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Popkultur

30 Jahre „Painkiller“: Ein Comeback aus Stahl

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Foto: Cover

1990 haben Judas Priest bereits 21 durchwachsene Jahre hinter sich. Nach einem enttäuschenden Ende der letzten Dekade läuten sie das neue Jahrzehnt mit einem Donnerhall ein, der auf ewig synonym mit dem Begriff Heavy Metal verknüpft ist.

von Björn Springorum

Schlagzeug wie Donnerhall: Allein die ersten 15 Sekunden von Painkiller reichen, um auf ewig im Walhalla des Heavy Metal angebetet zu werden. Diesem vielleicht unverkennbarsten Intro der Metal-Geschichte folgt eines der ikonischsten Alben: Mit Painkiller liefern Judas Priest am 3. September 1990 den neuen Goldstandard des Genres. Das Kuriose daran: Es ist bereits ihre zwölfte Platte. Und wird die letzte für lange Zeit sein, die die Band mit Sänger Rob Halford aufnimmt.

21 Jahre zuvor

Man darf sich durchaus verwundert die Augen reiben und fragen, wie das passieren konnte. Stellen wir die Uhr mal ein wenig zurück. Um, sagen wir, schlanke 21 Jahre. Damals finden im unscheinbaren West Bromwich mitten in England ein paar Kerle zusammen, um die nach einem Dylan-Song benannte Band Judas Priest zu gründen: Sänger Al Atkins, Bassist Brian Stapenhill, Gitarrist John Perry und Schlagzeuger John Partridge. Aufmerksame Beobachter werden merken: Keines der Mitglieder ist noch dabei, als Painkiller erscheint.

Genau genommen ist sogar niemand aus der Urbesetzung noch an Bord, als 1974 das Debüt Rocka Rolla erscheint. Dafür Sänger Rob Halford, die Gitarren-Twins K. K. Downing und Glenn Tipton und Basser Ian Hill, die alle auch auf Painkiller triumphieren werden. Davon ist man damals aber noch Lichtjahre entfernt: Live aufgenommen mit Rodger Bain, der sich mit der Produktion der ersten drei Sabbath-Platten hervortun konnte, ist das Album ein ziemlicher Flop. Die Band ist pleite, hat nicht mal genug Kohle für Lebensmittel.

Stahlharte Hungerkünstler

Sie kämpfen dennoch weiter. 1976 erscheint Sad Wings Of Destiny, ein eindeutiger Fingerzeig in Richtung der späteren Größe. Hörbar beeinflusst von Deep Purple oder Black Sabbath, gibt es mit dem Epos Victim Of Change oder dem knackigen The Ripper zwei erste Achtungserfolge. Das Problem: Auch Sad Wings Of Destiny verkauft sich nicht gut, die Band muss immer noch hungern. Warum sie dennoch weitergekämpft haben, grenzt an ein Wunder; wahrscheinlich haben Judas Priest schon damals gespürt, dass da irgendwo großes Potential lauert. Man müsste es eben nur anzapfen.

Mit Sin After Sin (1977) tun sie das erstmals und bescheren der New Wave Of British Heavy Metal (NWOBHM) einen kleinen Klassiker. Damit ist der Weg zu Painkiller geebnet: Mit Killing Machine (1978) zeigt sich die Band vorzugsweise in Leder und Nieten, verewigt im Klassiker Hell Bent For Leather. Dann, 1980, erscheint British Steel. Und macht Judas Priest endgültig unsterblich. Das Album läutet die Hochzeit des Heavy Metal ein und verhilft dem Genre entscheidend zu seinem Triumphzug.

Hexengeheul und Double-Bass

Judas Priest dominieren die Achtziger, die sie mit Werken wie Screaming For Vengeance entschieden mitgestalten. Erst 1988, mit dem eher lauwarm empfangenen Ram It Down, beginnt der Stern erstmals wieder zu sinken. Dann geschieht das Erstaunliche: Mit ihrer zwölften Platte Painkiller gelingt den Engländern ihr für viele stärkstes Werk. Entschlossener als in den gesamten Achtzigern, härter denn je, legiert mit einer massiven Produktion, überladen mit Killer-Riffs, die man heute immer noch nicht besser schreiben kann und besessen von Rob Halfords wildem Hexengeheul – ein Comeback nach Maß, das von der zeitgenössischen Presse mit dem von George Foreman verglichen wird. Und ganz nebenbei auch ein Doublebass-Furor, der bis heute Maßstäbe setzt.

Judas Priest brettern durch die Performance ihres Lebens als wäre hier eine Bande Jungspunde am Werk und kein Verbund von Herren um die 40, die schon seit mehr als 15 Jahren Musik machen. Gegründet in der Kinderstube des Heavy Metal, schwingen sich Priest zu einer Zeit zu neuen Höhen auf, in der vielen anderen Metal-Bands die Puste bereits wieder ausgeht. Vielleicht als letztes Aufbäumen, als Coup de grâce, vielleicht aber auch mit der wilden Entschlossenheit einer Band, die alles in die Waagschale legt. Neue Impulse hat sehr wahrscheinlich auch der Produzent Christopher Andrew Tsangarides emittiert: Es ist das erste Mal seit 1976, dass Priest mit jemand anderem als Tom Allom arbeiten. Was es auch ist: Es trifft ins lederne Schwarze.

15 Sekunden für die Ewigkeit

Umso unverständlicher erscheint unter diesen Bedingungen der Ausstieg von Halford nach der sagenhaft erfolgreichen Painkiller Tour im Mai 1992. Als Grund gibt er interne Spannungen und Uneinigkeit über die künftige Ausrichtung der Band an. Was er damit meint, macht er mit seiner neu begründeten Band Fight deutlich: Noch mehr Metal, noch mehr Härte, noch mehr Fokus auf seinen Gesang. 15 Jahre nach Painkiller kehrt Halford zu Priest zurück. Und schafft es auf fast schon magische Weise, an die glorreichste Ära der Band anzuknüpfen.

Doch für Legionen von Fans werden Judas Priest auf ewig mit diesen donnernden 15 Sekunden Schlagzeug-Intro und dem darauffolgenden Sturm verbunden sein.

Zeitsprung: Am 16.7.1990 stehen Judas Priest wegen versteckter Botschaften vor Gericht.

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