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Popkultur

Die musikalische DNA von Blink-182

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»Nobody likes you when you’re 23!«, hieß es im Refrain des Songs, der Blink-182 endgültig weltberühmt machte. Wie sieht’s eigentlich mit 24 aus? Vor so vielen Jahren hat sich das Trio nämlich gegründet – und dabei einige Veränderungen durchgemacht. Von den Originalmitgliedern ist nur noch der charismatische Sänger Mark Hoppus dabei, zwischenzeitlich sah es sogar richtig übel aus: Die Band löste sich 2005 auf. Vielleicht lässt sich all das als Wachstumsschwierigkeiten entschuldigen. Denn die »wichtigste Band der Neunziger«, wie sie Kritikerin Maria Sherman einmal nannte, wandte sich immer wieder anderen Stilen und – nebenbei gesagt – auch ernsthafteren Themen zu. Nichtsdestotrotz bleibt ihre musikalische DNA vornehmlich von Punk, Punk und ein bisschen Pop eingefärbt. Wen Hoppus aber als seinen »musikalischen Seelenverwandten« bezeichnet hat, dürfte dann doch überraschen…


Hört euch hier die musikalische DNA in einer Playlist an und lest weiter:


1. Descendents – I’m Not A Punk

Skaten, Bier trinken, Penis-Witze: Teenager-Vergnügen, die 1982 endlich ihr eigenes Genre bekamen. Milo Goes To College war gleichzeitig Ansage und Abschied. Abschied, weil Milo Aukerman, der Sänger der Descendents, diese tatsächlich für ein Studium und ein verantwortliches Leben als Erwachsener eintauschte. Ansage, weil er sich auch zugleich vom Punk-Leben verabschiedete: »I’m not punk; how can I be? / Show me the way to conformity!«. Mit dem, was später als Pop-Punk bekannt werden sollte, positionierten sich die Descendents eindeutig gegen den (malz-)bierernsten Hardcore-Sound der Reagan-Ära – und machten den Weg für Bands wie Green Day sowie Blink-182 frei. Milo übrigens kam zurück: Die Descendents veröffentlichten ungefähr zeitgleich mit Blink-182 in diesem Jahr ein Comeback-Album.


 2. Dinosaur Jr – Freak Scene

In den frühen Neunzigern fand sich inmitten der blühenden Punk-Szene Südkaliforniens eine Band zusammen, die ein paar Namenswechsel vollzog, bevor sie sich (vorerst) auf Blink einigte. Tom DeLonge und Scott Raynor kannten sich aus der Szene, zu welcher im August 1992 auch Mark Hoppus stieß. Der knackste sich erstmal den Knöchel an, als er DeLonge im Skatepark seine Tricks zeigen wollte. Es blieb nicht das einzige Opfer, welches er brachte: Vor der Aufnahme des Demo-Tapes Flyswatter trennte er sich von seiner Freundin, die ihn vor die Entscheidung gestellt hatte: sie oder die Band. Er traf die vielleicht richtige Entscheidung, das Flyswatter-Tape machte die Band in der Szene Kaliforniens bekannt. Wie holprig sie damals allerdings noch klangen, das lässt sich im Vergleich zum Dinosaur Jr.-Song »Freak Scene« abgleichen, den Blink darauf neben dem NOFX-Stück »The Longest Line« coverten. Andererseits, wer kann schon den wilden Gitarren-Soli eines J. Mascis das Wasser reichen?


3. Green Day – Welcome To Paradise

Als die jungen Blink sich einen Namen in der lokalen Szene machten, war das Trio Green Day darin bereits fest etabliert. Soll heißen: Während Green Day im legendären Venue Soma in San Diego die großen Bühnen bespielten, mussten sich Blink mit dem Kellerraum darunter zufrieden geben. Abgesehen von ihrem Hang zum Fäkalhumor einte beide Bands das enge Miteinander zwischen ihren Mitgliedern. Als die Familie von Blink-Drummer Scott Raynor nach Nevada zog und es auf Dauer zu teuer wurde, ihn für Shows einzufliegen, zog er – nachdem er kurzzeitig durch einen anderen Drummer ersetzt wurde – bei Mark Hoppus’ Familie ein. So wie auch Billie Joe Armstrong kurzzeitig bei seinem Bandkollegen Mike Dirnt einzog. Das prekäre Leben in besetzten Häusern besang Armstrong auf »Welcome To Paradise«, einem Song des Albums Dookie. Dieses erschien 1994 ungefähr zeitgleich mit Blinks Buddha, stellte dessen Erfolg aber bei weitem in den Schatten. Nicht für lange allerdings, schon bald sollten sich beide Bands dieselben Bühnen teilen.


4. The Aquabats! – Fight Song!

Auch wenn Blink-182 sich nicht immer an das ungeschriebene Gesetz vom dreieinhalbminütigen Pop-Song gehalten haben und meistens schneller fertig wurden: 20 Songs in 45 Minuten, das ist rekordverdächtig. Aber der Reihe nach: Nachdem Blink mit Cheshire Cat ihren Ruf als neue Pop-Punk-Hoffnung zementiert hatten und mit dem Nachfolger Dude Ranch glatt einen Gold-Hit landeten, wurde es Zeit, sich von Drummer Raynor zu trennen. Denn so spaßig die Dinge nach außen wirkten, so sehr brodelte es unter der Kulisse: 1998 trennten sich Hoppus und DeLonge von Raynor, weil dessen Alkoholsucht die Band gefährdete. Ersatz fanden die beiden schnell in Travis Barker, der die Band als Drummer von The Aquabats auf Tour begleitete. Noch schneller musste der die Setlist von Blink-182 auswendig lernen: Eine Dreiviertelstunde blieb ihm dazu, bevor er seine erste Show als Blink-182-Drummer antrat. Wer aber Stücke wie den »Fight Song« aus dem Ärmel schüttelte, für den ist das wohl das geringste Problem.


5. Wu-Tang Clan – C.R.E.A.M.

Barker brachte auch andere musikalische Einflüsse in die Band mit ein, sein Faible für Hip Hop färbte sich jedoch kaum auf Enema Of The State und Take Off Your Pants And Jacket ab, die beiden ersten Alben Blinks mit ihm hinter dem Kit. Mit Tim Armstrong von der befreundeten Punk-Band ging er dem stattdessen im Jahr 1999 unter dem Namen Transplants nach. Auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum brachte die mittlerweile wieder aktive Supergroup eine gehörige Portion Punk-Wut mit tiefenentspannten Beats zusammen. Klar, dass dafür vor allem eine Crew Pate stand. Mit »D.R.E.A.M.« zollten die Transplants dem Wu-Tang Clan Tribut, deren Album 36 Chambers kurz vor dem Durchbruch von Blink-182 den Rap neu revolutionierte. Bei Blink-182 schlich sich das nicht ganz so geheime Faible Barkers allerdings erst 2011 auf Neighborhoods ein.


 6. Refused – New Noise

Travis Barker ist keinesfalls das einzige Mitglied aus der bis 2015 bestehenden Bandbesetzung, das sich Nebenprojekten widmete. Tom DeLonge lud den Drummer für die Aufnahmen des ersten und einzigen Albums seiner Band Box Car Racer ein, welches im Jahr 2002 erschien. Mark Hoppus freute das keinesfalls: Er fühlte sich von den beiden ausgeschlossen. Vielleicht wäre das aber gerade die ideale Ausgangslage zum Hören der 13 Tracks gewesen. Auf dem Album nämlich verarbeitete DeLonge ziemlich viel Frust und Wut, für die bei Blink-182 einfach kein Platz war. Der Sound wurde ebenfalls härter, als Inspiration für das DIY-Projekt nannte DeLonge Post-Hardcore-Bands wie Fugazi oder die schwedischen Refused. Die hatten 1998 mit The Shape Of Punk To Come ein revolutionäres Album aufgenommen, dessen Eklektizismus noch auf Box Car Racer nachhallte. DeLonge wollte sich schließlich endlich mal zu einem neuen Beat und mächtig viel »New Noise« bewegen. Und schreien konnte er sowieso!


7. John Mayer – Your Body Is A Wonderland

Im Gegensatz zu seinen Bandkollegen DeLonge und dem hyperaktiven Barker hielt sich Mark Hoppus eher bedeckt, wenn es um Nebenprojekte ging. Die Band +44 mit Shane Gallagher von The Nervous Return, Craigh Fairbaugh von den Mercy Killers, Carol Heller von Get The Girl und – natürlich – Travis Barker wurde nach einem Album für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt. Dann aber wagte sich Hoppus von 2010 bis 2012 ins Fernsehen vor: Auf Fuse moderierte er gemeinsam mit der Comedian Amy Schumer die Show Hoppus On Music. Die geladenen Gäste überraschten: Snoop Dogg schaute ebenso im Studio vorbei wie etwa in der letzten Folge Santigold. Schon die erste Folge der damals noch A Different Spin With Mark Hoppus betitelten Show setzte einen ungewöhnlichen Akzent: John Mayer saß neben Hoppus auf der Couch. Seinen »musikalischen Seelenverwandten« nannte Hoppus den Kuschelrocker. Amerikanische Wissenschaftler sind sicherlich seitdem dabei, die lyrischen Qualitäten von »Fuck A Dog« und »Your Body Is A Wonderland« zu vergleichen.


8. The Cure – Push

»I can’t sleep ‘cause what if I dream / of going back to San Diego / We bought a one-way ticket / So we could go see The Cure«, heißt es auf dem Track »San Diego« von Blink-182s Comeback-Album California. Eine melancholische Liebeserklärung an die Heimat, in der alles begann. Womöglich ist in den Zeilen »And listen to our favourite song in the parking lot / And think of every person I ever lost in San Diego« sogar eine kleine Abschiedsnotiz an Tom DeLonge enthalten. Der nämlich verließ die Band im Jahr 2015 zehn Jahre, nachdem sich Blink-182 das erste Mal auflösten und er sein Wave-lastiges Projekt Angels & Airwaves startete, welches sich deutlich an der Klangsprache früher The Cure-Releases bediente. Mit dessen Frontmann hatte die Band 2003 auf ihrem selbstbetitelten Album für den Song »All of This« kollaboriert. 2012 sprach DeLonge in einer Radiosendung von The Cure als der Band, die sein Leben am meisten beeinflusst hätte und spielte daraufhin den Song Push vom Album The Head On The Door. Ob er sich beim Hören etwa auch nach den alten Zeiten in San Diego zurücksehnt?


9. Alkaline Trio – Mercy Me

Gesungen wurden die sehnsüchtigen Zeilen von »San Diego« dementsprechend nicht von Tom DeLonge, sondern vom neuen Blink-182-Mitglied Matt Skiba. Lange bewerben brauchte der sich vermutlich nicht. Mit seiner Band Alkaline Trio hatte der Gitarrist, der auch als Frontmann von The Sekrets aktiv ist, einen düsteren Pop-Punk-Sound perfektioniert, der zu Zeiten des selbstbetitelten Blink-182-Albums um dasselbe Publikum warb. Als Blink-182 sich im Jahr 2005 auflösten, war die Stunde des Alkaline Trios gekommen und sie wussten die Gelegenheit zu nutzen: Mit dem Album Crimson feierte die Band ihren endgültigen Durchbruch. Die Hit-Single »Mercy Me« trug einiges dazu bei.


10. Blink 182 – Bored To Death (Steve Aoki Remix)

Das Comeback von Blink war schon Überraschung genug, ein Steve Aoki-Remix toppte aber alles. Der EDM-Typ mit den Kuchenkanonen auf der Bühne versucht sich an Pop Punk? Seine Interpretation von Bored To Death vom Comeback-Album California ist dann aber doch recht zaghaft ausgefallen. Also, relativ zaghaft – für Aokis Verhältnisse. Warum ausgerechnet er? Der Zusammenhang lässt sich wieder über Rap-Musik und also Travis Barker herstellen: Der arbeitete 2011 an Kid Cudis Hit-Single Cudi The Kid mit – genau! – Steve Aoki zusammen. Und wenn diese Verbindung schon länger besteht, wird sie vielleicht auch in der Zukunft gepflegt – wer weiß? Obwohl wir uns die Pop-Punker von damals nun wirklich nicht auf der Bühne vom Tomorrowland vorstellen könnten.


Am 7. Oktober erscheint die Blink-182 Vinylbox und kann als Teil eines exklusiven Bundles mit Slipmat und Stickern jetzt vorbestellt werden:

Amazon: www.umgt.de/azjnoD

Saturn: www.umgt.de/zMZKMe


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Haltet die Augen offen. denn hier kommt das Blink-182 Boxset

Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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