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Popkultur

Zeitsprung: Am 19.5.1954 wird AC/DC-Groove-Maschine Phil Rudd geboren.

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Phil Rudd

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 19.5.1954.

von Christof Leim

Ein Beat wie ein Traktor: Dank Phil Rudd drücken und grooven AC/DC mehr als so ziemlich jede andere Rockband dieser Erde. Sein Spiel mag sich einfach anhören, aber das ist es nicht. Der Meister des schnörkellos geballerten Viervierteltakts feiert am 19. Mai Geburtstag. Darauf ein donnerndes Bumm-Tschack!


Hier könnt ihr in alle AC/DC-Songs mit Phil Rudd reinhören:

Klickt auf „Listen“ für die volle Ladung.


Four to the floor. Uff-basch, uff-basch. Zwo-und-vier. Phil Rudd spielt keine Kunststückchen. Der Beat muss schieben, der Beat muss mitreißen, fertig. Schon seit Rock Around The Clock und Chuck Berry. Es fällt nicht schwer, den Rhythmus nachzuvollziehen, den der Australier schon seit den frühen Siebzigern raushaut. Allerdings kann das kaum jemand so gut wie er. Wer jemals versucht hat, AC/DC richtig nachzuspielen, und zwar nicht einfach so, sondern mit diesem Groove und diesem „Punch“, der weiß das.

Phil Rudd besitzt die Gabe, den Beat noch mehr swingen und zupacken zu lassen. Mal spielt er ein bisschen „dahinter“, mal ein bisschen „davor“ – mikroskopische Nuancen, die zuverlässig am Hirn vorbei funktionieren. Das kann man kaum üben oder erlernen, das hat man oder nicht. Zusammen mit einem rhythmischen Monster wie Malcolm Young an der Gitarre ergibt das eine unaufhaltsame Vierviertel-Dampfwalze, die keiner so schnell nachmachen kann. Weswegen AC/DC schon aus Prinzip die beste Rock’n’Roll-Band der Welt sind.

Los geht es am 19. Mai 1954, als Phillip Hugh Norman Witschke Rudzevecuis in Melbourne zur Welt kommt. Seine Eltern sind deutscher und irischer Abstammung, sein Stiefvater kommt aus Litauen, was den Nachnamen des zukünftigen Trommelgotts erklärt (eigentliche Schreibweise: Rudzevičius). Als Teenager entdeckt Phil das Schlagzeug, 1973 schließt er sich der Band Buster Brown an, bei der Rose Tattoo-Giftzwerg Angry Anderson singt. Mit denen trommelt Rudd 1974 das Album Something To Say ein. Kurz spielt er auch bei Coloured Balls, doch das sind alles kleine Fische im Vergleich zu dem, was danach kommt…

Die Rückseite der Buster-Brown-Platte von 1974: Phil Rudd steht vorne, Angry Anderson sitzt auf dem Autodach

In Sydney hatten die beiden Brüder Malcolm und Angus Young eine kleine Bands namens AC/DC gegründet und jede Menge Mitmusiker verschlissen. Als sie 1975 mal wieder einen Drummer suchen, spielt Phil Rudd bei ihnen vor – und wird auf der Stelle angeheuert. Sein effektiver Stil passt bestens zu dem Hochoktan-Boogie der beiden Gitarristen. Im gleichen Jahr erscheint das Debütalbum High Voltage, der Rest ist, ihr ahnt es schon, Geschichte: AC/DC steigen zu einer Rock’n’Roll-Macht sondergleichen auf.



Dahinter steckt ein gnadenloses Pensum an Aufnahmen und Konzerten. Das kostet seinen Preis: Alkohol gehört bei Malcolm und Sänger Bon Scott zum Tagesgeschäft, der Drummer bekommt mentale Probleme. So berichtet Bon während der 1978er-Tour zu Powerage in einem Brief an seine Schwester, dass Phil einen „einen kleinen Nervenzusammenbruch“ erlitten habe und „viel Zeit mit einem Psychiater“ verbringe: „Das war echt schlimm“, schreibt der Sänger, „aber glücklicherweise hat er es schnell genug überwunden, bevor es die Band durcheinander gebracht hat. Wir mussten ihn eine Weile mit Samthandschuhen anpacken, aber jetzt geht es ihm gut.“ Was den Schlagzeuger sonst beschäftigt, erfährt man nicht: AC/DC sind bekannt dafür, kaum etwas aus ihrem Privatleben an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Interviews erledigen die Brüder oder der Frontmann.



1979 landet das Quartett mit Highway To Hell einen ersten Hit und knackt den US-Markt; Rudd freut sich: „Ich bin losmarschiert und habe mir meinen ersten Ferrari gekauft“. Am 19. Februar 1980 allerdings verstirbt Bon Scott an den Folgen einer durchzechten Nacht, was seinen guten Freund Rudd schwer trifft. Das folgende Back In Black mit neuem Sänger Brian Johnson geht dann 1980 komplett durch die Decke, AC/DC werden zu Superstars.

Zwei Alben später gibt es jedoch Ärger im Paradies: Bei den Aufnahmen zu Flick Of The Switch sind alle Musiker komplett durch. Bei Rudd machen sich zunehmend Alkohol- und Drogenproblem bemerkbar, außerdem kommt es zu einer tätlichen Auseinandersetzung mit Bandchef Malcolm Young: Angeblich sei Phil zu einer Show in Long Island zwei Stunden zu spät gekommen, heißt es im Buch AC/DC: Maximum Rock & Roll, weswegen Malcolm ihm kurzerhand eine reingehauen habe. Das markiert nur die Spitze des Eisbergs, die allgemeinen Probleme – zwischenmenschlich und jeder mit sich selbst – brodeln schon lange unter der Oberfläche. Die Konsequenz: Phil Rudd wird nach acht Alben rausgeworfen, die Drumtracks für Flick Of The Switch sind da glücklicherweise schon im Kasten. Sein Nachfolger wird der erst 19-jährige Schotte Simon Wright.

Die nächsten Jahre verbringt Rudd in Neuseeland und tut nur Dinge, auf die er Lust hat, nämlich „mit schnellen Autos fahren, im Helikopter fliegen und Landwirtschaft betreiben“. Tatsächlich kauft sich (und betreibt) der Mann eine Firma, die Helikopter anbietet, baut ein Tonstudio auf und sammelt teure Sportwagen. Ansonsten freut er sich über seine Ruhe und heiratet zwischendurch auch mal, mittlerweile ist er Vater von fünf Kindern. Ans Schlagzeug setzt er sich, wenn er will, nicht wenn er muss. Viel mehr erfährt man nicht, und auch AC/DC reden kaum über den Wechsel.

Phil 1995 auf der „Ballbreaker“-Tour – Pic: Ac-dcfreak785/Wiki Commons

Als die Band allerdings 1991 zu The Razors Edge und mit Chris Slade am Schlagzeug durch Neuseeland tourt, laden sie ihren alten Kollegen zu einer Jamsession ein. Erste Bande sind geknüpft, und weil Malcolm trotzdem der Qualitäten von Wright und Slade immer einen bestimmten Groove vermisst hat, kommt, was kommen muss: Ende 1993 steigt Phil Rudd wieder bei AC/DC ein.

Zwischendurch wird unser Mann nochmal wegen Cannabis-Besitzes angeklagt, entgeht aber einer Strafe, auch eröffnet er das Restaurant Phil’s Place im neuseeländischen Tauranga. Am 29. August 2014 veröffentlicht er sein erstes Soloalbum names Head Job, aufgenommen mit den international nicht bekannten Musikern Allan Badger (Bass/Gesang) und Geoffrey Martin (Gitarre).



Mit seiner Stammkapelle spielt er vier Alben ein, doch kurz vor Veröffentlichung des äußerst erfolgreichen Rock Or Bust im November 2014 wird Phil Rudd verhaftet: Neben dem erneuten Vorwurf des Drogenbesitzes (diesmal auch Methamphetamine) legt man ihm zur Last, unliebsame ehemalige Geschäftspartner mit dem Tod bedroht, ja sogar einen Mord in Auftrag gegeben zu haben. Anscheinend ist der Drummer völlig aus der Spur geraten; seine Bandkollegen lassen durchblicken, dass er nicht mehr der Phil sei, denn sie von früher kennen. Schon während de Aufnahmen, Fotosessions und Videodrehs habe er sich als unzuverlässig erwiesen. Bei Gerichtsterminen gibt Rudd während dieser Zeit ein desolates Bild ab und wirkt gar nicht gesund, zudem verhält er sich wenig kooperativ. Das führt dazu, dass AC/DC die anstehende Welttour mit Chris Slade hinter dem Kit bestreiten und Rudd zudem zu acht Monaten Hausarrest und Strafzahlungen verurteilt wird.



Doch anscheinend fängt Rudd sich wieder: Nach eigenen Aussagen hat er den „verrückten Scheiß“ aufgegeben – und will seinen alten Job zurück. Im Sommer 2018 tauchen schließlich Bilder auf, die ihn und Brian Johnson auf der Terrasse eines Studios in Vancouver zeigen. Das scheint noch mal gut gegangen zu sein… Wir sagen „Herzlichen Glückwunsch!“ und freuen uns auf noch mehr Vierteltakt!



Titelfoto: Harry (Howard) Potts/Wiki Commons

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Popkultur

Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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