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Popkultur

“Ich war ein Mann der Extreme!” – Interview mit Freddie Mercury

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Am 24. November 1991 starb Freddie Mercury an einer Lungenentzündung, die sein von der AIDS-Erkrankung geschwächtes Immunsystem angriff. Weil dieses fabelhafte Wunderwesen aber so viele Fragen hinterlassen hat, haben wir Freddie noch einmal auf zwölf Zigaretten zu Tisch gebeten.


Hört euch News Of The World als Playlist an und lest weiter:


[Im weißen Muskelshirt, kurzem Schnauzer unter schwarzem Kurzhaarschnitt, und ausgewaschener Jeans tritt Freddie unbekümmert in den Raum. Den Tisch fürs Interview bemerkt er erst spät. Er nickt kurz, zündet sich eine Zigarette an und setzt sich.]

Mr. Mercury, sind Sie gut im Hier und Jetzt angekommen?

Sagen wir so: Leicht war es nicht, die Hölle wollte mich nicht mehr gehen lassen. [Lacht]

Sie haben einiges verpasst – zumindest live. Fragen wir frei heraus: Hätten Sie gedacht, dass Ihre Bandkollegen Brian May und Roger Taylor noch mit fast 70 Jahren auf der Bühne stehen?

Tja, “The Show Must Go On”, oder? Hat einst ein weiser Mann gesagt. Witzig auf jeden Fall, die grauen Bärte da schwitzen zu sehen. Immerhin kann ich mir das Spektakel einer Queen-Show endlich auch mal so ansehen. Ich glaube ihnen, dass sie sich, wie sie sagen, in all den Jahren wirklich nicht bewusst nach einem neuen Sänger umgeschaut haben. Dafür bin ich einfach zu gut, Darling, das wussten sie. Muss schwer gewesen sein. Wir hatten eine sehr enge Verbindung, keiner hat den Anführer gespielt. Aber irgendwie hat Adam sie ja in seinen Bann gezogen.

Hand aufs Herz – wie komisch ist es, Queen mit Adam Lambert zu sehen?

Adam ist eine gute Seele. Etwas dramatisch, stimmt schon. Er ist mir eben ziemlich ähnlich, ein einsamer, sensibler Geist. Das macht es aus. Wie ich schon immer zu sagen pflegte: Ein Konzert ist kein stures Wiedergeben unserer Alben. Es ist ein theatralisches Ereignis! Wenn das einer zu dem machen kann, dann Mr. Lambert. Und schöne Haare hat er ja auch.

Finden Sie es schade, dass Bassist John Deacon nicht mehr mitmacht?

Nein, ich verstehe ihn vollkommen. Er war die ruhige Seele der Band, das Fundament. Er wollte nichts an das Vermächtnis unserer Kreativität herankommen lassen. Er hat ja immer noch ein Auge auf das, was die beiden Kindsköpfe da die ganze Zeit aushecken. Ich bin stolz auf ihn.


Queen, September 1976. Vlnr.: Brian May, John Deacon (stehend), Roger Taylor and Freddie Mercury (Frederick Bulsara, 1946 - 1991).

Queen, September 1976. Vlnr.: Brian May, John Deacon (stehend), Roger Taylor and Freddie Mercury (Frederick Bulsara, 1946 – 1991).


Was war das schönste, was Ihrer Legende nach Ihrem Tod widerfahren ist?

Dass eine gelbe Rose nach mir benannt wurde. Sie läuft in wunderschönem Altrosa an den Blütenenden aus, einfach fabelhaft! Naja, und vielleicht, dass Kurt Cobain seine Bewunderung für mich in seinem Abschiedsbrief festgehalten hat.

Zu Lebzeiten folgte auf einen Ihrer schönsten Momente so ziemlich das Gegenteil. Als ihr erfahren habt, dass “Bohemian Rhapsody” Nummer eins gegangen ist, seid ihr in einem Hotelaufzug auf und ab gesprungen, bis er stecken blieb. War das eine Nahtoderfahrung?

Du verarscht mich, oder? So leicht kann man uns nicht erschüttern. [Lacht] Aber es war schon verdammt komisch. Als wir gerade im Hotel einchecken wollten, wurde uns diese wahnsinnige Nachricht ins Gesicht geschmettert. Wir sind völlig durchgedreht! Wollten so schnell es geht hoch ins Zimmer, um das gebührend zu feiern. Wie die Wilden sind wir rumgesprungen. Plötzlich blieb der Aufzug stecken! Endlose Minuten vergingen, ich habe keine Luft mehr bekommen… Irgendwann dachte ich: Endlich sind wir eine Nummer-eins-Band in England und dann gehen wir alle in diesem verdammten Lift drauf.

Für Queen war dieser Erfolg der endgültige Durchbruch. Haben Sie das kommen sehen oder erwartet? Immerhin hat die Band 45.000 Britische Pfund – was damals die Produktion eines ganzen Albums darstellte – in diese eine, sehr krude Rock-Oper gesteckt.

Wir haben eine Vision gehabt, immer. Um finanzielle Erfolge ging es da nur zweitrangig, die Rechnungen hätten wir auch so bezahlen können. Ich hatte genug Geld für drei Leben, my Dear. Ich wollte eine waschechte Rhapsodie schreiben, Pop, Rock und die Oper nahtlos miteinander verbinden. Ich wusste, dass dies ein großartiges Werk ist. Aber dass all die Menschen es auch gespürt haben, hat uns umgehauen. Versteh mich nicht falsch: Ich bin kein Elitist. Meine Musik sollte jeder hören. Weil Musik für jeden da ist. Sie ist eine internationale Sprache.



Bald kommt ein Biopic über Queen heraus. Da haben Sie leider kein Mitspracherecht. Aber wenn Sie die Wahl hätten: Wer sollte Ihre Rolle übernehmen?

Joseph Gordon-Levitt! Das ist mein absoluter Favorit. Ein schmucker Kerl! Er tanzt wie ein Gentleman, singt wie eine Nachtigall und hat das Herz am rechten Fleck. Wenn Joseph allerdings unpässlich sein sollte, dann darf es auch Jared Leto werden. Für die Bühnenszenen ist er der richtige – ein verrückter Hund.

Einige Schlüsselszenen Ihres Lebens werden dem Schauspieler viel abverlangen. Die schwerste Hürde in Ihrem Leben war der Kampf mit und die Geheimhaltung ihrer schweren Krankheit. Warum haben Sie das mit dem AIDS bis einen Tag vor Ihrem Tod nie verraten? Dabei sind Sie doch in diesen konservativen Zeiten überragend und erfrischend spielerisch mit Travestie, Geschlechterrollen und Neigungen umgegangen.

Ich wollte mein privates Umfeld schützen. Kannst du dir den Druck der Presse und die verfluchten Paparazzi vorstellen? Gott weiß, was wir hätten über uns ergehen lassen müssen.


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Seit Ihrem Tod ist die Musikwelt massiven Wandlungen unterlegen. Platten werden weit weniger gekauft, das Internet dominiert. Riesige Rock-Bands wie Queen gibt es heute nicht mehr, haben Sie das schon mit dem Song “Radio Ga Ga” kommen sehen, wo Sie dem Medium Radio Wertverlust nachsagen?

Ja und nein. Vor meinem Tod war an das Internet überhaupt nicht zu denken. Heute ist es noch viel schwieriger als in den 70ern, den Status seines Erfolgs zu erhalten.

Könnten Sie sich trotzdem vorstellen, heutzutage soziale Medien zu nutzen?

In den 70ern wäre ich voll auf Tinder steil gegangen, Baby! Aber ja, klar: Facebook würden heute meine Assistenten für mich machen.  Ich hätte gar keine Zeit für solche Spielereien.

Es ist mir unangenehm zu fragen, aber könnten wir kurz ein Selfie schießen?

[Verzieht die Augenbrauen, steckt sich regungslos die nächste Zigarette an und grinst für eine Millisekunde]

Darling, muss das wirklich sein? Ja? Aber nur, weil ich heute besser aussehe als zu Lebzeiten.

[Die Tür geht auf, grelles Licht strahlt wie eine Flut in den Raum. Eine bassige Stimme lässt dröhnend wissen: “Noch fünf Minuten, Freddie. Der nächste Termin steht an.”]

Welchen Künstler der heutigen Generation würden Sie mit auf Tour nehmen, wenn es noch eine gäbe?

Lady Gaga ist wahnsinnig engagiert, eruptiv und eigen. Sie ist ein mediales Ereignis, wie auch Queen! In Sydney hat sie ja schon mal mit den Jungs gesungen, sie weiß also mit uns umzugehen.



Auf Ihrem Soloalbum “Mr. Bad Guy” stach die Single “Living On My Own” hervor, die auch so drastisch tragisch gemeint war, wenn auch mit positiver Weitsicht. Jetzt im Nachhinein: Würden Sie sich wünschen, noch einmal ohne den ganzen Medienrummel und die dadurch einhergehende Vereinsamung ein ganz anderes Leben zu führen?

Ihr lasst mich ja noch nicht mal jetzt in Ruhe! [Lacht] Nein. Ich kann nichts anderes, habe nichts anderes zu tun. Ich liebe die Freiheit, auf der Bühne herumzurennen. Entspannen kann ich mich nicht, das ist Zeitverschwendung. Vier Stunden Schlaf reichen mir pro Nacht, ich habe schnelle Erholungsphasen. Hätte es Queen nie gegeben, hätte ich in einer anderen Band oder solo gespielt.

Und im Privaten? Haben Sie sich keine Beziehung oder eine Hochzeit gewünscht?

Es hat einfach keiner mit mir ausgehalten, ich war nicht für Beziehungen gemacht. Ich war ein Mann der Extreme. Man darf ein Buch aber nicht nach seinem Umschlag beurteilen: Privat konnte ich ziemlich langweilig sein. Niemand wird je wissen, wie ich wirklich war. Wenn mir Freunde zu nahe gekommen sind, haben sie etwas in mir zerstört.


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Dadurch wurden Sie zum Skeptiker: Haben Sie je gedacht, Sie wären in Ihren Texten, Interviews oder der Performance zu intim geworden?

Überhaupt nicht, vielleicht war das genau meine Rolle im Leben, skeptisch zu sein. Manchmal sind meine Texte erfüllt von Trauer, fühlen sich wie die verdammte Hölle an. Genau so oft übernimmt aber auch eine Euphorie die Kontrolle über mich und das hört man auch in der Musik. Ich hatte keine Angst, alles rauszulassen, alles zu sagen. Niemand konnte mich da aufhalten, Darling.

2016 habt ihr im Jenseits mächtig Zuwachs bekommen. Einige bedeutende Musiklegenden…

Für euch da unten ist das traurig, ja. Aber wir haben hier oben eine wirklich gute Zeit, da sei dir mal sicher, Honey. Du müsstest Lemmy, Prince und Bowie mal feiern sehen! Und wir haben endlos Zeit, unsere wilden Fantasien musikalisch festzuhalten. Du kannst dir nicht vorstellen, was wir gerade zusammen aufnehmen – hier ist alles möglich.


Disclaimer: 

Dieses Interview ist frei erfunden. Alle Antworten wurden nach bestem Gewissen im Stil des Interviewpartners formuliert, entstammen aber der Fantasie des Autors und entsprechen nicht notwendigerweise der Wahrheit.


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Popkultur

Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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