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Weezer’s Pinkerton: Vom Epic Fail zu einfach Epic

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„The most painful thing in my life these days is the cult around Pinkerton. It’s just a sick album, sick in a diseased way. It’s such a source of anxiety because all the fans we have right now have stuck around because of that album. But, honestly, I never want to play those songs again; I never want to hear them again“


Nun, über kreative Marketingmethoden lässt sich – ganz besonders in der Musikindustrie – ja bekanntlich streiten. Dennoch sind dieser Aussage von (und das ist jetzt ein wichtiges Detail) Rivers Cuomo, dem Frontmann von Weezer, über sein eigenes kreatives Schaffen, gewisse kontraproduktive Züge nicht abzuringen. Oder macht genauso eine Aussage das zweite Album der Westküsten-College-Rock-Band so richtig interessant? Wir können nur raten. Fakt ist jedoch, dass Pinkerton eines der ehrlichsten, emotionalsten und schlichtweg wichtigsten Alben in der Weezer Diskographie ist. Ein weiterer Fakt ist, dass die Platte mit dem verschneiten Artwork erst vor wenigen Tagen Platin gegangen ist. Also schlappe 20 Jahre nach Veröffentlichung. Besser spät als nie, sagen die einen. Höchste Eisenbahn für einen kleinen Rückblick, sagen wir. Also, was macht Pinkerton nun zu einem solchen Must-Listen?



Ein wichtiges Wort ist eben schon gefallen: Ehrlichkeit. Oder vielleicht noch besser: Direktheit, Offenheit. Das Album ließe sich nämlich (wo wir grade schon bei Marketingstrategien waren) ebenso gut als Autobiografie promoten. Die Vorgängerplatte brachte zwar Ruhm und kommerziellen Erfolg ins Hause Weezer, verwendete aber auch eine so metaphorische und teilweise dermaßen skurrile Sprache, dass von dem Leben, das die Texte inspirierte, nicht mehr viel zu erkennen war. Mehr noch, Kritiker attestieren dem Werk sogar eine praktisch nicht vorhandene emotionale Tiefe.

So etwas war für Cuomo ein herber und verletzender Tiefschlag. Etwas, das nicht wieder vorkommen sollte. Also stand eine stilistische Kehrtwende an und anstatt den Texten eine bildliche Ebene zu geben und sie künstlerisch zu sehr zu verzerren, besingt er genau das, was in seinem Leben geschah. Ganz ehrlich, direkt und offen. Und im kleinsten Detail wahr. Bis hin zu der jungen Dame in El Scorcho, die keinen Schimmer hatte, wer oder was denn eigentlich dieses Green Day ist.


Schaut euch hier das Video zu El Scorcho an:


Und was passt zu ungeschminkten Texten besser als ein ungeschminkter Sound? Rough, ehrlich und an manchen Stellen doch ganz schön kantig. Dazu kommt, dass Cuomo Mitte der 90er, als er Pinkerton als frisch eingeschriebener Harvard Student schrieb, nicht die hellste aller persönlichen Phasen durchlebte. Eine komplizierte Operation an einem seiner Beine zwang ihn zu einem hohen Schmerzmittel-Konsum und beeinflusste auch seine Herangehensweise im Songwriting. Natürlich schlägt sich so etwas im kreativen Output nieder – und hat Kritiker und Fans erfolgreich in die Flucht geschlagen. Pinkerton floppte auf allen Ebenen und ging als erster Epic Fail in die Weezer Bandgeschichte ein. Doch was verwandelte Pinkerton von einem legendären Reinfall in nur noch legendär?

Was genau die Ansichten der musikalischen Welt änderte, werden wir wahrscheinlich nie herausfinden. Aber vielleicht war die düstere, frustrierende Stimmung des Werks erstmal zu viel für jene Fans, die sich auf einen Abklatsch des blauen Albums gefreut hatten. Da übersieht man schnell das Konzept rund um den Charakter B.F. Pinkerton aus Puccini’s Madame Butterfly, die sinnlich und zugleich zerbrechlich gezeichneten Anspielungen auf Japan und die romantische Desillusionierung des Erzählers. Gleichzeitig, trotz aller Konzipierung, trägt Pinkerton eine unglaubliche Spontanität in sich. Als seien die Songs mehr oder minder direkt aus der Songwriting Session auf dem Tonband verewigt worden.

Oder um es anders zu sagen: Pinkerton ist vielleicht genauso ein Album, das beim ersten Reinhören nicht so einfach zu verstehen ist. Aber mit der Zeit fällt der Groschen. Weezer mausert sich von einfachem Power Pop zu einer Band mit starkem, nicht mehr austauschbarem Charakter. Und liefert ein Werk ab, das bis heute als eines der wichtigsten Emo Alben gilt und das Genre einer breiten Hörerschaft zugänglich machte.



Und um zu Abschluss wieder zu unserem freundlichen Zitat am Anfang des Textes zurückzukommen: Warum lässt ein Künstler eine solche Aussage über seine eigene Arbeit vom Stapel? Wie immer ist es hilfreich, sich mal mit den Umständen vertraut zu machen. The Green Album, das Nachfolgewerk von Pinkerton, war grade erschienen und wurde sogleich von den Kritikern so richtig in die Mangel genommen. Es sei ein enttäuschender Nachfolger von Pinkerton, ließen viele Stimmen vernehmen. Dabei war das grüne Album ein Werk, in das Cuomo und seine Jungs eine Menge Arbeit und Herzblut gesteckt haben. Da kann harsche Kritik schon mal sehr persönlich genommen werden – und Aussagen hervorbringen, die vielleicht noch ein- oder zweimal durchdacht werden könnten. Aber wie dem auch sei. Hierin zeigt sich auch, wie tief und emotional die Verbundenheit der Musiker zu ihrem Schaffen ist. Und das ist – in Zeiten von instant Elektro Bumm Bumm – doch eine sehr, sehr schöne Sache!


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