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Popkultur

Kurzdoku: Hurt – Das Leben des Johnny Cash

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Johnny Cash
Foto: CBS Photo Archive/Getty Images

Nur wenige Menschen konnten die Musiklandschaft so nachhaltig beeinflussen wie Johnny Cash. Am 12. September 2003 starb die Country-Ikone im Alter von 71 Jahren. Wir werfen einen Blick zurück auf sein bewegtes Leben und den späten Erfolg mit den American Recordings.

Hier findet ihr unsere Kurzdoku über Johnny Cash:

(Textversion weiter unten)

Hört hier einige Highlights der American Recordings:

Der Mann in Schwarz und der Pakt mit dem Schmerz

Johnny Cash ist die größte Americana-Ikone des 20. und 21. Jahrhunderts, der König der Countrymusik, des Rock and Roll, Gospel und Blues, der unergründliche Man In Black. „Seine Stimme“, schwärmte Bob Dylan, „schien aus dem Mittelpunkt der Erde zu kommen“. Mit whiskey-gegerbtem Bariton sang er seine tiefschürfenden Songs über Schuld und Sühne und das harte Leben der einfachen Leute.

Weit über 90 Millionen Tonträger hat er verkauft. Jeder kennt I Walk The Line und Ring Of Fire. Cash wurde mit den bedeutendsten Preisen und Ehrungen der Musikindustrie dekoriert und sowohl in die Country Music Hall of Fame als auch in die Rock and Roll sowie die Gospel Music Hall of Fame aufgenommen. Die meisten schaffen es nicht mal in eine.

Es sind vor allem aber seine monumentalen American Recordings, die aus dem Solitär Johnny Cash eine Legende machten. Der unmittelbare Klang dieser Platten und ihre schlichte, unter die Haut gehende Schönheit sind es, die Fans erster Stunde und neue Generationen gleichermaßen in den Bann schlagen. Die American Recordings machen den Songwriter Cash in den letzten Jahren seiner Karriere zum Inbegriff des vom Leben gezeichneten Country-Antihelden. Diese Album-Serie ist seine vertonte Autobiografie. Seine Lebensgeschichte, sein Weltschmerz, aber auch sein erhoffter Weg zur Katharsis.


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1994: American Recordings

Dennoch haben die American Recordings einen schweren Start: Anfang der Neunziger scheint Cash trotz weltweiter Berühmtheit am Ende. Der Musikmarkt jener Zeit hat keine Verwendung mehr für den betagten Country-Star eines früheren Amerikas. Doch er hat immer noch Bewunderer. Einer davon ist Rick Rubin. Der Gründer des legendären Hip Hop-Labels Def Jam und Produzent von Metallica, Beastie Boys oder den Red Hot Chili Peppers bietet Cash zu einem Zeitpunkt einen Plattenvertrag an, zu dem wahrscheinlich niemand anderes dazu bereit gewesen wäre. Gemeinsam experimentieren sie und entschieden sich schlussendlich für Minimalismus pur: für Cash und seine Gitarre.

10 Songs, die durch Coverversionen berühmt wurden

Was folgt, gleicht dem Phönix aus der Asche: Die epochale Ära der American Recordings beginnt. Der Country-Altmeister interpretiert ausgewählte Songs aller Genres und Künstler neu. Die Themen sind bedrückend, düster, depressiv und voller Weltschmerz. In Bird On A Wire von Leonard Cohen scheint er die Welt wie in einem Abschiedsbrief um Verzeihung zu bitten. Songs wie Drive On und Down There By The Train erzählen von der harten und einfachen Kindheit Cashs.

Geboren im Jahr 1932, verlebt er die Zeit der Großen Depression im Süden der USA, genauer gesagt im gottverlassenen Nest Dyess irgendwo im Osten Arkansas’. Als eines von sieben Kindern einer mittellosen Farmer-Familie ackert der junge Cash bereits mit fünf Jahren auf dem Feld. Mit zehn Jahren bekommt er seine erste Gitarre geschenkt. Tragischerweise verliert er in dieser Zeit auch seinen älteren Bruder Jack bei einem Unfall mit einer Kreissäge. In einem späteren Interview bezeichnet ihn Cash als seinen Helden, sein Vorbild. Es ist ein Verlust, den er nie ganz verwinden wird.

Nach seiner Zeit bei der Air Force und seiner Stationierung in Bayern in den Fünfzigern kehrt er nach Tennessee zurück, heiratet das erste Mal und beginnt seine Karriere als Musiker. Es dauerte nicht mehr lang, bis er an der Seite von Elvis Presley oder Jerry Lee Lewis die Popkultur revolutionieren würde.

Zurück im Jahr 1994 wird American Recordings zum unverhofften Erfolg. Das Video zu Delia’s Gone mit Topmodel Kate Moss in der Hauptrolle verschafft dem damals gewaltigen MTV-Publikum praktisch über Nacht Zugang zu einem Crooner, der fast in Vergessenheit geraten war. Cash is back.

1996: American II: Unchained

Darauf lässt sich aufbauen. Für das Album Unchained holt sich Cash Gastmusiker von Bands wie den Red Hot Chili Peppers oder Fleetwood Mac sowie die kompletten Tom Petty and the Heartbreakers ins Studio und erweitert den Klang des Vorgängers um eine erdige, raue Note. Besonders deutlich wird das in seinem SoundgardenCover Rusty Cage und der emotionalen Ballade Spiritual von Josh Haden. Die Rhythmen sind rockig, der Klang ist dicht. Und erinnert damit an Cashs Karriere zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Die beginnt 1955 ganz offiziell. Cash veröffentlicht seine erste Single Hey Porter / Cry! Cry! Cry! und spielt im Vorprogramm von Elvis Presley. Kein schlechter Start. Mit I Walk The Line landet er schon im Folgejahr Top-Platzierungen in den Charts. Bei einem Konzert lernt er seine zukünftige Ehefrau June Carter kennen, selbst eine berühmte Country-Musikerin, die mit ihrer Familie durch die Lande tingelt. Cashs Karriere geht steil bergauf. Er verbringt einen Großteil der nächsten Jahre auf Tour. Um dieser Dauerbelastung standzuhalten, flieht Cash erstmals in den Alkohol, greift aber auch zu Amphetaminen und Betäubungsmitteln. I’ve Been Everywhere auf Unchained weiß davon zu berichten.

Die Sechziger hindurch lebt Cash auf der Überholspur. Er wird zum Archetyp des Country Outlaws. 1963 landet er mit Ring Of Fire einen Welthit. Mitgeschrieben von June Carter selbst, thematisiert der Song Cashs anhaltende Sucht und ihre verbotene Liebe zu ihm. Obwohl die beiden jahrelang gemeinsam auf Tournee gehen, bleibt ihre Romanze ein Geheimnis.

1966 scheint Cash ausgebrannt: Gezeichnet vom Drogenkonsum neigt er zu Gewalt, Konzerte werden abgesagt. Schließlich geht seine zerrüttete Ehe in die Brüche. In seiner Verzweiflung zieht sich Cash zurück und denkt sogar über Suizid nach, wie die Nummer Sea Of Heartbreak von Unchained auf bittere Weise verdeutlicht.

Rock hinter schwedischen Gardinen: Diese Musiker haben schon im Knast gespielt!

June Carter ist es, die ihn schließlich aus diesem dunklen Sumpf zieht. Sie begleitet Cash durch den Entzug. Bald steht er wieder auf der Bühne – das erste Mal seit zehn Jahren vollkommen clean. Anfang 1968 spielt er sein legendäres Konzert im kalifornischen Folsom State Prison und zeichnet es auf. Das daraus entstehende Live-Album At Folsom Prison wird zum Referenzwerk, dem in rascher Abfolge weitere Knast-Alben folgen. Wenige Wochen nach seinem Konzert in Folsom heiratet er endlich June Carter.

Zurück im Jahr 1996. Während der Aufnahmen zu Unchained verschlechtert sich Cashs Gesundheit zunehmend. Er kommt dauerhaft nach Hendersonville in Tennessee zurück, wo er seit 1968 lebt, und bezieht sein selbstgebautes Studio, die Cash Cabin. Der Country Boy kehrt heim. Das Album wird fertig. Und ein noch größerer Verkaufsschlager als der Vorgänger.

2000: American III: Solitary Man

Zur Jahrtausendwende setzt Cash seinen introspektiven Seelenstriptease mit American III: Solitary Man fort. Das Album klingt schroffer als die Vorgänger, abgekämpfter und vom Leben gezeichnet. Mit Songs wie I Won’t Back Down von Tom Petty oder dem titelgebenden Solitary Man von Neil Diamond inszeniert sich Cash trotz aller Gebrechen und angekratzter Stimme als ultimativer Antiheld, seinem einsamen Weg bis zuletzt treu ergeben. Unerschütterlich ist seine großartige Interpretation von U2s One. Düster und einsam seine Version The Mercy Seat von Nick Cave. Es sind nur einige der Highlights des dritten Teils der American Recordings.

Sie erinnern nicht zufällig an den frühen Man In Black. Cash beginnt schon in den frühen Sechzigern, stets vollständig in schwarz gekleidet aufzutreten, um sich von den bunten Outfits der Countrymusiker*innen jener Zeit abzusetzen. Das – und seine augenzwinkernde Erklärung, dass schwarze Klamotten auf Tour leichter sauberzuhalten wären – bringt ihm seinen ikonischen Spitznamen ein.

Er passt nicht immer zu diesem Mann, der ein grandioser Entertainer ebenso sein konnte wie ein liebevoller Familienvater. Mit Ehefrau June und seinen Kindern gründet er zum Beispiel das Carter-Cash Tour Ensemble, als Moderator seiner eigenen The Johnny Cash Show im TV empfängt er die bekanntesten Musiker*innen seiner Zeit – unter anderem Bob Dylan, Neil Young und Stevie Wonder.

Doch Cash eckt zunehmend an. Seine konservative Haltung, und insbesondere sein Besuch im Weißen Haus auf der Höhe des Vietnam-Krieges zur Mitte der 1970er, ramponieren seinen Ruf. Auch seine Versuche, ins Filmgeschäft einzusteigen, scheitern grandios. Doch Cash hält es aus. Er hat zu viel erlebt, zu viel mitgemacht und zu viel gekämpft, um sich von so etwas aus der Ruhe bringen zu lassen.

Die besten letzten Platten aller Zeiten

Sein Cover von Will Oldmans I See A Darkness des dritten American-Albums erinnert spät in seinem Leben daran. Auch diese Platte besticht durch unmittelbare, nackte Emotion und einen tiefen Blick in seine zerrüttete Seele. Nur konsequent, dass Solitary Man mit einem Grammy im Bereich Country ausgezeichnet wird.

2002: American IV: The Man Comes Around

Zwei Jahre später – Cash ist mittlerweile 70 Jahre alt – stellt er mit American IV: The Man Comes Around das bisherige Schaffen der American Recordings noch einmal in den Schatten. Flankiert wird die LP von seinen hochkarätigen Country-Versionen der Songs Hurt von Nine Inch Nails und Personal Jesus von Depeche Mode. Beide Bands – zu dieser Zeit längst selbst Weltstars – fühlen sich zutiefst geehrt. Die Tracks werden große Radio-Hits und läuten den sagenhaften Erfolg von The Man Comes Around rund um die Welt ein.

Besessener denn je seziert Cash auf diesem Album die Liebe, den Tod und seinen Glauben. Insbesondere seine Versionen von Bridge Over Troubled Water von Simon & Garfunkel und I Hung My Head von Sting erzählen von der Angst vergangener Zeiten.

Diese dunklen Zeiten waren die vor allem die Achtziger: Cash versinkt erneut im Drogensumpf, schafft jedoch dank seiner Familie den Absprung. Gerade noch so. Er rafft sich auf und gründet die Country-Supergroup The Highwaymen mit Chris Kristofferson, Waylon Jennings und Willie Nelson. Die Veteranen geben sich kämpferisch: Sie sind Teil der traditionsbewussten Outlaw-Bewegung, dem Gegenstück einer neuen Generation Country-Pop-Musiker*innen, die sich dem Mainstream zuwenden.

Doch auch Cashs Supergroup kann die Götterdämmerung der Country-Größen nicht mehr aufhalten: Der Markt wendet sich einer neuen Hörerschaft zu. Cash & Co. sind nicht mehr gefragt, außer Mode. Wegen einer Operation am Herzen zieht er sich Ende des Jahrzehnts aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Veröffentlichungen jener Jahre blieben wenig erfolgreich. Cash scheint Geschichte.

Desperado von der Band Eagles wirkt heute die vertonte Trostlosigkeit jener Jahre. Doch in den Schatten blitzt auch Hoffnung auf: First Time Ever I Saw Your Face erzählt von Cashs Sehnsucht nach Erlösung. Ein Glaube, den er vor allem seiner June zuliebe nie aufgibt. Und hier schließt sich der Kreis: Als die Neunziger anbrechen, tritt Rick Rubin auf den Plan. Sie haben eine Vision – der legendäre Produzent und der alte Outlaw. Es ist der Beginn der American Recordings.

The Man Comes Around ist die letzte Platte, die Cash zu Lebzeiten veröffentlicht. Und das ist hörbar. Geschwächt von einer jahrelangen Nervenkrankheit und stetiger Atemnot, erklingt seine Stimme brüchiger. Sie unterstreicht nur die Grundstimmung des Albums, macht es noch unmittelbarer. Doch er ist nicht allein: Seine Weggefährt*innen der letzten Jahre – seine sogenannte Cash-Gang – unterstützen ihn. Auf dem letzten Track We’ll Meet Again kommen alle Gastmusiker*innen noch einmal zusammen. Es scheint, als mache Cash hier in diesem Song endgültig seinen Frieden mit seinen Dämonen, mit seinen Ängsten, mit der Welt.

Ein musikalisches Mahnmal

Im Mai 2003 verstirbt seine große Liebe June Carter Cash nach 35 Jahren Ehe. Es bricht ihm das Herz. Trotzdem zieht es ihn bald wieder ins Studio. Noch im selben Jahr arbeitet er an Unearthed, seinem nächsten Projekt. Er wird es nicht mehr erleben. Cash stirbt im September. In Hendersonville findet er neben June die letzte Ruhe. Auf einem gemeinsamen Gedenkstein prangen die Songtitel I Walk The Line und Wildwood Flower – zwei der erfolgreichsten Songs von Cash und Carter.

Die weltweite Anteilnahme zum Tode Johnny Cashs am 12. September 2003 kommt einem Staatsbegräbnis gleich. Das Cash-Biopic Walk The Line mit Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon nominierte man für fünf Oscars. Die mit dem Film erschienene Compilation Ring Of Fire – The Legend Of Johnny Cash verkaufte sich millionenfach.

Das 2007 erschienene Live-Album Great Lost Performance gehört zu den absoluten Schätzen seines Katalogs. Bis 2010 vervollständigten A Hundred Highways und Ain’t No Grave die legendäre American-Serie. Auch das kurz nach seinem Tod erschienene Outtakes-Meisterwerk Unearthed schrieb die posthume Erfolgsgeschichte weiter.

Johnny Cash schrieb Musikgeschichte, weil er die Geschichten der einfachen Leute vertonte. Weil er ihr Leben lebte. Im Licht wie im Schatten. Cash steht für den Aufstieg, den Ruhm und den Fall seiner Zeit. Er teilte seinen Schmerz und seinen Verlust mit der Welt. Bis heute macht ihn das einzigartig. Zu einem Idol. Einem Mahnmal. Und zur schwarzgekleideten Ikone mehrerer Generationen.

10 Songs, die jeder Johnny-Cash-Fan kennen muss

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