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Popkultur

45 Jahre „Wish You Were Here“: Der schwere Rückflug von der dunklen Seite des Mondes

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Pink Floyd
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Der Geist von Syd Barrett spukt durch die hohen Räume, die Pink Floyd auf Wish You Were Here errichten. Nach dem weltverändernden Erfolg des Vorgängers The Dark Side Of The Moon zeigen sich Pink Floyd zynisch, desillusioniert und abgekämpft. Damals wurde Pink Floyds Neunte verkannt, heute ist sie auch deswegen längst als Meisterwerk verbucht.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Wish You Were Here hören:

Wie tritt man die Rückreise von der dunklen Seite des Mondes an? Wie knüpft man an an dieses Jahrhundertalbum, das Pink Floyd im Frühjahr 1973 unerwartet und abrupt vom Status einer Psych-Rock-Wunderwaffe zu Superstars macht, mit Geld und Ruhm überhäuft und sich rapide zu einem der erfolgreichsten Alben aller Zeiten entwickelt? Die Antwort ist bitter: Um Haaresbreite gar nicht.

Schatten und Unsterblichkeit

Pink Floyd finden auf der dunklen Seite des Mondes nicht nur Unsterblichkeit. Sie entdecken auch die Schattenseiten des Ruhms. Druck, ihre Wandlung von Musikern zu Ikonen, die wachsamen Augen der Öffentlichkeit. Außerdem entdeckt insbesondere Roger Waters zwischen dem Mondgestein etwas, das er und die Band schon lange vergessen glaubte: den ruhelosen Geist von Syd Barrett. Den hatte man 1968 unrühmlich entlassen, als seine geistige Gesundheit immer mehr auf Talfahrt ging und er von seinen Depressionen verschlungen wurde. Nicht unbedingt die feine englische Art.

Diese Geister der Vergangenheit schleppt Waters 1975 schon ganze sieben Jahre mit sich herum. Die Band muss dringend handeln, muss etwas tun, einen ebenbürtigen Nachfolger hinklatschen, sich irgendwas Grandioses einfallen lassen eben. In ihrer wachsenden Verzweiflung und ihrer ebenso schnell anschwellenden Ablehnung den Medien gegenüber schlagen sie einen radikalen Weg ein. Sie wollen Household Objects realisieren, ein Album, das gänzlich ohne Musikinstrumente auskommt und nur haushaltsübliche Gegenstände enthält, auf denen musiziert wird. Ein paar Wochen bringt das Ablenkung, dann müssen selbst Pink Floyd einsehen, dass das ziemlicher Murks ist.

Der Geist Syd Barretts

Also gehen sie wieder auf Tour, Frankreich und England stehen 1974 auf dem Programm. Zwischendrin schreiben sie den einen oder anderen Song. Einer davon heißt Shine On You Crazy Diamond. Er debütiert in Toulouse an einem warmen Junitag 1974. Die Konzerte und das neuerliche Komponieren helfen nichts: Die Band hat sich auseinandergelebt, die alte Kameraderie scheint aufgelöst. Waters macht aus der Not eine Tugend, wirft all das, was gerade schief läuft, in einen Topf. Der Geist Syd Barretts, die entfremdete Band, die Spannungen, der Groll auf die Medien, all das fließt in das Konzept ein, aus dem schließlich Wish You Were Here hervorgeht.

Doch der Weg bis zu diesem Punkt ist ein weiter. Weil Alan Parsons mittlerweile auch recht gut als Solokünstler zurechtkommt, will er die Platte nicht produzieren. Stattdessen zieht Brian Humphries in die Abbey Road Studios ein. Er kennt sich mit den Gerätschaften allerdings so schlecht aus, dass er gleich mal die in stundenlanger Kleinstarbeit perfektionierten Backing-Tracks von Shine On You Crazy Diamond versaut. Generell beschreiben Pink Floyd die Studioarbeiten als quälend und aufreibend. Schlagzeuger Nick Mason bringt zusätzlichen Zündstoff mit ins Studio, weil seine Ehe den Bach runtergeht und er laut Gilmour zunehmend unausstehlich wird. Alternde weiße reiche Männer und ihre Wehwehchen, könnte man auch sagen.

Tagelang hängt die Band nur im Studio herum, leer, ausgebrannt, unsicher, ob das alles noch einen Sinn hat. In einem Interview von 2010 gibt Gilmour zu: „Es war eine schwierige Zeit. Alle unsere Kindheitsträume hatten sich erfüllt und wir hatten das erfolgreichste Album der Welt veröffentlicht. Wir hatten alles, die Mädchen, die Kohle, den Ruhm. Wir mussten also ganz neu bewerten, weshalb wir das eigentlich überhaupt noch machten.“ Für Waters ist die Antwort irgendwann endlich gefunden: Für sich selbst und für seinen Freund Syd Barrett, dessen Schicksal ihn nicht loslässt. Also entwickelt er das Konzept, das den Knoten endlich platzen lässt und die Band zurück auf Spur bringt.

Unheimliche Begegnung

Dann geschieht das Gespenstische: Am 5. Juni 1975, das Album ist fast im Kasten, sitzt die Band gerade am finalen Mix von Shine On You Crazy Diamond, jener mehrteiligen Hymne auf den Aufstieg und Fall des Syd Barrett. Ein übergewichtiger Mann mit kahlgeschorenem Kopf und abrasierten Augenbrauen betritt das Studio, in der Hand eine braune Plastiktüte. Weder Waters noch Gilmour oder Mason erkennen ihn. Richard Wright schließlich ist es, der den Fremden als Barrett identifiziert.

Als hätte der Song auf sein Leben ihn heraufbeschworen, steht er plötzlich vor der Band, die ihn sieben Jahre zuvor durch Gilmour ersetzt hatte. Da kann es einem schon mal kalt den Rücken hinab laufen. Cover-Designer Storm Thorgerson würde sich später erinnern, dass einige Menschen weinten, als sie merkten, wer da vor ihnen saß. „Er setzte sich und plauderte ein wenig, aber er war gar nicht wirklich da.“ Barrett bietet seine Hilfe bei den Aufnahmen an, bekommt sogar Shine On You Crazy Diamond vorgespielt – ohne zu merken, dass sich der Song auf ihn bezieht.

Wenig später verlässt er das Studio wie ein Geist ohne sich zu verabschieden. Unter diesem fast schon übernatürlichen Einfluss vollenden Pink Floyd das schwerste Album ihrer Karriere. Am 15. September 1975 erscheint es in Deutschland, verziert von einem besonders ikonischen Motiv ihres Grafik-Gurus Thorgerson, das die Kritik am Musikbusiness noch mal auf eine andere Ebene hebt. Und ist in seiner unverhohlenen Melancholie, seiner Ernsthaftigkeit und seiner Desillusion ein Fanal, eine Warnung an alle, die den Hals nicht voll genug bekommen können. Vielleicht ist es weniger kohärent und zugänglich als noch The Dark Side Of The Moon. Dafür als zutiefst ehrlicher Einblick in eine Künstlerseele noch wertvoller und fragiler als das Jahrhundertwerk, an dem Pink Floyd fast zerbrochen wären.

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