Join us

Popkultur

Zeitsprung: Am 8.5.1990 erscheint Bruce Dickinsons Solodebüt „Tattooed Millionaire“.

Published on

Foto: Cover

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.5.1990.

von Matthias Breusch und Christof Leim

Als Sänger von Iron Maiden wird er zum globalen Metal-Superstar. Aber alleine die Qualität seiner Soloalben hätte für eine eigene Karriere gereicht. Am 8. Mai 1990 veröffentlicht Bruce Dickinson sein exzellentes Debüt Tattooed Millionaire. Und das entsteht quasi nebenbei: Vom Tresen ins Wohnzimmer ins Studio in die Charts in kürzester Zeit. Geht auch.

Hier könnt ihr euch das Album anhören: 

Welcher weltberühmte Sänger, welche berühmte Sängerin hat es drauf, ohne den Hitkatalog der Hauptband live zwei Stunden lang eine vollgestopfte Halle zu begeistern? Rolling Stone Mick Jagger hätte schlechte Karten. W. Axl Rose von Guns N‘ Roses ginge es nicht viel besser. Bruce Dickinson gehört – ähnlich wie sein Jugendidol Ian Gillan von Deep Purple – zu den wenigen Ausnahmen, die es in dieser Disziplin ohne Eier und Tomaten in der Frisur aus dem Gebäude schaffen. Für Bruce ist es vollkommen normal, bei Soloshows die Klassiker von Iron Maiden links liegen zu lassen, denn seine stilistisch offen gefächerten „privaten“ Kompositionen erweisen sich nicht selten als ähnlich mitreißende Hymnen, wie sich auf Livealben wie Scream For Me Brazil offenbart.  

Startschuss am Tresen

Dickinsons kreativer Nebenfluss beginnt 1989 ganz spontan, ohne Planung auf dem Reißbrett oder dickes Plattenfirmen-Budget. An dem Tag, an dem der kreative Multimann von der Idee Abschied nimmt, „U-Boot-Kreuzfahrten über den Atlantik anzubieten“, trifft er am Tresen einen alten Freund: Gitarrist Janick Gers. Der ehemalige Leadgitarrist von Ian Gillan spielt gerade mit dem Gedanken, seine Musikerkarriere an den Nagel zu hängen, die gesamte Ausrüstung zu verkaufen und Lehrer zu werden. Wenige Bierchen später schlagen die beiden jedoch ein neues Kapitel seiner Musikgeschichte auf.

Zusammen schreiben die beiden eine Spaßnummer mit dem schönen und geschmackssicheren Titel Bring Your Daughter To The Slaughter, gedacht für den Soundtrack von Teil fünf der Hollywood-Horrorshow Nightmare On Elm Street -The Dream Child. Für die Filmproduktion reicht es zwar zeitlich nicht ganz, aber der Song bringt Bruce einen Solovertrag mit CBS Records ein. Am Ende erscheint Bring Your Daughter… 1990 auf dem Iron-Maiden-Langspieler No Prayer For The Dying. „Wir haben es reichlich überstürzt aufgenommen. Das Stück hätte also überhaupt nicht zum übrigen Album gepasst“, erzählt Bruce im gleichen Jahr in einem Gespräch mit der britischen Journalisten-Legende Chris Welch

Seltsame Schreie

Aber an eigenem Material mangelt es ohnehin nicht. Der Sänger entwickelt ununterbrochen Ideen für aberwitzige oder tiefgründige Texte, zudem erweisen sich Gers und Dickinson musikalisch als Traumpaar: „Wir haben alles in Janicks Wohnzimmer geschrieben. In nur einer Woche.“ Laut Dickinsons Autobiografie What Does This Button Do? wurden die beiden in der Einflugschneise des Flughafens Heathrow von der Muse geküsst. „Wenn die Flugzeuge über das Haus donnerten, hinterließen die Reifen praktisch Dellen im Dach.“ Nebeneffekt: Die Nachbarn sind  längst stocktaub und hätten sich daher nie über „die seltsamen Schreie“ in Janicks Wohnzimmer gewundert. Musikalisch kommt hier im Vergleich zu Iron Maiden mehr Hard Rock raus, und mit progessivem Schlenkern in Endlossongs geben sich die beiden Jungs gar nicht erst ab.

Auch der Rest geht ruckzuck vonstatten. „Wenn man eine Sache zu sehr konstruiert, verliert man viel Energie. Deshalb haben wir für diese Platte keine Demos angefertigt.“ Vier Tage wird mit der neu zusammengestellten Band geprobt, da existiert nicht einmal der Titeltrack. „Tattooed Millionaire, die erste Single, fiel uns so nebenbei im Studio ein.“ Auch der Ohrwurm Gypsy Road entsteht erst dort im Handumdrehen: „Ich habe selten besser gesungen. Es gibt keine Overdubs, nur eine Stimme.“ No Lies wird als Jamsession auf die Spitze getrieben, mit All The Young Dudes findet noch eine Mott-The-Hoople-Nummer (aus der Feder von David Bowie) ihren Weg auf die Platte. Sogar für ein paar Bonustracks, etwa Sin City von AC/DC, hat das Quartett Zeit. (Die Nummer erscheinen 2002 auf einer Neuauflage der Platte.)

Ein Witz mit Hits

„Viele hatten geglaubt, Tattooed Millionaire sei ein ernst gemeintes Soloalbum gewesen“, schreibt der Brite, der sich selbst nie hat tätowieren lassen, in seinen Memoiren. „Dabei handelte es sich eher um einen Witz, der allerdings sauber produziert wurde.“ Es dürfte eine Menge Musiker geben, die für einen solchen „Witz“ mit mächtigen Songs wie Son Of A Gun oder Born in ‘58 splitternackt von Nottingham nach Nowosibirsk pilgern würden. Und für einen Witz funktioniert das ganz gut: So schaffen es alle vier Singles in die Top 40 in Großbritannien.

Die U-Boote lassen Dickinson dennoch nicht los. Für das Video von Tattooed Millionaire – ähnlich wie White Punks On Dope von den Tubes eine Abrechnung mit reichen weißen Taugenichtsen auf dem Sonnendeck des Lebens – engagiert er als Regisseur Storm Thorgerson, den Macher hinter dem Coverdesign von Pink Floyds Dark Side Of The Moon. Thorgerson realisiert Dickinsons Vision von „einem unterirdischen U-Boot, dessen Periskop ins lasterhafte Leben der Reichen und Berüchtigten blickt“. 

Auch für Janick Gers hat das Ganze ein glückliches Ende. Als Nachfolger des überraschend ausgestiegenen Adrian Smith wird er 1990 als festes Mitglied bei Iron Maiden aufgenommen. Dank der mitreißenden Kooperation mit Dickinson muss er nie wieder darüber nachdenken, seine Verstärker auf dem Flohmarkt zu verhökern. 

Zeitsprung: Am 8.9.2002 wird Bruce Dickinson von Iron Maiden Berufspilot.

Latest Music News

Don't Miss