Erfolg. Schon nach einem Monat erhalten Pink Floyd Gold in den Staaten und erreichen Ende April Platz eins. Den halten sie zwar nur für eine Woche, aber die Scheibe hält sich sage und schreibe 741 Wochen in den Billboard-Charts, also von 1973 bis 1988. Das heißt: Über 14 Jahre lang geht das Ding jede einzelne Woche mehrere Tausend Mal über die Tresen. Das läppert sich: Nach gängigen Schätzungen steht The Dark Side Of The Moon heute bei über 45 Millionen verkaufter Exemplare. Irgendein schlauer Kopf hat mal überschlagen, dass einer von 14 Menschen unter 50 in den USA das Werk besitzt oder besessen hat. Als 2009 die Regelungen für den Wiedereintritt von Katalogtiteln (also von alten Alben) in die Billboard-Charts geändert werden, huscht die Platte erneut auf die Liste. Das passiert noch einige Male, so dass The Dark Side Of The Moon bis April 2015 sage und schreibe 900 Wochen in den Charts verbracht hat.

Dark Side Of The Wizard Of Oz

Bei einer solchen massenhaften Verbreitung lassen lustige Theorien nicht auf sich warten. Beispielsweise glauben ein paar Nerds, herausgefunden zu haben, dass The Dark Side Of The Moon synchron zum Film The Wizard Of Oz von 1939 läuft, womöglich also eigens dafür geschrieben wurde. So beginnt die Protagonistin Dorothy just bei der Zeile „no one told you when to run“ zu laufen und balanciert auf einem Zaun, als David Gilmour „balanced on the biggest wave“ singt. Schade fast, dass Gilmour, Drummer Nick Mason und Alan Parsons einen Zusammenhang bestreiten. Wir fragen uns: Wie viel muss man eigentlich rauchen, um sowas zu erforschen?

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Zeitsprung: Am 5.6.1975 besucht ein verwirrter Syd Barrett Pink Floyd im Studio.

Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

Published on

Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

Continue Reading

Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

Published on

Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

Continue Reading

Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

Published on

Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

Du willst nichts mehr in der Rockwelt verpassen? Melde dich hier für unseren Newsletter an und werde regelmäßig von uns über die wichtigsten Neuigkeiten, die spannendsten Geschichten sowie die besten Veröffentlichungen und Aktionen informiert!

Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

Continue Reading

Latest Music News

Top Stories

Don't Miss

[class^="wpforms-"]
[class^="wpforms-"]