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Popkultur

Creedence Clearwater Revival: Wie vier Jungs aus Kalifornien zu Country-Rock-Stars wurden

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Zwischen 1969 und 1971 gelten sie als Lichtblick des Rock, doch genauso schnell wie Creedence Clearwater Revival auf der Bildfläche erscheinen, verschwinden sie wieder. Wir schauen uns an, was den plötzlichen Erfolg der Kalifornier ausmachte und sie ebenso schnell zum Scheitern brachte. 

von Victoria Schaffrath und Timon Menge

Hier könnt ihr euch einige der größten Hits von Creedence Clearwater Revival anhören: 

Wie so oft bei dramatischen Bandgeschichten ist der gemeinsame Nenner der Ups und Downs eine Person: John Fogerty, seines Zeichens Leadgitarrist, Sänger, Songwriter, Produzent, Manager und selbsternannter Marketing-Chef bei CCR. Um das zu verstehen, blicken wir auf die Anfänge des Quartetts.


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Anfänge: The Blue Velvets

In einer Highschool in der Bucht von San Francisco treffen 1959 Doug Clifford und John Fogerty aufeinander. Fogerty haut am Piano einen Song von Fats Domino in die Tasten, Clifford ahnt bereits, dass er Zeuge eines Ausnahmetalents wird. Die Beiden gründen aus dem Stegreif eine Band. Die Vierzehnjährigen holen Cliffords Kumpel Stuart Cook und Fogertys vier Jahre älteren Bruder Tom ins Boot, letzterer zeigt von Anfang an Ambitionen, träumt von einer Musikerkarriere und Plattendeals und steckt den Rest der Truppe prompt an. 

Man nennt sich also The Blue Velvets. Wer bei San Francisco allerdings an Großstadtflair und Nachtleben denkt, liegt falsch: Die Band stammt aus einem gegenüberliegenden Örtchen, das vor allem von Arbeiterfamilien bewohnt wird. Von den LSD-Exzessen ihrer städtischen Altersgenossen bekommen die Vier wenig mit, klemmen sich lieber an die Instrumente, den Blick starr auf einen Plattenvertrag gerichtet.

Kurz vor dem Durchbruch: Tom Fogerty, Doug Clifford, Stu Cook und John Fogerty 1968. Foto: Fantasy Records.

Umbenennungen und Debüt

Während in „San Fran“ der „Summer of Love“ brodelt, realisieren The Blue Velvets, dass sich ganz um die Ecke, nämlich in Berkeley, eine Plattenfirma namens Fantasy Records befindet. Dort klopfen die Musiker an und bekommen ohne viel Gegenwind einen Plattenvertrag. Fantasy veröffentlicht unter dem neuen Namen The Golliwogs ein erstes Album; da die Band bei der Vertragsunterzeichnung nicht sonderlich auf Veto- oder Urheberrechte geachtet hat, kann sie dem neuen Bandnamen nichts entgegensetzen.

Die Funktionen der einzelnen Bandmitglieder zeichnen sich nun final ab: Tom Fogerty gibt Gesang und Leadgitarre an Bruder John ab, da dessen Stimme markanter ist, und wechselt selbst an die Rhythmusgitarre. Stu Cook zupft den Viersaiter, während Doug Clifford das Schlagzeug abdeckt. Ganz der Stratege überlässt Tom auch beim Songwriting Bruder John die Bühne: Dessen Songs erzählen Geschichten, sind radiofreundlich und kommen auf den Punkt, während sich die übrige Rockszene in langatmigen Gitarrensoli verliert.

Nach personellen Veränderungen bei Fantasy darf sich die Band endlich umbenennen, die Wahl fällt auf Creedence (nach einem Freund der Jungs) Clearwater (nach einer Bierwerbung) Revival (für die Wiedergeburt der Band). Während der Rest der Rockwelt eher Psychedelisches im Sinne hat, nehmen „CCR“ es mit Blues und Americana auf. Dank ein paar Songs der Golliwogs-Platte, unter anderem Porterville, finden sich schnell genug Nummern für ein Album, das man 1968 schlicht Creedence Clearwater Revival benennt. Als zweite Single koppeln sie das Cover Suzie Q aus. Die kalifornischen Radiostationen springen an, Suzie schürft knapp an den Top 10 der amerikanischen Single-Charts vorbei.

Das verdankt die Truppe nicht zuletzt ihrem rigorosen Proben- und Show-Plan, der sie im Sommer ’68 beispielsweise als Vorband für Steppenwolf vorsieht. Häufig spielen sie dabei in San Franciscos legendärem Fillmore. Hier schwören sie sich, nachdem sie etlichen Bands auf LSD zusehen mussten: „Entweder berauschen wir uns an der Musik oder wir verlassen das Business.“

Zweites Album und Durchbruch mit Green River

Mit Bayou Country legen Creedence im Januar ’69 den Nachfolger zu ihrem Debütalbum vor. Zum ersten Mal erscheint das Thema der sumpfigen Bayou-Landschaft rund um New Orleans. Weder Songwriter John Fogerty noch ein anderes Creedence-Mitglied hatte je Kalifornien verlassen, geschweige denn den Bundesstaat Louisiana betreten, die stimmungsvolle Metaphorik stößt jedoch auf Anklang. 

Als erste Single wählt die Gruppe Proud Mary, die im März Platz zwei der amerikanischen Single-Charts belegt und eine dreijährige Erfolgsphase einläutet. Fogerty hat klar seinen Stil gefunden, der – ganz im Gegensatz zum damals üblichen Acid-Rock – durchaus tanzbar und gefällig anmutet. Das untermauert auch die Tatsache, dass Proud Mary mit zahllosen Covern in die Geschichte eingeht, unter anderem in der bekannten Version von Ike und Tina Turner.  

Zeitsprung: Am 5.8.1969 veröffentlichen Creedence Clearwater Revival „Green River“.

Doch Fogerty beschleicht eine Ahnung, die viele Künstler bis heute umtreibt: Was passiert, wenn wir keine Präsenz in den Charts zeigen? Aus Angst, vergessen zu werden, sitzt er allabendlich in seinem karg eingerichteten Zimmer und schreibt, was das Zeug hält. Bereits im August können Creedence also Album Nummer drei Green River, vorweisen. Das Sumpf-Motiv wird weiter bedient, die erste Single Bad Moon Rising war bereits im April veröffentlich worden und griff zusätzlich den Vietnamkrieg auf. Das Album schafft es auf Platz eins und bleibt bis heute das Lieblingswerk der Bandmitglieder.

Von Urlaub wollen CCR jedoch nichts wissen und spielen zwischen den Veröffentlichungen einen Haufen Festivals und Shows, unter anderem mit Jimi Hendrix, The Byrds, Led Zeppelin und Joe Cocker. Woodstock darf natürlich nicht fehlen, doch Fogerty zeigt sich alles andere als zufrieden mit der Performance der Band. Außer Exzellenz duldet er nichts, so kommt es also, dass der Woodstock-Auftritt lange Zeit nur denen vorbehalten bleibt, die anwesend waren. Erst kürzlich gibt Fogerty die vollen Aufnahmen frei, die in Form des Albums Live At Woodstock erhältlich sind. 

Willy & The Poor Boys und Konflikte

Weil aber immer noch etwas mehr drin ist, erscheint mit Willy & The Poor Boys im November ’69  bereits der vierte Streich der Amerikaner. Fantasy Records freut sich, denn durch das strikte Training spielen die Jungs ihr Material innerhalb kürzester Zeit ein und halten die Studiokosten gering. Die Singles Down On The Corner und Fortunate Son stechen heraus, letzterer als Protest-Song gegen den Vietnamkrieg. Deutlicher noch als Bad Moon Rising zeichnet er ein Bild des Krieges und äußert sich gegen das Establishment. Die ernstgemeinte Aussage verleiht der Band Profil und zählt dennoch als weiterer Verdienst des Marketing-Genies Fogerty. Gekoppelt mit der ständigen Präsenz in den Charts und den unzähligen Auftritten geht 1969 als erfolgreichstes Jahr in die Bandgeschichte ein.

Zeitlos: Creedence Clearwater Revival auf dem Cover des Rolling Stone im Februar 1979. Foto: Baron Wolman

Wenig später entsteht die Doppelsingle Travelin’ Band/Who’ll Stop The Rain, die im Januar 1970 in den Äther geht. Im selben Jahr folgen das Cover des „Rolling Stone“ sowie das Album Cosmo’s Factory, sodass der Erfolg auf dem Papier klar scheint. Doch hinter den Kulissen kriselt es kräftig, schließlich kontrolliert Fogerty mittlerweile beinahe jeden Aspekt der Band. Ausgebrannt und desillusioniert geraten die Gemüter während der Aufnahmen zum nächsten Album immer wieder aneinander. Der Konflikt kommt zu einem abrupten Höhepunkt, als Tom Fogerty die Band kurz nach der Fertigstellung von Pendulum quittiert.

Fogerty Junior bringt das aus dem Tritt, er trifft die kreative Fehlentscheidung, das nächste Album Mardi Gras demokratisch zu dritteln, indem jedes Mitglied sein eigenes Material schreibt und einspielt. Cook und Clifford zeigen sich wenig begeistert. Nach dem nur mäßigen Erfolg und dem kritischen Verriss der Platte macht Fogerty seine beiden Kollegen für das Scheitern verantwortlich und das Jahr 1972 markiert so das Ende der kurzen, aber heftigen Erfolgswelle von Creedence Clearwater Revival.

Nach dem großen Knall

Da waren’s nur noch drei: „CCR“ nach dem Austritt von Tom Fogerty in einer Werbeanzeige für „Sweet Hitch-Hiker“ 1971. Foto: Fantasy Records

Alle vier setzen nach dem Aus Karrieren im Musikbereich fort, doch so richtig knüpft keiner an die Erfolge der späten Sechziger an. John Fogerty legt drei Soloalben und ebensoviele Top-20-Hits hin, die jedoch allesamt von Gerichtsverfahren mit Fantasy Records überschattet werden. Cook und Clifford produzieren je bedeutsame Künstler wie Doug Sahm und Roky Erickson. Tom Fogerty veröffentlicht ebenfalls Soloalben.

Als Creedence Clearwater Revival 1993 in die „Rock & Roll Hall of Fame“ induziert werden, spielt John lieber mit Bruce Springsteen und Robbie Robertson als mit Clifford und Cook, die wiederum aus Protest die Veranstaltung verlassen. Tom segnet bereits drei Jahre zuvor das Zeitliche, mit ihm schließt sein Bruder zuvor immerhin halbwegs Frieden. Ein Revival scheint somit unwahrscheinlich, doch werden jüngst gegenteilige Stimmen laut. Es bleiben die Erinnerung an die beispiellose Arbeitsmoral einer Band und die Vision des Autokraten John Fogerty, also lassen wir ihm das letzte Wort: „Irgendwann ist die Bombe explodiert.“

Popkultur

Zeitsprung: Am 1.2.1950 kommt Mike Campbell, Gitarrist von Tom Petty, zur Welt.

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Foto: Larry Hulst/Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.2.1950.

von Frank Thießies und Christof Leim

Am 1. Februar 1950 erblickt Mike Campbell das Licht der Welt, der später als Gitarrist, Songschreiber und Produzent Karriere machen sollte. Von seiner emotionalen, stets songdienlichen Saitenarbeit und Kompositionskunst profitierten nicht nur Tom Petty (und die Heartbreakers), sondern auch Rockgrößen wie Stevie Nicks, Roy Orbison, Don Henley und Bob Dylan. Wir gratulieren dem Heartland-Rocker zu seinem heutigen Geburtstag!

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Tom Petty And The Heartbreakers anhören:

Kein Versumpfen

1950 in Panama City, Florida geboren und in Jacksonville aufgewachsen, greift Campbell im Alter von 16 Jahren erstmals zur Gitarre. Als Einfluss erweisen sich subtilere Sechs-Saiten-Stars wie Scotty Moore (Elvis Presley), Luther Perkins (Johnny Cashs Tennessee Three) und George Harrison, außerdem hinterlassen Bob Dylans Folk-Verständnis und der psychedelischen Rock der Byrds Eindruck. So geprägt unternimmt Campbell zusammen mit einem gewissen Tom Petty ab Anfang der Siebziger erste ernstzunehmende musikalische Gehversuche. Ihre Band Mudcrutch kann im regionalen Umkreis Erfolge verzeichnen, der Umzug von Florida nach Los Angeles 1974 sowie der erste Plattenvertrag fruchten indes noch nicht so wie zunächst gedacht. Also lösen sich Mudcrutch auf. Aus ihrer Asche entsteht 1976 die Formation Tom Petty And The Heartbreakers. 

Hoch hinaus 

Nach zwei Platten (Tom Petty And The Heartbreakers, You’re Gonna Get It!), die man eher unter „Achtungserfolge“ verbuchen kann, erfolgt für Petty, Campbell und den Rest schließlich 1979 mit dem Album Damn The Torpedos (alles dazu hier) der große Mainstream-Durchbruch. Der von Roots zu Rock bis hin zu Pop schwingende Sound der Band trifft den Massengeschmack und ist Ausdruck eines archetypischen Amerikas zwischen Diners und Sägewerken, Fabriken und Roadhouse Bars. Bis zum Jahre 2014 wird Campbell mit Petty und den Heartbreakers 13 Studioalben aufnehmen und (zuletzt primär) die heimatlichen Bühnen der USA bereisen. 

Dabei ist Bandleader Petty nicht der einzige, der auf Mike Campbells Gitarrentalent und Künste als gelegentlicher Co-Songwriter baut. Mit der stimmgewaltigen Fleetwood-Mac-Magierin Stevie Nicks kollaboriert Campbell seit deren Solodebüt Bella Donna (1981) auf sämtlichen ihrer acht Album-Alleingänge. Ebenso greift der Gitarrist für Building The Perfect Beast (1984)von Don Henley in die Saiten und fungiert zudem als Co-Komponist und -Produzent von dessen Über-Hit The Boys Of Summer.

Der Gaststar

Ab Mitte der Achtziger ist Campbell gerne gesehener Studiogast bei Größen wie Bob Dylan, Roy Orbison und Joe Cocker. Mitte der Neunziger akquiriert ihn Produzent Rick Rubin zusammen mit Petty und den anderen Heartbreakers für Johnny Cashs American-Aufnahmereihe als Begleitband. Doch Campbell fühlt sich nicht nur dem Rock- und Country-Adel (und damit im Laufe seiner Karriere nahezu allen einstigen musikalischen Helden) verpflichtet. Auch die Punklegenden Bad Religion zeigen sich vom musikalischen Minimalismus des Mannes begeistert und laden ihn 2004 und 2010 zu Gastbeiträgen auf jeweils einem Song ein. Oder wie es Bad-Religion-Gitarrist Brett Gurewitz formuliert: „Mike Campbell ist mein Held, auch wenn er es immer peinlich findet, wenn ich das sage. Er mag nicht für seine Soli berühmt sein, aber er spielt einfach immer genau das richtige – genau das, was ein Song braucht.“

Das Leben nach Tom Petty

Das mit Tom Pettys überraschendem Tod am 2. Oktober 2017 zwangsläufig eingeläutete Ende seiner Stammband bricht Mike Campbell wie Heartland-Rock-Fans allerorts das Herz. Umso mehr freut, dass Campbell musikalisch schon bald die Flucht nach vorn antritt. Nachdem er zunächst von 2018 bis 2019 (neben Neil Finn von Crowded House) Fleetwood Macs eigentlichen Leadgitarristen Lindsey Buckingham auf deren Welttournee vertreten hat, zieht es Campbell mit eigener Band zurück ins Rampenlicht. Mit The Dirty Knobs, einer Kapelle, die er schon seit gut 15 Jahren parallel zu seinen Aktivitäten mit den Heartbreakers unterhält, veröffentlicht der Umtriebige am 20. März 2020 das erste Album Wreckless Abandon. Der Sound? Natürlich Roots-geschulter, amerikanischer Classic Rock mit hochmelodischer Sechziger-Pop-Sensibilität. Wobei Campbell sowohl am Mikro als auch optisch in Pettys Fußstapfen zu treten scheint. 

Damit bleibt uns, dem Gitarristen an seinem Ehrentag alles erdenklich Gute sowie noch eine ganze Reihe an weiteren musikalischen Höhenflügen zu wünschen!

Zeitsprung: Am 23.5.1979 geht Tom Petty pleite — absichtlich.

 

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Popkultur

Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

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Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

Zeitsprung: Am 19.3.1919 verlangt ein Axtmörder Live-Jazz in New Orleans.

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Popkultur

55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

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The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

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„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

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