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Popkultur

5 Wahrheiten über Produzenten-Legende Conny Plank

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Foto: David Corio/Redferns/Getty Images

In den 1970er-Jahren hatten Produzenten noch nicht den Superstar-Rang, den viele heute einnehmen. Doch Conny Plank erarbeitete sich in kürzester Zeit einen Ruf, der Rockstars aus der ganzen Welt in sein Bauernhof-Studio am Rande von Köln lockte.

von Michael Döringer

Ein faszinierendes Lebenswerk

Kraftwerk und DAF, Ultravox und Gianni Nannini: Der Krautrock-Pionier nahm mit einer Vielzahl großer Namen auf, produzierte oder mischte zahlreiche Klassiker. Sein Sound und sein Arbeitsethos machten ihn legendär. 1987 verstarb Conny Plank mit nur 47 Jahren an Krebs, doch sein Werk bleibt faszinierend. 2017 erschien mit „The Potential Of Noise“ eine eindrückliche Doku über Plank, entwickelt von seinem Sohn Stephan.

Conny Plank in jungen Jahren. Foto: groenland.com

Auch alte Weggefährten wie Michael Rother werden nicht müde, immer wieder seinen Einfluss zu betonen: „Wir müssen an Conny Plank denken, uns und die Fans unserer Musik an seine entscheidenden kreativen Beiträge erinnern, uns dafür bedanken. Wenn immer nur die Band oder die Musiker genannt werden, greift das zu kurz. Wir hätten in den 70ern (nicht nur) die Neu!-Alben nicht hinbekommen ohne Conny.“ Hier sind fünf Geschichten aus dem Leben und Schaffen des Ausnahmeproduzenten, die das deutlich machen.

Film-Trailer:

1. Conny Plank war der Ideengeber von Krautrock

Alleine die Liste der Alben und Musiker*innen, mit denen Plank arbeitete, macht das klar: Da sind die ersten vier Alben von Kraftwerk inklusive Autobahn; das erste Album von Ash Ra Tempel (mit Klaus Schulze und Manuel Göttsching); die stilprägenden Werke von Neu!, Cluster oder La Düsseldorf; Gruppen wie Guru Guru, Hoelderlin, Kraan und auch die erste Platte der Scorpions, die 1972 auf Lonesome Crow noch viel progressiver klingen, als man sie kennt. Abgesehen von klanglichen Aspekten und Fragen des Arrangements war Plank auch konzeptueller Ideengeber: Ihm ist der Einfall zu verdanken, dass die Kraftwerk-Cover mit einem Verkehrsleitkegel illustriert wurden. So erhielt die Band nicht nur ihr ikonisches Pylon-Logo, sondern die ganze Krautrock-Bewegung ein bis heute wiedererkennbares Symbol.

Kurz: Plank zeichnete für die spannendste Musik verantwortlich, die in den 1970ern in Deutschland gemacht wurde und kam damit im Ausland ins Bewusstsein experimentierfreudiger Musiker*innen. Auch in den 80ern drückte er der heimischen Musikwelt noch seinen Stempel auf, indem er mit NDW-Acts wie Ideal, Joachim Witt oder Rheingold arbeitete.

2. Alle Welt kam nach Wolperath, um mit Conny in einem ehemaligen Schweinestall aufzunehmen

Wer etwas besonderes wollte, der kam zu Conny Plank. Der Erfindungsreichtum seiner Krautrock-Aufnahmen wurde in aller Welt geschätzt. Ein anderer Studiomagier war einer seiner ersten großen Fans: Brian Eno nahm sein großartiges Before And After Science mit und bei Conny Plank auf. Viel wichtiger war, das Eno Musiker*innen aus der ganzen Welt an Conny weitervermittelte und so seinen Ruf noch weiter verbreitete. 1978 brachte er Devo aus Cleveland nach Wolperath bei Köln, um in Connys umgebautem Bauernhof mit ihnen den New-Wave-Klassiker Are We Not Men? (1978) aufzunehmen.

„Conny’s Studio“, das auf so vielen berühmten Album-Sleeves genannt wird, befand sich übrigens im ehemaligen Schweinestall des Gebäudes. Saustarke Akustik. Bands wie Ultravox, DAF oder die Eurythmics kamen zu Conny Plank, weil sie etwas Ungewöhnliches wollten. Robert Görl von DAF erinnert sich daran, wie dort seine Romanze mit Annie Lennox begann:

„Die Eurythmics waren ja vorher The Tourists und auch schon kommerziell erfolgreich. Aber von dieser Radio-Mucke wollten sie weg und cooler werden. Also sind sie zum Plank und wollten ein neues Konzept. Conny holte sich dann von Gabi und mir das Einverständnis, dass die Ex-Tourists, also Dave Stewart und Annie, uns zwei Tage im Studio zuschauen dürfen. Da fing es gleich an zu knistern zwischen uns.“

Conny Plank in seinem Studio. Foto: groenland.com

Auch Gabi Delgado war voll des Lobes für Conny Planks Studio-Tricks, etwa wie er den typischen DAF-Synthesizer-Sound schuf: „Wir haben unsere Korgs über Gitarren-Amps in den Raum geschickt. Wir hatten richtige Marshall-Türme. Das war Conny Planks Idee, denn er fand die Synthesizer so dünn. Er war ein Meister der Mikrofonie und hat diese Mischung aus Direktsignal und Verstärkersignal ganz toll aufgenommen.“

3. Bowie und Bono blitzten bei ihm ab

Die Rockstars gingen ein und aus, aber zwei der größten schafften es gar nicht erst über die Schwelle. Während eines Köln-Besuchs machte sich David Bowie im Jahr 1976 auf den Weg in das 35 Kilometer entfernte Wolperath. Es war die Zeit, als er mit Eno an Low arbeitete, kam also wohl auch auf dessen Anraten und erhoffte sich von Plank neue kreative Impulse. Der ließ ihn jedoch wissen, dass er leider keine Zeit für ihn habe. Fassungslos fuhr Bowie zurück nach Berlin. Immerhin gelangen ihm und Eno mit Heroes auch ohne Plank ein anständiges Album.

David Bowie, Bono und Brian Eno – ohne Conny Plank. Foto: Kevin Mazur Archive 1/WireImage/Getty Images

U2-Fans werden das wohl über The Joshua Tree sagen, das die Iren mit Brian Eno produzierten, nachdem Conny Plank dankend abgelehnt hatte. Er richtete Bono aus, dass U2 zwar „recht gute Musik“ machen würden, er für eine Zusammenarbeit aber nicht zur Verfügung stehe. Eno gab er im Vertrauen eine konkretere Begründung: „Ich kann mit diesem Sänger nicht arbeiten.“ Der Mann hatte eben seine Prinzipien. In einem Pressetext zu einer Tribute-Compilation heißt es : „Der von Zeitzeugen als äußerst liebenswürdig beschriebene Produzent konnte seine Liebenswürdigkeit ganz schnell vergessen, wenn es um den Arbeitsethos ging und die Ignoranz der Medien und der Musikindustrie.“

4. Mainstream oder Underground war kein Kriterium  – er wollte radikal und experimentell arbeiten

Warum schickte Plank Bowie und Bono weg, nahm aber mit der Kölner Mundart-Band Bläck Fööss, der italienischen Rockerin Gianna Nannini oder Heinz-Rudolf Kunze auf? Ganz nebenbei entstanden dabei deren größte Hits, Bello e impossibile und Dein ist mein ganzes Herz. Schlager und experimenteller Rock, wie geht das zusammen?

Plank suchte die Herausforderung und Künstler*innen, die Entwicklungspotenzial besaßen und ihm Raum für neue Klangideen gaben. Dieser Raum sollte eben nicht schon mit Künstler-Egos besetzt sein oder die Künstler*innen bereits komplett abgeschlossene Vorstellungen davon hatten, wie ihre Musik zu sein klingen habe. Plank machte Pop, aber das hielt ihn nicht von radikalen Arbeitsprozessen ab.

Midge Ure, Sänger und Gitarrist von Ultravox macht diese Arbeitsweise mit einer Anekdote greifbar: Für den Song All In One Day ihres Albums U-Vox (1986) ließen sich die Synth-Popper ein Orchesterarrangement von George Martin schreiben – dem Beatles-Produzenten George Martin! Und was machte Conny Plank damit? Er schickte dieses „sehr teure Arrangement“ durch den Verzerrer, weil es so seiner Meinung nach besser klingen würde. Wahnsinn.

5. Auch nach seinem Tod wollten alle weiter in Conny’s Studio aufnehmen

Sein gemütliches Heimstudio im ehemaligen Schweinestall in Wolperath verbreitete natürlich eine mystische Aura, nachdem so viel legendäre Musik hier entstanden war. Doch auch das Set-Up und die klanglichen Eigenschaften des Raums dürften dazu geführt haben, dass Conny’s Studio noch lange über Conny Planks Tod im Jahr 1987 hinaus eine gefragte Adresse blieb. Seine Lebensgefährtin Christa Fast und ihr gemeinsamer Sohn Stephan führten das Studio bis 2006 weiter.

Die Ärzte nahmen dort ihre Platte Die Bestie in Menschengestalt (1993) auf, die Fantastischen Vier ihr Erfolgsalbum 4:99 (1999), und auch die Einstürzenden Neubauten versuchten auf Silence Is Sexy (2000) wohl, den Spirit von Conny Plank ein bisschen einzufangen. Manchmal reichte vielleicht auch eine spirituelle Ahnung, um am Mischpult die richtigen Entscheidungen zu treffen. Oder man hoffte einfach darauf, dass Connys Geist im richtigen Moment den  Fader in Position bringt.

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