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Popkultur

Die musikalische DNA von Iron Maiden

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Iron Maiden-Fan sein, das ist ein Vollzeitjob. Denn natürlich können alle ernsthaften Metalheads das ikonische Gitarrenlick von Run to the Hills mitquietschen, kennen die Number of the Beast aus dem Effeff und begrüßen Eddie wie einen alten Freund, wenn sie ihn sehen. Aber wer Iron Maiden-Fan ist, kann und muss noch viel mehr. Wer Iron Maiden-Fan ist, hat eine Meinung zu den verschiedenen Frontmännern und anderen Bandmitgliedern, kennt sich in der unüberschaubaren Diskografie der Band gut aus und könnte sich nebenbei noch in einem literaturwissenschaftlichen Seminar bestens behaupten – Iron Maiden-Lyrics bilden schließlich!


Hör hier in die musikalische DNA von Iron Maiden rein:

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Um Iron Maiden ranken sich viele Missverständnisse und das nicht nur bei besorgten Christengruppen in den USA oder anderswo. Als Pioniere der New Wave of British Heavy Metal wurden sie legendär, doch viele sahen die Zeit der Band wieder und wieder abgelaufen. Doch wenn Iron Maiden einen Zenit überschritten haben, suchen sie sich die nächste Herausforderung – seit über vier Jahrzehnten schon. Kaum eine Metal-Band war dermaßen ambitioniert und dennoch so konsequent. So geschwind das Besetzungskarussell sich auch drehte, die Band blieb sich und ihren Ideen treu.

Mit ihrer Musik haben Iron Maiden die ganz Großen beeinflusst. Thrash Metal? Ohne Iron Maiden nicht denkbar. Selbst Popstars lassen sich gerne mit Iron Maiden-Shirt ablichten – aus welchen Gründen auch immer. Doch noch interessanter ist die Frage, welche Einflüsse eigentlich den Sound von Iron Maiden geprägt haben. Fans wissen das vermutlich längst, allen anderen hilft ein Blick auf die musikalische DNA der Band.


1. KISS – She’s So European

Schon bevor Iron Maiden überhaupt den allerersten Ton auf Platte bannen konnten, löste sich die Band zeitweise auf. Aber von Anfang an: Steve Harris – bis heute das einzige verbliebene Gründungsmitglied bei Maiden – rief die Band ausgerechnet an Weihnachten im Jahr 1975 ins Leben. Inspiration für den Namen lieferte die Verfilmung von Alexandre Dumas’ Roman Der Mann mit der eisernen Maske, verspätete Schützenhilfe kam fünf Jahre später allerdings von Männern mit aufgeschminkten Masken: KISS tourten 1980 gemeinsam mit der jungen Band, die gerade ihr Debütalbum veröffentlicht hatte, durch Europa, um ihr Album Unmasked zu promoten.

Gene Simmons und seine Kollegen sollen sich überraschend umgänglich gegeben haben. Schon am Anfang der Tour hat der Demon Iron Maiden angeblich einen Besuch im Backstage abgestattet haben, um ihr Debüt zu loben. Ob er es denn sogar gehört hätte, fragte barsch Paul Di‘Anno, damals noch Sänger der Band. Simmons ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und ratterte der Legende nach die gesamte Trackliste der LP herunter, Stück für Stück! Nach der Tour trennten sich die Wege beider Bands jedoch und kreuzten sich nur selten. In einem Interview allerdings rügten KISS den vor ihnen sitzenden Journalisten, weil dieser ein Iron Maiden-Shirt trug. „Du bist bei uns Zuhause, zeig etwas Respekt!“, donnerten sie. Was natürlich nicht als Affront gegen die britischen Kollegen gemeint war – vor denen haben sie schließlich fast vier Jahrzehnte nach der gemeinsamen Tour Hochachtung.


2. Black Sabbath – Sabbath Bloody Sabbath

Die Metal-Szene kann ein eitler Haufen sein. Das mussten Iron Maiden auch auf die harte Tour lernen, als sie 2005 ihr letztes Konzert auf der Ozzfest-Tour spielten. Es hagelte Eier und Feuerzeuge auf die verdatterte Band. Wieso? Bruce Dickinson hatte etwas gegen den liebsten Zeitvertrieb von Ozzy Osbourne und seiner Familie zu sagen gewagt, Reality-TV… Naja. Jahre später sollte es sich aber noch einrenken: 2010 fanden sich unter anderem Tommy Iommi und Maiden-Drummer Nicko McBrain mit anderen Stars der Metal-Community zusammen, um den Song Out of My Mind aufzunehmen. Mit den Einnahmen aus dem Erlös sollte eine Musikschule im armenischen Gjumri zu sammeln, nachdem die Stadt 1988 von einem Erdbeben zerstört wurde.

„Ich bin ein Riesenfan von Black Sabbath. Sie waren ein großer Einfluss für uns, sie sind großartige Musiker“, sagte Maiden-Gitarrist Dave Murray außerdem 2013. Denn egal, was Ozzy und seine Familie der Band auch immer an diesem verhängnisvollen Tag im Jahr 2005 antaten: Dass er und seine Band als Metal-Pioniere für sie ungemein wichtig waren, steht außer Frage. Dickinson selbst hatte 1994 ihnen auf der Tribute-Compilation gemeinsam mit der Band Godspeed seinen Respekt mit einem Sabbath Bloody Sabbath-Cover erwiesen. Glasklarer Fall, schließlich gehörte nicht allein das legendäre Debüt der Band aus Birmingham zu den ersten LPs, die ihm den Weg in die Metal-Welt aufzeigten.


3. Deep Purple – Child In Time

Vor Black Sabbath aber waren Deep Purple die härteste Band der Welt. Noch bevor er sich Black Sabbath zulegte, lernte der Teenager Dickinson in seinem Internet in Northamptonshire den Sound von Ian Gillan – selbst im Laufe seiner langen Karriere kurzzeitig Black Sabbath-Mitglied – und seinen Kollegen kennen, als Child in Time aus dem Nebenzimmer dröhnte. „Als Kind habe ich meine ersten Erfahrungen mit Purple gemacht“, erinnerte er sich. „Damit bin ich aufgewachsen, das hat mich morgens in Sachen Rock’n‘Roll aus dem Bett geholt!“ Insbesondere der expressive Gesang von Gillan hatte es ihm natürlich angetan.

Dickinson ist nicht das einzige Maiden-Mitglied, das sich auf Purple beruft. Auch Steve Harris nannte die Band als ausschlaggebend für sein Songwriting und Gitarrist Janick Gers nennt den Stil von Ritchie Blackmore als vorbildlich für sein Spiel. Kein Wunder, hatte er doch selbst mit dessen Kollegen Gillan in der NWOBHM-Band White Spirit gespielt, bevor er in der Gruppe Gogmagog Sänger Paul Di‘Anno und den 2013 verstorbenen Clive Burr kennenlernte. So führte eins zum anderen – und um Deep Purple kein Weg vorbei!


4. UFO – Cherry

„Oh ja“, rief Steve Harris auf die vielen Stilwechsel seiner Band im Laufe der Zeit angesprochen aus. „Das ist der Einfluss von Yes, Genesis, Pink Floyd, Jethro Tull, all dieser Kram. Wir wollten deren Taktwechsel mit der Heaviness von Black Sabbath und Deep Purple mit einer Prise Led Zeppelin zusammenbringen.“ Ganz schön viele Namen und insbesondere der von Led Zeppelin überrascht in dieser Liste keineswegs. Fans kennen sicherlich Iron Maidens Coverversion vom ikonischen Led Zep-Stück Communication Breakdown! Und wer den Song je gehört hat, wird darin ganz klar die Vorlage für Harris’ galoppierendes Bassspiel ausmachen.

Gerüchteweise soll ein Musiker einen noch bleibenderen Eindruck bei Harris hinterlassen haben, der UFO-Bassist Pete Way. Angeblich soll er sein Spiel ganz nach dem des Idols ausgerichtet haben. Insbesondere der Song Cherry hat es ihm angetan. Way lachte in einem Interview, als er darauf angesprochen wurde. „Naja, Steve hat uns in Anfangszeiten oft zugeschaut“, schmunzelte er. „Er stand immer in der ersten Reihe. Er hat nette Dinge über mich gesagt und ich denke, dass ich schon behaupten darf, dass er sich von mir nicht allein die gestreiften Hosen abgeschaut hat…“ Also, bei allem Respekt vor John Paul Jones: UFO waren demnach dann doch etwas wichtiger für Iron Maiden…


5. Wishbone Ash – The King Will Come

Und an der Gitarrenfront? Keine Frage, die zuweilen drei Gitarristen von Iron Maiden haben sich viel von den Helden der Doppel-Gitarre abgeschaut: Wishbone Ash zum einen und des Weiteren Thin Lizzy. „Ich denke, wenn irgendjemand Iron Maidens Frühwerk verstehen will, vor allem die Gitarrenharmonien, hilft nur der Griff zu Wishbone Ashs Argus-Album“, sagte Harris in einem Interview. „Thin Lizzy waren auch wichtig, aber nicht so sehr.“

Okay, aber was sagen die Gitarristen der Band denn dazu? Harris ist zwar ein Hansdampf in allen Gassen, beschränkt sich aber zumeist auf den Viersaiter. In einem Interview über ihr Zusammenspiel erzählten Adrian Smith und Dave Murray davon, wie sie den Wishbone Ash-Sound weiterentwickelten. „Wir haben uns diesem Doppel-Gitarren-Ding angenommen und waren nach Wishbone Ash eine der ersten Bands, die das getan haben“, sagte Smith. „Wir ergänzen uns, es ist echtes Teamwork“, stimmte Murray zu. Wobei natürlich auch andere Gruppen schon ähnliche Stilmittel eingesetzt hatten, etwa die Allman Brothers Band.


6. Jimi Hendrix – Voodoo Chile (Slight Return)

Es ist bei Iron Maiden nicht immer leicht, herauszuhören, wer da gerade spielt. Murray, Smith und Gers aber haben eine jeweils sehr bestimmte Art, zu spielen. Murray beispielsweise ist für seine Legato-Technik bekannt, er zieht die Töne auch gerne mal genüsslich lang und lässt sie voll ausklingen. Anders als seine Kollegen, die lieber Vollgas geben! Seine Wurzeln hat dieser Stil natürlich im Blues, perfektioniert aber wurde er Ende der sechziger Jahre.

Von wem? Von keinem Geringeren als vom besten Gitarristen aller Zeiten natürlich! „Ich habe Jimi Hendrix legato spielen gehört, als ich ein Teenager war, und mochte es auf Anhieb“, erinnerte sich Murray. Als das erste Mal Voodoo Chile (Slight Return) im Radio ertönte, war er sofort gepackt. „Du weißt, du hörst da etwas – ein Instrument – und du kannst nicht genau sagen, was es ist. Und das war das Wah Wah-Pedal für mich!“, erinnerte er sich an die rätselhafte, aber prägende erste Begegnung mit Hendrix’ Musik.


7. Genesis – Dancing With the Moonlit Knight

Der Psychedelic Rock von Hendrix ist nicht der einzige Einfluss Iron Maidens, der auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt. Auch vom Prog Rock, wie ihn Bands wie Genesis, Yes oder später Pink Floyd perfektioniert hatten, schnitten sie sich eine dicke Scheibe ab. Das Resultat waren nicht immer ewig lange Songs, zumindest aber komplexe Strukturen und fantastische Erzählmotive. Eine Band wie Genesis legte dafür einerseits mit theatralischen Bühnenshows und andererseits einer Musik vor, die insbesondere zur legendären Peter Gabriel-Phase alle Konventionen sprengte.

„Es war einfach nicht mehr dasselbe, nachdem Gabriel die Band verließ“, seufzte der erklärte Fan Harris in einem Interview über den markanten Bruch in der Karriere der Band. „Ich erinnere mich noch genau an den Tag. Ich kaufte mir den Melody Maker und es stand auf der Titelseite, ich war fix und fertig. Sie waren zu der Zeit meine absolute Lieblingsband!“ Alben wie Selling England by the Pound stehen bei ihm aber nach wie vor ganz oben auf der Liste. „Bei den frühen Genesis kriege ich Gänsehaut!“ Wer nicht?


8. Jethro Tull – Aqualung

Ein ganz eigener Gänsehautgarant steht seit geraumer Zeit (wieder) in Harris’ Band am Mikrofon. Quälende sechs Jahre war Dickinson, der erstmals auf The Number of the Beast den Gesang übernommen hatte, nicht Teil der Band, bevor er zurückkehrte. Mit ihm kam das Charisma auf die Bühne zurück, denn sein operettenhafter Stil fügt der Band erst das gewisse Etwas hinzu. Gelernt hat er das schon früh und zwar nur von den Besten: Jethro Tull waren eine der Bands, die er bereits zu Schulzeiten live erleben durfte. Das hinterließ Spuren!

Neben Arthur Brown, Peter Hammill von Van der Graaf Generator sowie natürlich Ian Gillan nennt Dickinson Ian Anderson von Jethro Tull als eines seiner großen Vorbilder. „Vor allem in Hinsicht auf die Lyrics!“, betonte er. Neben großen Poeten wie William Blake gehört der Aqualung-Komponist zu seinen Haupteinflüssen beim Texteschreiben. Umso schöner, dass die beiden sich 2011 sogar die Bühne teilen durften: Um Geld für den Wiederaufbau der berühmten Canterbury-Kathedrale zu sammeln, standen sie für zwei Duette – Jerusalem und Revelations – gemeinsam auf der Bühne.


9. Wolfsbane – Killing Machine

Doch vergessen wir nicht, dass neben Di‘Anno und Dickinson noch jemand anderes am Mikro stand. Gut, die fünf Jahre mit Blaze Bayley sind bei Fans umstritten – viele meinen, er könne Dickinson niemals das Wasser reichen. Der Arme hatte allerdings kein gutes Los gezogen. Nachdem mit Dickinson die Fetzen flogen, suchte die Band einen neuen Sänger und erhielt auch ein Tape von dem Briten. Die Band kannte Bayley noch seiner Gruppe Wolfsbane, mit der sie 1990 auf Tour gewesen waren. Obwohl er stimmlich lange nicht dasselbe Register bedienen konnte wie Dickinson, heuerten sie ihn an.

Wie wohl Bayleys Karriere verlaufen wäre, hätte er dafür seinen Job bei Wolfsbane nicht an den Nagel gehängt? Nur wenig später nämlich war er wieder arbeitslos. Die offizielle Begründung lautete, dass Bayley während der Virtual XI World-Tour Stimmprobleme erlebt hätte. Gers aber gab zerknirscht zu, dass die Band einen Fehler gemacht hatte, als sie ihn dazu bringen wollte, mehr zu leisten, als sein natürliches Talent es zuließ. Schade eigentlich, denn obwohl Bayley der Theatralik eines Dickinsons nicht das Wasser reichen konnte, so brachte er doch den schnoddrigen Punkrock-Flair mit, der auch schon immer Teil von Iron Maidens musikalischer DNA war.


10. Avenged Sevenfold – Hail to the King

Mit ihrer atemberaubenden Geschwindigkeit, ihrem technischen Können und ihren fantastischen Lyrics haben Iron Maiden die Metal-Welt geprägt wie keine zweite Band. Die Big Four der Thrash-Ära? Nicht auszumalen ohne die Vorarbeit von Iron Maiden! Bis heute hält der Einfluss der Band an und noch immer gehört eine kleine Grundausbildung in Sachen Iron Maiden unbedingt auf den Lehrplan jedes angehenden Metalheads.

Auch die jüngeren Generationen haben nichts als Respekt für die hart arbeitende Band übrig. Avenged Sevenfold beispielsweise gründeten sich 1999 unter dem Einfluss der Platten von Dickinson und seinen Kollegen. Sänger M. Shadows erinnerte sich gegenüber dem Rolling Stone an seine erste Berührung mit der Band. „Als ich sie mit 12 Jahren entdeckte, waren sie nun wirklich nicht die bekannteste Metal-Band in Amerika. Dann aber kaufte ich mir Piece of Mind und konnte kaum fassen, wie lang die Songs waren, mit so vielen Soli!“ Bald schon fraß er sich durch den Backkatalog und wurde ein Die-Hard-Fan. Seine Band übernahm den Doppel-Gitarren-Stil und wurde damit weltweit erfolgreich. Sogar Harris konnten sie überzeugen. Neben Biffy Clyro nannte er sie als eine der zwei Rock-Bands, die ihm dieser Tage die meiste Hoffnung für die Zukunft des Genres geben. Wenn das mal kein Kompliment ist!


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25 Jahre „Three Dollar Bill, Y’all“: Limp Bizkit starten ihren Kreuzzug des schlechten Geschmacks

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Limp Bizkit
Foto: Brenda Chase/Getty Images

Nu Metal ist längst auf dem Vormarsch, als Limp Bizkit mit ihrem Debüt Three Dollar Bill, Y’all um die Ecke biegen. Der provokante, für viele abstoßende White-Trash-Appeal von Fred Dursts wilder Bande ist 1997 für viele dann aber doch noch zu viel.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Three Dollar Bill, Y’all anhören:

Limp Bizkit liebt man oder hasst man. Dazwischen, so kann man nach 25 Jahren sicher sagen, gibt es nicht viel Spiel. Genau so wie es sich Fred Durst damals also vorstellte, als er zu Beginn der Neunziger eine Band gründet. Durst steht auf Hip-Hop ebenso wie auf Heavy Metal, skatet, liebt Tattoos, Beatboxen und Breakdancen. Ziemlich viel Cringe-Potential natürlich für einen weißen Dude Anfang 20 in North Carolina. Aber Hobbys sind eben Hobbys.

Nach Stippvisiten bei bedeutungslosen Lokalbands hat er genug und nimmt die Dinge einfach mal selbst in die Hand. Gesegnet mit jeder Menge Selbstbewusstsein, einen gewöhnungsbedürftigen Sinn für Humor und einer Vorliebe für Provokation kann er Bassist Sam Rivers und dessen Cousin, Jazz-Drummer John Otto von seinen Plänen überzeugen. Bald darauf wird das junge Glück ergänzt von Gitarrist Wes Borland. Als Durst einen zweiten Gitarristen an Bord holen will, um den Sound breiter und variabler zu gestalten, funkt Borland dazwischen: Nö, nix da, sagt der, ein Gitarrist reicht völlig. Stattdessen stößt DJ Lethal von House Of Pain zu der jungen Band, völlig begeistert davon, wie er sich hier im Vergleich zu seinen alten Hip-Hop-Buddies ausleben kann: Knallharter Sound, kompromisslose Attitüde, hohes Aggressionspotential und eine durchaus originelle Vermischung von Rap und Metal.

Das Beachtenswerte: Ohne es zu wissen, schart Fred Durst schon in den frühen Tagen ein Line-Up um sich, das bis zum heutigen Tag unverändert bleiben und gemeinsam über 40 Millionen Tonträger verkaufen soll. Nicht schlecht für die selbstgefälligen Visionen eines gelangweilten Twens mit großer Klappe. Aber das ist bei Fred Durst eben immer schon so: Große Klappe, was dahinter.

Schocken um jeden Preis

Er ist es auch, der seiner Band den Namen Limp Bizkit gibt. Er will die Menschen bewusst anwidern, will sie abschrecken und schon sehr frün die Spreu vom Weizen trennen. Wer sich schon von diesem Namen abschrecken lässt, denkt er sich, ist für die Musik eh nicht bereit. Damit soll er Recht behalten: Mit ersten Demo-Songs erregen sie zwar durchaus die Aufmerksamkeit einiger Plattenfirmen, ausnahmslos wird jedoch verlangt, die Band solle ihren Namen ändern. Nicht mit Durst! Der sieht lieber mit Wohlwollen, wie sich seine Band eine Kult-Anhängerschaft erarbeitet. Klar, Korn und die Deftones feiern damals schon große Erfolge; für den expliziten, trashigen, inhaltlich fragwürdigen, überzeichneten bewusst geschmacklosen Nu-Metal-Abriss hat man damals aber einfach noch keine Schublade.

Fred Durst ist überall unterwegs, um für seine Band Werbung zu machen, gibt sich schon auch mal als deren Manager auf, um dick aufzutragen. Wes Borland derweil entwickelt sein Faible für bizarre Kostümierungen, die schon bald einer der Hauptgründe sind, weshalb immer mehr Menschen zu Shows von Limp Bizkit kommen. Irgendwie kann Durst sogar Korn davon überzeugen, seine Band mit auf Tour zu nehmen, obwohl sie damals noch nicht mal einen Plattenvertrag haben.

Geschmacklos und stolz drauf

Den gibt es dann irgendwann doch – und natürlich ohne Namensänderung. Fred Durst kennt die Mechanismen der Industrie zu diesem Zeitpunkt schon beeindruckend gut. Dass er das Limp-Bizkit-Debüt trotzdem Three Dollar Bill, Y’all nennen muss – Queer as a three dollar bill ist eine homophobe Beleidigung –, ist mehr als nur ein Kopfschütteln wert. Aber da hat er sich eben schon eingeschossen auf seine Antihaltung, auf sein gezieltes Anecken, Anwidern, Anpissen.

Was George Michael wohl davon hielt?

Dafür hätte allein der Sound der Platte gereicht: Was am 1. Juli 1997 erscheint, ist ein verstörend hart produziertes, chaotisches, wütendes Album, das hörbar von Tool oder den Deftones geprägt ist, aber zu gleichen Teilen mit breitbeinigem Rap-Gehabe aufwartet und völlig unsubtil auf die Fresse gibt. Pollution ist ihr erster kleiner Hit, mit Counterfeit machen sie sich schon auf ihrem Debüt über Bands lustig, die sie kopieren. Klar, auch ihr anarchisches, tollwütiges Cover von George Michaels Faith, in Undergroundkreisen damals längst Legende, findet sich auf Three Dollar Bill, Y’all wieder. „Wir wussten, dass wir nur auffallen können, wenn wir die Leute schocken“, so Wes Borland damals. „Das bewegt die Leute.“

Scheint zu klappen: Nach dem Release touren sie im Vorprogramm ihrer Helden von Faith No More (wenn auch vor einem sehr ablehnenden Publikum), werden mehr und mehr von MTV entdeckt. Das Album wird zum Erfolg und zündet eine neue Stufe in Sachen Nu-Metal-Welteroberung. Man muss nicht mögen, wie Fred Durst in seinen Texten mit Frauen umgeht; man muss aber immer im Hinterkopf behalten, worum es ihm seit Tag eins bei dieser Band geht: Darum, dass sich die Menschen angewidert abwenden. Das zumindest ist spätestens 1999 allerdings passé: Der Nachfolger Significant Other verkauft sich gleich mal 16 Millionen Mal. Liebe oder Hass: Respekt vor Fred Dursts genialer Strategie muss man haben. Und die Songs, die knallen auch 25 Jahre später noch.

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Scum: Napalm Death und ihr Split-Album mit sich selbst

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Scum Album Cover

„"40 Songs in 33 Minuten: Zeitverschwendung kann man Napalm Death auf Scum wahrlich nicht vorwerfen. Bei der Produktion der Platte sieht das ein wenig anders aus, denn das Debüt der Briten erscheint in zwei Etappen — und am Ende sind darauf quasi zwei unterschiedliche Bands zu hören.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Scum anhören:

Kaum eine Band hat die Extreme der Krachmusik derart ausgelotet wie Napalm Death aus Birmingham. 1981 gegründet, startet die Gruppe ab 1985 so richtig durch. Napalm Death spielen zu jener Zeit regelmäßig im Birminghamer Club The Mermaid, wo sie nicht nur allein auf der Bühne stehen, sondern auch so ziemlich jede Band von außerhalb supporten. Einige Monate, Besetzungswechsel und Demos später kapern sie ein Studio und nehmen ihr erstes Album Scum auf — oder zumindest einen Teil davon. Die Platte entsteht nämlich in zwei Hälften.

Während ihres ersten Studioaufenthalts entstehen Stücke wie The Kill, Death By Manipulation und You Suffer ein. (Mit You Suffer landen die Briten später im Guinness-Buch der Rekorde, doch dazu gleich mehr.) Zwar hatten die Musiker diese Nummern schonmal für ein Demo aufgenommen, doch für die Albumversion treten sie das Gaspedal noch ein wenig tiefer durch und spielen die Kompositionen um einiges schneller. Die Kosten für das Studio übernimmt Mermaid-Veranstalter Daz Russell. Er bietet der Band außerdem an, die Aufnahmen über sein neues Label zu veröffentlichen, doch Napalm Death behalten die Master-Bänder lieber für sich. Die Begründung: Russell hatte die Musiker nie dafür bezahlt, dass sie im Mermaid aufgetreten waren.

Scum: Ein Album in zwei Anläufen

Nach den Aufnahme-Sessions wird die Luft in der Band dicker. Gleich mehrere Mitglieder fühlen sich berufen das Steuerrad zu übernehmen, es kommt zum Streit. Erneut dreht sich das Besetzungskarussell, einzig Schlagzeuger Mick Harris bleibt Napalm Death erhalten. 1986 kommt die Gruppe mit Digby Pearson in Kontakt, der gerade sein neues Label Earache Records an den Start gebracht hat. Nach nur wenigen Monaten unterschreiben Napalm Death einen Plattenvertrag mit ihm und Pearson kauft das Master-Band, dass die Musiker bisher zurückgehalten hatten. Mit etwa 20 Minuten Spielzeit befindet sich darauf allerdings gerade einmal genug Material für die A-Seite eines Albums. Also schickt er Napalm Death noch einmal ins Studio, obwohl die Band in der neuen Besetzung noch keine drei Stunden zusammen geprobt hat.

Dass auf der A-Seite eine andere Bandbesetzung zu hören ist als auf der B-Seite, gibt es in der Geschichte der Rockmusik nicht so häufig. Nur Schlagzeuger Mick Harris wirkt an beiden Seiten mit. Am Mikro steht nun Lee Dorrian, der später die Doom-Legenden Cathedral gründen wird. Doch trotz der eigenartigen Produktionsumstände wird Earache Records die erste Auflage des Albums innerhalb weniger Wochen aus der Hand gerissen. Zeitgleich spielen Napalm Death ihre erste Tour.

Zum großen Knall kommt es, als der Radio-DJ John Peel die Band in seiner Radiosendung auf BBC 1 Radio spielt und Napalm Death sogar dazu einlädt, eine der legendären Peel Sessions aufzunehmen. Auf einmal kennt die ganze britische Szene die neuen Krachmacher und Earache gibt eine zweite Auflage des Debüts in Auftrag. Ganze 10.000 Exemplare gehen innerhalb kürzester Zeit über die britischen Ladentheken.

You Suffer: Auf den Punk in 1,316 Sekunden

Einen besonderen Stellenwert auf dem Album genießt der Song You Suffer — und zwar nicht wegen seiner üppigen Länge. Gerade einmal 1,316 Sekunden dauert die Nummer und landet somit als kürzester Song aller Zeiten im Guinness-Buch der Rekorde. Außerdem veröffentlichen Napalm Death das Stück zwei Jahre nach Scum als kostenlose Promo-Single. Auf der B-Seite: Mega-Armageddon Death Part 3 von den Electro Hippies aus England. Auch dieses Meisterwerk dauert kaum länger als eine Sekunde, was den beiden Bands einen weiteren Rekord beschert: den der kürzesten Single aller Zeiten.

Heute gehören Napalm Death seit vielen Jahrzehnten zu den festen Institutionen der Krawallmusik. Mit Mick Harris verlässt im Jahr 1991 der letzte Musiker die Band, der auf Scum zu hören ist, inzwischen stehen vor allem Sänger Mark „Barney“ Greenway, Schlagzeuger Shane Embury und Gitarrist Mitch Harris für den Sound der Gruppe. Dennoch bleibt Scum ein wichtiges Standardwerk, das Ende der Achtziger Grenzen aufbricht, den Grindcore mit Karacho in der Musikwelt etabliert und laut Autor Ian Christe den zehnjährigen Wettbewerb um den schnellsten und härtesten Sound beendet. Bei 40 Songs in einer guten halben Stunde ist das absolut kein Wunder.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.7.1945 kommt Debbie Harry von Blondie zur Welt.

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Debbie Harry in den Siebzigern. Foto: Anthony Barboza/Getty Images

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.7.1945.

von Frank Thießies und Christof Leim

Kaum eine andere Künstlerin hat für den Frontfrauen-Feminismus und die Stärkung des weiblichen Selbstbewusstsein im Rockgeschäft so viel getan wie Blondie-Sängerin und Schauspielerin Debbie Harry, ohne die es die Karrieren von Madonna bis Lady Gaga vielleicht so nicht gegeben hätte. Am 1. Juli feiert die platinblonde Pop-Pionierin Geburtstag.

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Blondie anhören:

Als Angela Trimble wird sie in Florida geboren, doch bereits ab dem zarten Alter von drei Monaten wächst das nun in Deborah Ann umbenannte Mädchen bereits bei Adoptiveltern mit den Nachnamen Harry in New Jersey auf. Sie zeigt bereits früh viel Fantasie und ein Faible für Glamour. Sie gibt sich sogar tagträumerisch der Fantasie hin, sie könne wohlmöglich die leibliche Tochter von Marilyn Monroe sein. Entsprechend zieht es die junge Dame nach dem College-Abschluss Ende der Sechziger nach New York, wo sie unter anderem als Sekretärin für die britische Rundfunkanstalt BBC, als Kellnerin, Go-Go-Tänzerin und Bunny-Bedienung im Playboy Club Manhattan arbeitet. 

Platin heißt die Devise

Auch der Musik ist Debbie Harry nicht abgeneigt: So singt sie für die Folk-Truppe The Wind In The Willows Background und unternimmt einen ersten eigenen Gehversuch in der Gruppe The Stilettos. Als schicksalsträchtig erweist sich schließlich die Begegnung mit dem Gitarristen Chris Stein im Jahre 1974, mit dem sie fortan fünfzehn Jahre liiert sein wird und dem sie auch danach künstlerisch und menschlich eng verbunden bleibt. Zusammen rufen die beiden zunächst die Gruppe Angel And The Snake ins Leben, die sie kurz darauf aber in Blondie umtaufen. Das langlebige Gerücht, man habe sich nach Hitlers Schäferhund benannt, ist allerdings Quatsch: Blondie nennen sich Blondie, weil so der Spitzname lautet, den die Männerköpfe verdrehende Harry auf der Straße von Bewunderern zugerufen bekommt, nachdem sich ihren eigentlich natürlich rotblonden Schopf einer Wasserstoff-Blondierung unterzogen hatte. 

Zu Pop für Punk?

Im neuen Hauptquartier der Punk-Bewegung, dem New Yorker Kult-Club CBGB’s, gehören Blondie Mitte der Siebziger zur Stammbesetzung auf der Bühne – obwohl sie musikalisch nie wirklich dorthin passen. Auch erweisen sich ihre Platten Blondie (1976) und Plastic Letters (1977) beim Hipster-Publikum noch nicht als so präsent wie gewünscht, auch wenn Harrys platinblonder Powerfrauen-Look, der zugleich Sex-Appeal wie weibliche Selbstbestimmung suggeriert, damals schon viel Anerkennung findet. Dann gerät das dritte Album Parallel Lines (1978), produziert von Mike Chapman (The Sweet, Suzi Quatro), zum großen internationalen Durchbruch und wirft unter anderem den Welthit Heart Of Glass ab.

Das 1979 eilig nachgeschobene Folgealbum Eat To The Beat hält 1979 das hohe Niveau und lässt Blondie unter Harrys stilistischer Führung weiter zur New-Wave-Vorzeigeband werden. 1980 ist Debbie Harry die Frau der Stunde: Ihr Look besteht aus aus Kostümkollaborationen mit dem Designer Stephen Sprouse sowie wortwörtlichen Straßen- und Kellerfunden, zudem verfügt sie über eine starke Persönlichkeit. Mit beidem wird sie kommenden Künstlerinnen wie Madonna oder Cindy Lauper den Weg ebnen. 

Rap-Pionierin & Filmstar

1980 betreten Neuland: Rapture, der Hitsong des experimentellen fünften Albums Autoamerican geht als erster Nummer-eins-Song mit Rap-Gesang in der Strophe in die Popgeschichte ein. Zudem erweist sich das für den Soundtrack des Richard-Gere-Films American Gigolo (Ein Mann für gewisse Stunden) von Harry mit Giorgio Moroder verfasste Call Me erneut ein weltweiter Disco-Tanzflächen-Füller. 

Nachdem Andy Warhol sie in einer Reihe von Fotokunstwerken unsterblich gemacht hat, kurbelt Harry parallel ihre Filmkarriere an. So brilliert sie zunächst im billigen aber charmanten Neo-Noir-Film Union City (1980) und hat einen Auftritt mit Band im Meat-Loaf-Streifen Roadie. 1983 glänzt sie dann in David Cronenbergs Science-Fiction-Klassiker Videodrom. Dummerweise ist es Harrys erstes Soloalbum, KooKoo (1981), welches die Sängerin zwar erfolgreich mit Nile Rodgers (Chic) und Alien-Designer H.R. Giger arbeiten lässt, sie aber auch um einen wichtigen Genre-Filmauftritt beraubt: Nicht auszudenken, in welche Hollywood-Star-Sphären Harry vielleicht noch vorgestoßen wäre, hätte sie Ridley Scotts Angebot annehmen können, in dessen Blade Runner die Rolle des weiblichen Humanoiden Pris zu spielen. Doch diese Offerte fällt leider den Plänen von Harrys Plattenfirma zum Opfer (und wird schließlich von Schauspielerin Daryl Hannah dankend wahrgenommen).

Comeback und Vermächtnis

Nachdem sich Blondie 1982 nach Veröffentlichung des Albums The Hunter vorläufig trennen, verfolgt Harry weiterhin ihre Solokarriere als Sängerin und agiert als Schauspielerin in Filmen wie Hairspray und Copland. 1997 verschlägt es die inzwischen wiedervereinten Blondie zunächst auf Tournee; zwei Jahre später folgt mit No Exit (und dem Hit Maria) auch schon das große musikalische Studio-Comeback. 

Seitdem sind Blondie recht regelmäßig auf der Bühne und mit Plattenveröffentlichungen aktiv; Pollinator, das elfte und jüngste Album der Band, geht auf das Jahr 2017 zurück. Harrys letztes Soloalbum Necessary Evil liegt indes bereits 13 Jahre zurück. Dafür hat sich Frau Harry allerdings auch ihren Memoiren gewidmet. Die Autobiografie Face It erscheint Ende 2019 und zeichnet unter anderem ein lebhaftes Bild der New Yorker Boheme- und Drogenkultur der Siebziger und Achtziger, von der sie und Stein in ihren harten Heroinjahren ein nicht unwichtiger Teil waren. Und wie bei manch anderem männlichen Vertreter der Rockstar-Spezies Schwerenöter, kann man sich auch im Falle Harry nur über das Wunder freuen, dass sie all dies erlebt und überlebt hat und als Grande Dame des Art Punk/New Wave heute noch ihren Geburtstag feiern kann. 

Zeitsprung: Am 3.1.1979 erscheint „Heart Of Glass“ von Blondie.

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