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Popkultur

Die musikalische DNA von 2Pac

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Einer sich hartnäckig haltenden Theorie nach ist 2Pac, der am 13. September 1996 nach einem Drive-By-Shooting seinen Verletzungen erlag, am siebten Tage wieder auferstanden. Andere, sich ebenso hartnäckig haltende Theorien besagen allerdings auch, dass die Erde innen hohl ist und die Regierung mit Chemtrails unsere Gedanken manipuliert. Alles ist relativ und manches eben relativ bescheuert. Bleiben wir also bei den Fakten: Das Erbe von Tupac Shakur lebt auch zwanzig Jahre nach seinem Tod weiter. Warum das so ist, erklärt ein Blick auf seine eigene musikalische DNA, denn der vermeintlich unsterbliche 2Pac hat viel zeitlose Musik in sich aufgesogen. Deswegen: All eyez on him! Es gibt mehr als eine Überraschung zu erleben.


Zieht euch die Playlist in euren Player und lest weiter:


1. Honey Cone – Want Ads

Juni 1971: Der beseelte Funk des Trios Honey Cone hat gerade die Spitze der US-Charts erobert, als Lesane Parish Crooks im New Yorker Stadtviertel East Harlem das Licht erblickt. Als die Band im Folgejahr ihr letztes Album Love, Peace & Soul veröffentlicht, wird der Kleine ein zweites Mal geboren: Seine Eltern taufen den Zögling in Tupac Amaru Shakur um, eine Anspielung auf Túpac Amaru II aus Peru, welcher im Jahr 1780 dem Aufstand gegen die spanischen Kolonialkräfte vorstand. 2Pac wird beides mitbringen: den Soul der Honey Cones und die Wut der Unterdrückten, welche seinen Namensgeber antrieb.


2. Pyotr Ilyich Tchaikovsky – The Nutcracker; Act I, Scene I; No. 7, Battle Between Nutcracker And Mouse King

Bevor sich Tupac aber erneut umbenennt und als 2Pac Musikgeschichte schreibt, geht es für die Familie im Jahr 1986 nach Baltimore. Dort schreibt sich der Teenager an der Baltimore School for the Arts ein und studiert Schauspiel, Lyrik, Jazz und… Ballett? Richtig, der erfolgreichste Rapper seiner Zeit mimte auch mal den Mäusekönig in Tchaikovskys Der Nussknacker. Kann sich niemand ausdenken, ist zum Glück aber die Wahrheit. Und passt im Übrigen wieder sehr gut zu 2Pacs erklärtem Lieblingsmusikstück: dem Thema des Musicals Les Misérables.


3. Aerosmith – Walk This Way

Sein Debüt als Rapper gibt 2Pac im Jahr 1991 auf der Same Song (This Is An E.P. Release Part 1)-Single der Crew Digital Underground, die er auch als Roadie und Backup-Tänzer auf Tour begleitete. Über einem ebenso an George Clinton wie an Bootsy Collins geschulten Groove, der neben Parliament sogar „Walk This Way“ von Aerosmith und Run DMC sampelt, stellt Digital Underground-Mastermind Shock G der Welt das neue Talent vor: „2Pac, go ahead and rock this!“ Das macht der dann prompt und hört bis zu seinem frühzeitigen Tod nicht auf. Sein Ruhm sollte den von Digital Underground bei weitem überflügeln. He walked that way indeed!


4. James Brown – The Spank

„There’s no reason for a record like this to be released. It has no place in our society”, schäumte der Vize-Präsident der Vereinigten Staaten, Dan Quayle, über 2Pacalypse Now. Mit dem Album macht sich der „Young Black Male“ Ende 1991 endgültig einen Namen. Über 13 Tracks zeigt sich der junge MC als ebenso wortgewandt wie sozialkritisch, prangert eloquent und mit unvergleichlichem Flow ebenso rassistisch motivierte Polizeigewalt an wie er die Missstände im Ghetto aufdeckt. Kein Wunder, dass 2Pac in der Vorab-Single Trapped bereits den Godfather of Funk, James „Say It Loud, I’m Black And Proud“ Brown herbei sampelte: 2Pacalypse war wie der anzügliche Funk von Browns The Spank mehr als nur frivole Unterhaltungsmusik – sondern eine klare Ansage: „They can’t keep the Black man down!“ Zu der Kritik Quayles lieferte 2Pac übrigens schon vorab das passende Comeback: I Don’t Give A Fuck heißt der vierte Song von 2Pacalypse Now.


5. Nas – One Love

2Pacs Berühmtheit hat 1994 noch lange nicht ihren Zenit erreicht, da erobert ein anderer Rapper aus New York in kaum mehr als 30 Minuten die Welt. Nas‘ Illmatic definiert über die zum Großteil von DJ Premiere produzierten Beats nicht nur den Boom-Bap-Sound der East Coast, sondern überschattet auch alle vorigen Rap-Alben Selbst das Musikmagazin The Source kann nicht anders und verleiht dem Album die Höchstwertung in Form von fünf Mics. „When those funky/eerie/powerful xylophone notes from ‘One Love’ come on, I remember @FrozenFiles (der damalige The Source-Redakteur Schott ‘Free’ Jacobs, Anm. d. Autors) is literally lying on the floor…”, erinnert sich The Source-Mitbegründer Jonathan Shecter spatter auf Twitter. Zwei 2Pac-Alben erhalten ebenfalls fünf Mics, beide aber erst im Nachhinein: All Eyez On Me (1996) wird erst 2002 bewertet und Me Against The World (1995) im Nachhinein von vier auf fünf Mics hochgestuft. Denn wenn wir mal ehrlich sind: Der musikalischen und lyrischen Dichte der Illmatic konnte 2Pac auf Albumlänge nie das Wasser reichen. Er verteilte sein poetisches Genie stattdessen auf einzelne Songs.


6. Edgar Winter – Dying To Live

Manchmal reichten ihm lediglich ein paar Bars, um Geschichte zu schreiben: 1994 nahmen 2Pac und The Notorious B.I.G. den gemeinsamen Track Runnin‘ (Dying To Live) auf. Als 2Pac zwei Jahre später angeschossen wird und wenige Tage später seinen Verletzungen erliegt, vermuten nicht wenige den mittlerweile zum Konkurrenten avancierten The Notorious B.I.G. hinter der Tat. Bevor der Konflikt zwischen East Coast und West Coast die beiden Rapper jedoch entzweite, gaben sie auf diesem Song noch mal alles. Das den Song prägende Sample basiert auf Edgar Winters Dying To Live vom Album White Trash. Die Lyrics lesen sich im Nachhinein nahezu prophetisch: „Why am I dying to live if I’m just living to die?“ Als der Track 2003 veröffentlicht wird, sind beide Rapper nicht mehr am Leben.


7. Marvin Gaye – What’s Happening Brother

„Ayo, I remember Marvin Gaye used to sing to me / He had me feeling like Black was the thing to be / And suddenly the ghetto didn’t seem so tough“, rappt 2Pac auf dem Song Keep Ya Head Up. Er ist nicht der einzige, der angesichts Gayes Musik in Schwelgereien verfiel: Auch Eric Burdon von der Band The Animals widmete dem 1984 verstorbenen Motown-Sänger einen verschwitzten Jazz-Song. Der Unterschied allerdings: Während sich Burdon in Once Upon A Time an das sexuell mehr als explizite Let’s Get It On erinnert, fragt 2Pac mit dem Titel eines Gaye-Albums gesprochen: What’s Going On? Obwohl 2Pac nämlich in Liebesangelegenheiten alles andere als ein Schwerenöter war: Seine Wut auf die Verhältnisse legte sich darüber nie. „War is hell, when will it end, / When will people start gettin’ together again”, singt Gaye aus der Perspektive eines Vietnam-Heimkehrers – 2Pac übertrug dieselbe Frage aufs Ghetto.


8. U2 – No Line On The Horizon

Laut einer 2Pac-Biografie von Carrie Golus hatte 2Pac ein überraschendes Faible für britischen und insbesondere irischen Pop von etwa Kate Bush, Sinéad O’Connor und sogar die Stadionrocker U2. Querverweise zu Hip Hop gibt es in deren Diskografie allerdings ebenso zu finden, auch wenn das nicht unbedingt gut ging: 2006 fand sich die Band mit Rick Rubin, dem Mitbegründer von Def Jam, im Studio zusammen. Das Album landete aber in der Schublade und wurde 2007 gemeinsam mit unter anderem Brian Eno unter dem Titel No Line On The Horizon neu aufgenommen. Welche Version 2Pac wohl bevorzugt hätte? Über die im Netz kursierenden „U2Pac“-Mash-Ups möchten wir an dieser Stelle auf jeden Fall schweigen…


9. Blackstreet – No Diggity

Mit seinem letzten, ebenfalls posthum veröffentlichten Studioalbum setzt 2Pac selbst die Legende seiner Auferstehung in die Welt: The Don Killuminati: The 7 Day Theory legte die thematische Grundlage für den Messias-Kult um seine Person. Keine leichte Geburt: Nur Quincy Jones‘ Sohn QD3 war von 2Pacs – der selbst an drei Tracks mitwerkelte – alter Produzentengarde noch dabei. Und da ist noch dieser eine Beat, den Dr. Dre für den Song Toss It Up geschrieben, dann aber an die Crew Blackstreet weitergereicht hat, als er das Label Death Row verließ. 2Pac revanchierte sich mit einem Dr. Dre-Diss: „No longer Dr. Dre: arrividerci / Blown and forgotten, rotten for plotting Child’s Play“. Allein, es half nichts: No Diggity von Blackstreet löste selbst den Macarena an der Chartspitze ab, der in den letzten Tagen 2Pacs aus jedem Radio der Welt plärrte. Immerhin blieb ihm die Demütigung erspart, den Erfolg von No Diggity mitzuerleben. Der Song verkaufte sich allein im Jahr 1996 1,6 Millionen Mal. Eine Zeile wie „Cross Death Row, now who you gonna run to?“ wird Dre da wenig gekratzt haben.


10. Kendrick Lamar – The Blacker The Berry

To Pimp A Butterfly, Kendrick Lamars frenetisch gefeiertes Meisterwerk aus dem Jahre 2015, endet mit einer unheimlichen Szene: Lamar tritt in ein gespenstisches Zwiegespräch mit 2Pac, stellt Fragen an das Idol, dessen Antworten aus einem Interview herbeigesamplet werden. Nur die letzte bleibt unbeantwortet. Zurück bleibt ein Fan, der das Erbe 2Pacs alleine weiterführen muss. „The Blacker The Berry“ hebt den von 2Pac massiv mitgeprägten Conscious Rap auf ein neues Level: Lamar reflektiert kritisch seine eigene Tatenlosigkeit angesichts der rassistischen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in den USA. „Some say the blacker the berry, the sweeter the juice / I say the darker the flesh the deeper the roots“, rappte 2Pac 1993 auf seinem zweiten Album Strictly 4 My N.I.G.G.A.Z. Worte, die von Lamar für die angespannte Situation des Jahres 2015 aktualisiert wurden. Ein würdiger Erbe eines überwältigenden Vermächtnisses.


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