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Popkultur

Die musikalische DNA von Jeff Beck

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Es gibt Gitarristen, die haben im Rock einiges möglich gemacht. Dann gibt es Jeff Beck, ohne den im Rock so ziemlich alles ein Ding der Unmöglichkeit geblieben wäre. In über 50 Jahren hat er dem britischen Blues den Rock’n‘Roll eingehaucht, die Brücke zwischen Gitarrenmusik und Pop geschlagen, wild experimentiert und ist sich dennoch stets treu geblieben. Bei den Fans kam das nicht immer gut an, viele greifen am liebsten zu seinem Frühwerk und legen lieber die Yardbirds-LPs oder seine frühen Solo-Alben auf. Das ist die Schattenseite von Becks unglaublicher Erfolgsgeschichte: Er war immer ein „guitarist’s guitarist“, weniger ein Crowdpleaser. Dennoch schaffte er es bei einem Rolling Stone-Poll auf den fünften Platz der 100 besten Gitarristen aller Zeiten. Zu Recht!


Hört euch hier einen Vorgeschmack der musikalischen DNA von Jeff Beck an:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Becks eigentlicher Erfolg kann in seinem ungemeinen Einfluss auf andere gemessen werden. Pink Floyd wollten ihn nach dem Weggang von Syd Barrett als Bandmitglied anheuern, trauten sich aber gar nicht erst, ihn zu fragen. Ebenso traten die Rolling Stones nach dem Tod von Brian Jones an ihn heran, er sollte die vakante Stelle zu übernehmen. Sogar mit Guns N‘ Roses traf sich der Brite im Proberaum. Über die Generationen hinweg war Beck vielen legendären MusikerInnen Vorbild und Partner zugleich, mehr noch als andere seiner Altersklasse. Doch welche Musik, welche Menschen prägten ihn auf seinem Weg? Das ist eine Frage, die so leicht nicht zu beantworten ist. Die musikalische DNA von Jeff Beck zumindest kann kaum mit zehn Tracks entschlüsselt werden. Den Versuch aber ist es wert.


1. Les Paul & Mary Ford – How High The Moon

Wer lange wirken will, muss für gewöhnlich früh anfangen. So auch Jeff Beck. Gerade einmal sechs Jahre alt war der Knirps, als er seine erste E-Gitarre überreicht bekam. Der Grundstein für eine glorreiche Zukunft! Doch woher kam die Inspiration? Natürlich von niemand Geringerem als Les Paul, dessen How High The Moon gemeinsam mit Gattin Mary Ford erstmals das Interesse von Beck weckte, als er es im Radio hörte. „Was ist das!?“, fragte der verwunderte Dreikäsehoch seine Mutter. „Das ist eine E-Gitarre“, kam es zurück und Beck wusste sofort: „Das ist genau mein Ding!“

Mit seiner Intuition sollte er richtig liegen und die Liebe zum Les Paul-Sound verließ ihn nie. Obwohl er, wie er selbst in einem Interview zugab, seine Stratocaster dem Les Paul-Modell jederzeit vorziehe, so widmete er doch dem Tüftler hinter dem ikonischen Gibson-Modell einen denkwürdigen Tribut, als dieser im Jahr 2009 verstarb. 2010 spielte er an Les Pauls Geburtstag ein Gedenkkonzert in dessen musikalischer Heimat, dem Iridium Jazz Club, das später als Live-Album mit dem Titel Rock’n’Roll Party veröffentlicht wurde. Darauf enthalten war auch der Song, mit dem alles anfing: How High The Moon


2. Gene Vincent and the Blues Caps – You Better Believe

Wenn Les Paul den ersten Funken für Becks Gitarrenbegeisterung lieferte, so war es Cliff Gallup, der die Flammen der Leidenschaft im jungen Jeff endgültig auflodern ließ. 1993 widmete er dem Gitarristen von Gene Vincent and the Blues Caps das Tribute-Album Crazy Legs. Eine Platte, wie sie schon längst überfällig gewesen war, wie er damals im Interview berichtete: „Ich wollte so etwas schon immer machen, als einzelner Song auf einem Album aber hätte es nicht funktioniert“, hieß es. „Denn es wäre so radikal anders als alles andere gewesen! Deshalb hat es eine ganze Weile gedauert – dreißig Jahre, um genau zu sein!“

Was die Faszination Becks am Saitenwunder Gallup ausmachte? „Als ich Gitarre lernte, war Cliff Gallup mein größter Einfluss. Der Schnitt war tief und die Wunde ist nie verheilt“, drückte es Beck poetisch aus. „Es war so radikal. Heutzutage klingt es vermutlich nicht so metallisch oder bedrohlich, aber als ich 1956 die Platte aufdrehte… Junge, Junge!“ Rock’n‘Roll steckte damals noch in den Kinderschuhen und die Produktion der meisten Songs war noch geschliffen. Anders Vincent und seine Band: „Da war dieser schreiende Kerl und diese plärrenden Gitarrensoli – das war damals unerhört und bis heute hat niemand etwas Vergleichbares hinbekommen!“ Starke Worte.


3. Booker T. & the M.G.‘s – Green Onions

Von vielen bewundert, war Beck sich nie zu schade als glühender Verehrer seiner Idole in Erscheinung zu treten. Die meisten von ihm erwiderten den Respekt, den ihnen der Gitarrist entgegen brachte, und einigen verdrehte er eigenhändig den Kopf. So auch Steve Cropper, einem der einflussreichsten Gitarristen des Rhythm’n’Blues sowie des frühen Soul-Sounds, wie er von Stax Records bekannt gemacht wurde. Mit der Stax-Hausband Booker T. & the M.G.‘s landete Cropper einen unvergesslichen Hit mit Green Onions, der noch heute gerne von Beck gespielt wird.

Nicht allein Croppers extrem präzises und doch feinfühliges Gitarrenspiel, sondern auch seine Übersicht im Studio bewunderte der gerade einmal drei Jahre jüngere Beck. Prompt lud er ihn 1972 dazu ein, das selbstbetitelte Album der Jeff Beck Group zu produzieren. „Ich hätte ihn nach England eingeflogen, wären wir nicht nach Memphis gekommen“, sagte Beck 1999 in einem Interview. Der US-Amerikaner fand im Studio aber keinen Schüler, sondern einen Meister vor. „Ich weiß nicht viel übers Gitarrespielen“, frotzelte Cropper gegenüber dem Magazin Guitar Player. „Aber ich weiß genug darüber, was möglich ist – und dann schaute ich Jeffs Händen zu und dachte: ‚Das geht doch gar nicht. Wie macht der das? Natürlich hat er‘s mir nicht gezeigt!‘“


4. B.B. King – Key to the Highway (Live)

Ein paar Berufsgeheimnisse müssen eben sein. Nicht, dass Beck nicht gerne geteilt hätte! Kaum ein anderer Musiker hat dermaßen oft die Zusammenarbeit mit alten Hasen und auch jungen Hüpfern gesucht. Angefangen als Teil des Gitarren-Trios im Zentrum der Yardbirds hin zu seinen späteren Kollaborationen mit KünstlerInnen aus der Rock- und Pop-Welt: Beck ist durch und durch ein Teamplayer, der für das Miteinander auf der Bühne lebt.

Manche musikalische Partner allerdings sind ihm dabei wichtiger als andere. B.B. King etwa gehörte zu einer Generation von Blues-Musikern, der das Genre mit der E-Gitarre zusammen brachte. Lange nachdem Eric Clapton und Beck die Verbindung aus Delta-Blues und verstärktem Sechssaiter in England weiter entwickelt hatten, zollten sie dem Beale Street Blues Boy aus Mississippi immer wieder Tribut und durften sich gelegentlich die Bühne mit ihm teilen. Gerne spielten sie auf diversen Konzerten zusammen Standards wie Key to the Highway, denen unter ihren Fingern ein neues Leben eingehaucht wurde.


5. Muddy Waters – You Shook Me

Die Yardbirds waren so etwas wie die Ursuppe der britischen Rock-Szene und vermittelten zwischen den Blues-Wurzeln des Genres und seiner Zukunft. Led Zeppelin gehören gemeinhin zu einer der größten Bands aller Zeiten, ihr Faible für das Werk anderer ist aber bestens dokumentiert. Für nicht wenige Rock-Fans handelt es sich deshalb bei dem Quartett um nicht mehr als eine Bande musikalischer Langfinger! Auf ihrem ersten Album findet sich ein Cover von Muddy Waters‘ You Shook Me, das Beck erst fünf Monate vor dem Debüt von Jimmy Page und seinen Kollegen in einer verteufelt ähnlichen Version neu eingespielt hatte…

Wie B.B. King gehört Waters zu denjenigen Blues-Musikern, die eine Brücke zwischen dem klassischen Sound und dem Rock’n‘Roll schlugen. Deswegen verwundert es wohl kaum, dass sowohl Beck wie Led Zeppelin von ihm eine gehörige Portion Inspiration bezogen. Noch 1993 war Beck sofort dabei, als er von Paul Rodgers – bekannt durch seine Arbeit mit Free und Bad Company – angefragt wurde, ihn bei einem Tribute-Album für Muddy Waters zu unterstützen. Und selbst in Zeiten, als er schon längst auf seinen berüchtigten Electro-Guitar-Sound umgestiegen war, erwies Beck seinem Idol den gebührenden Respekt: 2001 spielte er dessen Rollin‘ and Tumblin’ für das Album You Had It Coming neu ein.


6. Stevie Wonder – Superstition

Nicht nur den Blues, sondern auch den Soul hat Beck im Laufe seiner Karriere verinnerlicht. Doch nicht nur aus Memphis kam seine Inspiration, sondern auch aus dem US-Bundesstaat Michigan. Genauer gesagt vom Label Motown. Derweil Stax Records, für die Steve Cropper so wichtig war, sich eher am Rhythm’n‘Blues abarbeiteten, fand die Labelheimat von Stevie Wonder einen viel harmonischen Sound. Auf Wonders Musik kam Beck immer wieder zurück und coverte einige seiner Songs. Für Wonders Album Talking Book ging Beck mit dem blinden Sänger sogar ins Studio.

Als die Anfrage vom Plattenlabel kam, zögerte Beck nicht lange. „Ich sagte, dass ich Stevies Kram lieben würde, sie teilten ihm das mit und er war sehr offen dafür“, erinnerte er sich. „Ursprünglich lautete die Abmachung, dass er mir einen Song schreiben sollte und ich im Gegenzug auf seinem Album spielen würde – und so kam Superstition ins Spiel…“ Das Stück basierte auf einem Drumbeat, den Beck – eigentlich nicht unbedingt ein begnadeter Schlagzeuger – improvisierte und sollte mit dem eingängigen Riff Wonders zum Nummer-Eins-Hit werden. Für Wonder allerdings, nicht für Beck! Der veröffentlichte seine Interpretation des Stücks etwas zu spät. Kein Grund für böses Blut allerdings. Noch 2009 spielten sie ihre gemeinsame Version beim Rock and Roll Hall of Fame 25th Anniversary Concert.


7. Django Reinhardt – Minor Swing

Angefangen von Komponisten wie Les Paul hin zur Goldkehle Stevie Wonder: Beck war stets ein Fan des klassischen Songformats, hatte aber auch ein Herz für ungewöhnliche Sounds. Seine Leidenschaft für Django Reinhardt erklärt sich da wie von selbst. „Django war übermenschlich. An ihm ist nichts Normales, als Person oder Gitarrist“, erklärte er 2007 enthusiastisch in einem Interview. Das dreifingrige Spiel des europäischen Jazz-Pioniers hat bis heute nichts an seiner Magie verloren und auch Beck konnte sich ihr bei seiner späten Entdeckung des Maestros nicht entziehen.

„Sein elektrisches Spiel aus den Vierzigern ist beschämend!“, jubilierte er. „Seine Lead-Licks – puh! Ich spiele sie mit niedriger Geschwindigkeit ab und habe dennoch keinen Plan, was er da eigentlich macht. Kürzlich stieß ich auf einen seltenen, zerkratzten Schwarz-Weiß-Film, der ihn beim Spielen zeigt. Ich studiere ihn in Zeitlupe. Doch alles, was zu sehen ist, sind diese zwei dreckigen Finger, die wie der Blitz über das Griffbrett huschen.“ Eine Begeisterung, die leicht nachzuvollziehen ist. Mit Songs wie Minor Swing vereinte Reinhardt seine Roma-Abstammung mit US-amerikanischem Jazz zu einer einzigartigen Mischung, die bis heute in ihrer Brillanz unübertroffen ist.


8. Mahavishnu Orchestra – Meeting of the Spirits

À propos ungewöhnliche Mischungen: So wie Beck selbst so manchen Fan mit seiner Synthese aus elektronischen Sounds und seinem Gitarrenspiel vor den Kopf schlug, so gefielen ihm stets die stilistischen Grenzgänger am liebsten. Eine besondere Rolle kam dabei immer John McLaughlin zu, der als Gitarrist zum Beispiel auf Miles Davis‘ Überalbum Bitches Brew zu hören ist und mit seiner Band Mahavishnua Orchestra eine ungewöhnliche Fusion aus Rock, Jazz und indischer Musik zum Einklang brachte. Für Beck handelt es sich bei dem britischen Kollegen um nichts weiter als „den besten lebenden Gitarristen“, wie er noch 2010 gegenüber dem Magazin Uncut sagte.

Ob es ein Zufall ist, dass die beiden auf der Bühne gerne eine John Lewis-Komposition namens Django, natürlich gewidmet dem kongenialen Reinhardt, spielen? Wohl kaum! Denn im Jazz finden die beiden Ausnahmegitarristen ihren gemeinsamen Nenner. Doch es gibt noch mehr, das Beck an McLaughlin bewundert. „Er hat uns so viele verschiedene Facetten der Gitarre geschenkt und tausende von uns an Weltmusik herangeführt, indem er indische Musik mit Jazz und Klassik zusammenbrachte“, schwärmte Beck. Auch mit anderen Musikern aus dem Umkreis des Mahavishnu Orchestras wie Jan Hammer und Narada Michael Walden arbeitete Beck regelmäßig zusammen. Ein wahres Meeting of the Spirits…


9. Ravi Shankar – Raga Kausi Kanhara

Von der psychedelischen Musik des Mahavishnu Orchestras ist es nur ein kleiner Schritt hin zu der Ravi Shankars. Der bengalische Sitar-Meister gehörte zu den erfolgreichsten und besten seiner Zunft und löste auch in der westlichen Pop-Musik ein gewaltiges Echo aus, als seine klassischen Kompositionen dort zum ersten Mal Gehör fanden. Von den Rolling Stones hin zu den Beatles, den Animals und den Byrds: In England wie in den USA fand die Sitar schnell ihren Einzug in die Pop-Musik.

Schon zu Yardbirds-Zeiten experimentierte Beck mit orientalischen Tonleitern, blickt aber etwas verschämt auf diese Zeit zurück. Einen „schwachen Abklatsch dessen, was die Beatles taten, nachdem sie den Maharishi getroffen hatten“, nannte er seine damaligen Versuche, die komplexen Patterns Shankars auf die Gitarre zu übertragen. Sie nämlich bedeuteten in seiner Jugend einen Ausweg aus der Eintönigkeit der Rock’n‘Roll-Platten, die Beck und Jimmy Page in ihren Kinderzimmern rauf und runterspielten. „Dass eine solche Kunstfertigkeit auf einem ganz anderen Instrument möglich war!“, erinnerte sich Beck. „Für uns kam das so erfrischend wie eine Frühlingsbrise.“


10. Kate Bush – You’re The One

Am Ende dieser Serie geht es für gewöhnlich darum, wo sich die musikalische DNA unserer Helden weiter in die Musikgeschichte eingewebt hat. Bei Jeff Beck aber? Eigentlich ist es komplett unmöglich, wir sagten das bereits, seinen Einfluss adäquat abzubilden. Zumindest, geht es um die Rock-Musik. Welcher Gitarrist zählt Beck, der von auch Hard Rock bis Metal seine Spuren hinterlassen hat, nicht auf die eine oder andere Art zu seinen Inspirationsquellen? Eben.

Doch auch im Pop-Geschäft hinterließ der ewig fleißige Musiker seine Spuren. Wusstet ihr, dass er unter anderem bei Cindy Lauper im Studio aushalf? Ja, genau – die mit Girls Just Want To Have Fun! So ist Beck eben, wie seine eigenen Stifterfiguren schert er sich recht wenig um Konventionen oder ob ihm ein Platz im Rampenlicht zukommt. Er lebt für die Musik. Einer seiner schönsten Gastauftritte findet sich deshalb auf Kate Bushs Album The Red Shoes. Die spärlichen Gitarrenakkorde, die das Grundgerüst der Power-Ballade tragen, hat er für die visionäre Künstlerin eingespielt und rundete das Stück mit einigen präzisen Licks ab, die sich ganz in den Dienst des großen Ganzen stellen. Typisch Beck: visionär und doch bescheiden.


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Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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