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Popkultur

Ghost im „Impera“-Interview: „Ich hätte es geliebt, in einer Band wie Rush zu spielen“

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Ghost
Foto: Mikael Eriksson

„Wir erbauen unser neues Imperium aus der Asche eines alten.“ So kündigen Ghost ihr fünftes Album Impera an, das vollgepackt ist mit Ohrwürmern, orchestralen Klängen, Chören und jeder Menge harter Gitarren.

von Andrea Leim

Mit der Veröffentlichung der beiden Singles Call Me Little Sunshine and Hunters Moon hat die Band ihre Fans bereits auf das Werk eingestimmt, das am 11. März erscheint. Im Interview mit uDiscover erzählt Bandchef Tobias Forge, warum er überwiegend allein arbeitet, beschreibt das aktuelle Glücksgefühl auf der laufenden US-Tour und wie sich seine Geisteshaltung ändert, wenn er in die Rolle des neu eingeführten Papa Emeritus IV schlüpft.

Hier könnt ihr Impera hören:

Keine vier Jahre nach Prequelle erscheint das neue Ghost-Werk Impera. Wo liegt für dich der größte Unterschied zwischen den beiden Alben?

Bei den Aufnahmen von Prequelle ging es mir überhaupt nicht gut. Es gab zu viele Dinge in meinem Leben, die einfach nicht funktionierten, und das setzte mir extrem zu. Dafür war weltpolitisch eigentlich alles ganz ok und vergleichsweise stabil. Während der Arbeit an Impera war es genau anders herum: Mir ging es sehr gut, der Welt aber nicht. Und in meinem Augen spiegelt sich das auf der Platte wieder. Das Resultat sind 40 Minuten voll düsterem Rock, der sich um den Aufstieg und dem Fall von Imperien dreht.

Dass du über Imperien schreiben wolltest, wusstest du bereits 2014. Läuft das bei allen Alben von Ghost so? Hast du einen kreativen Masterplan?

Es ist eher Zufall, dass ich schon so früh wusste, worum es auf dieser Platte geht –genauso, wie es Zufall war, dass die Platte davor von der Pest handelt. Beide Alben verbindet, und das hatte ich bereits früh im Kopf, dass sie von Konflikten und Vernichtung handeln sollten. Was einen Masterplan angeht, kann ich verraten, dass ich jetzt schon weiß, um welchen Konflikt es auf der nächsten Scheibe gehen soll. Und ich habe bereits weitere Wunschthemen für die Zukunft im Kopf. Das unterscheidet mich vermutlich ein bisschen von anderen Bands. Viele Musiker*innen sagen: „Hier ist eine Sammlung von guten Songs, lass sie uns unter dem und dem Namen veröffentlichen.“ Fertig. Ich arbeite ich lieber mit einem Konzept. Der andere Weg ist dabei nicht schlechter als meiner. Ich bin einfach vom Typ her so, dass ich meine Arbeit gern unterteile, ich ordne Dinge gern, bin ein ziemlicher Kontrollfreak, und nach außen wirkt es manchmal so, als sei das ein Masterplan. Zum Glück wurde mir irgendwann ein Freifahrtschein in die Hand gedrückt, der es mir erlaubt, auf diese Art Geld zu verdienen. Ansonsten wäre ich nämlich einfach nur ein verdammter Hipster, der nichts gelernt hat.

Apropos Kontrollfreak: Ghost ist kreativ gesehen eine Ein-Mann-Show. Du machst fast alles allein. Was ist das Beste, was das Schlechteste an dieser Arbeitsweise?

Der große Vorteil liegt darin, dass man nicht so viel streiten muss. Zwar kämpfe ich immer wieder für meine Ideen, dabei geht es aber eher um Machbarkeit und Umsetzung. Wenn du allerdings in klassischen Bandstrukturen arbeitet, stößt du auf ganz anderen Widerstand. Da liegen die Streitpunkte dann nicht mehr in der  Umsetzbarkeit, sondern darin, dass andere ihre Meinung haben und ihren Willen ebenso durchsetzen wollen wie man selbst. Wenn man richtig Pech hat, sind diese Menschen noch ganz alte, enge Freunde. Und genau solche Situationen können langjährige Beziehungen zerstören, so ging oder geht es unzähligen Bands. Natürlich gibt es auch die Ausnahmen von der Regel, Leute wie Rush zum Beispiel, die sowohl toll zusammen spielen können als auch gerne Zeit miteinander verbringen. Das ist großartig, aber die absolute Ausnahme. Ich hätte es geliebt, in einer Band wie Rush zu spielen, in einer vollkommen funktionierenden Gruppe mit meinen zwei besten Freunden. Aber so lief es leider nicht. Die Art von „Solo“-Künstler zu sein, wie ich es bin, ermöglicht es mir, viele Menschen um mich herum glücklich zu halten. Während ich an einem Album schreibe, beschäftigt sich meine Band mit anderen Dingen. Wenn wir dann aber zum Touren wieder zusammenkommen, freuen sich alle aufeinander.

Geht es euch jetzt gerade also so?

Aktuell bei unserer US-Tour mit Volbeat fühlt es sich sogar so an, als seien wir gemeinsam auf Hochzeitsreise, weil wir uns zusätzlich so sehr darüber freuen, überhaupt wieder touren zu können. Wir hängen zusammen rum, haben Spaß, es ist echt super! Und wenn wir uns dann wieder trennen, fahren wir in neun verschiede Städte in neun unterschiedlichen Ländern und leben dort unsere eigenen Leben.

Wenn Ghost touren, sind alle Beteiligten, auch die Mannschaft im Hintergrund, gleich angezogen. Warum?

Weil ich wollte, dass wir uniformiert sind. Es soll allen eine Art festliches Gefühl geben und herausstellen, dass es etwas Besonderes ist, Teil von Ghost zu sein. Als würden wir uns zu einem besonderen Dinner treffen, zu dem man sich eben schön anzieht.

Ghost

Foto: Jimmy Hubbard

Cardinal Copia ist zu Papa Emeritus IV aufgestiegen. Hast du dir schon überlegt, wie seine Zukunft aussehen wird?

Nein, das finde ich selbst noch heraus. Üblicherweise geschieht das ganz natürlich. Ich schätze mal, bis kommendes Jahr werde ich wissen, wie es mit ihm weitergeht. Ich bin da genau so gespannt wie alle anderen auch.

Wie lange brauchst du, um zu Papa Emeritus zu werden?

Alles in allem etwa eine Stunde.

Spürst du, wie sich währenddessen deine Stimmung und Geisteshaltung verändern?

Ja, auf jeden Fall. Er macht Dinge, sagt Dinge, die ich nie tun oder sagen würde. Und im Kontext der humoristischen Show finde ich das auch sehr befreiend. Ich denke nicht viel darüber nach, was ich auf der Bühne sagen werden, es passiert einfach. Manchmal bin ich selbst wie vor den Kopf gestoßen von den Dingen, die er von sich gibt. Es kommt sogar vor, dass ich erst am nächsten Tag von Äußerungen erfahre, weil ich mich nicht an sie erinnern kann. Ich bin sehr froh darüber, die Möglichkeit zu haben, meine Bühnenrolle einfach abzulegen. Diesen Luxus haben die meisten Rockstars, Schauspieler*innen oder auch Komiker*innen nicht.

Gab es eigentlich jemals Proteste von Gläubigen vor einer Ghost-Show?

Die kurze Antwort: Ja! Aber nicht häufig. Wir sind ja auch keine extreme Band, die ihre Fans dazu aufruft, sich umzubringen oder ähnliches. So etwas liegt uns ganz fern. Uns geht es darum, Menschen zu unterhalten, die unterhalten werden wollen, und nicht darum, jemanden wütend zu machen. Außerdem wissen TV- oder Radio-Priester mittlerweile, dass sie mit ihren Predigten gegen Musiker*innen oft das Gegenteil von dem erreichen, was sie erreichen wollen. Ein Beispiel: Vor ein paar Jahren spielten wir in Odessa, einer kleinen Stadt in Texas, in einem mittelgroßen Theater. Es passten so etwa 1500 Leute rein, rund 700 Tickets waren aber nur verkauft. Der Veranstalter zeigte sich aber sehr zufrieden, denn seiner Einschätzung nach gab es in der Gegend gar nicht mehr Rockfans. Doch dann erzählte so ein Priester in seiner Radiosendung von uns, und behauptete, eine satanische Band sei in der Stadt, die vertrieben werden müsse. Tatsächlich aber verkauften wir 300 zusätzliche Karten! Sein Geschwätz war also vollkommen kontraproduktiv, und wir spielten eine richtig gute Show.

Du wurdest von deiner Mutter und deinem älteren Brüder erzogen und durftest schon früh auf Konzerte gehen. Wie gehst du als Vater mit dieser Thematik um?

Ich bin kein sehr strenger Vater, und meine Frau ist da sehr ähnlich, wobei man schon sagen kann, dass ich vermutlich allein schon wegen meiner Kindheit noch mehr erlaube als sie. Meine Kinder interessieren sich allerdings nicht für die Dinge, für die ich mich früher interessiert habe. Sie sind ziemlich modern, gehören zur typischen iPad-Generation, besitzen zum Beispiel weniger Geduld, einen gesamten Film zu schauen und stehen mehr auf kurze Snippets. Ich dagegen habe die meiste Zeit meines Lebens vor dem Fernseher verbracht und VHS-Kassetten eingelegt, um einen Film nach dem nächsten zu gucken. Und ansonsten habe ich Gitarre gespielt. Ghost ist, was es ist, weil ich in den Achtzigern aufgewachsen bin und all diese Filme und Geschichten aufgesogen haben. Alles, was ich heute tue, ist das Resultat von damals.

Dein Bruder Sebastian hat dich ganz besonders beeinflusst, was Musik und Kultur angeht. Allerdings starb er vor zwölf Jahren. Wie oft wünschst du dir, dass er Ghost sehen und erleben könnte, wie weit du gekommen bist?

Jeden Tag! Und irgendwie glaube ich daran, dass er zusieht. Das ist auch der Grund dafür, dass ich mich dazu verpflichtet fühle weiterzumachen. Weil ich schlicht die Möglichkeit dazu habe und sie aus diesem Grund so gut wie möglich nutzen will und nutze.

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Popkultur

Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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