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Popkultur

Die musikalische DNA von U2

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Wie viele Bands schaffen es eigentlich, über vierzig Jahre zusammenzuhalten? Also, ohne dass dabei jemand aussteigen oder – schlimmer noch und leider in der Rock-Geschichte doch verbreitet – sterben würde? U2 zumindest ist es gelungen und nicht nur das. Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen Jr. zeigen weiterhin keine Ambitionen, sich irgendwo in der irischen Einöde niederzulassen und sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Mit U2 geht es weiter – In The Name Of Love!


Hört hier in die musikalische DNA von U2 rein:

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Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Beständigkeit und der unbändige Wille, neue Grenzen erst zu finden und sie dann zu überschreiten, forderte von der Band auch seinen Preis. Auf den anfänglichen Siegeszug der Band folgten Zeiten voller Selbstzweifel, der Konflikte und kommerzieller Misserfolge. U2 jedoch überwanden diese und wurden schon als die neuen The Who oder Led Zeppelin gefeiert. Ein tolles Kompliment? Nicht für U2, die erklärtermaßen immer mehr als nur das „next big thing“ sein wollten, wie Bono sagte. Rückblickend auf eine von U2s erfolgreichsten Schaffensphasen nach der Veröffentlichung von The Joshua Tree angesprochen grummelte Mullen: „Wir waren die Größten, aber nicht die Besten.“

Wie hoch die Anforderungen sind, welche die Band an sich selbst stellt, lässt sich allein an ihren rekordverdächtigen Bühnendesigns oder an ihrem sozialpolitischen Engagement ablesen. Noch mehr indes werden die übermenschlichen Ambitionen der vier Iren deutlich, wenn wir dem Sound lauschen, der tief in ihre musikalische DNA eingeschrieben ist. Die Einflüsse U2s sind so mannigfaltig und weitreichend, dass ihnen wohl keine Liste gerecht würde. Doch zeigt schon die Auswahl von zehn wichtigen Artists und Songs, warum diese Rock-Band keine normale ist. Und warum sie letztlich nicht nur die Größten, sondern auch die Besten sind.


1. The Buzzcocks – Ever Fallen In Love (With Someone You Shouldn’t’ve)

Fangen wir aber mit einer Zeit an, als die Band noch klein war und ihr Fähigkeiten… Naja, bescheiden. Wie so viele andere Teenager ihrer Zeit erlebten die Mitglieder Ende der siebziger Jahre eine wahre Offenbarung, als Punk die Bühne betrat. Der angeblich im Fanzine Sniffin’ Glue veröffentlichte – tatsächlich schrieb dessen Herausgeber Mark Perry diese Worte so niemals auf – Leitsatz lautete: „Here’s one chord, here’s another. Now go and form a band.“ Auch der 14-jährige Larry Mullen Jr. und die sechs Menschen, die auf seinen Aushang in der Mount Temple Comprehensive School geantwortet hatten, wurden von Punk beflügelt. Bands wie The Jam, The Clash, die Buzzcocks und natürlich die Sex Pistols oder auch die Ramones von der anderen Seite des großen Teichs hatten gezeigt, dass es eben nicht viel Können braucht, um Musik zu machen. Sondern vor allem den Mut, den Willen und ein paar gute Ideen. Einige dieser Ideen nahm auch die junge Band mit auf dem Weg, die sich schnell auf die Kerntruppe von vier Personen dezimierte und bald in U2 umtaufte. Insbesondere die Indie-Vorreiter The Buzzcocks wurden für U2 wichtig. „The Buzzocks“, schwärmte Bono in einem Interview. „Die Melodien waren so großartig!“ Die Band gab sogar zu, sich am Anfang ihrer Karriere dreist bei den Drumpassagen der Buzzcocks bedient zu haben. Nicht nur das: The Edge lernte seine spätere Frau auf einem ihrer Konzerte kennen – vielleicht zum Sound von Ever Fallen In Love (With Someone You Shouldn’t’ve)? Das wäre wohl ein schlechtes Omen gewesen.


2. Joy Division – Love Will Tear Us Apart

Punk verglühte so schnell, wie er aufgeflammt war. Bands wie The Clash erweiterten ihren Stil um Reggae, Dub, Disco und Pop, während die Sex Pistols ein eher unrühmliches Ende fanden. Nur zwei Jahre nach dem bedeutenden Jahr 1977 nahm die nachfolgende Generation von Bands das Erbe der destruktiven Punk-Bewegung auf und schuf einen neuen Sound: Post-Punk. Eine der wichtigsten und heute noch bekanntesten Bands waren die aus dem Post-Punk-Epizentrum Manchester stammenden Joy Division, deren Album Unknown Pleasures die Musiklandschaft nachhaltig verändern sollte. Besonders die Produktion der Platte wurde mit ihrer klammen, brutalistischen Ästhetik ikonisch und die Aufnahmesessions dazu legendär. Der Mastermind dahinter hieß Martin Hannett. Hannett war ein aufbrausender Kauz, dessen unkonventionelle Ideen noch jeder Band zum Erfolg verhalfen. Moment, jeder? Nicht einer jungen irischen Band, deren von ihm produzierten Single 11 O’Clock Tick Tock nicht den erwünschten Erfolg einfuhr. Bei den Aufnahmen des Debütalbums eben jener Band setzt sich deshalb ein anderer Produzent hinter die Regler, ein gewisser Steve Lillywhite. Der hatte ähnlich verrückte Ideen, konnte mit der genannten Band jedoch eine langjährige und mehr als erfolgreiche Zusammenarbeit feiern. Die Rede ist natürlich von U2 und ihrem Debütalbum Boy, das stark vom aufkommenden Post-Punk-Sound geprägt war. Joy Division-Songs gehörten sogar hin und wieder zum Bühnenprogramm, den unsterblichen Klassiker Love Will Tear Us Apart etwa hat die Band schon mehrmals live gecovert. Auch in ästhetischer Hinsicht gibt es Überschneidungen: Anton Corbijn, der Haus- und Hoffotograf von U2, porträtierte auch Ian Curtis und seine Band Joy Division sowie später deren Nachfolgeband New Order.


3. Brian Eno – 1/1

Der Beginn von Post-Punk markierte auch eine neue Experimentierfreude in der Rock-Musik, die ebenso an U2 nicht spurlos vorbeiging und sie auf noch abwegigere Pfade schickte. Spätestens mit dem Album The Unforgettable Fire zeigten U2 eine Seite von sich, die vielen Rock-Fans eher komisch vorkam. „Wir versuchten etwas, das ernsthafter und künstlerischer war“, hieß von Bandseite. Wie war es dazu gekommen? Nun, die ansonsten recht laute Rock-Band entdeckte die stille und feinfühlige Musik von Brian Eno für sich. Der hatte 1978 mit dem Album Ambient 1: Music For Airports ein Meisterwerk geschaffen, das einem ganzen Genre seinen Namen geben sollte. Die beruhigenden Klänge wie auch die verschrobenen Klangexperimente Enos weckten das Interesse von U2, die ihn prompt als Produzent einluden – sehr zum Entsetzen ihrer Plattenfirma. U2 aber setzten ihren Willen durch und kollaborierten wieder und wieder mit dem ehemaligen Roxy Music-Mitglied. Kommerzieller Erfolg war dabei immer Nebensache und blieb des Öfteren aus. U2 aber war das egal: Was sie gemeinsam mit Eno erreichen wollten, war nichts weniger, als Musik für die Ewigkeit zu schaffen. Und so wie Ambient 1 zu einem Meilenstein der Musikgeschichte wurde, so hat sich auch das gemeinsam mit Eno produzierte Album Achtung Baby für immer in die Annalen der Rock-Musik eingeschrieben. Und wer den flächigen Sound von The Edges Gitarrenriffs liebt, der muss dafür unter anderem Eno danken.


4. Kraftwerk – Neonlicht

U2 ging es im Laufe ihrer Karriere immer darum, größer und noch besser zu werden. Die Bühnenshows wurden stetig opulenter, der Sound zunehmend fetter. Typisches Rockstar-Gehabe? Mitnichten. U2 verstehen sich und ihre Musik vielmehr als Gesamtkunstwerk, zu dem aufwändige visuelle Präsentationen ebenso gehören wie politische Ansagen. Wer U2 will, bekommt nicht nur eine Band, sondern das ganze Paket. Auch für diesen Ansatz finden sich in der Pop-Geschichte ausreichend Vorbilder, kaum jemand aber hat diesen (Selbst-)Anspruch dermaßen zur Perfektion getrieben wie Kraftwerk. Die Düsseldorfer Truppe um Ralf Hütter und der mittlerweile ausgestiegene Florian Schneider-Esleben zeigte, dass selbst eine eigenwillige Ästhetik nicht bedeuten musste, auf große Melodien und noch größere Erfolge zu verzichten. U2 nannten das Projekt immer wieder als Vorbild, coverten live einige ihrer Stücke sowie den Song Neonlicht (in der englischen Version als Neon Lights), der auf der B-Seite zu ihrer 2004 erschienenen Single Vertigo veröffentlicht wurde. Als U2 2014 mit Invisible zurückkehrten, nannte Bono gleich zwei Bands als Inspiration: Die Ramones einerseits und Kraftwerk andererseits. Klingt zuerst nach einer absonderlichen Kombination, oder? Tatsächlich aber ist beiden Bands und damit auch U2 etwas gemein: Sie alle wissen um die Kraft des Minimalismus. So überwältigend U2s Songs auch klingen mögen, im Kern ihrer Musik steht immer ein schlichtes und doch mitreißendes Songwriting. Punk mit den Mitteln von Kraftwerk, sozusagen!


5. Einstürzende Neubauten – The Interimlovers

Kraftwerks Einfluss erstreckt sich selbstverständlich nicht allein auf U2. Ihre Songs legten das Fundament der frühen Hip Hop-Kultur, als sich Afrika Bambataa für seinen Überhit Planet Rock bei gleich zwei ihrer Tracks bediente. Auch der während der achtziger Jahre entstandene neue elektronische Musikstil mit dem Namen Techno sei, so sagte einer seiner Pioniere Derrick May, vergleichbar mit dem, was passieren würde wenn Funk-Legende George Clinton mit Kraftwerk in einem Fahrstuhl eingesperrt würde. Bei den Aufnahmen von Achtung Baby im Jahr 1990 war der Techno-Hype in Berlin bereits im vollen Gange und hinterließ einen prägenden Eindruck bei Bono und The Edge, was zu inneren Konflikten in der Band führte. Clayton und Mullen nämlich wollten sich lieber auf ihre Rockwurzeln besinnen. Der Song One von Achtung Baby wurde zur Versöhnungsnummer. Mit Dance Music im Allgemeinen und Industrial-Musik im Speziellen, wie sie in West-Berlin vor dem Mauerfall von den Einstürzenden Neubauten und anderen maßgeblich geprägt wurde, setzte sich die Band trotzdem intensiv auseinander. Auf Pop wurde dieser Einfluss deutlicher denn je. Dass die Band im Video zur Single Discotheque als Village People verkleidet waren, sagt da schon einiges aus! Zum Glück für uns (und sie!) klangen sie aber nicht so. Vielmehr zeigte sich auf Pop der dezente, aber nachhaltige Einfluss der Einstürzenden Neubauten, die 1993 gemeinsam mit den Iren auf Tour gingen. „Wir wollten ein Album machen, das elektronisch klingt und nach den Einstürzenden Neubauten“, bestätigte auch Bono.


6. Danger Doom – Crosshairs

Auch als der große Hype um elektronische Musik gegen Ende der neunziger Jahre merklich abflaute, verließ U2 das Interesse an den alternativen Möglichkeiten der Musikproduktion nicht. Es gehört zu einer Besonderheiten dieser großen und großartigen Rock-Band, stets neue Wege gesucht und betreten zu haben. Die künstlerische Abenteuerlust schlug sich bei ihnen vorrangig in der Auswahl ihrer Produzenten nieder. Nach Lillywhite und Eno war es vor allem einer, der für Aufruhr sorgte: Danger Mouse. Der US-Amerikaner hatte 2004 mit einem ambitionierten Projekt schlagartig Weltruhm erlangt. Sein Grey Album war ein Mash-Up aus dem White Album der Beatles und Jay-Zs Black Album und bedeutete eine musikalische Revolution. Wenig später schon saß er bei den Gorillaz hinter der Konsole und nahm gemeinsam mit dem Rapper MF Doom das stilprägende Album The Mouse &  The Mask unter dem Projekttitel Danger Doom auf. 2010 kam das Gerücht auf, dass U2 gleichzeitig an drei (!) Alben arbeiten würden. Eins sollte dabei von David Guetta und will.i.am produziert werden und sich eher an Dance Music anlehnen, ein anderes die ruhigere Seite von U2 betonen. Das dritte? Eine Kollaboration mit Danger Mouse, die dennoch auf den klassischen U2-Sound abzielte. Ende des Jahres bestätigte Bono die Arbeit mit Danger Mouse und vertröstete die Fanbase noch etwas bis zur Veröffentlichung. Es folgten ein paar verwirrende Jahre, in denen U2 mal begeistert, mal resigniert vom Fortschritt der Aufnahmen berichteten. Als Songs Of Innocence dann 2014 erschien, hatte es zuvor noch ein ganzes Expertenteam von anderen Produzenten durchlaufen. Danger Mouse gab sich geknickt. „Das sind nicht meine Tracks. Das sind die Songs von U2. Ich bin nicht mit einem Stück glücklich, solange sie es nicht sind.“ Vielleicht hätten also sowohl er als auch U2 bei ihren Leisten bleiben sollen. Den Versuch aber war es doch mindestens wert.


7. Them – Gloria

Während Songs Of Innocence mit dem Song The Miracle (Of Joey Ramone) dezidiert den Ramones Tribut zollte, so schwebte darüber doch auch der Geist eines anderen Musikers, mit dessen Musik die Bandmitglieder aufwachsen waren. Denn Songs Of Innocence beschäftigte sich inhaltlich mit simpleren Zeiten, als sie U2 während des Mammutprojekts durchlebten. Bono nahm darauf die unbeschwerte Jugend der Bandmitglieder in den Blick. Aber Moment mal – unbeschwert? Wuchsen die vier Musiker nicht in einer Zeit auf, in der politische Konflikte und Gewalt an der Tagesordnung standen? Nicht umsonst widmeten sie einen ihrer frühen Songs dem Sunday Bloody Sunday. In dem politischen Chaos aber gab Musik Halt. Van Morrison wuchs als Nordire in der gleichen Kultur wie U2 auf und lebte doch in einem anderen Land, seine Musik allerdings wurde über alle Grenzen bekannt. 1964 veröffentlichte er mit seiner damaligen Band Them den Song Gloria, damals eigentlich als B-Seite der Single Baby, Please Don’t Go. Wie so oft sollte die Bonus-Nummer den eigentlichen Song übertreffen und viel mehr Wirkung auf die Rock-Welt ausüben. Auch U2 konnten sich dem Sog des rohen Garage Rock-Stücks nicht entziehen und spielen ihn auch heute noch regelmäßig am Ende ihres Songs Exit an. Bei Weitem nicht die einzige Nummer des eigensinnigen Sängers, das die vier Musiker aus dem Nachbarland coverten: Auch Into The Mystic oder In The Garden vom nordirischen Maestro fanden sich zeitweise auf ihren Setlists.


8. The Beatles – In My Life

Von Punk bis Hip Hop – U2 lieben die Extreme, im Grunde aber sind sie doch eine Rock-Band und fanden dort auch ihre größten Idole. Bob Dylan etwa, den Bono den „Picasso der Rock-Musik“ nannte. „Wir alle tragen ihm seine Koffer nach!“ Auf die Frage hin, wer ihn am meisten geprägt hat, weiß der Sänger sofort eine Antwort. „Den bedeutendsten Einfluss übten auf mich die Beatles aus“, erklärte er. „Mit John Lennons Fähigkeit, den Kopf über die Brüstung zu stecken und sich aus seinen Überzeugungen heraus die Sahnetorte vom Fensterbrett zu mopsen.“ Äh, okay. Das heißt nun was? „Ich denke, dass ein Künstler die Art von Person ist, welche sich die Knochen in der Brust bricht, die Rippen aufreißt und ungeschönt und verletzlich ist. Selbst wenn das bedeutet, einen totalen Esel aus sich selbst zu machen.“ Okay, das ist zwar… grafisch… aber verständlich. „Du hast diesen Typus Künstler vielleicht gefunden und bist ihm gefolgt. Diesen Werdegang habe ich als Fan von John Lennon erlebt.“ Jetzt wird so einiges klar! Was Bono an den Beatles schätzt? So ziemlich alles. Vom „metallischen Klagegesang auf Helter Skelter“ über Paul McCartneys Lyrics hin zur „schwindeligen Psychedelik von Across The Universe“. Also das ganze Paket seiner Komplexität wegen, ja? Genau. Aber welcher ist denn nun sein Lieblingssong? „Derselbe, der auch Kurt Cobains Lieblingsstück war, In My Life.“ Na also, hätten wir das geklärt!


9. The Skids – The Saints Are Coming

Von Punk über Post-Punk hin zu Ambient, dem Techno-Pop Kraftwerks und dem Industrial der Einstürzenden Neubauten ging es bisher und von einer missglückten Kollaboration mit einem Hip Hop-Produzenten führte uns U2s Weg zurück auf den (Garagen-)Boden der Tatsachen hin zu Bonos absoluter Lieblingsband. Können wir hier etwa schon aufhören? Nein, aber wir müssen auch mal schlussmachen. Sonst würden wir mit U2s Einflüssen noch das gesamte Internet vollschreiben. Schlagen wir also einen Bogen zum Anfang und landen wieder beim Punk. Während U2 für den Ruf ihres Heimatlandes als Geburtsstätte fantastischer Rock-Musik so einiges leisteten, taten vorher The Skids dasselbe für Schottland und Punk. Die kurzlebige Band, deren Mitglieder sich reihenweise austauschten, schenkte dem Punk-Genre einen seiner größten Hits, das hymnische The Saints Are Coming. U2 zollten der legendären Nummer gemeinsam mit einer anderen Band Tribut, die ebenso wie sie im Punk anfingen und sich bald schon mit Größerem beschäftigten: Green Day. 2006 performten beide Bands den Song im Louisiana Superdome, um damit auf… ein Football-Spiel… einzustimmen? Auch das klingt zuerst merkwürdig, doch gab es dafür einen guten, wenngleich tragischen Grund: Es war das erste Spiel der New Orleans Saints (!) im heimischen Stadion nachdem der Hurricane Katrina in der Region verheerende Verwüstungen hinterlassen hatte. Der Song, der auch als Benefiz-Single erschien, schaffte es somit fast vier Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung zurück in die Charts. Punk’s not dead!


10. Jawbreaker – With Or Without U2

Was aber hält eigentlich die Punk-Szene von U2? Klar, in so gut wie allen anderen Genres wird die Band hoch geschätzt, aber Punk ist eben eigensinnig. Wer solche Ambitionen an den Tag legt wie U2 muss sich schnell Vorwürfe anhören. Sagen wir so: Während die meisten Punks bei der Nennung von U2 wohl nur angewidert die Nase rümpfen (und ihre Platten von Boy bis War nur heimlich hören), konnten sich einige doch nicht verkneifen, ihre Bedeutung in der Rock-Welt lautstark anzuerkennen. Jawbreaker hatten schon mit ihrem Song Boxcar – „1, 2, 3, 4, who’s punk, what’s the score?“ – gegen die Verbohrtheit ihrer Szene-Kollegen gewettert und gingen mit einem augenzwinkernd With Or Without U2 betitelten Stück noch einen Schritt weiter. Anders als im Titel suggeriert, zitiert dieses auf musikalischer Ebene zuerst Sunday Bloody Sunday, bevor Sänger Jake Schwarzenbach Passagen aus With Or Without You bellt. Das aber ist noch nicht alles: Weiter geht es im Song mit einer Hommage an die Horror-Punks von den Misfits und eine an die britische New Wave-Band The Vapors. Keine schlechte Gesellschaft eigentlich, oder? Es passt eben auch zu U2, die ihre weitreichenden Einflüsse nie verheimlicht und sich doch stets auf ihre Wurzeln besonnen haben.


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Popkultur

Zeitsprung: Am 18.1.1974 gehen falsche Fleetwood Mac auf Tour – ganz offiziell.

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"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 18.1.1974.

von Christof Leim

Im Januar 1974 spielen Fleetwood Mac Konzerte in den USA. Das wäre eigentlich ein Grund zur Freude für Classic Rock-Fans, doch leider steht da niemand auf der Bühne, der auf den aktuellen Platten oder den letzten Touren gespielt hat. Anders formuliert: Nur der Name Fleetwood Mac geht auf Tour, die Band blöderweise nicht. Das finden Besucher und Veranstalter natürlich befremdlich, zumal sie das oft erst am Showtag erfahren. Was ist da passiert und wer steckt hinter den „Fakewood Mac“?

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Hört hier in die damals aktuelle Platte Mystery To Me rein:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.

Wer sich Anfang 1974 ein Konzertticket für Fleetwood Mac kauft, der erwartet auf der Bühne die Musiker der gerade neuen Platte Mystery To Me: Schlagzeuger Mick Fleetwood und Bassist John McVie zum Beispiel, dazu Sängerin Christine McVie und die Gitarristen Bob Welch und Bob Weston. Doch schon bei der ersten Show der Tour am 18. Januar 1974 ist keine einzige Person dieses Line-ups anwesend. Niemand. Stattdessen spielen fünf Unbekannte Fleetwood Mac-Songs.

Da muss also etwas vorgefallen sein. In einem Artikel des Rolling Stone von damals erzählt der Manager Clifford Davis: „Ich habe mich entschieden, etwas an der Band zu ändern, insbesondere auf der Bühne. Und das habe ich getan. Ich war immer schon der Anführer, der entscheidet, wer mitspielt und wer nicht.“ Eine krasse Ansage, aber Davis geht noch weiter: „Ich möchte endlich den Eindruck zerstreuen, dass dies Mick Fleetwoods Band ist. Diese Band war immer schon meine Band.“

Die echte Band Ende 1973: Welch, Fleetwood, McVie, McVie (v.l.) – Pic: Promo

Doch wie kommt der Mann dazu? In jenen Jahren verlieren Fleetwood Mac ständig ihre Gitarristen: Danny Kirwan fliegt 1972 raus, was den Abbruch einer Tour bedeutet. Im Herbst 1973 wird dann Bob Weston gefeuert, weil Drummer Mick kann es nicht länger mit ansehen, dass sein Kollege ein Verhältnis mit seiner Frau Jenny hat und damit auch in der Öffentlichkeit nicht hinter dem Berg hält. Autsch. Damit endet auch die erste Tour zu Mystery To Me vorzeitig. Dem Manager passt das gar nicht, angeblich nennt er das „unprofessionell“. Als die Musiker dann sogar eine Pause einlegen wollen, in der Mick sich um seine unvermeidliche Scheidung kümmern muss, stellt er kurzerhand eine Ersatztruppe zusammen und schickt sie in den USA auf die Straße.

Das Ersatzaufgebot besteht aus Musikern der Band Legs, die eine Single unter der Ägide des Managers veröffentlicht hatte: Sänger Elmer Gantry, Gitarrist Kirby Gregory, Bassist Paul Martinez und  Pianist John Wilkinson. „Ich habe mich aber entschieden, Mick zu behalten“, erklärt Davis im Rolling Stone. Allerdings habe der kurzfristig wegen privater Probleme wieder zurück nach England fliegen müssen. Also setzt sich Craig Collinge hinter das Schlagzeug.

Der erste Auftritt findet statt in Pittsburgh am 18. Januar 1974. Wenig überraschend gibt es dort umgehend Streit mit dem Veranstalter, und auch die Fans sind nicht erbaut. Deshalb muss Davis von nun an jeden Abend auf der Bühne verkünden, dass ganz neue Musiker spielen werden und Mick Fleetwood selbst, so ein Ärger, es leider nicht geschafft habe. Gut kommt das nicht an, doch es wird noch schlimmer: Eine Woche später rollt der Tross nach New York, wo 30 Minuten vor der Show feststeht, dass Elmer Gantry nicht singen können wird. „Das ist mir noch nie passiert“, röchelt er gegenüber dem Rolling Stone. Dummerweise hat sich ausgerechnet für diesen Abend die versammelte Musikpresse angekündigt. Noch doofer allerdings: Niemand sagt den Veranstaltern rechtzeitig Bescheid. Die hätten mit ein wenig mehr Vorlauf die Sause noch absagen können, jetzt aber stehen nach den Vorgruppen Kiss und Silverhead 3.400 Fans in der Halle und warten. Also fällt die Entscheidung, die „Band“ ohne Frontmann auf die Bühne zu schicken. Nach einer halben Stunde Boogie-Jam machen 800 Fans von dem Angebot Gebrauch, ihr Geld zurückzubekommen…

Das kann alles nicht lange gut gehen. Es gibt sogar die Geschichte, dass der langjährige Tourmanager John Courage irgendwann das Equipment versteckt und so dafür sorgt, dass die Konzertreise unter falscher Flagge gestört und abgebrochen wird. Kein Wunder also, dass der Spuk der„Fakewood Mac“ ziemlich schnell wieder vorbei ist und Clifford Davis mit Anlauf gefeuert wird. Ein unvermeidbares gerichtliches Nachspiel klärt zwar die Namensrechte eindeutig zu Gunsten der echten Fleetwood Mac, doch es bremst die Band mehrere Monate aus.

Die Musiker der Zweitbesetzung kehren zurück nach England und gründen die Band Stretch, die im November 1975 einen Hit landet mit dem Song Why Did You Do It?. Dessen Text kann mal an als klassisches Beziehungsdrama lesen, aber die meisten Kommentatoren sehen hier eine direkte Attacke auf Mick Fleetwood – weil der sich schließlich von der unglücklichen Tour zurückgezogen habe (was der weiterhin dementiert). Fleetwood Mac verstärken sich indes mit dem Gitarristen Lindsey Buckingham und der Sängerin Stevie Nicks und gehen in den Folgejahren durch die Decke. Der Rest ist Geschichte…



Titelfoto: Michael Putland/Getty Images

Zeitsprung: Am 11.7.1975 starten Fleetwood Mac ihrem gleichnamigen Album durch.

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Zeitsprung: Am 17.1.1949 erblickt Mick Taylor das Licht der Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 17.1.1949.

von Timon Menge und Christof Leim

Mick Taylor zählt zu den versiertesten Gitarristen der Rockgeschichte und hat die Diskografie gleich zwei großer Bands mitgeprägt: John Mayall’s Bluesbreakers und The Rolling Stones. Als Solomusiker tourt er seit 1974 um die Welt. Am 17. Januar feiert Taylor Geburtstag.

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Hört hier in sein Soloalbum Mick Taylor rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Songs.

Der Jugendliche

Mick Taylor kommt am 17. Januar 1949 in Welwyn Garden City in England zur Welt und wächst im Ort Hatfield auf. In seiner Jugend gründet er die Bands The Juniors und The Strangers, mit denen er sogar im Fernsehen auftritt und eine erste Single veröffentlicht. Ab 1965 spielt er als Mitglied von The Gods mit Musikern wie Brian Glascock (später bei Dolly Parton und Iggy Pop), mit seinem Bruder John Taylor (Jethro Tull), Ken Hensley und Lee Kerslake (beide Uriah Heep) sowie Greg Lake (King Crimson, Emerson, Lake & Palmer).

Der Bluesbreaker

Etwa zur selben Zeit besucht Taylor ein Konzert von John Mayall’s Bluesbreakers in seiner Geburtsstadt. Als Mayalls Gitarrist Eric Clapton aus ungewissen Gründen nicht auftaucht, fragt Taylor den britischen Bluesveteranen in der Pause kuzerhand, ob er einspringen soll. Nach kurzer Bedenkzeit ist Mayall einverstanden. Später sagt Taylor dazu: „Ich habe in dem Moment gar nicht daran gedacht, dass das eine tolle Gelegenheit ist. Ich wollte bloß auf die Bühne und Gitarre spielen.“



Der junge Gitarrist beeindruckt den Bandleader so sehr, dass die beiden ihre Telefonnummern austauschen. Als Mayall ein Jahr später einen Ersatz für Peter Green sucht, erinnert er sich an das Nachwuchstalent. Von 1966 bis 1969 tourt Taylor mit der Gruppe, spielt Alben wie Crusade (1967), Bare Wires (1968) und Blues From Laurel Canyon (1968) ein. Er profiliert sich als hervorragender Blues-Gitarrist mit Jazz-Einflüssen, seine Karriere nimmt Fahrt auf.

Mick Taylor mit den Stones 1972 – Pic: Larry Rogers/Wikimedia Commons

Der Rolling Stone

Als die Rolling Stones im Juni 1969 ihren Gitarristen Brian Jones feuern, legen John Mayall und Stones-Keyboarder Ian Stewart bei Mick Jagger ein gutes Wort für Taylor ein. Die Stones laden ihn ein, nehmen einige Songs mit ihm auf – und rekrutieren den damals 20-jährigen als neues Mitglied. Sein Bühnendebüt gibt er am 5. Juli 1969 bei einem kostenlosen Konzert im Londoner Hyde Park. Mehr als eine Viertelmillion Zuschauer pilgern zu der Show, nicht zuletzt deshalb, weil sich das Konzert spontan zu einem Brian Jones-Tribut entwickelt: Der Stones-Mitgründer war zwei Tage vorher gestorben.



In den kommenden Jahren gestaltet Taylor eine wichtige Phasen der Truppe mit: So spielt er nicht nur die legendären Platten Let It Bleed (1969) und das Livealbum Get Yer Ya-Ya’s Out! (1970) ein, sondern auch die Klassiker Sticky Fingers (1971) und Exile On Main St. (1972). Im Zuge der Aufnahmen zu It’s Only Rock ’n Roll (1974) kommt es jedoch zu Querelen zwischen den Musikern. So hat Taylor nach eigenen Aussagen die Songs Till The Next Goodbye und Time Waits For No One mitverfasst, wird aber nicht als Songschreiber genannt. Überhaupt: Bei ihm stellt sich das Gefühl ein, mit den Rolling Stones alles erreicht zu haben. Außerdem ist dem Gitarristen der immense Drogenkonsum der Gruppe nicht geheuer. Im Dezember 1974 verlässt er die Band, seine Nachfolge tritt Ron Wood von Faces an, nachdem sich diese aufgelöst haben.



1995 sagt Mick Jagger in einem Interview mit dem Rolling Stone über Taylor: „Er hat Großes geleistet und für mehr Musikalität in der Gruppe gesorgt. Sein Stil ist sehr flüssig und melodisch. Das hatten wir vorher nicht und haben es bis heute nicht. Weder Keith noch Ronnie Wood spielen wie er. Es war sehr gut für mich, mit ihm zu arbeiten.“ Kein Wunder also, dass sich die Wege der Musiker auch in folgenden Jahrzehnten kreuzen und Taylor immer wieder mit seinen alten Kollegen auf der Bühne steht.



Der Solokünstler

Nach seiner Zeit bei den Stones widmet sich Mick Taylor den unterschiedlichsten Projekten. So spielt er mit Mike Oldfield, Little Feat, Bob Dylan, Carla Olson, Alvin Lee und Mark Knopfler, heuert gelegentlich bei seinem alten Arbeitgeber John Mayall an und gründet eine Band mit Jack Bruce von Cream. 1977 unterschreibt er einen Solo-Plattenvertrag mit Columbia Records, 1979 erscheint sein erstes Album Mick Taylor. Seine zweite Platte unter eigenem Namen lässt bis 1998 auf sich warten und trägt den Titel A Stone’s Throw.

Der Gitarrist

Taylor erzählt mit jedem Solo eine Geschichte anstatt bloß sein handwerkliches Können unter Beweis zu stellen. Da verwundert es nicht, dass zum Beispiel Slash von Guns N’ Roses den Briten als Einfluss nennt. New York Times-Musikjournalist Robert Palmer bringt Mick Taylors Karriere folgendermaßen auf den Punkt: „Er ist der fähigste Gitarrist, der jemals für die Rolling Stones gespielt hat. Taylor war nie ein Rocker oder gar eine Rampensau, sondern ein Blues-Gitarrist mit dem melodischen Gespür eines Jazz-Musikers.“ Respekt. Wir sagen: Happy Birthday!



Titelfoto: Dina Regine/Wiki Commons

Zeitsprung: Am 5.12.1968 feiern die Rolling Stones “Beggar’s Banquet” – mit einer Tortenschlacht.

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„Der Triumph des Jazz“: Die musikalischen Einflüsse des Martin Luther King, Jr.

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Martin Luther King Jr.
Foto: Donald Uhrbrock/Getty Images

Am 15. Januar 2022 hätte die US-amerikanische Bürgerrechtsikone Martin Luther King ihren 93. Geburtstag gefeiert. Zu Ehren Kings möchten wir an dieser Stelle seine Verbindung zur Musikkultur ein wenig näher beleuchten.

von Markus Brandstetter

Die Bilder und Worte sind fest im kollektiven Bewusstsein verankert, selbst wenn man zu jener Zeit noch nicht auf der Welt war: Im August 1963 fanden sich über 200.000 Menschen in Washington, DC zum „Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit“ (englischer Titel: March on Washington for Jobs and Freedom) zusammen.

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Vor dem Lincoln Memorial hielt Martin Luther King seine berühmte Rede, deren Worte „I have a dream“ in die Geschichte eingingen. Musik war (nicht nur) an diesem Tag ein wesentlicher Bestandteil der Proteste. Bob Dylan und Joan Baez traten auf, Peter, Paul & Mary, Odetta Holmes, Mahalia Jackson und der Eva Jessye Choir, auch Harry Belafonte war anwesend. Für King war Musik aber weit mehr als eine akustische Untermalung — er sah sie als Mittel zur Veränderung an — und, im Falle von Jazz, Triumph der Schwarzen — dazu später mehr.

Kings musikalischer Background

Für Martin Luther King, das schreibt der US-amerikanische Autor Alfonso Pollard in seinem Artikel The Extraordinary Influences of Dr. Martin Luther King, Jr., habe Musik seit seiner Kindheit eine bedeutende Rolle gespielt. Kings Mutter Alberta King spielte hier wohl die Schlüsselrolle: Sie war Chorleiterin und Organistin in der Ebenezer Baptist Church. Auch Kings spätere Ehefrau Coretta Scott, die er an der Universität kennenlernte, war Kirchenchorleiterin, außerdem Sopranistin und Multiinstrumentalistin.

Geht es nach Pollard, gab es in Kings musikalischer Sozialisation zwei große Säulen: die Gospelmusik zum einen, zeitgenössische Sängerinnen wie Mahalia Jackson, Sister Rosetta Tharpe, Nina Simone, Miriam Makeba zum anderen. Später wurde auch Jazz für ihn immer wichtiger — eine Musik, die er als „triumphal“ bezeichnete. Damit meinte er den Triumph der Afroamerikaner*innen über die Unterdrückung, über Ungerechtigkeit, Kummer, Tragödien.

Der Triumph des Jazz

1964 wurde King gebeten, die Eröffnungsrede auf dem JazzFest Berlin (damals „Berliner Jazztage“ genannt) zu halten. In seiner Rede sprach er über eben dieses Triumphale im Jazz: „Gott hat viele Dinge aus der Unterdrückung heraus geschaffen. Er hat seine Geschöpfe mit der Fähigkeit ausgestattet, zu erschaffen, und aus dieser Fähigkeit sind die süßen Lieder der Trauer und der Freude hervorgegangen, die es dem Menschen ermöglicht haben, mit seiner Umwelt und vielen verschiedenen Situationen zurechtzukommen. Der Jazz spricht für das Leben. Der Blues erzählt von den Schwierigkeiten des Lebens, und wenn man einen Moment nachdenkt, wird man feststellen, dass er die härtesten Realitäten des Lebens in Musik umsetzt, um dann mit neuer Hoffnung oder einem Gefühl des Triumphs wieder herauszukommen.“

„Die letzte Bastion des Elitismus“

Wie die Verbindung Kings zur klassischen Musik ist, ist indes nicht hinreichend beleuchtet. Der US-Dirigent Paul Freeman (1936-2015) berichtete einst in einem Interview von ein Zusammentreffen mit dem Bürgerrechtler. Als dieser ihn fragte, was er in Atlanta mache, erklärte ihm Freeman, er habe ein Engagement als Gastdirigent des Atlanta Symphony Orchestra. Die Antwort von King darauf kann als sozialkritisch bis sarkastisch gelesen werden: „Ah, die letzte Bastion des Elitismus! Glory, Halleluja!“ Freeman, dessen erklärte Mission es war, die Klassik (sowohl als Musiker*in als auch als Hörer*in) für alle zugänglich zu machen, sah dies aber nicht als Seitenhieb, sondern als Inspiration, sein Ziel zu verfolgen.

Nachzusehen ist dies in diesem Interview:

Wie wichtig King war, zeigen zahlreiche Tribute. Soul-Legende Stevie Wonder war ausschlaggebend dafür, dass Martin Luther Kings Geburtstag zum Feiertag erklärt wurde — und widmete ihm das Stück Happy Birthday. U2 schrieben Pride (In The Name Of Love) über ihn, James Taylor zollte ihm mit Shed A Little Light Tribut — und natürlich darf man Nina Simones Stück Why (The King Of Love Is Dead) nicht vergessen, dass sie drei Tage nach seinem Tod vorstellte.

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