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Popkultur

Zeitsprung: Am 6.10.1980 eckt John Lydon alias Johnny Rotten (Sex Pistols) in Irland an.

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John Lydon 1980 - Foto: Peter Noble/Redferns/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 6.10.1980.

von Christian Böhm und Christof Leim

Provokation: Kein Fremdwort für John Lydon alias Johnny Rotten. Schon als Sänger der Sex Pistols, mit denen er (auch) den Punk „erfand“, benahm er sich oft pöbelnd daneben. Fliegende Bierflaschen und Tomaten gehörten bei ihren Konzerten zum guten Ton. Auch nach den Pistols passiert ihm Ähnliches: 2017 erhält er keinen Einlass zur Filmpremiere seiner eigenen Band PiL und krakeelt betrunken draußen herum. Alles nichts Neues also. Der Rauswurf aus einem irischen Pub mit anschließender Einbuchtung am 6. Oktober 1980 spielt aber in einer anderen Liga.

Hier kannst du die Sex Pistols hören: 

John Lydon will an diesem Abend nur ein Bier im Dubliner Pub Horse And Tram trinken, doch weder er noch der unbekannte Fan, der ihn auf der Straße erkannt und auf ein Pint eingeladen hat, werden bedient. Stattdessen ruft Barbesitzer Eamonn Brady die Polizei und schmeißt die beiden raus. Dass einer der beiden ihn beim Rausgehen „Irisches Schwein“ genannt, an der Krawatte gepackt und zugeschlagen habe, behauptet er danach, Lydon bestreitet dies. Die Eingangstür habe der Sänger ebenso rabiat zugeschlagen, wie man ihn heraus befördert hat, das schon — zum Schlagen sei John aber gar nicht gekommen, weil er selbst unvermittelt zwei Fäuste abbekommen habe. Was wirklich in dem Gemenge passiert ist, interessiert die irische Nationalpolizei nicht. Sie führt John Lydon ab und steckt den sich aufregenden Punk ins Kittchen.

Vielleicht gefiel dem Barbesitzer Lydons Kleidungsstil nicht. Später sagt er, dass der Punkrocker „schäbig“ aussah. Seit seiner Zeit bei den Sex Pistols trägt dieser nicht gerade feine Anzüge, und für gutes Benehmen war keines der Bandmitglieder bekannt. Seinen Künstlernamen Johnny Rotten trägt unser heutiger Protagonist übrigens wegen seiner bereits in jungen Jahren schlechten Zähne. Aber ihn deshalb gleich rauswerfen? Nicht gerade die feine englische, Verzeihung, irische Art.

Ich bin (k)ein Star, holt mich hier raus 

John Lydon landet im Mountjoy Prison in Dublin, das man nicht unbedingt für humane Haftbedingungen kennt. Irische Unabhängigkeitskämpfer saßen hier schon ein, einige wurden hingerichtet. Drei Mitglieder der IRA flüchteten 1973 und entkamen so dem Knast, der später durch miserable hygienische Bedingungen und Überbelegung zweifelhafte Bekanntheit erlangt.

Man könnte denken, einen Prominenten erwarte eine bessere Behandlung — schließlich ist Lydon auch in Irland kein Unbekannter und wetterte mit den Pistols gegen die dort nicht sonderlich beliebten Briten und ihre Königin. Wir erinnern uns: „God save the Queen, the fascist regime, there’s no future, and England’s dreaming!“ Doch weit gefehlt: In seiner Autobiografie erinnert der Musiker sich, dass es in Mountjoy „sehr hart war, ein Bestrafungsregime.“ Die Wächter,  offensichtlich keine Lydon-Fans, spritzen ihn zuerst nackt im Innenhof ab, halten ihn nachts wach und zwingen ihn, statt zu schlafen neben seinem Bett zu stehen. Als Höhepunkt des zweifelhaften Wochenendausflugs sieht Rotten sich selbst gleich zweimal im Fernsehen, sowohl in den Nachrichten als auch im Musikprogramm. Natürlich passiert dies während der täglich erlaubten Fernsehstunde gemeinsam mit allen anderen Häftlingen. Jetzt wissen wenigstens alle, wer er ist. So bekommt er doch gewissermaßen eine Sonderbehandlung, auf die der Rockstar jedoch gern verzichtet hätte. Nach einem Wochenende kommt er gegen Kaution raus.

Nur kurz: Vor Gericht 

Die zur Bewährung ausgesetzten drei Monate Haft muss der damals 24-Jährige nicht absitzen. Die spätere Gerichtsverhandlung fällt kurz aus: Dass Lydon einen der Polizisten vor dem Pub geschlagen habe, wirft man ihm vor, kann man aber nicht nachweisen. In den Aussagen zweier Zeugen aus der Nacht des Pub-Rauswurfs sieht das Gericht viele Ungereimtheiten, zudem sind die beiden nicht einmal persönlich erschienen. So endet die Verhandlung nach zehn Minuten mit einem Freispruch. Der Angeklagte muss 100 Pfund für gute Zwecke spenden (man fragt sich wohl warum, als Unschuldiger?) und verlässt Irland als freier Mann. Danach betritt er fast 20 Jahre lang keine irische Bühne mehr.

So wird ein Song draus

Die ganze Geschichte lässt den Musiker nicht kalt. Seine Empörung über das seiner Meinung nach besonders harte Vorgehen gegen ihn, den englischen Star, schreibt er sich von der Seele: 1981, zwei Jahre nach der Entlassung, erscheint auf dem PiL-Album Flowers Of Romance der Song Francis Massacre, auf dem er seinen Aufenthalt hinter schwedischen, pardon: irischen Gardinen verarbeitet. Dort heißt es: „Don’t wanna go near there, plead not guilty, Mountjoy is fun, go down for life.“ Dazu erklingen die typisch experimentellen Klänge des Nachfolgeprojekts der Sex Pistols.

Zu Irland hat John Lydon schon immer ein gespaltenes Verhältnis. Zwar kommt er 1956 in London und somit als Engländer zur Welt, doch seine Eltern waren zuvor aus Irland eingewandert. Anti-irische Ressentiments erfährt John bereits während der Jugend, wie er 1994 in seiner ersten Biografie beschreibt — allein der Buchtitel reicht schon als Erklärung: No Blacks, No Dogs, No Irish. Dies stand in (zum Glück!) vergangenen Zeiten am Eingang britischer Pubs. Nicht gerade freundlich! Ebenso unhöflich empfangen ihn die Iren, die ihn nicht als echten Landsmann akzeptieren: „Ye’re not Oirish“ schallt es dem Engländer trotz seiner irischen Wurzeln entgegen. Kurzum: Von beiden Seiten beschießt man den Halbiren. 

Der wiederum bezeichnet die Menschen von der Grünen Insel in seiner zweiten Autobiografie als „Snobs.“ Auch der Titel des 2014 erschienenen Buchs taugt zur Erklärung: Anger Is An Energy — da kann man schon mal ärgerlich werden! Vielleicht erklären solche Animositäten die unangemessene Härte, die John Lydon im Gefängnis entgegenschlägt. 

Promotion, Punk & Hassliebe

Nun hat jede Branche ihre Standardweisheiten. „Es gibt keine schlechte Presse“, sagt die Promotionabteilung, um sich eigentlich Schlechtes schön zu reden. Von Bands aus Hotelfenstern geworfene Fernseher zum Beispiel. Oder eben Schlägereien und Rauswürfe. Ob der Vorfall in Dublin die Plattenverkäufe angekurbelt hat, wissen wir nicht —in die Zeitungen hat er es auf jeden Fall geschafft. 

Die Konsequenz aus alledem: John Lydon verspürt lange Zeit keinen Bock mehr auf Irland und stellt sich dort erst 2008 wieder auf eine Bühne, und zwar mit den wiedervereinigten Sex Pistols beim Electric Picnic Festival in Stradbally. Dass einige Fans während der Show Fahnen mit dem englischen Georgskreuz schwenken, kann der inzwischen in USA Lebende später nicht anders kommentieren als mit: „Die Iren sind doch ein wenig dumm.“ Trotzdem tritt er später beinahe als irischer Vertreter beim European Song Contest an. Man darf sich wundern. Lydon bleibt eben ein Punk und mit einer Hassliebe für Irland.

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