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Popkultur

Seht hier die Kurzdoku: „Hurt – Das Leben des Johnny Cash“

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Johnny Cash
Foto: CBS Photo Archive/Getty Images

Nur wenige Menschen konnten die Musiklandschaft so nachhaltig beeinflussen wie Johnny Cash. Am 26. Februar 1932 geboren, verstarb die Country-Ikone am 12. September 2003 im Alter von 71 Jahren. Wir werfen einen Blick zurück auf sein bewegtes Leben und den späten Erfolg mit den American Recordings.

Hier findet ihr unsere Kurzdoku über Johnny Cash:

(Textversion weiter unten)

Hört hier einige Highlights der American Recordings:

Der Mann in Schwarz und der Pakt mit dem Schmerz

Johnny Cash ist die größte Americana-Ikone des 20. und 21. Jahrhunderts, der König der Countrymusik, des Rock and Roll, Gospel und Blues, der unergründliche Man In Black. „Seine Stimme“, schwärmte Bob Dylan, „schien aus dem Mittelpunkt der Erde zu kommen“. Mit whiskey-gegerbtem Bariton sang er seine tiefschürfenden Songs über Schuld und Sühne und das harte Leben der einfachen Leute.

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Weit über 90 Millionen Tonträger hat er verkauft. Jeder kennt I Walk The Line und Ring Of Fire. Cash wurde mit den bedeutendsten Preisen und Ehrungen der Musikindustrie dekoriert und sowohl in die Country Music Hall of Fame als auch in die Rock and Roll sowie die Gospel Music Hall of Fame aufgenommen. Die meisten schaffen es nicht mal in eine.

Es sind vor allem aber seine monumentalen American Recordings, die aus dem Solitär Johnny Cash eine Legende machten. Der unmittelbare Klang dieser Platten und ihre schlichte, unter die Haut gehende Schönheit sind es, die Fans erster Stunde und neue Generationen gleichermaßen in den Bann schlagen. Die American Recordings machen den Songwriter Cash in den letzten Jahren seiner Karriere zum Inbegriff des vom Leben gezeichneten Country-Antihelden. Diese Album-Serie ist seine vertonte Autobiografie. Seine Lebensgeschichte, sein Weltschmerz, aber auch sein erhoffter Weg zur Katharsis.


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Johnny Cash
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1994: American Recordings

Dennoch haben die American Recordings einen schweren Start: Anfang der Neunziger scheint Cash trotz weltweiter Berühmtheit am Ende. Der Musikmarkt jener Zeit hat keine Verwendung mehr für den betagten Country-Star eines früheren Amerikas. Doch er hat immer noch Bewunderer. Einer davon ist Rick Rubin. Der Gründer des legendären Hip Hop-Labels Def Jam und Produzent von Metallica, Beastie Boys oder den Red Hot Chili Peppers bietet Cash zu einem Zeitpunkt einen Plattenvertrag an, zu dem wahrscheinlich niemand anderes dazu bereit gewesen wäre. Gemeinsam experimentieren sie und entschieden sich schlussendlich für Minimalismus pur: für Cash und seine Gitarre.

10 Songs, die durch Coverversionen berühmt wurden

Was folgt, gleicht dem Phönix aus der Asche: Die epochale Ära der American Recordings beginnt. Der Country-Altmeister interpretiert ausgewählte Songs aller Genres und Künstler neu. Die Themen sind bedrückend, düster, depressiv und voller Weltschmerz. In Bird On A Wire von Leonard Cohen scheint er die Welt wie in einem Abschiedsbrief um Verzeihung zu bitten. Songs wie Drive On und Down There By The Train erzählen von der harten und einfachen Kindheit Cashs.

Geboren im Jahr 1932, verlebt er die Zeit der Großen Depression im Süden der USA, genauer gesagt im gottverlassenen Nest Dyess irgendwo im Osten Arkansas’. Als eines von sieben Kindern einer mittellosen Farmer-Familie ackert der junge Cash bereits mit fünf Jahren auf dem Feld. Mit zehn Jahren bekommt er seine erste Gitarre geschenkt. Tragischerweise verliert er in dieser Zeit auch seinen älteren Bruder Jack bei einem Unfall mit einer Kreissäge. In einem späteren Interview bezeichnet ihn Cash als seinen Helden, sein Vorbild. Es ist ein Verlust, den er nie ganz verwinden wird.

Nach seiner Zeit bei der Air Force und seiner Stationierung in Bayern in den Fünfzigern kehrt er nach Tennessee zurück, heiratet das erste Mal und beginnt seine Karriere als Musiker. Es dauerte nicht mehr lang, bis er an der Seite von Elvis Presley oder Jerry Lee Lewis die Popkultur revolutionieren würde.

Zurück im Jahr 1994 wird American Recordings zum unverhofften Erfolg. Das Video zu Delia’s Gone mit Topmodel Kate Moss in der Hauptrolle verschafft dem damals gewaltigen MTV-Publikum praktisch über Nacht Zugang zu einem Crooner, der fast in Vergessenheit geraten war. Cash is back.

1996: American II: Unchained

Darauf lässt sich aufbauen. Für das Album Unchained holt sich Cash Gastmusiker von Bands wie den Red Hot Chili Peppers oder Fleetwood Mac sowie die kompletten Tom Petty and the Heartbreakers ins Studio und erweitert den Klang des Vorgängers um eine erdige, raue Note. Besonders deutlich wird das in seinem SoundgardenCover Rusty Cage und der emotionalen Ballade Spiritual von Josh Haden. Die Rhythmen sind rockig, der Klang ist dicht. Und erinnert damit an Cashs Karriere zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Die beginnt 1955 ganz offiziell. Cash veröffentlicht seine erste Single Hey Porter / Cry! Cry! Cry! und spielt im Vorprogramm von Elvis Presley. Kein schlechter Start. Mit I Walk The Line landet er schon im Folgejahr Top-Platzierungen in den Charts. Bei einem Konzert lernt er seine zukünftige Ehefrau June Carter kennen, selbst eine berühmte Country-Musikerin, die mit ihrer Familie durch die Lande tingelt. Cashs Karriere geht steil bergauf. Er verbringt einen Großteil der nächsten Jahre auf Tour. Um dieser Dauerbelastung standzuhalten, flieht Cash erstmals in den Alkohol, greift aber auch zu Amphetaminen und Betäubungsmitteln. I’ve Been Everywhere auf Unchained weiß davon zu berichten.

Die Sechziger hindurch lebt Cash auf der Überholspur. Er wird zum Archetyp des Country Outlaws. 1963 landet er mit Ring Of Fire einen Welthit. Mitgeschrieben von June Carter selbst, thematisiert der Song Cashs anhaltende Sucht und ihre verbotene Liebe zu ihm. Obwohl die beiden jahrelang gemeinsam auf Tournee gehen, bleibt ihre Romanze ein Geheimnis.

1966 scheint Cash ausgebrannt: Gezeichnet vom Drogenkonsum neigt er zu Gewalt, Konzerte werden abgesagt. Schließlich geht seine zerrüttete Ehe in die Brüche. In seiner Verzweiflung zieht sich Cash zurück und denkt sogar über Suizid nach, wie die Nummer Sea Of Heartbreak von Unchained auf bittere Weise verdeutlicht.

Rock hinter schwedischen Gardinen: Diese Musiker haben schon im Knast gespielt!

June Carter ist es, die ihn schließlich aus diesem dunklen Sumpf zieht. Sie begleitet Cash durch den Entzug. Bald steht er wieder auf der Bühne – das erste Mal seit zehn Jahren vollkommen clean. Anfang 1968 spielt er sein legendäres Konzert im kalifornischen Folsom State Prison und zeichnet es auf. Das daraus entstehende Live-Album At Folsom Prison wird zum Referenzwerk, dem in rascher Abfolge weitere Knast-Alben folgen. Wenige Wochen nach seinem Konzert in Folsom heiratet er endlich June Carter.

Zurück im Jahr 1996. Während der Aufnahmen zu Unchained verschlechtert sich Cashs Gesundheit zunehmend. Er kommt dauerhaft nach Hendersonville in Tennessee zurück, wo er seit 1968 lebt, und bezieht sein selbstgebautes Studio, die Cash Cabin. Der Country Boy kehrt heim. Das Album wird fertig. Und ein noch größerer Verkaufsschlager als der Vorgänger.

2000: American III: Solitary Man

Zur Jahrtausendwende setzt Cash seinen introspektiven Seelenstriptease mit American III: Solitary Man fort. Das Album klingt schroffer als die Vorgänger, abgekämpfter und vom Leben gezeichnet. Mit Songs wie I Won’t Back Down von Tom Petty oder dem titelgebenden Solitary Man von Neil Diamond inszeniert sich Cash trotz aller Gebrechen und angekratzter Stimme als ultimativer Antiheld, seinem einsamen Weg bis zuletzt treu ergeben. Unerschütterlich ist seine großartige Interpretation von U2s One. Düster und einsam seine Version The Mercy Seat von Nick Cave. Es sind nur einige der Highlights des dritten Teils der American Recordings.

Sie erinnern nicht zufällig an den frühen Man In Black. Cash beginnt schon in den frühen Sechzigern, stets vollständig in schwarz gekleidet aufzutreten, um sich von den bunten Outfits der Countrymusiker*innen jener Zeit abzusetzen. Das – und seine augenzwinkernde Erklärung, dass schwarze Klamotten auf Tour leichter sauberzuhalten wären – bringt ihm seinen ikonischen Spitznamen ein.

Er passt nicht immer zu diesem Mann, der ein grandioser Entertainer ebenso sein konnte wie ein liebevoller Familienvater. Mit Ehefrau June und seinen Kindern gründet er zum Beispiel das Carter-Cash Tour Ensemble, als Moderator seiner eigenen The Johnny Cash Show im TV empfängt er die bekanntesten Musiker*innen seiner Zeit – unter anderem Bob Dylan, Neil Young und Stevie Wonder.

Doch Cash eckt zunehmend an. Seine konservative Haltung, und insbesondere sein Besuch im Weißen Haus auf der Höhe des Vietnam-Krieges zur Mitte der 1970er, ramponieren seinen Ruf. Auch seine Versuche, ins Filmgeschäft einzusteigen, scheitern grandios. Doch Cash hält es aus. Er hat zu viel erlebt, zu viel mitgemacht und zu viel gekämpft, um sich von so etwas aus der Ruhe bringen zu lassen.

Die besten letzten Platten aller Zeiten

Sein Cover von Will Oldmans I See A Darkness des dritten American-Albums erinnert spät in seinem Leben daran. Auch diese Platte besticht durch unmittelbare, nackte Emotion und einen tiefen Blick in seine zerrüttete Seele. Nur konsequent, dass Solitary Man mit einem Grammy im Bereich Country ausgezeichnet wird.

2002: American IV: The Man Comes Around

Zwei Jahre später – Cash ist mittlerweile 70 Jahre alt – stellt er mit American IV: The Man Comes Around das bisherige Schaffen der American Recordings noch einmal in den Schatten. Flankiert wird die LP von seinen hochkarätigen Country-Versionen der Songs Hurt von Nine Inch Nails und Personal Jesus von Depeche Mode. Beide Bands – zu dieser Zeit längst selbst Weltstars – fühlen sich zutiefst geehrt. Die Tracks werden große Radio-Hits und läuten den sagenhaften Erfolg von The Man Comes Around rund um die Welt ein.

Besessener denn je seziert Cash auf diesem Album die Liebe, den Tod und seinen Glauben. Insbesondere seine Versionen von Bridge Over Troubled Water von Simon & Garfunkel und I Hung My Head von Sting erzählen von der Angst vergangener Zeiten.

Diese dunklen Zeiten waren die vor allem die Achtziger: Cash versinkt erneut im Drogensumpf, schafft jedoch dank seiner Familie den Absprung. Gerade noch so. Er rafft sich auf und gründet die Country-Supergroup The Highwaymen mit Chris Kristofferson, Waylon Jennings und Willie Nelson. Die Veteranen geben sich kämpferisch: Sie sind Teil der traditionsbewussten Outlaw-Bewegung, dem Gegenstück einer neuen Generation Country-Pop-Musiker*innen, die sich dem Mainstream zuwenden.

Doch auch Cashs Supergroup kann die Götterdämmerung der Country-Größen nicht mehr aufhalten: Der Markt wendet sich einer neuen Hörerschaft zu. Cash & Co. sind nicht mehr gefragt, außer Mode. Wegen einer Operation am Herzen zieht er sich Ende des Jahrzehnts aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Veröffentlichungen jener Jahre blieben wenig erfolgreich. Cash scheint Geschichte.

Desperado von der Band Eagles wirkt heute die vertonte Trostlosigkeit jener Jahre. Doch in den Schatten blitzt auch Hoffnung auf: First Time Ever I Saw Your Face erzählt von Cashs Sehnsucht nach Erlösung. Ein Glaube, den er vor allem seiner June zuliebe nie aufgibt. Und hier schließt sich der Kreis: Als die Neunziger anbrechen, tritt Rick Rubin auf den Plan. Sie haben eine Vision – der legendäre Produzent und der alte Outlaw. Es ist der Beginn der American Recordings.

The Man Comes Around ist die letzte Platte, die Cash zu Lebzeiten veröffentlicht. Und das ist hörbar. Geschwächt von einer jahrelangen Nervenkrankheit und stetiger Atemnot, erklingt seine Stimme brüchiger. Sie unterstreicht nur die Grundstimmung des Albums, macht es noch unmittelbarer. Doch er ist nicht allein: Seine Weggefährt*innen der letzten Jahre – seine sogenannte Cash-Gang – unterstützen ihn. Auf dem letzten Track We’ll Meet Again kommen alle Gastmusiker*innen noch einmal zusammen. Es scheint, als mache Cash hier in diesem Song endgültig seinen Frieden mit seinen Dämonen, mit seinen Ängsten, mit der Welt.

Ein musikalisches Mahnmal

Im Mai 2003 verstirbt seine große Liebe June Carter Cash nach 35 Jahren Ehe. Es bricht ihm das Herz. Trotzdem zieht es ihn bald wieder ins Studio. Noch im selben Jahr arbeitet er an Unearthed, seinem nächsten Projekt. Er wird es nicht mehr erleben. Cash stirbt im September. In Hendersonville findet er neben June die letzte Ruhe. Auf einem gemeinsamen Gedenkstein prangen die Songtitel I Walk The Line und Wildwood Flower – zwei der erfolgreichsten Songs von Cash und Carter.

Die weltweite Anteilnahme zum Tode Johnny Cashs am 12. September 2003 kommt einem Staatsbegräbnis gleich. Das Cash-Biopic Walk The Line mit Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon nominierte man für fünf Oscars. Die mit dem Film erschienene Compilation Ring Of Fire – The Legend Of Johnny Cash verkaufte sich millionenfach.

Das 2007 erschienene Live-Album Great Lost Performance gehört zu den absoluten Schätzen seines Katalogs. Bis 2010 vervollständigten A Hundred Highways und Ain’t No Grave die legendäre American-Serie. Auch das kurz nach seinem Tod erschienene Outtakes-Meisterwerk Unearthed schrieb die posthume Erfolgsgeschichte weiter.

Johnny Cash schrieb Musikgeschichte, weil er die Geschichten der einfachen Leute vertonte. Weil er ihr Leben lebte. Im Licht wie im Schatten. Cash steht für den Aufstieg, den Ruhm und den Fall seiner Zeit. Er teilte seinen Schmerz und seinen Verlust mit der Welt. Bis heute macht ihn das einzigartig. Zu einem Idol. Einem Mahnmal. Und zur schwarzgekleideten Ikone mehrerer Generationen.

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Popkultur

Zum 79. Geburtstag von Jimi Hendrix: Erneuerer, Mythos, unerreichtes Genie

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Jimi Hendrix
Foto: Svenska Dagbladet/AFP via Getty Images

Er prägte das E-Gitarrenspiel wie wenige andere, revolutionierte in den wenigen Jahren, die ihm vergönnt waren, die Rockmusik und ist noch immer die Messlatte für alles. Heute wäre James Marshall „Jimi“ Hendrix 79 Jahre alt geworden. Sein Einfluss ist nach wie vor allgegenwärtig.

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von Markus Brandstetter

Jimi Hendrix schaffte in der Gitarrenwelt das, was nach ihm wohl nur Eddie Van Halen gelang: diesen alles erschütternden Moment, der keinen Stein auf dem anderen ließ. Bei beiden gibt es hunderte, tausende ähnliche Geschichten prominenter Musiker und Musikerinnen, die von regelrechten Erweckungserlebnissen erzählen. Geschichten von dem Moment, in dem sie Hendrix im Fernsehen gesehen haben, gleichermaßen begeistert und fassungslos darüber, wie er spielte, wie ungewöhnlich, radikal und — je nach Song – auch wunderschön das klang. Es gab vor Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen und es gab nach Hendrix großartige Gitarristen und Gitarristinnen. Aber es gibt eben auch eine Zeitrechnung: die der Gitarre VOR Hendrix und Gitarre NACH Hendrix. Es ist das, was viele unserer Gitarrenheld*innen auch über den Moment berichten, an dem sie zum ersten Mal Eddie Van Halen gesehen oder gehört haben: Es war danach einfach alles anders und kein Stein blieb auf dem anderen.

Ynwgie Malmsteen über Hendrix: „Er hat alles auf den Kopf gestellt”

Aber was machte diese unglaubliche Anziehungskraft aus? Yngwie Malmsteen erzählte 2019 gegenüber dem deutschen Magazin Gitarre und Bass, es sei zunächst Hendrix’ Image gewesen, das ihn fasziniert habe, mit der Musik habe er sich erst später beschäftigt. „Es sind seine Songs, sein Sound, sein Auftreten, seine Erscheinung. Sein Spiel war gar nicht zwingend das, was mich faszinierte. Das war Blues-Musik auf Drogen. Aber er hat sie wie kein anderer gespielt“, erzählte Malmsteen dem Magazin, und fuhr fort: „Er hat alles auf den Kopf gestellt und von innen nach außen gekrempelt. Die Art, wie er auf der Bühne gespielt hat und wie er sich dabei gab, hat dazu beigetragen, dass er zu dem wurde, was er heute ist. Wenn er ruhig und nett in der Ecke herumgestanden und brav gespielt hätte, wäre er keine Legende geworden.“

Steve Vai: Hendrix war „elektrischer Zucker“

Eine weitere Gitarrenlegende, die von Hendrix maßgeblich geprägt wurde, ist Steve Vai. Der erklärte 2010 gegenüber Music Radar: „Es war wie elektrischer Zucker, um einen Ausdruck von Tom Waits zu gebrauchen. Ich war etwa 12 Jahre alt und lag mit Kopfhörern da und hörte mir Jimi an, wie er The Star Spangled Banner und Purple Haze spielte, wieder und wieder und wieder. Ich wusste nicht, wie er aussah, ich wusste gar nichts über ihn. Ich wusste nur, was auch immer er tat, wie auch immer er diese Klänge erzeugte, es war unglaublich. Ich war so aufgeregt und dachte: Wann immer dieser Typ in die Stadt kommt, um zu spielen, muss ich ihn sehen. Ich hatte keine Ahnung, dass er gestorben war.“

„Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute“

Auch für Vai bestand die Magie von Hendrix gleichermaßen in Hendrix’ Musik als auch seiner Person: „Irgendwann bekam ich ein Exemplar von Are You Experienced, und das war eine Offenbarung für mich. Die Songs waren zugänglich, sie waren schön, und Jimi hatte etwas, das extrem cool war. Coolness ist etwas, das aus deinem Inneren kommen muss. Es ist ein Selbstvertrauen, das man hat. Jimi hatte genug Selbstvertrauen und Coolness für fünf Leute.“

Hendrix’ Spiel

Es gibt unzählige Faktoren und Elemente, die Hendrix’ Spiel und Stil so einzigartig machten. Ein Teil der Magie bestand schon allein darin, wie Hendrix seine Gitarre zähmte. Das Set-up: ein Marshall-Stack, jede Menge Verzerrung und Rückkopplung, die alles andere als geräuscharmen Single-Coil-Tonabnehmer seiner Stratocaster — auch körperlich machte Hendrix beim Spielen den Eindruck, als würde er gerade einen wilden Mustang zureiten. Den er aber stets vollständig unter Kontrolle hatte.

Und dann war da Hendrix’ unvergleiche Fähigkeit, Rhythmus und Melodie miteinander verbinden, Akkordfolgen zu zerlegen, kleine Verzierungen und Licks einzubauen, seinen Gesang damit zu akzentuieren. Man hört das bei Stücken wie Little Wing, Bold As Love, Castles Made Of Sand oder The Wind Cries Mary — immer dann, wenn Hendrix runter vom Verzerrer ging. Er verschmolz in seinem Spiel mühelos verschiedene Stile, und ganz wichtig: Er schrieb auch phänomenale Stücke. Alles was er brauchte, war ein Trio und trotzdem klang seine Musik so voll wie ein Orchester.

Hendrix steht auch wie kein anderer für eine historische Phase der Gegenkultur, für den Bruch mit Erwartungen. Er war gleichermaßen Aushängeschild wie auch Erneuerer. Er schuf nicht nur ikonische Sounds, sondern auch ikonische Bilder — Woodstock, brennende Gitarre in Monterey. Hendrix war nicht nur Genie, sondern auch Projektionsfläche und Mythos. Eines steht wohl außer Frage: Ohne ihn wäre die Gitarre nicht da, wo sie heute ist.

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Der Tod des Hippie-Traums: Die letzten Tage von Jimi Hendrix

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Synths, Pathos & SM: „Non-Stop Erotic Cabaret“ von Soft Cell wird 40

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Soft Cell
Foto: Fin Costello/Redferns/Getty Images

Happy Birthday, Non-Stop Erotic Cabaret: Das wegweisende Album des englischen Synth-Pop-Duos Soft Cell wird 40 Jahre alt.

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von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Non-Stop Erotic Cabaret hören:

Manchmal passieren die besten Dinge mit limitierten Mitteln — anders gesagt: Meniger Möglichkeiten fördern in so mancher Situation die Kreativität. Als Soft Cell 1980 ins Studio gingen, hatten sie weder ein Riesenbudget noch die Mittel für eigenes State-of-the-Art-Equipment.

Wobei: Ein Instrument, das Sänger Marc Almond und Instrumentalist Dave Ball nutzten, war durchaus sündteuer: Dabei handelte es sich um ein NED Synclavier, eine Art früher digitaler Synthesizer, der von der New England Digital Corporation of Norwich produziert wurde. Der Synth, der in den 1980er- und 1990er-Jahren auf etlichen Produktionen zu hören war, kostete damals 120.000 Pfund — gehörte allerdings nicht der Band, sondern dem Produzenten Mike Thorne. Ansonsten war das technische Set-up eher überschaubar, als Herzstück fungierte eine ReVox Bandmaschine, dazu nutze die Band einen Drumcomputer von Roland und einen Synth-Bass von Korg. Damit schufen Soft Cell einen wegweisenden Sound.

Was vor Non-Stop Erotic Cabaret passierte

Monate bevor Non-Stop Erotic Cabaret erschien, veröffentlichte die Band ihre erste Single des kommenden Albums – den Song Tainted Love, ein 1965 erschienener, im Original von Gloria Jones gesungen und von Ed Cobb geschriebener und produzierter Song.

Zuvor hatte die Band bereits eine EP namens Mutant Moments veröffentlicht, für deren Aufnahme sie sich 2.000 Pfund von Dave Balls Mutter geliehen hatten. Dadurch waren Labels auf die Band aufmerksam geworden — unter anderem Some Bizarre Records, wo das Debütalbum erschien. Soft Cell hatten mit Memorabilia einen kleineren Hit in den Clubs landen können, der Ruhm ließ aber noch auf sich warten. Bis die Coverversion von Tainted Love erschien und zu einem großen Erfolg wurde, mit dem so keiner gerechnet hatte. Die Nummer ging in etlichen Ländern auf Platz eins der Charts, zwei weitere Top-5-Singles folgten mit den Stücken Bedsitter und Say Hello, Wave Goodbye.

Skandal mit SM-Video

Auch wenn Tainted Love vom Popularitätsfaktor musikalisch alles andere in den Schatten stellte — ein weiterer Song sorgte auch für jede Menge Gesprächsstoff: Das Video von Sex Dwarf wurde in Großbritannien aufgrund seiner expliziten SM-Szenen zum regelrechten Skandal. Das Video wurde zurückgezogen, Almond erklärte später sogar, es zu bereuen.

Es waren die Gegensätze zwischen den beiden Bandmitgliedern — Almonds Liebe zu Pathos und Dramatik, die Reibefläche zwischen den beiden Charakteren, die Soft Cell damals so gut funktionieren ließen. Sex, Club, Dekadenz, Rausch: Das waren die Eckpfeiler, die die Band auch wenige Jahre später implodieren ließen (1984 war Schluss — die erste Reunion folgte 2001).

Was Soft Cell heute über Non-Stop Erotic Cabaret sagen

40 Jahre ist Non-Stop Erotic Cabaret also alt — Dave Ball selbst zeigt sich positiv angetan davon, wie gut die Platte gealtert ist. „Was mich überrascht, ist, wie frisch Non-Stop Erotic Cabaret heute noch klingt. Ich nehme an, das liegt daran,dass wir beide 40 Jahre jünger waren, daher klingt Marcs Stimme jugendlicher und nicht so poliert wie heute. Mein Synthesizer-Spiel und meine Arrangements waren einfacher, obwohl ich immer versucht habe, bei meinem minimalistischen Stil zu bleiben“, zitiert ihn das Magazin Northern Life.

Almond ist ganz der Meinung seines Kollegen: „Wenn ich mich zurücklehne und darüber nachdenke, ist es schwer zu glauben, dass eine kleine Sammlung von Songs ein so langes Leben hatte, dass die Leute sie immer noch hören und genießen. Ich bin erstaunt, wie aktuell es immer noch klingt. Und textlich ist es immer noch relevant. Es fühlt sich überhaupt nicht so an, als wäre es 40 Jahre alt, aber der Gedanke, dass es so ist, macht mir ein bisschen Angst!“

Mit Non-Stop Erotic Cabaret leisteten Soft Cell jedenfalls Pionierarbeit — die sie heute selbst ordentlich feiern: Vor kurzem stand die wieder formierte Band in Glasgow und Manchester auf der Bühne — 2022 soll mit Happiness Not Included ein neues Album erscheinen.

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10 Songs, die durch Coverversionen berühmt wurden

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Zeitsprung: Am 27.11.1987 erscheint „Live…In The Raw“ von W.A.S.P.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 27.11.1987.

von Christof Leim

Ja, in den Achtzigern konnte man noch schocken: Damals sind W.A.S.P. die bösen Buben, weil sie „Blut“ aus Schädeln trinken und rohes Fleisch in die Menge werfen. Das ist für junge Metalheads natürlich cool, also verkaufen sich die ersten drei Alben ganz gut. Am 27. November 1987 erscheint das erste Livealbum der Truppe.

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Hört hier in Live…In The Raw rein:


Klickt auf „Listen“ für das gesamte Album.


1987 touren W.A.S.P. zu ihrer dritten Platte Inside The Electric Circus. Zwar haben sie ihre aufsehenerregende Bühnenshow da schon reduziert und machen kurz gesagt nicht mehr so viel Sauerei, aber bei den Konzerten gibt es weiter genug zu gucken. Die Bühne sieht wie ein Zirkuszelt aus, und die Pyrotechnik darf ordentlich rumballern. Frontmann Blackie Lawless trägt sogar eine Funkenkanone im Schritt. Die geht bei einer Show in Dublin auch mal nach hinten los, und zwar im Wortsinn, aber das ist eine andere – und für Blackie sehr schmerzhafte – Geschichte, wie er in diesem amüsanten Interview mit der Washington Post berichtet. Alles in allem bieten W.A.S.P. also herrlichen, nicht immer ganz ernst zu nehmenden Heavy Metal-Spaß, über den sich Eltern aufregen. Bestens.

Die bösen Männer im Metal der Achtziger: Blackie Lawless von W.A.S.P. Credit: Erin Combs/Getty Images

Um das für die Nachwelt festzuhalten, lässt die Band die letzten Konzerte ihrer US-Headliner-Tour aufzeichnen, insbesondere die Show am 10. März 1987 in der Long Beach Arena in Kalifornien. Das Ergebnis heißt Live…In The Raw und erscheint am 27. November 1987. Darauf hauen Blackie Lawless und seine Mannen ihre frühen Hits in ziemlich flotten Versionen raus. Von Wild Child über L.O.V.E. Machine bis zu I Wanna Be Somebody ist hier alles dabei.



Die Aufnahmen klingen etwas künstlich, was die Vermutung nahe legt, dass an diesem Livealbum nicht alles live ist. Insbesondere Passagen, in denen Blackie zu sich selbst Backing-Vocals zu singen scheint, machen doch stutzig. Vielleicht hat aber auch einer der anderen Kollegen eine ähnliche Stimme und trifft jeden Ton, man weiß es nicht. Letztendlich kann das der geneigten Fanschar notfalls auch egal sein, denn das Album macht Spaß.



Außerdem gibt es drei neue Songs, zwei davon in Liveversionen: Einer davon heißt The Manimal (sic!) und thematisiert die philosophischen Implikationen der hormonell bedingten zwischenmenschlichen Anziehungskraft. Oder kurz: Es geht ums Poppen. Insbesondere im Hard Rock der Achtziger stellt das nun gar keine Besonderheit dar, aber den Titel finden wir doch besonders, nun ja, hübsch.

Damals hat die Band Streit mit einer Organisation namens P.M.R.C., die böse Inhalte in der Musik verbieten will und davon ausgeht, dass der Bandname W.A.S.P. für „We Are Sexual Perverts“ steht. Diesem Verein verdankt die Welt zum Beispiel die berüchtigten „Parental Advisory“-Aufkleber. (Die gesamte Geschichte könnt ihr hier nachlesen.) Für jene Leute hat „Schwarzie Gesetzlos“ extra ein weiteres neues Lied mit dem Titel Harder Faster geschrieben, über das sie sich ordentlich aufregen können. Ganz am Ende der Platte findet sich schließlich noch ein Studiotrack: Scream Until You Like It (noch ein geiler Titel!), der in der Horrorkomödie Ghoulies II Verwendung findet.



Mit Live…In The Raw halten W.A.S.P. den überdrehten, aber nicht allzu ernst zu nehmenden Wahnsinn ihrer Shows stilecht fest und fangen den Geist der Ära auf unterhaltsame Weise ein. Das reicht für Platz 77 in den US-Charts. Nach der Veröffentlichung verabschiedet sich allerdings Drummer Steve Riley in Richtung L.A. Guns.

Im Rückblick stellt die Scheibe eine Zäsur zwischen den alten, krassen W.A.S.P. und den reiferen, ambitionierteren Tönen der nächsten Jahre dar. Dass Blackie mal intelligente sozialkritische Kommentare ablassen und gefeierte Konzeptalben wie The Crimson Idol (1992) veröffentlichen würde, lag 1987 nicht gerade auf der Hand.


Zeitsprung: Ab 13.5.1985 will das PMRC vor schlimmen Songtexten warnen.

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