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Popkultur

“Ich war ein Mann der Extreme!” – Interview mit Freddie Mercury

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Am 24. November 1991 starb Freddie Mercury an einer Lungenentzündung, die sein von der AIDS-Erkrankung geschwächtes Immunsystem angriff. Weil dieses fabelhafte Wunderwesen aber so viele Fragen hinterlassen hat, haben wir Freddie noch einmal auf zwölf Zigaretten zu Tisch gebeten.


Hört euch News Of The World als Playlist an und lest weiter:

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[Im weißen Muskelshirt, kurzem Schnauzer unter schwarzem Kurzhaarschnitt, und ausgewaschener Jeans tritt Freddie unbekümmert in den Raum. Den Tisch fürs Interview bemerkt er erst spät. Er nickt kurz, zündet sich eine Zigarette an und setzt sich.]

Mr. Mercury, sind Sie gut im Hier und Jetzt angekommen?

Sagen wir so: Leicht war es nicht, die Hölle wollte mich nicht mehr gehen lassen. [Lacht]

Sie haben einiges verpasst – zumindest live. Fragen wir frei heraus: Hätten Sie gedacht, dass Ihre Bandkollegen Brian May und Roger Taylor noch mit fast 70 Jahren auf der Bühne stehen?

Tja, “The Show Must Go On”, oder? Hat einst ein weiser Mann gesagt. Witzig auf jeden Fall, die grauen Bärte da schwitzen zu sehen. Immerhin kann ich mir das Spektakel einer Queen-Show endlich auch mal so ansehen. Ich glaube ihnen, dass sie sich, wie sie sagen, in all den Jahren wirklich nicht bewusst nach einem neuen Sänger umgeschaut haben. Dafür bin ich einfach zu gut, Darling, das wussten sie. Muss schwer gewesen sein. Wir hatten eine sehr enge Verbindung, keiner hat den Anführer gespielt. Aber irgendwie hat Adam sie ja in seinen Bann gezogen.

Hand aufs Herz – wie komisch ist es, Queen mit Adam Lambert zu sehen?

Adam ist eine gute Seele. Etwas dramatisch, stimmt schon. Er ist mir eben ziemlich ähnlich, ein einsamer, sensibler Geist. Das macht es aus. Wie ich schon immer zu sagen pflegte: Ein Konzert ist kein stures Wiedergeben unserer Alben. Es ist ein theatralisches Ereignis! Wenn das einer zu dem machen kann, dann Mr. Lambert. Und schöne Haare hat er ja auch.

Finden Sie es schade, dass Bassist John Deacon nicht mehr mitmacht?

Nein, ich verstehe ihn vollkommen. Er war die ruhige Seele der Band, das Fundament. Er wollte nichts an das Vermächtnis unserer Kreativität herankommen lassen. Er hat ja immer noch ein Auge auf das, was die beiden Kindsköpfe da die ganze Zeit aushecken. Ich bin stolz auf ihn.


Queen, September 1976. Vlnr.: Brian May, John Deacon (stehend), Roger Taylor and Freddie Mercury (Frederick Bulsara, 1946 - 1991).

Queen, September 1976. Vlnr.: Brian May, John Deacon (stehend), Roger Taylor and Freddie Mercury (Frederick Bulsara, 1946 – 1991).


Was war das schönste, was Ihrer Legende nach Ihrem Tod widerfahren ist?

Dass eine gelbe Rose nach mir benannt wurde. Sie läuft in wunderschönem Altrosa an den Blütenenden aus, einfach fabelhaft! Naja, und vielleicht, dass Kurt Cobain seine Bewunderung für mich in seinem Abschiedsbrief festgehalten hat.

Zu Lebzeiten folgte auf einen Ihrer schönsten Momente so ziemlich das Gegenteil. Als ihr erfahren habt, dass “Bohemian Rhapsody” Nummer eins gegangen ist, seid ihr in einem Hotelaufzug auf und ab gesprungen, bis er stecken blieb. War das eine Nahtoderfahrung?

Du verarscht mich, oder? So leicht kann man uns nicht erschüttern. [Lacht] Aber es war schon verdammt komisch. Als wir gerade im Hotel einchecken wollten, wurde uns diese wahnsinnige Nachricht ins Gesicht geschmettert. Wir sind völlig durchgedreht! Wollten so schnell es geht hoch ins Zimmer, um das gebührend zu feiern. Wie die Wilden sind wir rumgesprungen. Plötzlich blieb der Aufzug stecken! Endlose Minuten vergingen, ich habe keine Luft mehr bekommen… Irgendwann dachte ich: Endlich sind wir eine Nummer-eins-Band in England und dann gehen wir alle in diesem verdammten Lift drauf.

Für Queen war dieser Erfolg der endgültige Durchbruch. Haben Sie das kommen sehen oder erwartet? Immerhin hat die Band 45.000 Britische Pfund – was damals die Produktion eines ganzen Albums darstellte – in diese eine, sehr krude Rock-Oper gesteckt.

Wir haben eine Vision gehabt, immer. Um finanzielle Erfolge ging es da nur zweitrangig, die Rechnungen hätten wir auch so bezahlen können. Ich hatte genug Geld für drei Leben, my Dear. Ich wollte eine waschechte Rhapsodie schreiben, Pop, Rock und die Oper nahtlos miteinander verbinden. Ich wusste, dass dies ein großartiges Werk ist. Aber dass all die Menschen es auch gespürt haben, hat uns umgehauen. Versteh mich nicht falsch: Ich bin kein Elitist. Meine Musik sollte jeder hören. Weil Musik für jeden da ist. Sie ist eine internationale Sprache.



Bald kommt ein Biopic über Queen heraus. Da haben Sie leider kein Mitspracherecht. Aber wenn Sie die Wahl hätten: Wer sollte Ihre Rolle übernehmen?

Joseph Gordon-Levitt! Das ist mein absoluter Favorit. Ein schmucker Kerl! Er tanzt wie ein Gentleman, singt wie eine Nachtigall und hat das Herz am rechten Fleck. Wenn Joseph allerdings unpässlich sein sollte, dann darf es auch Jared Leto werden. Für die Bühnenszenen ist er der richtige – ein verrückter Hund.

Einige Schlüsselszenen Ihres Lebens werden dem Schauspieler viel abverlangen. Die schwerste Hürde in Ihrem Leben war der Kampf mit und die Geheimhaltung ihrer schweren Krankheit. Warum haben Sie das mit dem AIDS bis einen Tag vor Ihrem Tod nie verraten? Dabei sind Sie doch in diesen konservativen Zeiten überragend und erfrischend spielerisch mit Travestie, Geschlechterrollen und Neigungen umgegangen.

Ich wollte mein privates Umfeld schützen. Kannst du dir den Druck der Presse und die verfluchten Paparazzi vorstellen? Gott weiß, was wir hätten über uns ergehen lassen müssen.


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Seit Ihrem Tod ist die Musikwelt massiven Wandlungen unterlegen. Platten werden weit weniger gekauft, das Internet dominiert. Riesige Rock-Bands wie Queen gibt es heute nicht mehr, haben Sie das schon mit dem Song “Radio Ga Ga” kommen sehen, wo Sie dem Medium Radio Wertverlust nachsagen?

Ja und nein. Vor meinem Tod war an das Internet überhaupt nicht zu denken. Heute ist es noch viel schwieriger als in den 70ern, den Status seines Erfolgs zu erhalten.

Könnten Sie sich trotzdem vorstellen, heutzutage soziale Medien zu nutzen?

In den 70ern wäre ich voll auf Tinder steil gegangen, Baby! Aber ja, klar: Facebook würden heute meine Assistenten für mich machen.  Ich hätte gar keine Zeit für solche Spielereien.

Es ist mir unangenehm zu fragen, aber könnten wir kurz ein Selfie schießen?

[Verzieht die Augenbrauen, steckt sich regungslos die nächste Zigarette an und grinst für eine Millisekunde]

Darling, muss das wirklich sein? Ja? Aber nur, weil ich heute besser aussehe als zu Lebzeiten.

[Die Tür geht auf, grelles Licht strahlt wie eine Flut in den Raum. Eine bassige Stimme lässt dröhnend wissen: “Noch fünf Minuten, Freddie. Der nächste Termin steht an.”]

Welchen Künstler der heutigen Generation würden Sie mit auf Tour nehmen, wenn es noch eine gäbe?

Lady Gaga ist wahnsinnig engagiert, eruptiv und eigen. Sie ist ein mediales Ereignis, wie auch Queen! In Sydney hat sie ja schon mal mit den Jungs gesungen, sie weiß also mit uns umzugehen.



Auf Ihrem Soloalbum “Mr. Bad Guy” stach die Single “Living On My Own” hervor, die auch so drastisch tragisch gemeint war, wenn auch mit positiver Weitsicht. Jetzt im Nachhinein: Würden Sie sich wünschen, noch einmal ohne den ganzen Medienrummel und die dadurch einhergehende Vereinsamung ein ganz anderes Leben zu führen?

Ihr lasst mich ja noch nicht mal jetzt in Ruhe! [Lacht] Nein. Ich kann nichts anderes, habe nichts anderes zu tun. Ich liebe die Freiheit, auf der Bühne herumzurennen. Entspannen kann ich mich nicht, das ist Zeitverschwendung. Vier Stunden Schlaf reichen mir pro Nacht, ich habe schnelle Erholungsphasen. Hätte es Queen nie gegeben, hätte ich in einer anderen Band oder solo gespielt.

Und im Privaten? Haben Sie sich keine Beziehung oder eine Hochzeit gewünscht?

Es hat einfach keiner mit mir ausgehalten, ich war nicht für Beziehungen gemacht. Ich war ein Mann der Extreme. Man darf ein Buch aber nicht nach seinem Umschlag beurteilen: Privat konnte ich ziemlich langweilig sein. Niemand wird je wissen, wie ich wirklich war. Wenn mir Freunde zu nahe gekommen sind, haben sie etwas in mir zerstört.


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Dadurch wurden Sie zum Skeptiker: Haben Sie je gedacht, Sie wären in Ihren Texten, Interviews oder der Performance zu intim geworden?

Überhaupt nicht, vielleicht war das genau meine Rolle im Leben, skeptisch zu sein. Manchmal sind meine Texte erfüllt von Trauer, fühlen sich wie die verdammte Hölle an. Genau so oft übernimmt aber auch eine Euphorie die Kontrolle über mich und das hört man auch in der Musik. Ich hatte keine Angst, alles rauszulassen, alles zu sagen. Niemand konnte mich da aufhalten, Darling.

2016 habt ihr im Jenseits mächtig Zuwachs bekommen. Einige bedeutende Musiklegenden…

Für euch da unten ist das traurig, ja. Aber wir haben hier oben eine wirklich gute Zeit, da sei dir mal sicher, Honey. Du müsstest Lemmy, Prince und Bowie mal feiern sehen! Und wir haben endlos Zeit, unsere wilden Fantasien musikalisch festzuhalten. Du kannst dir nicht vorstellen, was wir gerade zusammen aufnehmen – hier ist alles möglich.


Disclaimer: 

Dieses Interview ist frei erfunden. Alle Antworten wurden nach bestem Gewissen im Stil des Interviewpartners formuliert, entstammen aber der Fantasie des Autors und entsprechen nicht notwendigerweise der Wahrheit.


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Popkultur

Zeitsprung: Am 18.1.1974 gehen falsche Fleetwood Mac auf Tour – ganz offiziell.

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"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 18.1.1974.

von Christof Leim

Im Januar 1974 spielen Fleetwood Mac Konzerte in den USA. Das wäre eigentlich ein Grund zur Freude für Classic Rock-Fans, doch leider steht da niemand auf der Bühne, der auf den aktuellen Platten oder den letzten Touren gespielt hat. Anders formuliert: Nur der Name Fleetwood Mac geht auf Tour, die Band blöderweise nicht. Das finden Besucher und Veranstalter natürlich befremdlich, zumal sie das oft erst am Showtag erfahren. Was ist da passiert und wer steckt hinter den „Fakewood Mac“?

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Hört hier in die damals aktuelle Platte Mystery To Me rein:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.

Wer sich Anfang 1974 ein Konzertticket für Fleetwood Mac kauft, der erwartet auf der Bühne die Musiker der gerade neuen Platte Mystery To Me: Schlagzeuger Mick Fleetwood und Bassist John McVie zum Beispiel, dazu Sängerin Christine McVie und die Gitarristen Bob Welch und Bob Weston. Doch schon bei der ersten Show der Tour am 18. Januar 1974 ist keine einzige Person dieses Line-ups anwesend. Niemand. Stattdessen spielen fünf Unbekannte Fleetwood Mac-Songs.

Da muss also etwas vorgefallen sein. In einem Artikel des Rolling Stone von damals erzählt der Manager Clifford Davis: „Ich habe mich entschieden, etwas an der Band zu ändern, insbesondere auf der Bühne. Und das habe ich getan. Ich war immer schon der Anführer, der entscheidet, wer mitspielt und wer nicht.“ Eine krasse Ansage, aber Davis geht noch weiter: „Ich möchte endlich den Eindruck zerstreuen, dass dies Mick Fleetwoods Band ist. Diese Band war immer schon meine Band.“

Die echte Band Ende 1973: Welch, Fleetwood, McVie, McVie (v.l.) – Pic: Promo

Doch wie kommt der Mann dazu? In jenen Jahren verlieren Fleetwood Mac ständig ihre Gitarristen: Danny Kirwan fliegt 1972 raus, was den Abbruch einer Tour bedeutet. Im Herbst 1973 wird dann Bob Weston gefeuert, weil Drummer Mick kann es nicht länger mit ansehen, dass sein Kollege ein Verhältnis mit seiner Frau Jenny hat und damit auch in der Öffentlichkeit nicht hinter dem Berg hält. Autsch. Damit endet auch die erste Tour zu Mystery To Me vorzeitig. Dem Manager passt das gar nicht, angeblich nennt er das „unprofessionell“. Als die Musiker dann sogar eine Pause einlegen wollen, in der Mick sich um seine unvermeidliche Scheidung kümmern muss, stellt er kurzerhand eine Ersatztruppe zusammen und schickt sie in den USA auf die Straße.

Das Ersatzaufgebot besteht aus Musikern der Band Legs, die eine Single unter der Ägide des Managers veröffentlicht hatte: Sänger Elmer Gantry, Gitarrist Kirby Gregory, Bassist Paul Martinez und  Pianist John Wilkinson. „Ich habe mich aber entschieden, Mick zu behalten“, erklärt Davis im Rolling Stone. Allerdings habe der kurzfristig wegen privater Probleme wieder zurück nach England fliegen müssen. Also setzt sich Craig Collinge hinter das Schlagzeug.

Der erste Auftritt findet statt in Pittsburgh am 18. Januar 1974. Wenig überraschend gibt es dort umgehend Streit mit dem Veranstalter, und auch die Fans sind nicht erbaut. Deshalb muss Davis von nun an jeden Abend auf der Bühne verkünden, dass ganz neue Musiker spielen werden und Mick Fleetwood selbst, so ein Ärger, es leider nicht geschafft habe. Gut kommt das nicht an, doch es wird noch schlimmer: Eine Woche später rollt der Tross nach New York, wo 30 Minuten vor der Show feststeht, dass Elmer Gantry nicht singen können wird. „Das ist mir noch nie passiert“, röchelt er gegenüber dem Rolling Stone. Dummerweise hat sich ausgerechnet für diesen Abend die versammelte Musikpresse angekündigt. Noch doofer allerdings: Niemand sagt den Veranstaltern rechtzeitig Bescheid. Die hätten mit ein wenig mehr Vorlauf die Sause noch absagen können, jetzt aber stehen nach den Vorgruppen Kiss und Silverhead 3.400 Fans in der Halle und warten. Also fällt die Entscheidung, die „Band“ ohne Frontmann auf die Bühne zu schicken. Nach einer halben Stunde Boogie-Jam machen 800 Fans von dem Angebot Gebrauch, ihr Geld zurückzubekommen…

Das kann alles nicht lange gut gehen. Es gibt sogar die Geschichte, dass der langjährige Tourmanager John Courage irgendwann das Equipment versteckt und so dafür sorgt, dass die Konzertreise unter falscher Flagge gestört und abgebrochen wird. Kein Wunder also, dass der Spuk der„Fakewood Mac“ ziemlich schnell wieder vorbei ist und Clifford Davis mit Anlauf gefeuert wird. Ein unvermeidbares gerichtliches Nachspiel klärt zwar die Namensrechte eindeutig zu Gunsten der echten Fleetwood Mac, doch es bremst die Band mehrere Monate aus.

Die Musiker der Zweitbesetzung kehren zurück nach England und gründen die Band Stretch, die im November 1975 einen Hit landet mit dem Song Why Did You Do It?. Dessen Text kann mal an als klassisches Beziehungsdrama lesen, aber die meisten Kommentatoren sehen hier eine direkte Attacke auf Mick Fleetwood – weil der sich schließlich von der unglücklichen Tour zurückgezogen habe (was der weiterhin dementiert). Fleetwood Mac verstärken sich indes mit dem Gitarristen Lindsey Buckingham und der Sängerin Stevie Nicks und gehen in den Folgejahren durch die Decke. Der Rest ist Geschichte…



Titelfoto: Michael Putland/Getty Images

Zeitsprung: Am 11.7.1975 starten Fleetwood Mac ihrem gleichnamigen Album durch.

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Zeitsprung: Am 17.1.1949 erblickt Mick Taylor das Licht der Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 17.1.1949.

von Timon Menge und Christof Leim

Mick Taylor zählt zu den versiertesten Gitarristen der Rockgeschichte und hat die Diskografie gleich zwei großer Bands mitgeprägt: John Mayall’s Bluesbreakers und The Rolling Stones. Als Solomusiker tourt er seit 1974 um die Welt. Am 17. Januar feiert Taylor Geburtstag.

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Hört hier in sein Soloalbum Mick Taylor rein:

Klickt auf „Listen“ für die vollständigen Songs.

Der Jugendliche

Mick Taylor kommt am 17. Januar 1949 in Welwyn Garden City in England zur Welt und wächst im Ort Hatfield auf. In seiner Jugend gründet er die Bands The Juniors und The Strangers, mit denen er sogar im Fernsehen auftritt und eine erste Single veröffentlicht. Ab 1965 spielt er als Mitglied von The Gods mit Musikern wie Brian Glascock (später bei Dolly Parton und Iggy Pop), mit seinem Bruder John Taylor (Jethro Tull), Ken Hensley und Lee Kerslake (beide Uriah Heep) sowie Greg Lake (King Crimson, Emerson, Lake & Palmer).

Der Bluesbreaker

Etwa zur selben Zeit besucht Taylor ein Konzert von John Mayall’s Bluesbreakers in seiner Geburtsstadt. Als Mayalls Gitarrist Eric Clapton aus ungewissen Gründen nicht auftaucht, fragt Taylor den britischen Bluesveteranen in der Pause kuzerhand, ob er einspringen soll. Nach kurzer Bedenkzeit ist Mayall einverstanden. Später sagt Taylor dazu: „Ich habe in dem Moment gar nicht daran gedacht, dass das eine tolle Gelegenheit ist. Ich wollte bloß auf die Bühne und Gitarre spielen.“



Der junge Gitarrist beeindruckt den Bandleader so sehr, dass die beiden ihre Telefonnummern austauschen. Als Mayall ein Jahr später einen Ersatz für Peter Green sucht, erinnert er sich an das Nachwuchstalent. Von 1966 bis 1969 tourt Taylor mit der Gruppe, spielt Alben wie Crusade (1967), Bare Wires (1968) und Blues From Laurel Canyon (1968) ein. Er profiliert sich als hervorragender Blues-Gitarrist mit Jazz-Einflüssen, seine Karriere nimmt Fahrt auf.

Mick Taylor mit den Stones 1972 – Pic: Larry Rogers/Wikimedia Commons

Der Rolling Stone

Als die Rolling Stones im Juni 1969 ihren Gitarristen Brian Jones feuern, legen John Mayall und Stones-Keyboarder Ian Stewart bei Mick Jagger ein gutes Wort für Taylor ein. Die Stones laden ihn ein, nehmen einige Songs mit ihm auf – und rekrutieren den damals 20-jährigen als neues Mitglied. Sein Bühnendebüt gibt er am 5. Juli 1969 bei einem kostenlosen Konzert im Londoner Hyde Park. Mehr als eine Viertelmillion Zuschauer pilgern zu der Show, nicht zuletzt deshalb, weil sich das Konzert spontan zu einem Brian Jones-Tribut entwickelt: Der Stones-Mitgründer war zwei Tage vorher gestorben.



In den kommenden Jahren gestaltet Taylor eine wichtige Phasen der Truppe mit: So spielt er nicht nur die legendären Platten Let It Bleed (1969) und das Livealbum Get Yer Ya-Ya’s Out! (1970) ein, sondern auch die Klassiker Sticky Fingers (1971) und Exile On Main St. (1972). Im Zuge der Aufnahmen zu It’s Only Rock ’n Roll (1974) kommt es jedoch zu Querelen zwischen den Musikern. So hat Taylor nach eigenen Aussagen die Songs Till The Next Goodbye und Time Waits For No One mitverfasst, wird aber nicht als Songschreiber genannt. Überhaupt: Bei ihm stellt sich das Gefühl ein, mit den Rolling Stones alles erreicht zu haben. Außerdem ist dem Gitarristen der immense Drogenkonsum der Gruppe nicht geheuer. Im Dezember 1974 verlässt er die Band, seine Nachfolge tritt Ron Wood von Faces an, nachdem sich diese aufgelöst haben.



1995 sagt Mick Jagger in einem Interview mit dem Rolling Stone über Taylor: „Er hat Großes geleistet und für mehr Musikalität in der Gruppe gesorgt. Sein Stil ist sehr flüssig und melodisch. Das hatten wir vorher nicht und haben es bis heute nicht. Weder Keith noch Ronnie Wood spielen wie er. Es war sehr gut für mich, mit ihm zu arbeiten.“ Kein Wunder also, dass sich die Wege der Musiker auch in folgenden Jahrzehnten kreuzen und Taylor immer wieder mit seinen alten Kollegen auf der Bühne steht.



Der Solokünstler

Nach seiner Zeit bei den Stones widmet sich Mick Taylor den unterschiedlichsten Projekten. So spielt er mit Mike Oldfield, Little Feat, Bob Dylan, Carla Olson, Alvin Lee und Mark Knopfler, heuert gelegentlich bei seinem alten Arbeitgeber John Mayall an und gründet eine Band mit Jack Bruce von Cream. 1977 unterschreibt er einen Solo-Plattenvertrag mit Columbia Records, 1979 erscheint sein erstes Album Mick Taylor. Seine zweite Platte unter eigenem Namen lässt bis 1998 auf sich warten und trägt den Titel A Stone’s Throw.

Der Gitarrist

Taylor erzählt mit jedem Solo eine Geschichte anstatt bloß sein handwerkliches Können unter Beweis zu stellen. Da verwundert es nicht, dass zum Beispiel Slash von Guns N’ Roses den Briten als Einfluss nennt. New York Times-Musikjournalist Robert Palmer bringt Mick Taylors Karriere folgendermaßen auf den Punkt: „Er ist der fähigste Gitarrist, der jemals für die Rolling Stones gespielt hat. Taylor war nie ein Rocker oder gar eine Rampensau, sondern ein Blues-Gitarrist mit dem melodischen Gespür eines Jazz-Musikers.“ Respekt. Wir sagen: Happy Birthday!



Titelfoto: Dina Regine/Wiki Commons

Zeitsprung: Am 5.12.1968 feiern die Rolling Stones “Beggar’s Banquet” – mit einer Tortenschlacht.

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„Der Triumph des Jazz“: Die musikalischen Einflüsse des Martin Luther King, Jr.

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Martin Luther King Jr.
Foto: Donald Uhrbrock/Getty Images

Am 15. Januar 2022 hätte die US-amerikanische Bürgerrechtsikone Martin Luther King ihren 93. Geburtstag gefeiert. Zu Ehren Kings möchten wir an dieser Stelle seine Verbindung zur Musikkultur ein wenig näher beleuchten.

von Markus Brandstetter

Die Bilder und Worte sind fest im kollektiven Bewusstsein verankert, selbst wenn man zu jener Zeit noch nicht auf der Welt war: Im August 1963 fanden sich über 200.000 Menschen in Washington, DC zum „Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit“ (englischer Titel: March on Washington for Jobs and Freedom) zusammen.

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Vor dem Lincoln Memorial hielt Martin Luther King seine berühmte Rede, deren Worte „I have a dream“ in die Geschichte eingingen. Musik war (nicht nur) an diesem Tag ein wesentlicher Bestandteil der Proteste. Bob Dylan und Joan Baez traten auf, Peter, Paul & Mary, Odetta Holmes, Mahalia Jackson und der Eva Jessye Choir, auch Harry Belafonte war anwesend. Für King war Musik aber weit mehr als eine akustische Untermalung — er sah sie als Mittel zur Veränderung an — und, im Falle von Jazz, Triumph der Schwarzen — dazu später mehr.

Kings musikalischer Background

Für Martin Luther King, das schreibt der US-amerikanische Autor Alfonso Pollard in seinem Artikel The Extraordinary Influences of Dr. Martin Luther King, Jr., habe Musik seit seiner Kindheit eine bedeutende Rolle gespielt. Kings Mutter Alberta King spielte hier wohl die Schlüsselrolle: Sie war Chorleiterin und Organistin in der Ebenezer Baptist Church. Auch Kings spätere Ehefrau Coretta Scott, die er an der Universität kennenlernte, war Kirchenchorleiterin, außerdem Sopranistin und Multiinstrumentalistin.

Geht es nach Pollard, gab es in Kings musikalischer Sozialisation zwei große Säulen: die Gospelmusik zum einen, zeitgenössische Sängerinnen wie Mahalia Jackson, Sister Rosetta Tharpe, Nina Simone, Miriam Makeba zum anderen. Später wurde auch Jazz für ihn immer wichtiger — eine Musik, die er als „triumphal“ bezeichnete. Damit meinte er den Triumph der Afroamerikaner*innen über die Unterdrückung, über Ungerechtigkeit, Kummer, Tragödien.

Der Triumph des Jazz

1964 wurde King gebeten, die Eröffnungsrede auf dem JazzFest Berlin (damals „Berliner Jazztage“ genannt) zu halten. In seiner Rede sprach er über eben dieses Triumphale im Jazz: „Gott hat viele Dinge aus der Unterdrückung heraus geschaffen. Er hat seine Geschöpfe mit der Fähigkeit ausgestattet, zu erschaffen, und aus dieser Fähigkeit sind die süßen Lieder der Trauer und der Freude hervorgegangen, die es dem Menschen ermöglicht haben, mit seiner Umwelt und vielen verschiedenen Situationen zurechtzukommen. Der Jazz spricht für das Leben. Der Blues erzählt von den Schwierigkeiten des Lebens, und wenn man einen Moment nachdenkt, wird man feststellen, dass er die härtesten Realitäten des Lebens in Musik umsetzt, um dann mit neuer Hoffnung oder einem Gefühl des Triumphs wieder herauszukommen.“

„Die letzte Bastion des Elitismus“

Wie die Verbindung Kings zur klassischen Musik ist, ist indes nicht hinreichend beleuchtet. Der US-Dirigent Paul Freeman (1936-2015) berichtete einst in einem Interview von ein Zusammentreffen mit dem Bürgerrechtler. Als dieser ihn fragte, was er in Atlanta mache, erklärte ihm Freeman, er habe ein Engagement als Gastdirigent des Atlanta Symphony Orchestra. Die Antwort von King darauf kann als sozialkritisch bis sarkastisch gelesen werden: „Ah, die letzte Bastion des Elitismus! Glory, Halleluja!“ Freeman, dessen erklärte Mission es war, die Klassik (sowohl als Musiker*in als auch als Hörer*in) für alle zugänglich zu machen, sah dies aber nicht als Seitenhieb, sondern als Inspiration, sein Ziel zu verfolgen.

Nachzusehen ist dies in diesem Interview:

Wie wichtig King war, zeigen zahlreiche Tribute. Soul-Legende Stevie Wonder war ausschlaggebend dafür, dass Martin Luther Kings Geburtstag zum Feiertag erklärt wurde — und widmete ihm das Stück Happy Birthday. U2 schrieben Pride (In The Name Of Love) über ihn, James Taylor zollte ihm mit Shed A Little Light Tribut — und natürlich darf man Nina Simones Stück Why (The King Of Love Is Dead) nicht vergessen, dass sie drei Tage nach seinem Tod vorstellte.

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