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Popkultur

5 Wahrheiten über Produzenten-Legende Conny Plank

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Foto: David Corio/Redferns/Getty Images

In den 1970er-Jahren hatten Produzenten noch nicht den Superstar-Rang, den viele heute einnehmen. Doch Conny Plank erarbeitete sich in kürzester Zeit einen Ruf, der Rockstars aus der ganzen Welt in sein Bauernhof-Studio am Rande von Köln lockte.

von Michael Döringer

Ein faszinierendes Lebenswerk

Kraftwerk und DAF, Ultravox und Gianni Nannini: Der Krautrock-Pionier nahm mit einer Vielzahl großer Namen auf, produzierte oder mischte zahlreiche Klassiker. Sein Sound und sein Arbeitsethos machten ihn legendär. 1987 verstarb Conny Plank mit nur 47 Jahren an Krebs, doch sein Werk bleibt faszinierend. 2017 erschien mit „The Potential Of Noise“ eine eindrückliche Doku über Plank, entwickelt von seinem Sohn Stephan.

Conny Plank in jungen Jahren. Foto: groenland.com

Auch alte Weggefährten wie Michael Rother werden nicht müde, immer wieder seinen Einfluss zu betonen: „Wir müssen an Conny Plank denken, uns und die Fans unserer Musik an seine entscheidenden kreativen Beiträge erinnern, uns dafür bedanken. Wenn immer nur die Band oder die Musiker genannt werden, greift das zu kurz. Wir hätten in den 70ern (nicht nur) die Neu!-Alben nicht hinbekommen ohne Conny.“ Hier sind fünf Geschichten aus dem Leben und Schaffen des Ausnahmeproduzenten, die das deutlich machen.

Film-Trailer:

1. Conny Plank war der Ideengeber von Krautrock

Alleine die Liste der Alben und Musiker*innen, mit denen Plank arbeitete, macht das klar: Da sind die ersten vier Alben von Kraftwerk inklusive Autobahn; das erste Album von Ash Ra Tempel (mit Klaus Schulze und Manuel Göttsching); die stilprägenden Werke von Neu!, Cluster oder La Düsseldorf; Gruppen wie Guru Guru, Hoelderlin, Kraan und auch die erste Platte der Scorpions, die 1972 auf Lonesome Crow noch viel progressiver klingen, als man sie kennt. Abgesehen von klanglichen Aspekten und Fragen des Arrangements war Plank auch konzeptueller Ideengeber: Ihm ist der Einfall zu verdanken, dass die Kraftwerk-Cover mit einem Verkehrsleitkegel illustriert wurden. So erhielt die Band nicht nur ihr ikonisches Pylon-Logo, sondern die ganze Krautrock-Bewegung ein bis heute wiedererkennbares Symbol.

Kurz: Plank zeichnete für die spannendste Musik verantwortlich, die in den 1970ern in Deutschland gemacht wurde und kam damit im Ausland ins Bewusstsein experimentierfreudiger Musiker*innen. Auch in den 80ern drückte er der heimischen Musikwelt noch seinen Stempel auf, indem er mit NDW-Acts wie Ideal, Joachim Witt oder Rheingold arbeitete.

2. Alle Welt kam nach Wolperath, um mit Conny in einem ehemaligen Schweinestall aufzunehmen

Wer etwas besonderes wollte, der kam zu Conny Plank. Der Erfindungsreichtum seiner Krautrock-Aufnahmen wurde in aller Welt geschätzt. Ein anderer Studiomagier war einer seiner ersten großen Fans: Brian Eno nahm sein großartiges Before And After Science mit und bei Conny Plank auf. Viel wichtiger war, das Eno Musiker*innen aus der ganzen Welt an Conny weitervermittelte und so seinen Ruf noch weiter verbreitete. 1978 brachte er Devo aus Cleveland nach Wolperath bei Köln, um in Connys umgebautem Bauernhof mit ihnen den New-Wave-Klassiker Are We Not Men? (1978) aufzunehmen.

„Conny’s Studio“, das auf so vielen berühmten Album-Sleeves genannt wird, befand sich übrigens im ehemaligen Schweinestall des Gebäudes. Saustarke Akustik. Bands wie Ultravox, DAF oder die Eurythmics kamen zu Conny Plank, weil sie etwas Ungewöhnliches wollten. Robert Görl von DAF erinnert sich daran, wie dort seine Romanze mit Annie Lennox begann:

„Die Eurythmics waren ja vorher The Tourists und auch schon kommerziell erfolgreich. Aber von dieser Radio-Mucke wollten sie weg und cooler werden. Also sind sie zum Plank und wollten ein neues Konzept. Conny holte sich dann von Gabi und mir das Einverständnis, dass die Ex-Tourists, also Dave Stewart und Annie, uns zwei Tage im Studio zuschauen dürfen. Da fing es gleich an zu knistern zwischen uns.“

Conny Plank in seinem Studio. Foto: groenland.com

Auch Gabi Delgado war voll des Lobes für Conny Planks Studio-Tricks, etwa wie er den typischen DAF-Synthesizer-Sound schuf: „Wir haben unsere Korgs über Gitarren-Amps in den Raum geschickt. Wir hatten richtige Marshall-Türme. Das war Conny Planks Idee, denn er fand die Synthesizer so dünn. Er war ein Meister der Mikrofonie und hat diese Mischung aus Direktsignal und Verstärkersignal ganz toll aufgenommen.“

3. Bowie und Bono blitzten bei ihm ab

Die Rockstars gingen ein und aus, aber zwei der größten schafften es gar nicht erst über die Schwelle. Während eines Köln-Besuchs machte sich David Bowie im Jahr 1976 auf den Weg in das 35 Kilometer entfernte Wolperath. Es war die Zeit, als er mit Eno an Low arbeitete, kam also wohl auch auf dessen Anraten und erhoffte sich von Plank neue kreative Impulse. Der ließ ihn jedoch wissen, dass er leider keine Zeit für ihn habe. Fassungslos fuhr Bowie zurück nach Berlin. Immerhin gelangen ihm und Eno mit Heroes auch ohne Plank ein anständiges Album.

David Bowie, Bono und Brian Eno – ohne Conny Plank. Foto: Kevin Mazur Archive 1/WireImage/Getty Images

U2-Fans werden das wohl über The Joshua Tree sagen, das die Iren mit Brian Eno produzierten, nachdem Conny Plank dankend abgelehnt hatte. Er richtete Bono aus, dass U2 zwar „recht gute Musik“ machen würden, er für eine Zusammenarbeit aber nicht zur Verfügung stehe. Eno gab er im Vertrauen eine konkretere Begründung: „Ich kann mit diesem Sänger nicht arbeiten.“ Der Mann hatte eben seine Prinzipien. In einem Pressetext zu einer Tribute-Compilation heißt es : „Der von Zeitzeugen als äußerst liebenswürdig beschriebene Produzent konnte seine Liebenswürdigkeit ganz schnell vergessen, wenn es um den Arbeitsethos ging und die Ignoranz der Medien und der Musikindustrie.“

4. Mainstream oder Underground war kein Kriterium  – er wollte radikal und experimentell arbeiten

Warum schickte Plank Bowie und Bono weg, nahm aber mit der Kölner Mundart-Band Bläck Fööss, der italienischen Rockerin Gianna Nannini oder Heinz-Rudolf Kunze auf? Ganz nebenbei entstanden dabei deren größte Hits, Bello e impossibile und Dein ist mein ganzes Herz. Schlager und experimenteller Rock, wie geht das zusammen?

Plank suchte die Herausforderung und Künstler*innen, die Entwicklungspotenzial besaßen und ihm Raum für neue Klangideen gaben. Dieser Raum sollte eben nicht schon mit Künstler-Egos besetzt sein oder die Künstler*innen bereits komplett abgeschlossene Vorstellungen davon hatten, wie ihre Musik zu sein klingen habe. Plank machte Pop, aber das hielt ihn nicht von radikalen Arbeitsprozessen ab.

Midge Ure, Sänger und Gitarrist von Ultravox macht diese Arbeitsweise mit einer Anekdote greifbar: Für den Song All In One Day ihres Albums U-Vox (1986) ließen sich die Synth-Popper ein Orchesterarrangement von George Martin schreiben – dem Beatles-Produzenten George Martin! Und was machte Conny Plank damit? Er schickte dieses „sehr teure Arrangement“ durch den Verzerrer, weil es so seiner Meinung nach besser klingen würde. Wahnsinn.

5. Auch nach seinem Tod wollten alle weiter in Conny’s Studio aufnehmen

Sein gemütliches Heimstudio im ehemaligen Schweinestall in Wolperath verbreitete natürlich eine mystische Aura, nachdem so viel legendäre Musik hier entstanden war. Doch auch das Set-Up und die klanglichen Eigenschaften des Raums dürften dazu geführt haben, dass Conny’s Studio noch lange über Conny Planks Tod im Jahr 1987 hinaus eine gefragte Adresse blieb. Seine Lebensgefährtin Christa Fast und ihr gemeinsamer Sohn Stephan führten das Studio bis 2006 weiter.

Die Ärzte nahmen dort ihre Platte Die Bestie in Menschengestalt (1993) auf, die Fantastischen Vier ihr Erfolgsalbum 4:99 (1999), und auch die Einstürzenden Neubauten versuchten auf Silence Is Sexy (2000) wohl, den Spirit von Conny Plank ein bisschen einzufangen. Manchmal reichte vielleicht auch eine spirituelle Ahnung, um am Mischpult die richtigen Entscheidungen zu treffen. Oder man hoffte einfach darauf, dass Connys Geist im richtigen Moment den  Fader in Position bringt.

Die musikalische DNA von Kraftwerk

Popkultur

25 Jahre „Three Dollar Bill, Y’all“: Limp Bizkit starten ihren Kreuzzug des schlechten Geschmacks

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Limp Bizkit
Foto: Brenda Chase/Getty Images

Nu Metal ist längst auf dem Vormarsch, als Limp Bizkit mit ihrem Debüt Three Dollar Bill, Y’all um die Ecke biegen. Der provokante, für viele abstoßende White-Trash-Appeal von Fred Dursts wilder Bande ist 1997 für viele dann aber doch noch zu viel.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Three Dollar Bill, Y’all anhören:

Limp Bizkit liebt man oder hasst man. Dazwischen, so kann man nach 25 Jahren sicher sagen, gibt es nicht viel Spiel. Genau so wie es sich Fred Durst damals also vorstellte, als er zu Beginn der Neunziger eine Band gründet. Durst steht auf Hip-Hop ebenso wie auf Heavy Metal, skatet, liebt Tattoos, Beatboxen und Breakdancen. Ziemlich viel Cringe-Potential natürlich für einen weißen Dude Anfang 20 in North Carolina. Aber Hobbys sind eben Hobbys.

Nach Stippvisiten bei bedeutungslosen Lokalbands hat er genug und nimmt die Dinge einfach mal selbst in die Hand. Gesegnet mit jeder Menge Selbstbewusstsein, einen gewöhnungsbedürftigen Sinn für Humor und einer Vorliebe für Provokation kann er Bassist Sam Rivers und dessen Cousin, Jazz-Drummer John Otto von seinen Plänen überzeugen. Bald darauf wird das junge Glück ergänzt von Gitarrist Wes Borland. Als Durst einen zweiten Gitarristen an Bord holen will, um den Sound breiter und variabler zu gestalten, funkt Borland dazwischen: Nö, nix da, sagt der, ein Gitarrist reicht völlig. Stattdessen stößt DJ Lethal von House Of Pain zu der jungen Band, völlig begeistert davon, wie er sich hier im Vergleich zu seinen alten Hip-Hop-Buddies ausleben kann: Knallharter Sound, kompromisslose Attitüde, hohes Aggressionspotential und eine durchaus originelle Vermischung von Rap und Metal.

Das Beachtenswerte: Ohne es zu wissen, schart Fred Durst schon in den frühen Tagen ein Line-Up um sich, das bis zum heutigen Tag unverändert bleiben und gemeinsam über 40 Millionen Tonträger verkaufen soll. Nicht schlecht für die selbstgefälligen Visionen eines gelangweilten Twens mit großer Klappe. Aber das ist bei Fred Durst eben immer schon so: Große Klappe, was dahinter.

Schocken um jeden Preis

Er ist es auch, der seiner Band den Namen Limp Bizkit gibt. Er will die Menschen bewusst anwidern, will sie abschrecken und schon sehr frün die Spreu vom Weizen trennen. Wer sich schon von diesem Namen abschrecken lässt, denkt er sich, ist für die Musik eh nicht bereit. Damit soll er Recht behalten: Mit ersten Demo-Songs erregen sie zwar durchaus die Aufmerksamkeit einiger Plattenfirmen, ausnahmslos wird jedoch verlangt, die Band solle ihren Namen ändern. Nicht mit Durst! Der sieht lieber mit Wohlwollen, wie sich seine Band eine Kult-Anhängerschaft erarbeitet. Klar, Korn und die Deftones feiern damals schon große Erfolge; für den expliziten, trashigen, inhaltlich fragwürdigen, überzeichneten bewusst geschmacklosen Nu-Metal-Abriss hat man damals aber einfach noch keine Schublade.

Fred Durst ist überall unterwegs, um für seine Band Werbung zu machen, gibt sich schon auch mal als deren Manager auf, um dick aufzutragen. Wes Borland derweil entwickelt sein Faible für bizarre Kostümierungen, die schon bald einer der Hauptgründe sind, weshalb immer mehr Menschen zu Shows von Limp Bizkit kommen. Irgendwie kann Durst sogar Korn davon überzeugen, seine Band mit auf Tour zu nehmen, obwohl sie damals noch nicht mal einen Plattenvertrag haben.

Geschmacklos und stolz drauf

Den gibt es dann irgendwann doch – und natürlich ohne Namensänderung. Fred Durst kennt die Mechanismen der Industrie zu diesem Zeitpunkt schon beeindruckend gut. Dass er das Limp-Bizkit-Debüt trotzdem Three Dollar Bill, Y’all nennen muss – Queer as a three dollar bill ist eine homophobe Beleidigung –, ist mehr als nur ein Kopfschütteln wert. Aber da hat er sich eben schon eingeschossen auf seine Antihaltung, auf sein gezieltes Anecken, Anwidern, Anpissen.

Was George Michael wohl davon hielt?

Dafür hätte allein der Sound der Platte gereicht: Was am 1. Juli 1997 erscheint, ist ein verstörend hart produziertes, chaotisches, wütendes Album, das hörbar von Tool oder den Deftones geprägt ist, aber zu gleichen Teilen mit breitbeinigem Rap-Gehabe aufwartet und völlig unsubtil auf die Fresse gibt. Pollution ist ihr erster kleiner Hit, mit Counterfeit machen sie sich schon auf ihrem Debüt über Bands lustig, die sie kopieren. Klar, auch ihr anarchisches, tollwütiges Cover von George Michaels Faith, in Undergroundkreisen damals längst Legende, findet sich auf Three Dollar Bill, Y’all wieder. „Wir wussten, dass wir nur auffallen können, wenn wir die Leute schocken“, so Wes Borland damals. „Das bewegt die Leute.“

Scheint zu klappen: Nach dem Release touren sie im Vorprogramm ihrer Helden von Faith No More (wenn auch vor einem sehr ablehnenden Publikum), werden mehr und mehr von MTV entdeckt. Das Album wird zum Erfolg und zündet eine neue Stufe in Sachen Nu-Metal-Welteroberung. Man muss nicht mögen, wie Fred Durst in seinen Texten mit Frauen umgeht; man muss aber immer im Hinterkopf behalten, worum es ihm seit Tag eins bei dieser Band geht: Darum, dass sich die Menschen angewidert abwenden. Das zumindest ist spätestens 1999 allerdings passé: Der Nachfolger Significant Other verkauft sich gleich mal 16 Millionen Mal. Liebe oder Hass: Respekt vor Fred Dursts genialer Strategie muss man haben. Und die Songs, die knallen auch 25 Jahre später noch.

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10 Songs, die jeder Limp-Bizkit-Fan kennen muss

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Popkultur

Scum: Napalm Death und ihr Split-Album mit sich selbst

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Scum Album Cover

„"40 Songs in 33 Minuten: Zeitverschwendung kann man Napalm Death auf Scum wahrlich nicht vorwerfen. Bei der Produktion der Platte sieht das ein wenig anders aus, denn das Debüt der Briten erscheint in zwei Etappen — und am Ende sind darauf quasi zwei unterschiedliche Bands zu hören.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Scum anhören:

Kaum eine Band hat die Extreme der Krachmusik derart ausgelotet wie Napalm Death aus Birmingham. 1981 gegründet, startet die Gruppe ab 1985 so richtig durch. Napalm Death spielen zu jener Zeit regelmäßig im Birminghamer Club The Mermaid, wo sie nicht nur allein auf der Bühne stehen, sondern auch so ziemlich jede Band von außerhalb supporten. Einige Monate, Besetzungswechsel und Demos später kapern sie ein Studio und nehmen ihr erstes Album Scum auf — oder zumindest einen Teil davon. Die Platte entsteht nämlich in zwei Hälften.

Während ihres ersten Studioaufenthalts entstehen Stücke wie The Kill, Death By Manipulation und You Suffer ein. (Mit You Suffer landen die Briten später im Guinness-Buch der Rekorde, doch dazu gleich mehr.) Zwar hatten die Musiker diese Nummern schonmal für ein Demo aufgenommen, doch für die Albumversion treten sie das Gaspedal noch ein wenig tiefer durch und spielen die Kompositionen um einiges schneller. Die Kosten für das Studio übernimmt Mermaid-Veranstalter Daz Russell. Er bietet der Band außerdem an, die Aufnahmen über sein neues Label zu veröffentlichen, doch Napalm Death behalten die Master-Bänder lieber für sich. Die Begründung: Russell hatte die Musiker nie dafür bezahlt, dass sie im Mermaid aufgetreten waren.

Scum: Ein Album in zwei Anläufen

Nach den Aufnahme-Sessions wird die Luft in der Band dicker. Gleich mehrere Mitglieder fühlen sich berufen das Steuerrad zu übernehmen, es kommt zum Streit. Erneut dreht sich das Besetzungskarussell, einzig Schlagzeuger Mick Harris bleibt Napalm Death erhalten. 1986 kommt die Gruppe mit Digby Pearson in Kontakt, der gerade sein neues Label Earache Records an den Start gebracht hat. Nach nur wenigen Monaten unterschreiben Napalm Death einen Plattenvertrag mit ihm und Pearson kauft das Master-Band, dass die Musiker bisher zurückgehalten hatten. Mit etwa 20 Minuten Spielzeit befindet sich darauf allerdings gerade einmal genug Material für die A-Seite eines Albums. Also schickt er Napalm Death noch einmal ins Studio, obwohl die Band in der neuen Besetzung noch keine drei Stunden zusammen geprobt hat.

Dass auf der A-Seite eine andere Bandbesetzung zu hören ist als auf der B-Seite, gibt es in der Geschichte der Rockmusik nicht so häufig. Nur Schlagzeuger Mick Harris wirkt an beiden Seiten mit. Am Mikro steht nun Lee Dorrian, der später die Doom-Legenden Cathedral gründen wird. Doch trotz der eigenartigen Produktionsumstände wird Earache Records die erste Auflage des Albums innerhalb weniger Wochen aus der Hand gerissen. Zeitgleich spielen Napalm Death ihre erste Tour.

Zum großen Knall kommt es, als der Radio-DJ John Peel die Band in seiner Radiosendung auf BBC 1 Radio spielt und Napalm Death sogar dazu einlädt, eine der legendären Peel Sessions aufzunehmen. Auf einmal kennt die ganze britische Szene die neuen Krachmacher und Earache gibt eine zweite Auflage des Debüts in Auftrag. Ganze 10.000 Exemplare gehen innerhalb kürzester Zeit über die britischen Ladentheken.

You Suffer: Auf den Punk in 1,316 Sekunden

Einen besonderen Stellenwert auf dem Album genießt der Song You Suffer — und zwar nicht wegen seiner üppigen Länge. Gerade einmal 1,316 Sekunden dauert die Nummer und landet somit als kürzester Song aller Zeiten im Guinness-Buch der Rekorde. Außerdem veröffentlichen Napalm Death das Stück zwei Jahre nach Scum als kostenlose Promo-Single. Auf der B-Seite: Mega-Armageddon Death Part 3 von den Electro Hippies aus England. Auch dieses Meisterwerk dauert kaum länger als eine Sekunde, was den beiden Bands einen weiteren Rekord beschert: den der kürzesten Single aller Zeiten.

Heute gehören Napalm Death seit vielen Jahrzehnten zu den festen Institutionen der Krawallmusik. Mit Mick Harris verlässt im Jahr 1991 der letzte Musiker die Band, der auf Scum zu hören ist, inzwischen stehen vor allem Sänger Mark „Barney“ Greenway, Schlagzeuger Shane Embury und Gitarrist Mitch Harris für den Sound der Gruppe. Dennoch bleibt Scum ein wichtiges Standardwerk, das Ende der Achtziger Grenzen aufbricht, den Grindcore mit Karacho in der Musikwelt etabliert und laut Autor Ian Christe den zehnjährigen Wettbewerb um den schnellsten und härtesten Sound beendet. Bei 40 Songs in einer guten halben Stunde ist das absolut kein Wunder.

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Der kürzeste Song, die längste Tour: Diese 7 Bands haben Weltrekorde aufgestellt

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Popkultur

Zeitsprung: Am 1.7.1945 kommt Debbie Harry von Blondie zur Welt.

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Debbie Harry in den Siebzigern. Foto: Anthony Barboza/Getty Images

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.7.1945.

von Frank Thießies und Christof Leim

Kaum eine andere Künstlerin hat für den Frontfrauen-Feminismus und die Stärkung des weiblichen Selbstbewusstsein im Rockgeschäft so viel getan wie Blondie-Sängerin und Schauspielerin Debbie Harry, ohne die es die Karrieren von Madonna bis Lady Gaga vielleicht so nicht gegeben hätte. Am 1. Juli feiert die platinblonde Pop-Pionierin Geburtstag.

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Blondie anhören:

Als Angela Trimble wird sie in Florida geboren, doch bereits ab dem zarten Alter von drei Monaten wächst das nun in Deborah Ann umbenannte Mädchen bereits bei Adoptiveltern mit den Nachnamen Harry in New Jersey auf. Sie zeigt bereits früh viel Fantasie und ein Faible für Glamour. Sie gibt sich sogar tagträumerisch der Fantasie hin, sie könne wohlmöglich die leibliche Tochter von Marilyn Monroe sein. Entsprechend zieht es die junge Dame nach dem College-Abschluss Ende der Sechziger nach New York, wo sie unter anderem als Sekretärin für die britische Rundfunkanstalt BBC, als Kellnerin, Go-Go-Tänzerin und Bunny-Bedienung im Playboy Club Manhattan arbeitet. 

Platin heißt die Devise

Auch der Musik ist Debbie Harry nicht abgeneigt: So singt sie für die Folk-Truppe The Wind In The Willows Background und unternimmt einen ersten eigenen Gehversuch in der Gruppe The Stilettos. Als schicksalsträchtig erweist sich schließlich die Begegnung mit dem Gitarristen Chris Stein im Jahre 1974, mit dem sie fortan fünfzehn Jahre liiert sein wird und dem sie auch danach künstlerisch und menschlich eng verbunden bleibt. Zusammen rufen die beiden zunächst die Gruppe Angel And The Snake ins Leben, die sie kurz darauf aber in Blondie umtaufen. Das langlebige Gerücht, man habe sich nach Hitlers Schäferhund benannt, ist allerdings Quatsch: Blondie nennen sich Blondie, weil so der Spitzname lautet, den die Männerköpfe verdrehende Harry auf der Straße von Bewunderern zugerufen bekommt, nachdem sich ihren eigentlich natürlich rotblonden Schopf einer Wasserstoff-Blondierung unterzogen hatte. 

Zu Pop für Punk?

Im neuen Hauptquartier der Punk-Bewegung, dem New Yorker Kult-Club CBGB’s, gehören Blondie Mitte der Siebziger zur Stammbesetzung auf der Bühne – obwohl sie musikalisch nie wirklich dorthin passen. Auch erweisen sich ihre Platten Blondie (1976) und Plastic Letters (1977) beim Hipster-Publikum noch nicht als so präsent wie gewünscht, auch wenn Harrys platinblonder Powerfrauen-Look, der zugleich Sex-Appeal wie weibliche Selbstbestimmung suggeriert, damals schon viel Anerkennung findet. Dann gerät das dritte Album Parallel Lines (1978), produziert von Mike Chapman (The Sweet, Suzi Quatro), zum großen internationalen Durchbruch und wirft unter anderem den Welthit Heart Of Glass ab.

Das 1979 eilig nachgeschobene Folgealbum Eat To The Beat hält 1979 das hohe Niveau und lässt Blondie unter Harrys stilistischer Führung weiter zur New-Wave-Vorzeigeband werden. 1980 ist Debbie Harry die Frau der Stunde: Ihr Look besteht aus aus Kostümkollaborationen mit dem Designer Stephen Sprouse sowie wortwörtlichen Straßen- und Kellerfunden, zudem verfügt sie über eine starke Persönlichkeit. Mit beidem wird sie kommenden Künstlerinnen wie Madonna oder Cindy Lauper den Weg ebnen. 

Rap-Pionierin & Filmstar

1980 betreten Neuland: Rapture, der Hitsong des experimentellen fünften Albums Autoamerican geht als erster Nummer-eins-Song mit Rap-Gesang in der Strophe in die Popgeschichte ein. Zudem erweist sich das für den Soundtrack des Richard-Gere-Films American Gigolo (Ein Mann für gewisse Stunden) von Harry mit Giorgio Moroder verfasste Call Me erneut ein weltweiter Disco-Tanzflächen-Füller. 

Nachdem Andy Warhol sie in einer Reihe von Fotokunstwerken unsterblich gemacht hat, kurbelt Harry parallel ihre Filmkarriere an. So brilliert sie zunächst im billigen aber charmanten Neo-Noir-Film Union City (1980) und hat einen Auftritt mit Band im Meat-Loaf-Streifen Roadie. 1983 glänzt sie dann in David Cronenbergs Science-Fiction-Klassiker Videodrom. Dummerweise ist es Harrys erstes Soloalbum, KooKoo (1981), welches die Sängerin zwar erfolgreich mit Nile Rodgers (Chic) und Alien-Designer H.R. Giger arbeiten lässt, sie aber auch um einen wichtigen Genre-Filmauftritt beraubt: Nicht auszudenken, in welche Hollywood-Star-Sphären Harry vielleicht noch vorgestoßen wäre, hätte sie Ridley Scotts Angebot annehmen können, in dessen Blade Runner die Rolle des weiblichen Humanoiden Pris zu spielen. Doch diese Offerte fällt leider den Plänen von Harrys Plattenfirma zum Opfer (und wird schließlich von Schauspielerin Daryl Hannah dankend wahrgenommen).

Comeback und Vermächtnis

Nachdem sich Blondie 1982 nach Veröffentlichung des Albums The Hunter vorläufig trennen, verfolgt Harry weiterhin ihre Solokarriere als Sängerin und agiert als Schauspielerin in Filmen wie Hairspray und Copland. 1997 verschlägt es die inzwischen wiedervereinten Blondie zunächst auf Tournee; zwei Jahre später folgt mit No Exit (und dem Hit Maria) auch schon das große musikalische Studio-Comeback. 

Seitdem sind Blondie recht regelmäßig auf der Bühne und mit Plattenveröffentlichungen aktiv; Pollinator, das elfte und jüngste Album der Band, geht auf das Jahr 2017 zurück. Harrys letztes Soloalbum Necessary Evil liegt indes bereits 13 Jahre zurück. Dafür hat sich Frau Harry allerdings auch ihren Memoiren gewidmet. Die Autobiografie Face It erscheint Ende 2019 und zeichnet unter anderem ein lebhaftes Bild der New Yorker Boheme- und Drogenkultur der Siebziger und Achtziger, von der sie und Stein in ihren harten Heroinjahren ein nicht unwichtiger Teil waren. Und wie bei manch anderem männlichen Vertreter der Rockstar-Spezies Schwerenöter, kann man sich auch im Falle Harry nur über das Wunder freuen, dass sie all dies erlebt und überlebt hat und als Grande Dame des Art Punk/New Wave heute noch ihren Geburtstag feiern kann. 

Zeitsprung: Am 3.1.1979 erscheint „Heart Of Glass“ von Blondie.

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