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Popkultur

Die musikalische DNA von R.E.M.

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1987 kürte das Magazin Rolling Stone R.E.M. als »Amerikas beste Rock’n’Roll-Band«. Dabei stimmt das doch eigentlich nicht: Mit muckerhaftem Rock’n’Roll hatte die 1980 gegründete Band aus Athens, Georgia doch wenig zu tun. Punk und Pop waren die Hauptkoordinaten der Gruppe, die damit den Grundstein für das legen sollten, was wir heute als Indie kennen. R.E.M. waren nie besonders laut, sie wurden aber gehört. Nicht nur intellektuelle Slacker wie Pavement, sondern auch junge Rebellen wie Nirvana nannten sie als Einfluss, mit Alben wie Automatic For The People feierten sie Welterfolge. Die 2011 aufgelösten R.E.M. waren also alles andere als eine typische Rock’n’Roll-Band. »Die sture Unorthodoxie der Gruppe sprach Kids an, die nicht dazu gehörten – die zu smart, zu unkonventionell, zu geeky, zu philosophisch, zu artsy waren«, schrieb Annie Zaleksi im Magazin Salon. Was den Sound dieser besonderen Band so besonders machte, erfahren wir mit Blick auf ihre musikalische DNA.


Höre dir hier unsere kuratierte Playlist an und lies weiter:


1. Patti Smith – So You Want To Be (A Rock’n’Roll Star)

Der Januar 1980 war nicht nur der erste Monat eines neuen Jahrzehnts, fast schien damit eine neue Zeitrechnung angebrochen zu sein. Der breitbeinige Sound der siebziger Jahre wurde schon vorher von Punk unterlaufen, kurz darauf wandten sich frische junge Bands den Synthesizern zu. An der Schwelle zum neuen Zeitalter trafen sich Michael Stipe und Peter Buck zwischen den Crates des Plattenladens Wuxtry Records in Athens, Georgia auf verschiedenen Seiten der Ladentheke. Buck verstand sich schnell bestens mit dem jungen Kunststudenten, der alle Platten aufkaufte, die der damalige Verkäufer für sich selbst reserviert hatte. Die waren von Television, The Velvet Underground und Patti Smith, der »Godmother of Punk«. 26 Jahre danach sollte Smith auf dem R.E.M.-Song E-Bow To The Letter zu hören sein und später ihren Gesang zum letzten Album der Band beisteuern. Im Januar 1980 aber wird vor allem der Song So You Want To Be (A Rock’n’Roll Star) von ihrem vierten Album Wave in der Luft gehangen haben. Stars wurden Stipe und Buck schon – Rock’n’Roll aber wurde dank ihnen erneuert.


2. The B52s – 52 Girls

Zuerst mussten die beiden sowieso Mitstreiter finden, was dem frischgebackenen Sänger Stipe am örtlichen College nicht schwer fiel: Mike Mills (Bass) und Bill Berry (Drums) komplettierten R.E.M. bald. Das Quartett musste sich nun nur noch auf die Suche nach einem eigenen Sound machen. Gar nicht so leicht, denn ihre Heimatstadt Athens konnte mit einer virilen Musikszene aufwarten, die etwa vier Jahre zuvor The B52s hervorgebracht hatte. Auch wenn sich deren Sound noch am ehesten aus dem klassischen Rock’n’Roll bezog und sich die vier Mitglieder der Band durch eine Exaltiertheit auszeichnete, gegen welche die frühen R.E.M. fast verschüchtert wirkten: Beide Bands teilten nicht nur die Herkunft, sondern scherten sich ähnlich wenig um das Männlichkeitsbild der vorangegangenen Generation. Die B52s ließen schon auf ihrem ersten Release einen Lobgesang auf die »girls of the USA« erklingen. Katie Pierson von den B52s übrigens war auf dem Mega-Hit Shiny Happy People vom Album Out Of Time zu hören. Ihre Wurzeln vergaßen R.E.M. selbst dann nicht, als sie schon internationale Stars waren.


3. The Rolling Stones – Under My Thumb

Bevor sie allerdings zu solchen wurden, veröffentlichten R.E.M. erst die Single Free Radio Europe, die zu ihrer Überraschung ein voller Erfolg wurde. Ganz klar: Dem musste ein Album folgen! Die erste LP erschien 1983 in Form von Murmur, benannt nach einem der sechs Worte in der englischen Sprache, welches am einfachsten auszusprechen ist – sagte damals zumindest Michael Stipe, der allerdings hin und wieder in Sachen Lyrics Widersprüchliches von sich gab. Ergaben seine Texte nun Sinn – oder reihte der charismatische Sänger schlicht Worte aneinander, wie er selbst oft in Interviews behauptete? Wir haben da eine Vermutung, sicher aber sind wir uns zumindest darüber, dass Murmur sich die Rolling Stones zum Vorbild nahm. »Der Gedanke war, eine Platte ohne Platzhalter zu machen«, sagte Peter Buck damals gegenüber dem Guardian. »So wie Aftermath von den Stones, wo jeder Song anders ist und trotzdem alles nach einer Teamleistung klingt.« Mission erfüllt, oder? R.E.M. legten schließlich auch eine ähnliche Experimentierfreude an den Tag wie die Stones, die etwa auf Under My Thumb eine Marimba einsetzten. Ein ähnlich ungewöhnliches Instrument im Rock-Universum spielte auch auf einem von R.E.M.s größten Hits die Hauptrolle: die Mandoline in Losing My Religion.


4. Wire – Strange

Die Stones waren nicht die einzige britische Band, welche R.E.M. in ihren Anfangstagen beeinflussten. Tatsächlich war es für die Band sogar leichter, in Großbritannien Fuß zu fassen: Nach Ende der neunziger Jahre zeigten die USA kaum noch Interesse an R.E.M., während die Verkäufe im UK stabil blieben. Dort war das Publikum ja aber auch an ebenso knackigen wie melodiösen Post-Punk von etwa Wire gewöhnt, die kurz nach dem Punk-Jahr 1977 dem Erbe der Sex Pistols ein bisschen mehr technisches Können und mitsingbare Refrains schenkten. Wire werden gemeinhin als einer der Haupteinflüsse von R.E.M. gezählt. Den Song »Strange« von Wires Durchbruchsalbum Pink Flag coverten R.E.M. auf Document. Zwischen all den Originalen – unter anderem dem Hit It’s The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine) – fügte sich das Stück aber bestens ein.


5. Nick Drake – Northern Sky

Nicht, dass es R.E.M. in England immer besonders gut gegangen wäre. Als sie dort im Jahr 1985 ihr drittes Album Fables Of Reconstruction aufnahmen, hatten sie mit einigen Problemen zu kämpfen – allem voran natürlich mit dem britischen Essen und dem grausigen Klima. Ein Konzeptalbum über den US-amerikanischen Süden, das im Londoner Winter aufgenommen wurde? Kein Wunder, dass es nicht so richtig laufen wollte. Selbst schuld, denn die Band wollte unbedingt ihren Sound verändern und holte sich dafür auch den Produzenten Joe Boyd ins Boot. Der wiederum hatte zuvor überwiegend mit britischen Folk-Acts zusammengearbeitet, unter anderem Fairport Convention und niemand Geringerem als Nick Drake. Boyd hatte dessen legendäres Album Bryter Layter produziert, welches viel zu spät von der Weltöffentlichkeit bemerkt wurde. Obwohl R.E.M. ihre ganz eigenen Problemchen unter dem Northern Sky hatten, ihr musikalisches Feingefühl hatte sie nicht verlassen. Fables Of Reconstruction markierte einen Kurswechsel im Sound der Band, die von nun an mit mehr Instrumenten und reichhaltigen Arrangements experimente. Mehr Erfolg als Drake konnten sie übrigens ebenso verzeichnen: In den heimischen USA erreichte die Platte Gold-Status.


6. Big Star – Thirteen

À propos: Das einfühlsame und doch energische Gitarrenspiel von Peter Buck lässt sich auf viele Einflüsse zurückführen. Chuck Berry oder Country- und Folk-Artists nannte der Musiker selbst; oft wurde ihm auch attestiert, sich an den Byrds zu orientieren. Das allerdings stimmt nicht so ganz, wie er schon am Anfang seiner Karriere betonte. »Ich höre mir wohl häufiger die Musik von Leuten an, die von den Byrds gestohlen haben, als ich die Byrds höre«, hieß es trocken. Eine der Bands, die sich deutlich am melodischen Sound von Roger McGuinns zwölfsaitiger Gitarre orientierten, waren Big Star aus Memphis, Tennessee. »Rock’n’Roll is here to stay«, heißt es im Song Thirteen von ihrem Debütalbum #1 Record – dabei klangen sie doch viel sanfter als die Rock-Bands ihrer Tage. Die getragene Melancholie von Big Star hallt in R.E.M.-Songs wie »Everybody Hurts« oder »Nightswimming« wider, aber auch in den gitarrenlastigen Stücken ist der Einfluss von Big Star merklich.


7. New York Dolls – Personality Crisis

Was R.E.M. zu ihrer noch mehr von den vorangegangenen Rock-Bands unterschied als ihr Sound allein war die Tatsache, dass diese Band in 31 Jahren ohne Skandale auskam. Keine zerstörten Hotelzimmer, keine Groupies, keine öffentlichen Zankereien. Selbst als Drummer Bill Berry nach 17 Jahren die Band verließ, geschah dies in aller Freundschaft. Er musste die verbliebenen drei Mitglieder geradezu dazu zwingen, als R.E.M. weiterzumachen! Hin und wieder setzte sich Berry, der seine Entscheidung zwei Jahre nach einem Zusammenbruch auf der Bühne in Folge eines Hirnaneurysmas traf, doch wieder hinter das Drumkit seiner alten Band. So auch, als sie 2007 in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen wurden. Sie wollten bei Gründung von R.E.M. immer schon mal in New York spielen, erinnerte sich Michael Stipe in seiner Dankesrede. »Ich denke, heute Abend haben wir das geschafft!«. Eine Band, die der Stadt mit ihrem Namen Tribut zollte, war ein maßgeblicher Einfluss für R.E.M.: Mit ihrem Song Crush With Eyeliner zollten sie den New York Dolls Tribut, welche mit ihrer Mischung aus Glam Rock-Attitüde und (Proto-)Punk-Energie insbesondere für die Rhythmussektion – bestehend aus Mike Mills am Bass und Drummer Berry – den Takt vorgab.


8. The Velvet Underground – Pale Blue Eyes

Auf eine andere New Yorker Legende konnten sich bei R.E.M. alle einigen: The Velvet Underground waren ein musikalischer Eckpfeiler in der Bandsozialisierung. Die Mischung aus dröhnender Repetition, Pop-affinem Songwriting und den Lyrics von Lou Reed (und Nico!) war schließlich nicht nur Ende der sechziger Jahre bahnbrechend, sondern wirkte noch lange nach. R.E.M. coverten das Stück Pale Blue Eyes von The Velvet Undergrounds selbstbetiteltem Album. Derweil die Verbindung zwischen beiden Bands recht eindeutig scheint, beklagte sich R.E.M. während seiner Karriere darüber, dass sie nie auf die musikalische Geistesverwandtschaft angesprochen worden sein. »Niemand vergleicht uns mit Velvet Underground«, sagte er in einem Interview. »Ich denke aber, dass wir ziemlich nach den Velvets klingen – nicht wie etwa Dream Syndicate [ein frühes experimentelles Projekt von John Cale, Anm. d. Red.], aber meine Gitarrenparts sind sehr velvetig – droneig und doch melodisch.« Der Song blieb übrigens nicht der einzige, den R.E.M. von The Velvet Underground coverten. Was übrigens Lou Reed so sehr freute, dass er Michael Stipe regelmäßig dafür dankte. Dabei hat der doch gerade als Texter viel von Reed und seiner Band gelernt!


9. Wanda Jackson – Funnel Of Love

Wo wir schon bei Traditionslinien sind, die im Klang von R.E.M. ständig übersehen wurden: Michael Stipe zeigte sich pikiert, dass ein anderer Einfluss völlig unterschätzt wurde. »Niemand ist je auf unser Country-Ding eingegangen«, sagte er in einem Interview. »Dabei ist mein Gesang von Country-Sängern, vor allem aber Frauen beeinflusst: Patsy Cline, Skeeter Davis, Kitty Wells, Wanda Jackson.« Dabei überrascht vor allem die Nennung von Wanda Jackson, deren berühmtester Song neben Let’s Have A Party wohl Funnel Of Love ist, ein treibender und fast psychedelischer Song mit viel Blues im Blut. Was aber Jacksons durchdringende Stimme mit dem fragilen Gesang Stipes zu tun hat? Vielleicht hat er bei der – mittlerweile wieder hyperaktiven – Jackson gelernt, dass Charakter vor Schönheit geht. Stipes markantes Zittern, sein fast kieksender Ton – wie viel ärmer würden R.E.M. doch ohne diese Besonderheiten klingen! Mit Stipes Stimme hielt eine Verletzlichkeit in die Rock-Musik Einzug, die dort dringend vonnöten war. Dank dafür gilt der Queen of Rockabilly Wanda Jackson!


10. Radiohead – No Surprises

Diese Verletzlichkeit war es auch, die vielen nachfolgenden Bands den Mut gab, sich ähnlich offen auf der Bühne zu präsentieren. In den USA waren das etwa Nirvana – vor seinem Suizid plante Kurt Cobain eine Kollaboration mit Michael Stipe! – und im UK Radiohead, die 1996 von der Band als Support für die Tour zum Album Monster ausgewählt wurden. Eine große Ehre für Radiohead, aber auch ein wichtiger Schritt in ihrer Karriere – und eine maßgebliche Inspiration für Sänger Thom Yorke. »Wenn ich ‘Finest Worksong’ höre, fühle ich mich, als wäre ich drei Meter groß und könnte alles plattwalzen, was mir in den Weg kommt«, notierte er während der Tour in seinem Tagebuch. »Im Umkleideraum (eigentlich eine Toilette) spiele ich allen einen neuen Song vor. Er heißt No Surprises Please.« Der Song war eines der Herzstücke auf Radioheads unsterblichem Album OK Computer, mit dem die Band für den von R.E.M. geprägten Indie-Rock das tat, was diese zuvor für den Rock bedeuteten: Sie warfen alle Konventionen über den Haufen. Nicht nur der Wille zur musikalischen Grenzüberschreitung jedoch, sondern auch das politische Engagement R.E.M.s lebt in der britischen Band weiter.


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Zeitsprung: Am 29.1.1982 heiratet Stevie Nicks den Witwer ihrer besten Freundin.

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Foto: Ebet Roberts/Redferns/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 29.1.1982.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Trauer lässt Menschen merkwürdige Dinge tun. Da bilden auch Rockstars keine Ausnahme: Am 29. Januar 1982 heiratet Stevie Nicks den Witwer ihrer kürzlich verschiedenen besten Freundin und sorgt für enorm hoch gezogene Augenbrauen. Als Teil der für Drogeneskapaden bekannten Band Fleetwood Mac gar nicht so einfach… 

Hört euch hier Bella Donna an, Stevies erstes Soloalbum von 1981: 

Nun ist es nicht gerade so, dass Stevie Nicks in ihrer Karriere keine Skandale vorweisen kann. Als Mitglied von Fleetwood Mac gibt sie laut eigenen Angaben zwischen 1977 und 1986 mehrere Millionen für Kokain aus, begibt sich in einen Beziehungsreigen mit Lindsey Buckingham, Mick Fleetwood und einem nicht geringen Anteil der Eagles und wechselt schließlich auf das Beruhigungsmittel Clonazepam.

Kosmisches Gleichgewicht

Währenddessen zeigt sich die ätherische Meisterin des Rock mitverantwortlich für Werke wie das Album Rumours von Fleetwood Mac, das das genannte Liebeswirrwarr schmerzhaft aufarbeitet, oder das zeitlose Landslide. Der Entzug gelingt ihr beide Male, viele Musikerinnen nennen sie heute als wichtigen Einfluss, und nebenher engagiert sich Nicks ehrenamtlich. Eigentlich hält sich in ihrem Kosmos also alles die Waage.

Doch 1982 gerät das Gleichgewicht ins Schwanken. Kurz nach der Veröffentlichung ihres Solodebüts Bella Donna erhält die Musikerin die traurige Nachricht, dass ihre beste Freundin Robin Anderson an Leukämie erkrankt ist und nur noch wenige Monate zu leben hat. Ein heftiger Schicksalsschlag für alle Beteiligten, der durch Andersons Schwangerschaft noch mehr Schwere erhält. Nicks, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur noch benebelt durchs Leben schwebt, kann die Situation kaum ertragen: „Ich war so auf Koks. Ich trank auf dem Weg (ins Krankenhaus) eine halbe Flasche Brandy, weil ich es nicht aushalten konnte.“

Kurzschlussreaktion Ehe

Anderson bringt mit letzter Kraft ihren Sohn Matthew zur Welt, verstirbt jedoch nur drei Tage später. „Ich hatte diese verrückte, wahnsinnige Vorstellung, Robin würde wollen, dass ich mich um Matthew kümmere“, erinnert sich Nicks. Weit hergeholt erscheint das nicht, immerhin ernennt man sie zur Patentante. Ihre Interpretation der Aufgabe fällt jedoch etwas besorgniserregend aus: In ihrer Trauer überzeugt sie Andersons Witwer Kim, dass eine Hochzeit die beste Option darstelle. Drei Monate später findet die Eheschließung statt.

„Komplett irre“, weiß die Sängerin heute. „Wir steckten alle knietief in der Trauer, standen völlig neben uns. Die Familien waren außer sich, als sie davon erfuhren; für viele war das Blasphemie. Aber das war mir egal. Mir war nur Matthew wichtig.“ Nicks merkt jedoch recht schnell, dass ihr Urteilsvermögen gerade nicht den besten Job macht. Die seit jeher spirituelle Künstlerin betritt eines Tages das Zimmer des Jungen und spürt die Gegenwart der Verstorbenen: „Es war dunkel, und das Baby war sehr still. Robin wollte, dass das sofort endet. Das habe ich so deutlich gespürt wie eine Hand auf der Schulter.“

„Go your own way“

Keine drei Monate später beendet die „Reigning Queen of Rock and Roll“ die Ehe. Es bleibt ihre einzige: „Die zählt nicht.“ Um den kleinen Matthew aber kümmert sich Nicks wie versprochen. Zwar bleibt der Kontakt zunächst aus, später finanziert sie dem Jungen jedoch das College. Kosmisches Gleichgewicht, eben.

Zeitsprung: Am 18.1.1974 gehen falsche Fleetwood Mac auf Tour – ganz offiziell.

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Popkultur

Liebesbrief an London: Adeles Debüt „19“ wird 15 Jahre alt

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Adele
Foto: Dave Hogan/Getty Images

Vor 15 Jahren veröffentlicht eine sehr junge Sängerin namens Adele ihr erstes Album 19. Eine der größten Popkarrieren aller Zeiten beginnt in einem Londoner Kinderzimmer – und wird fast vom Alkohol im Keim erstickt.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr 19 hören:

Adele Laurie Blue Adkins und London, das ist eine ganz besondere Beziehung. Sie wird 1988 in Tottenham geboren, wächst einige Jahre in Brighton auf und kehrt mit zehn nach London zurück. Erst wohnt sie mit ihrer Mutter in Brixton, später in West Nordwood südlich der Themse. Hier verbringt sie ihre Teenagerzeit, ein musikbegeistertes Mädchen mitten in der riesigen Metropole, die perfekte Kombi. Sie und London, das soll sich nie ändern, wenn es nach Adele geht.

Geschrieben in zehn Minuten

Als ihre Mutter ihr nahelegt, die Stadt für ein Studium zu verlassen, wirft sie das völlig aus der Bahn. Sie setzt sich hin – und schreibt binnen zehn Minuten Hometown Glory, ihren allerersten Song. Sie lässt alles raus, ihre Liebe zu dieser Stadt, ihre Angst, sie zu verlassen, die Diskussionen mit ihrer Mutter. „Meine Mom und ich konnten uns nicht einigen, wo ich studieren sollte“, erzählte Adele 2008 in einem Interview. „Sie wollte, dass ich nach Liverpool gehe, ich wollte aber in London bleiben. In gewisser Weise ist Hometown Glory eine Art Protestsong über die Erinnerungen – gute wie schlechte – an seine Heimat. Eine Ode an den Ort, an dem ich mein Leben verbracht habe.“

Die Auseinandersetzung mit ihrer Mutter ist ein Glücksfall. Es ist 2007, und der Name Adele spricht sich langsam in Londons Musikwelt herum. Erste Fernsehauftritte steigern den Hype, Singer/Songwriter Jamie T wird auf die junge Dame mit der großen Stimme aufmerksam, bringt ebenjene Ode Hometown Glory im Oktober 2007 in einer limitierten Vinyl-Fassung heraus. Dann geht alles ganz schnell: Aus ihrem Kinderzimmer im Haus der Mutter heraus bekommt Adele den ersten Brit Awards Critics’ Choice-Preis verliehen und wird zur größten Newcomerhoffnung 2008 deklariert.

Da sollte mal jemand so was von Recht behalten: Zwei Wochen vor ihrem Debüt erscheint die Single Chasing Pavements. Die klettert bis auf Platz zwei der Charts und leitet eine neue Ära in der britischen Popmusik ein: Mit 19 erscheint am 28. Januar 2008 eines der wichtigsten und besten Debüts in der Musikgeschichte Großbritanniens. Der Hype ist mittlerweile im ganzen Land greifbar, die Hauptstadt verkündet die Ankunft eines neuen Megastars mit eigenem Kopf und starker Meinung.

„Ich wurde in dieser Zeit zur Frau“

19, benannt nach dem Alter, in dem sie die meisten Songs schrieb, wird zum Instant-Klassiker. Ihre Mischung aus Jazz, Soul und Pop ist feinfühlig und warm, ihre volle, durchdringende Stimme thront über allem, singt die Konkurrenz mühelos an die Wand und erzählt in melancholietrunkener Zerbrechlichkeit von gebrochenen Herzen, Heimweh und großen Träumen.

Zum Titel sagt sie: „Mir ist nichts Besseres eingefallen! Ich finde die Titel von Debütalben extrem wichtig, die besten sind für mich Debut von Björn und Miseducation von Lauryn Hill. Dieses Album repräsentiert mein Alter, mein Leben zu dieser Zeit. Ich war erst 19, als ich es schrieb, und wurde in dieser Zeit zur Frau. Das findet sich in den Songs wieder.“ Mehr noch: Die Art und Weise, wie sie die Vokale in die Länge zieht, markiert einen neuen Stil in der britischen Popmusik. „Adele hat das Potential, zu einer der angesehensten und inspirierendsten Künstler*innen ihrer Generation zu werden“, urteilt Billboard und reiht Adele aus dem Stand zwischen Amy Winehouse und Duffy ein.

Toxische Beziehung und zu viel Alkohol

Mit Amy Winehouse teilt sie anfangs nicht nur die starke Stimme und den Erfolg: Adele trinkt. Viel. Im Mai 2008 soll sie auf ihre erste große Tournee gehen, der Fokus liegt klar auf der Eroberung des US-Marktes. Das passt ihr nicht: Sie hat starkes Heimweh und steigt nicht gern in Flugzeuge. Wegen ihres damaligen Freundes sagt sie sogar einige US-Termine ab, nach Ansicht vieler der Todesstoß für jede Form von Karriere in den geheiligten Poplanden USA. Trifft auf sie natürlich nicht zu, gut steht es damals dennoch nicht um sie. „Ich nenne diese Zeit meine E.L.C., meine Early Life Crisis“, sagte sie dem Nylon Magazine mal. „Ich trank viel zu viel, was gleichzeitig das Fundament meiner Beziehung zu diesem Jungen war. Ich konnte nicht ohne ihn sein, also sagte ich diese Konzerte einfach ab. Kaum zu glauben, dass ich das wirklich getan habe. Es ist so undankbar.“

Im November 2008 trennt sie sich von ihm und zieht aus ihrem Kinderzimmer aus. Sie lässt sich in Notting Hill nieder, wo sie sich gleich wieder an die Musik macht, und gibt den Alkohol auf. „Diese Beziehung hat mein zweites Album praktisch von selbst geschrieben, also war es das am Ende alles wert“, meinte sie mal trocken. Zunächst segelt sie aber noch mit 19 auf den Wellen des Erfolgs: Anfang 2009 gibt es Gold dafür, bis zum Sommer 2009 hat sich das Album weltweit mehr als zwei Millionen Mal verkauft, auch den Grammy für den Best New Artist gibt es für sie.

Sogar das Dylan-Cover gelingt ihr

Nicht übel für eine Sängerin, die, wie sie selbst sagt, „keinerlei Pläne“ für dieses Album hat. „Ich weiß ja nicht mal, welche Art von Künstlerin ich sein will“, sagte sie 2009. „Ich schrieb das Album ja nur, um eine Trennung zu verarbeiten und all die Musik zu spielen, die ich selbst gern höre: Pop, etwas Elektro, Jazz, Folk und natürlich Soul. Ich wollte aber nie ein White Soul Girl sein. Das Album kam ganz natürlich und organisch zusammen.“ Stimmt: Sogar mit ihrem Cover von Bob Dylans Make You Feel My Love kommt sie durch und liefert ein Debüt, auf dem jeder Song sitzt.

Das wirklich Erstaunliche ist ja aber: Bei allem Hype und Erfolg ist 19 doch nur ein Vorgeschmack auf das, was Adele zwei Jahre später mit 21 lostreten wird.

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Adeles „30“: Von Trennungsschmerz, Selbsterkenntnis und Neuanfängen

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Popkultur

Zeitsprung: Am 28.1.1970 fällt Jimi Hendrix’ Band Of Gypsys krachend auseinander.

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Foto: Hendrix im Madison Square Garden 1970/ Bild: Fred W. McDarrah/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 28.1.1970.

von Christof Leim

„That’s what happens when earth fucks with space. Never forget that.“ So kommentiert Jimi Hendrix einen katastrophalen Gig im Madison Square Garden am 28. Januar 1970, der nach anderthalb Songs bereits endet. Es sollte die letzte Show der Band Of Gypsys werden…

Hier könnt ihr euch die Band Of Gypsys live anhören:

Mit der Band Of Gypsys geht es verheißungsvoll los: Nach dem Zusammenbrechen der Jimi Hendrix Experience umgibt sich der Gitarrenmeister mit neuen Musikern und spielt einen legendären Auftritt in Woodstock. Die neue Gruppierung nennt er „Gypsy Sun And Rainbows“ und erklärt von der Bühne: „It’s nothing but a band of gypsys.“ Mehr „Hippie“ geht fast nicht.

Pflichtarbeit

In Folgezeit kehrt er mit Bassist Billy Cox und Schlagzeuger Buddy Miles wieder zum Trioformat zurück und erforscht neue musikalische Sphären. Vor allem R&B und Funk halten Einzug. Zum Jahreswechsel 1969/1970 nehmen die drei im Fillmore East in New York City ein Livealbum auf, das den Titel Band Of Gypsys trägt. Oft wird auch dieses Line-up so bezeichnet. Wie viel echtes Herzblut Jimi in dieses Projekt steckt, weiß man nicht so genau. Ein Teil der Motivation kommt aus vertraglichen Verpflichtungen, ein neues Album abzuliefern, wie der Künstler später bereitwillig erklärt.

Cover

Ein dritter Auftritt findet schließlich am 28. Januar 1970 im großen und altehrwürdigen Madison Square Garden statt. Hier spielt die Band Of Gypsys beim Winter Festival For Peace, einer Benefizveranstaltung zugunsten von Antikriegsinitiativen. Mit zum Aufgebot des auf fünf Stunden angelegten Abends gehören unter anderem Harry Belafonte, Blood Sweet & Tears und Dave Brubeck. Anscheinend läuft es mit dem Zeitplan nicht so rund, denn Hendrix, Cox und Miles gehen erst kurz nach drei Uhr morgens auf Bühne. 

Ein Debakel

Der Auftritt wird eine Katastrophe: Das Trio stolpert uninspiriert durch zwei Songs (Who Knows und Earth Blues), vor allem Hendrix selbst scheint nicht er selbst zu sein. Als eine Zuschauerin nach Foxy Lady verlangt, gibt er einen rüden Kommentar ab, und während Earth Blues erklärt er den Anwesenden: „That’s what happens when earth fucks with space“, auf Deutsch: „Das passiert, wenn die Erde mit dem Weltraum fickt.“ (Nein, wir verstehen das auch nicht.) Schließlich setzt er sich auf den Drumriser und weigert sich weiterzuspielen. Irgendwann stöpselt er sein Instrument aus und verschwindet ganz. 

Was war denn da los? Gitarrenkollege Johnny Winter hat Hendrix vor der Show getroffen und berichtet später: „Er kam mit gesenktem Kopf rein, hat sich alleine auf die Couch gesetzt und seinen Kopf in seine Hände gelegt. Bis zur Show hat er sich nicht bewegt.“ Es kursiert die Theorie, dass Manager Michael Jeffrey seinem Künstler einen schlechten LSD-Trip untergeschoben haben soll, um die Band Of Gypsys zu sabotieren, auf dass die erfolgreichere Experience wieder zusammenkomme. Das Kamerateam, dass Jeffrey für den Abend engagiert hat, spricht allerdings eine andere Sprache. Zudem scheint es unwahrscheinlich, dass er seinen Künstler vor großer Kulisse und versammelter Presse so blamieren möchte. Dass Jimi an diesem Abend (mehr als sonst) unter Drogen steht – wissentlich, unwissentlich oder beides – kann man jedoch nicht ausschließen. Für die Band Of Gypsys bedeutet dieses Desaster sofort im Anschluss das Ende: Manager Jeffrey feuert Schlagzeuger Miles, Bassist Cox quittiert seinen Dienst.

Aber: Er freut sich.

Damit scheint es dem Protagonisten allerdings gut zu gehen. Unmittelbar nach dem Gig sieht Produzent Alan Douglas ihn in seiner Garderobe: „Er saß da, spielte Gitarre und lächelte.“ Wenige Tage später erzählt Hendrix dem Rolling Stone: „Ich denke, die Show im Madison Square Garden ist wie das Ende eines großen, langen Märchens. Ich hätte mir kein besseres Ende ausdenken können. Es hat sich da viel in meinem Kopf geändert. Ich konnte das gar nicht genau sagen, ich war sehr müde. Ich habe da den größten inneren Kampf meines Lebens ausgefochten.“ Bereits im Februar kommt die Jimi Hendrix Experience wieder zusammen (mit Billy Cox statt Noel Redding), im September ist der große Künstler schon tot. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Zeitsprung: Am 20.2.1959 spielt Jimi Hendrix seinen ersten Gig – und fliegt raus.

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