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Popkultur

So war’s: Iron Maiden live in Berlin 2018

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Die Waldbühne ist ja schon schön: Ein Amphitheater im Wald, mit guter Sicht von allen Plätzen und Tendenz zu besonderer Stimmung. Das passt zur Tour, denn bei Iron Maiden stehen dieses Jahr Greatest Hits auf dem Programm, nachdem die letzte Konzertreise vor allem dem aktuellen Album galt. Dass die Burschen generell als Liveband wenig anbrennen lassen, wissen wir ja. Aber dass sie in Berlin so grandios aufspielen würden, hat uns fast ein paar stählerne Metallertränen der Freude entlockt. Und die Setlist erst…

von Christof Leim

Hier könnt ihr die Setlist des Abends nachhören:

Für das volle Programm klickt auf “Listen”.

Keine Frage: Iron Maiden gebührt Lob dafür, sich nicht selbst zur Nostalgiekapelle herunterzustufen. Wenn eine neue Platte in den Läden steht, dann werden die Songs auch gespielt. So lief es zuletzt bei der Welttour 2016/2017 zu The Book Of Souls. Eine Dekade vorher hatten sie sogar das damals aktuelle Werk A Matter Of Life And Death in ganzer Länge auf die Bühne gebracht und nur das Ende mit ein paar Klassikern garniert. Nun könnte man aber anmerken, dass sich die Stücke von The Book Of Souls für manche Ohren als viel zu ausufernd, ideenlos arrangiert und ohne jeden musikalischen Grund zu lang erwiesen und sie deshalb den Konzertspaß bei der letzten Runde schmälerten. Wer hier mitfühlen kann, darf sich heute freuen, alle anderen sowieso: Denn für die Legacy Of The Beast-Tour, benannt nach einem Band-Computerspiel, haben Iron Maiden eine große Produktion angekündigt, dazu Spaß mit Eddie und vor allem viele Überraschungen bei der Liedauswahl. Und was Maiden versprechen, halten sie üblicherweise…

Um 18:40 Uhr schon eröffnen die Metalcore-Helden Killswitch Engage die Festivitäten mit einem knackigen Elf-Song-Set. Unter den Zuschauern feiern die einen Bandhits wie A Bid Farewell, My Curse oder das obligatorische Dio-Cover Holy Diver, die anderen machen es sich an diesem netten Sommerabend erstmal mit ein paar Pils gemütlich (leider kein Trooper-Bier).

Dickinson und die Spifire, hier in Helsinki. Pic by John McMurtrie

Iron Maiden legen eine halbe Stunde später gleich klassisch los: Churchill’s Speech als Intro, dann Aces High, das Eingangsdoppel der Pflichtplatte Live After Death von 1985 also. Den meisten Maiden-Fans wird da schon warm ums Herz, entsprechend laut gehen die grob geschätzt 20.000 Fans mit. Über der Band hängt ein riesiges Kampfflugzeug, vermutlich eine Spitfire, wie sie Bruce Dickinson im Text besingt. Dazu passend trägt der Frontmann einen ledernen Pilotenhelm und fegt wie gewohnt unstoppbar über die Bühne.




Luftkampf bleibt weiter das Thema mit Where Eagles Dare, und die Nummer ist mal eine handfeste Überraschung: Seit 2005 stand dieser Kracher von 1983 mit dem markanten Drum-Intro nicht mehr auf dem Speiseplan. Da kann man schon mal klatschen – oder eher headbangen, rumschreien und Luftgitarre spielen. Es geht einiges. Übrigens scheinen sich Maiden wieder Krieg als Dekomotiv ausgesucht zu haben, schließlich handeln ganze fünf Stücke davon: Die Laufstege rechts und links an am Bühnenrand und hinter dem Schlagzeug sind mit Tarnnetzen behängt, die Crew läuft in Kampfanzügen herum. Daneben gibt es wie schon auf den letzten Touren für jeden Song ein neues Backdrop mit riesiger Eddie-Grafik – ziemlich cool.

Eddie hat mittlerweile Hörner, wie dieses Bild aus Helsinki zeigt. Pic by John McMurtie

Die sechs Musiker spielen mit viel Elan und Schwung, was auf der Book Of Souls World Tour nicht immer der Fall war, und sie klingen hervorragend. Vor allem Dickinson, der einzige unter 60, singt wie ein junger Gott. Egal, wenn die ganz hohen Passagen nicht komplett so klingen wie vor 30 Jahren und er sich mehr anstrengen muss: Respekt! Nach dem dritten Song 2 Minutes To Midnight steht jedenfalls fest: Das ist ein Einstand nach Maß. Könnte ein guter Abend werden…



Dass Iron Maiden aber eben nicht nur die Klassiker der golden Achtziger runterbeten wollen, machen sie mit The Clansman von 1998 klar, das seit fünfzehn Jahren nicht mehr live gespielt wurde und das ursprünglich Blaze Bayley gesungen hatte. Macht nix, der Bruce kann das auch, und die Leute lassen sich bei den „Freedom“-Chören nicht zweimal bitten. Wir sehen: Eine Zehn-Minuten-Nummer funktioniert live, wenn es die richtige ist. Das zeigen übrigens auch Sign Of The Cross und For The Greater Good of God, zwei ebenso lange Epen aus der „Spätphase“ der Band (also vor und nach der Reunion mit Dickinson 1999), die beide vor mehr als zehn Jahren zum letzten Mal aufgeführt wurden. Ja, diese Setlist kann sich sehen lassen.



Vor The Clansman hält Dickinson eine kleine Ansprache, die einzige des Abends übrigens: „Willkommen zur Legacy Of The Beast-Tour“, setzt er an, wird aber erstmal durch laute „Maiden! Maiden!“-Rufe unterbrochen. Er spricht von Freiheit, davon, dass dies etwas anderes bedeutet hat für „Stalin oder diesen komischen kleinen Kerl, der aussah wie Charlie Chaplin“ und dass man bereit sein müsse, sie zu verteidigen, notfalls sogar dazu, dafür zu sterben. „Und das ist schwierig heutzutage, denn niemand will irgendwas machen.“

Dickinson gegen Eddie, hier vom Konzert in Tallinn. Pic by John McMurtrie

Außerdem hauen Iron Maiden noch Knaller wie Revelations, The Wicker Man und natürlich The Trooper raus. Bei letzterem kommt zum ersten Mal Eddie auf die Bühne, um sich einen Schwertkampf mit den Musikern zu liefern. Wie üblich wird das ikonische Maskottchen und sechstes bzw. mittlerweile siebtes Bandmitglied mit Szenenapplaus bedacht. Seine menschlichen Kollegen auf der Bühne zeigen sich in bestechender Form: Die Riffs und Soli der drei Gitarristen sitzen, Drummer Nicko McBrain macht Dampf, und Bandboss Steve Harris am Klapperbass bildet wie gewohnt den Anker des Ganzen.



Ein Detail für Gitarrenfreaks: Adrian Smith hat für diese Tour anscheinend ein Wah-wah geschenkt bekommen, mit dem er gleich mehreren seiner klassischen Lead-Parts eine kleine Soundvariation verpasst. Und Janick Gers zeigt, dass er immer noch wie kein Zweiter die Stratocaster rumwirbeln und das gestreckte Bein auf einen extra bereitgestellten hüfthohen Lautsprecher werfen kann. Wie praktisch, dass man seine auffallend leuchtend weißen Spezial-Super-Metal-Turnschuhe bis in die letzte Reihe sehen kann. (Natürlich gibt es in der Waldbühne auch Leinwände links und rechts der Bühne, aber die fallen ein bisschen kleiner aus als bei großen Festivals oder wie kürzlich bei Guns N’ Roses.)

Mit Flight Of Icarus schließlich geht es dann richtig weit zurück: Seit September 1986 (!) stand die Nummer auf keiner Setlist mehr. Heute trägt Dickinson dazu einen Flammenwerfer auf dem Rücken und lässt von beiden Armen Feuerfontänen aufsteigen. Krass und großartig.



Danach biegen Maiden auf die Zielgerade ein und hauen uns die obligatorischen Hits um die Ohren. Mal ehrlich: Fear Of The Dark und The Number Of The Beast hat jeder Metal-Fan mindestens 666 Mal zu oft gehört, aber live bringt das immer, immer Spaß. Das gilt natürlich sowieso für den Song Iron Maiden. Die Zugabe mit The Evil That Men Do (Schätzchen!), Hallowed Be Thy Name (Pflicht!) und dem wirklich laut besungenen Run To The Hills gleicht dann einer Reihe an Elfmetern ohne Torwart.

Damit endet ein grandioser Konzertabend, der in dieser Brillanz nicht selbstverständlich ist. Seit 42 Jahren stehen Iron Maiden auf der Bühne, noch immer gehören sie zu den Größten. So geht Heavy Metal.


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