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Popkultur

Flops der Rockgeschichte: Dee Dee Ramone wird zum Rapper Dee Dee King

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In dieser Reihe blicken wir auf die größten Fehler, Patzer und Missverständnisse der Rock’n’Roll-Geschichte zurück. Heute trifft es: Dee Dee Ramone.

von Markus Brandstetter

Kurz bevor er 1989 The Ramones verließ, veröffentlichte Dee Dee Ramone unter neuem Synonym ein obskures Album zwischen Rap, Doo-Wop, Pop und Rock’n’Roll. Es ging als künstlerischer wie auch kommerzieller Flop in die Geschichte ein.

Dee Dee Ramone hatte sein vermeintliches Erweckungserlebnis während eines Aufenthalts in einer Entzugsklinik. Dort lernte der damalige Bassist und Songschreiber der Prototyp-Punkrocker The Ramones Rap-Musik kennen, die damals noch weit von ihrem heutigen Mainstream-Status entfernt war.

Für Ramone schien die neue Marschrichtung klar: Er veröffentlichte 1987 die Single Funky Man und legte sich ein neues Image zu. Fortan wollte er Dee Dee King sein, zumindest teilweise: “I’m a funky man / I got funky bones /I’m funky man /My name is Dee Dee Ramone“, sang er in dem Stück – ehe er erklärte: “Sometimes I call myself Dee Dee King“. Zum neuen Image musste natürlich auch das passende Outfit her, allem voran die Goldkette. Dass Dee Dee auch so zu Gigs seiner Stammband erschien, erfreute die allerdings weniger.

Standing in the Spotlight erscheint

1989 folgte dann ein ganzes Album unter dem neuen Synonym. Für Standing In The Spotlight holte er sich Hilfe von The-Ramones-Drummer Marky Ramone, der zu der Zeit auch ganz frisch dem Rausch entsagt hatte. Allerdings spielte dieser keine Schlagzeugspuren ein, sondern stand seinem Freund als Art Beat-Ratgeber zur Seite. Mit einem Vorschuss von 25.000 Dollar von seiner Plattenfirma in der Tasche machten sich Ramone und Ramones-Produzent Daniel Rey an die Arbeit in den New Yorker Chung King Studios, wo zu der Zeit unter anderem auch die Beastie Boys und Run DMC aufnahmen. Allerdings blieb King bei den Produktionstechniken ganz Rocker – nur dass die Drummachine den Drummer ersetzte.

Doo-Wop, Rap und Rock

Allerdings ist Standing In The Spotlight ohnehin weit von einem reinen Rap-Album entfernt – denn Ramone/King bedient sich zu ebenso großen Teilen bei Doo-Wop und Rock’n’Roll, man hört die Surfwellen gleichermaßen raus wie die New Yorker Straßen, die Surfbretter ebenso wie die Ketten mit den übertrieben großen Anhängern.

Zugegeben: Über große Strecken wirkt das Album rückblickend betrachtet ziemlich albern. Vielleicht tat sich King schon keinen Gefallen mit dem Opener – einer Coverversion des Dee-Dee-Sharp-Covers Mashed Potato Time. Das Ruder konnte auch seine Gesangspartnerin, Blondie-Frontfrau Debbie Harry, nicht gänzlich rumreißen. Harry sorgt für die sonnigen Refrains und die “Uuuuhs” und “ooooohs”, während Dee Dee den Macker gibt: “I’m the king of hip hop”, rappt er – und er rappt es so hölzern und amateurhaft, dass er sich das ziemlich sicher keine Sekunde selbst glaubte. In 2 Much 2 Drink regieren dann die ohnehin präsenten elektrischen Gitarren, King gibt den geläutert-nüchternen Poeten und gibt, den Beastie Boys nicht unähnlich, den Rapper mit Rock-Gitarren.

Dee Dee, das deutsche Kind

Wenn man sich an Standing In The Spotlight erinnert, erinnert man sich auch an den Song German Kid, auf dem King – wieder mit Debbie Harry – halb auf Englisch, halb auf Deutsch von seiner Zeit in Deutschland (als Soldatenkind) rappt. “This is Dee Dee King on the mic / 150 pounds / Of dynamite / The guy with the rhyme / About the Pyramid / Bet you didn’t know / I was a German Kid“, tönt er – und wechselt dann in charmant-holpriges Deutsch: “Und ich finde es gut, wenn Leute lacht / ich habe die Energie / Ich habe der Kraft / Ein hübsches Mädchen gibt mir ein Kuss / Kein Geld für den Taxi, nehm den Bus“.

Gerechtigkeit für Standing in the Spotlight

Standing In The Spotlight wurde zum kolossalen Flop. Es ist rückblickend sehr leicht, über Ramones’/Kings Versuch einer Neuerfindung zu lächeln. Dabei vergisst man ebenso leicht, dass Standing In The Spotlight auch durchaus tolle Stücke hatte. Baby Doll ist ein wunderbar rührseliges, eingängiges und unironisches Liebeslied für seine damalige Frau Vera. Mit The Crusher lieferte er ein weiteres tolles Stück, das 1995 (neu aufgenommen und mit ihm an Vocals und Bass) auch auf dem The-Ramones-Abschiedsalbum Adios Amigos zu hören war.

Rückblickend äußerte sich auch Dee Dee über das Album kritisch: “Es war ohnehin nicht so gut, das Album. Ich konnte nicht rappen. Ich habe es versucht. Ich weiß nicht, wie es geht. Ich bin nicht gut genug, es zu wissen. Ich bin kein Schwarzer. Ich kann das einfach nicht.”

Es sollte sein letzter und einziger Gehversuch als Dee Dee King bleiben. Fünf Jahre später veröffentlichte er sein zweites Solo-Album I Hate Freaks Like You – wieder unter dem Namen Dee Dee Ramone.

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