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Popkultur

Two Is A Crowd: Sting im Interview zum neuen Album „Duets“

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Sting & Zucchero
Sting (r.) & Duett-Partner Zucchero (Foto: Daniele Barraco)

Ein Interviewdialog ist auch eine Form des Duetts: Sting im Gespräch über sein neues Album Duets, seine bedingungslose Neugier, den Zufall, die Magie des gemeinsamen Musizierens und einsame Gartenspaziergänge.


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Sting - Duets
Sting
Duets
2LP, CD

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Wie kam es eigentlich zu der Idee, ein paar der größten Duett-Aufnahmen deiner Karriere auf einem Album zu vereinen?

Nun, ich hatte gerade erst einen Song mit Melody Gardot aufgenommen, ein Stück namens Little Something. Wir beide hatten so viel Spaß bei der Arbeit, obwohl wir uns nicht mal dafür getroffen haben: Sie war in den Staaten, und ich habe meinen Teil in Italien eingesungen, wenn ich mich recht entsinne. Jedenfalls sind wir einander zum ersten Mal begegnet, als wir dann das Video dazu machten, und ich fand, dass diese Art des Zusammenkommens etwas echt Spannendes hatte – wenn die Verbindung allein durch die Musik entsteht. Singen ist etwas sehr Intimes, aber man kann dabei auch Distanz wahren, was ja in der aktuellen Situation sehr vorteilhaft ist, wo wir schließlich alle mit diesen Masken herumlaufen, damit sich die Sache nicht weiter verbreitet. Nur brauchen wir eben andererseits auch dieses Verbindende, und ich glaube, dass die Musik eine der besten Möglichkeiten bietet, um darüber eine Verbindung herzustellen.

Also schaute ich meine Aufnahmen aus den letzten zwei, drei Jahrzehnten durch und fand dabei sogar ein paar Duette, die ich eingesungen und ehrlich gesagt schon wieder vollkommen vergessen hatte. Sagen wir so: Ich hatte zumindest vergessen, wie sie eigentlich klangen. Also hörte ich mir diese Liste der Songs noch mal ganz genau an: Ich sang da beispielsweise zusammen mit Charles Aznavour, und erst kürzlich hatte ich mir das Mikrofon mit Mylène Farmer geteilt für Stolen Car, was uns einen richtig großen Hit bescheren sollte. Ja, und dann hatte ich auch noch mit Maître GIMS, mit Eric Clapton, Herbie Hancock und Mary J. Blige gesungen… Ich war echt verblüfft, wie viele grandiose Duett-Aufnahmen da zu finden waren, und so fragte ich mich: „Wäre das nicht eine gute Idee, gerade in dieser Zeit des Distanz-Wahrens und der Trennungen, ein Album zu veröffentlichen, das von derartigen Verbindungen handelt?“ Und so also entstand Duets – eher zufällig. Trotzdem bin ich wahnsinnig glücklich mit dem Resultat. Mich hat dieses Album einfach überrascht, und ich hoffe, dass es andere auch überraschen wird.

Für die Zuhörer*innen funktioniert Duets wie eine Zeitreise durch deine Karriere. Welche Erinnerungen, was für Gefühle sind da hochgekommen, als du diese Songs zum ersten Mal wieder hervorgeholt hast?

Ich hatte, wie gesagt, viele dieser Songs mehr oder weniger vergessen, und deshalb war ich auch richtig aufgeregt und aus dem Häuschen, als sie mir dann zum ersten Mal vorgespielt wurden. Natürlich kamen da unglaublich viele Erinnerungen hoch. Zum Beispiel, wie mir Charles Aznavour in den Neunzigern einen Besuch in England abgestattet hat. Wir nahmen zusammen einen Song auf, wobei ich sogar auf Französisch sang, und ich hatte wirklich keine Erinnerung an dieses Stück, bis ich es dann zu hören bekam. Andererseits weiß ich noch genau, was für ein wunderbar charmanter Mann er war, was für eine Ikone! Und dass dieser Charles Aznavour zu mir nach Hause kommt, um gemeinsam mit mir zu Abend zu essen und einen Song aufzunehmen, das war echt eine Riesenehre. Er ist ja auch erst vor zwei Jahren gestorben. Das ist beispielsweise eine wunderschöne Erinnerung, dass ich mit ihm zusammenarbeiten durfte, und es ist einfach der Wahnsinn, dass es davon eine so tolle Aufnahme gibt.

Doch auch all die anderen Duette sind wundervoll – immerhin sind da Musiker*innen dabei wie ein Herbie Hancock, mit dem ich ein paar Stücke aufgenommen habe. Wir haben letztlich den Song My Funny Valentine ausgewählt, weil der einfach zu meinen absoluten Lieblingstiteln gehört. Es handelt sich dabei zwar um einen Standard, aber das Arrangement ist dermaßen ungewöhnlich, dermaßen frei, dass es mich jedes Mal umhaut. Ja, und dann gibt es so viele andere Tracks… Mary J. Blige zum Beispiel, die meinen Song Whenever I Say Your Name singt. Das war eine wahnsinnig spannende Zeit, als wir diesen Song zusammen aufgenommen haben, weil sie einfach so eine Ausnahmesängerin ist. Sie gibt dem Song etwas, das ich diesem Stück alleine nie hätte geben können. Was ehrlich gesagt auf all diese Aufnahmen zutrifft: Meine Partnerinnen und Partner bringen etwas mit, was dann wiederum mich inspiriert, mich anspornt, weil das Level meiner Performance da einfach mithalten muss. Ich bin dadurch plötzlich nicht mehr allein in meinem angestammten Reich, sondern teile etwas mit anderen und hoffe, daraus etwas zu lernen. Ich glaube, ich habe aus jedem dieser Songs etwas mitgenommen als Künstler und als Mensch. Das bedeutet mir sehr viel, weil da auch Demut mitschwingt.

Es gibt Künstler*innen, die Angst haben vor derartigen Schulterschlüssen. Du hingegen zeigst mit diesem Album, dass du dich auf so gut wie jedes Genre einlassen und mit Künstler*innen aus allen Ecken der Welt und über Sprachgrenzen hinweg zusammenarbeiten kannst. Gibt es eine Lektion, die wir wiederum daraus lernen können?

Nun ja, weißt du, mein wichtigster Antrieb ist meine Neugier. Sie ist der Grund, weshalb ich Musiker bin. Ich singe meine Songs, weil ich neugierig bin und wissen will, wie die Leute wohl darauf reagieren werden. Diese Neugier ist immer da als Antriebskraft, und es geht mir also gar nicht darum, möglichst viel Geld zu verdienen oder möglichst viele Platten zu verkaufen, denn ich bin neugierig: auf den künstlerischen Prozess. Weil es da keine Garantie gibt, wie die Sache ausgehen wird. Ich mag dieses Risiko. Ich mag diesen Entdeckergeist, der da mitschwingt, dass man sich dabei auf ein Abenteuer einlässt. Das hier ist das Abenteuer meines Lebens, und die Kraft, von der ich mich leiten lasse, ist meine Neugier.

Wo es ja nun schon so viele Duett-Aufnahmen gibt: Gibt es denn noch Künstlerinnen oder Künstler, mit denen du gerne zusammenarbeiten würdest?

Oh, natürlich gibt es die, aber ich habe das Gefühl, dass sich solche Dinge immer eher zufällig ergeben. Man trifft sich irgendwie, die Chemie stimmt, und dann spricht man irgendwann über einen Song, den man ja eigentlich mal zusammen aufnehmen könnte. Es hat sich bisher immer alles so organisch ergeben, tut es immer noch, und ich will da auch gar nicht reinpfuschen. Es gibt also niemanden, an dem ich momentan konkret dran wäre. Stattdessen hoffe ich einfach, dass es auch in Zukunft Leute geben wird, die Lust darauf haben, sich mit mir das Mikrofon zu teilen. Übrigens gibt es auch noch ein paar Duett-Aufnahmen, die gar nicht auf dem Album gelandet sind, obwohl sie wahnsinnig gut sind. Erst später ist mir eingefallen, dass ich ja mal mit Pavarotti gesungen habe. Vor vielen Jahren habe ich ein Kirchenlied auf Latein mit ihm gesungen. Vielleicht wird es ja sogar ein Duets-2-Album geben, Material dafür habe ich schon reichlich. Aber was nun dieses Album angeht, bin ich einfach extrem stolz darauf. Und ich glaube daran, dass sich auch in Zukunft solche Aufnahmen ergeben werden. Ich hoffe es.

2020 war ein schwieriges Jahr für uns alle. Wie hast du die Lockdown-Phasen verbracht?

Wie du schon ganz richtig sagst: 2020 war schwierig für jeden Menschen auf diesem Planeten, für jeden Mann, jede Frau, jedes Kind. Ich bin da keine Ausnahme, schließlich hatte ich ursprünglich das geplant, was ich normalerweise mache: eine Tour durch Europa stand an, dazu eine Residency in Las Vegas, und mein Theaterstück The Last Ship sollte stattfinden. Bis dann all diese Pläne zerschlagen wurden. Na ja, wir saßen da ja alle im selben Boot. Im März letzten Jahres bin ich daher zurück nach England gegangen und habe dort zwei Monate verbracht. Ich habe da ein schönes Haus, umgeben von Feldern, ich kann  Spaziergänge machen. Ich war also nicht eingesperrt in einer kleinen Wohnung. Für viele Menschen war das jedoch die Realität, und ich kann mir vorstellen, wie hart das gewesen sein muss, wenn man auf engstem Raum mit weinenden Kleinkindern im Lockdown ist. Da wird es dann wirklich schwierig. Verglichen damit hatte ich eine lockere Zeit. Später war ich dann in Italien, wo ich auch ein Zuhause habe, und jetzt bin ich gerade in Frankreich. Ich hatte echt Glück, dass ich immer einen Garten hatte, in dem ich mich bewegen konnte.

Ich habe viel nachgedacht, habe neue Musik geschrieben, habe darüber nachgedacht, was ich sagen will, was ich sagen muss. Und ganz oft kam ich dann zu dem Schluss, dass ich vielleicht besser gar nichts dazu sagen sollte. Ich glaube, die Welt ist momentan an einem Punkt, an dem so viel Lärm um alles gemacht wird, dass ich dem nicht auch noch etwas hinzufügen will. Es war also eine nachdenkliche Phase, und ich glaube, dass wir alle die Gelegenheit hatten zum Nachdenken: Über unser Verhältnis zum Planeten, unser Verhältnis zur Umwelt, unser Verhältnis zueinander und zu unserem Land. Denn ich bin überzeugt, dass wir es hier mit einer elementaren Herausforderung zu tun haben, schließlich sind wir soziale Wesen, die plötzlich dazu aufgefordert werden, nicht mehr sozial zu sein. Das ist schwierig, aber es ist auch eine Chance, um die Dinge anders zu gestalten. Um sich anderen Herausforderungen zu stellen, was sich auf lange Sicht sogar als Segen erweisen kann.

Das soll jetzt nicht so klingen, als sei das alles ein Spaziergang, aber wenn wir diese Möglichkeit ungenutzt verstreichen lassen, bahnen wir womöglich den Weg für Schlimmeres. Es wird auch nicht die einzige Pandemie bleiben, vielleicht folgen schon bald weitere. Wir haben den Klimawandel, wir haben existentielle Fragen, die wir zusammen als Weltgemeinschaft angehen müssen, bei denen Entscheidungen auf Länderebene nicht mehr ausreichend sind. Ich mache mir große Sorgen um die politische Landschaft, denn da wird vieles enger und kleiner gedacht, obwohl man den Fokus vergrößern müsste. Wir sitzen im Schlamassel, aber wir haben auch eine Chance, nur scheint das Zeitfenster für diese Chance ziemlich klein zu sein. Um Veränderungen auf den Weg zu bringen, brauchen wir den politischen Willen dazu, und deshalb sind unsere Wahlstimmen so wichtig wie nie.

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„Every Breath You Take“: Alles über den größten Hit von The Police & Sting

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Popkultur

„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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Wie fast Guns N‘Roses statt Queen in „Wayne‘s World“ gelandet wären

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Popkultur

25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 3

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Popkultur

10 Songs, die jeder Fan von The Notorious B.I.G. kennen sollte

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The Notorious B.I.G.
Titelfoto: Ethan Miller/Getty Images

Höher, weiter, Biggie: In nur 24 Lebensjahren entwickelte sich The Notorious B.I.G. zu einem der größten Macher der Hip-Hop-Szene. Im März 1997 starb der junge Rap-Star durch ein Drive-By-Shooting. Wir haben für euch zehn großartige Songs aus seinem musikalischen Vermächtnis zusammengetragen.

von Timon Menge

1. Gimme The Loot (1994)

Als Christopher George Latore Wallace aka The Notorious B.I.G. am 13. September 1994 sein Debütalbum rausbringt, hat der Rapper bereits eine längere kriminelle Karriere hinter sich. Angeblich arbeitet er schon im Alter von zwölf Jahren als Drogendealer, 1991 landet er für den Handel mit Crack im Gefängnis. Dort verbringt er neun Monate, im Anschluss nimmt er das Demo-Tape Microphone Murderer auf. Sein Künstlername zu jener Zeit: Biggie Smalls. Der Rapper spielt damit auf sein Gewicht von etwa 150 Kilo an sowie auf seine Größe von 1,91 Metern. Das Demoband öffnet ihm die Tür zur Musikwelt, 1994 veröffentlicht er als The Notorious B.I.G. erstes Album Ready To Die. Dass sich Biggie bestens mit der Welt des Verbrechens auskennt, zeigt auch der dritte Song von der Platte, denn im Text von Gimme The Loot geht es ziemlich eindeutig um einen Raubüberfall.

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2. Juicy (1994)

Bei Juicy handelt es sich um die erste Single-Veröffentlichung von Ready To Die. The Notorious B.I.G. beschäftigt sich in der Nummer mit seinem Werdegang, seiner Kindheit in Armut, dem Traum vom Leben als Rapper, seiner kriminellen Laufbahn und seinem Erfolg in der Musikindustrie. Mit der Zeile „Time to get paid / blow up like the World Trade“ bezieht er sich auf den Terroranschlag auf das New Yorker World Trade Center am 26. Februar 1993. An jenem Tag zündeten einige Terroristen des Netzwerks al-Quaida in der Tiefgarage des Bürokomplexes eine Bombe und töteten damit sechs Menschen; mehr als 1.000 Personen wurden verletzt. Juicy gilt bis heute als einer der bekanntesten und wichtigsten Hip-Hop-Songs überhaupt.

3. Big Poppa (1995)

Zwei Künstlernamen von The Notorious B.I.G. kennen wir bereits, doch es gibt noch viele mehr, wie zum Beispiel Frank White, MC CWest oder auch Big. Mit seinem Alter Ego „Big Poppa“ beschäftigt sich der Rapper im gleichnamigen Song auf seinem Debütalbum. Der Name scheint ihm nicht zu missfallen, in der Nummer heißt es mehrfach: „I love it when you call me Big Poppa“.

4. Suicidal Thoughts (1994)

Achtung, sanftere Gemüter sollten um diesen Track möglicherweise einen Bogen machen, denn in Suicidal Thoughts geht The Notorious B.I.G. ans Eingemachte. So erzählt er in dem Song, bei dem der Titel Programm zu sein scheint, dass er glaubt, eine Enttäuschung für seine Mutter zu sein. Er habe sie beklaut, sei auf die schiefe Bahn geraten und sei sich sicher, dass sie sich im Nachhinein eine Abtreibung gewünscht habe. „I wonder, if I died, would tears come to her eyes?“, fragt er sich im Text. Zum Schluss ist er sich sicher, dass seine Mutter auf seiner Beerdigung zwar so tun würde, als würde sie um ihren Sohn trauern; insgeheim sei sie aber froh, dass er weg sei. Tatsächlich war und ist Voletta Wallace sehr sehr stolz auf ihren Sohn, wie aus unzähligen Medienberichten hervorgeht.

Depressiv? Hier bekommst du Hilfe: Wenn du selbst depressiv bist oder Selbstmordgedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de.) Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Berater*innen, die dir Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

5. Who Shot Ya? (1994)

Als The Notorious B.I.G. knapp drei Monate nach einem bewaffneten Angriff auf seinen Rap-Kollegen 2Pac die Single Who Shot Ya? veröffentlicht, wirft das einige Fragen auf. Macht sich Biggie mit dem Song über seinen (vermeintlich) ehemaligen Kumpel lustig? Wünscht er ihm den Tod? Wusste er gar etwas von dem Attentat? Fest steht: Es handelt sich bei dem Attentat um ein wichtiges Schlüsselereignis in der berühmten Fehde East Coast (The Notorious B.I.G.) gegen West Coast (2Pac), um die sich bis heute unzählige Mythen ranken. Am 7. September 1996 fallen bei einem Drive-By-Shooting erneut Schüsse auf 2Pac, diesmal kosten sie ihn sechs Tage später das Leben. Er wurde nur 25 Jahre alt. Zu den Verdächtigen zählt auch The Notorious B.I.G., doch die Umstände von 2Pacs Tod bleiben weitestgehend ungeklärt. Später gibt es noch einen Todesfall …

6. Hypnotize (1997)

Dieser Track markiert die letzte Veröffentlichung von The Notorious B.I.G., die er noch mitbekommt, denn nur fünf Tage später wird auch er Opfer eines Drive-By-Shootings und stirbt mit gerade einmal 24 Jahren an den Folgen der Schüsse. Auch an seinem Tod scheiden sich bis heute die Geister, doch es gilt laut mehrerer Quellen als wahrscheinlich, dass Musikmanager Suge Knight etwas damit zu tun hat. Diese Behauptung äußerte zum  Beispiel der ehemalige LAPD-Polizeibeamte Greg Kading, der in der Taskforce zur Aufklärung der Morde an den beiden Rappern arbeitete. Aktuell verbüßt Knight eine 28-jährige Haftstrafe wegen Fahrerflucht mit Todesfolge.

7. Mo Money Mo Problems (feat. Puff Daddy & Mase) (1997)

Die Life After Death-Single Mo Money Mo Problems erschien einige Monat nach dem Tod von The Notorious B.I.G. und verdrängte I’ll Be Missing You von Puff Daddy von der Spitze der Charts. Dabei handelt es sich um Daddys eigenen Tribut an seinen ehemaligen Kollegen Biggie. An den beiden Erfolgs-Singles kann man mühelos ablesen, wie sehr der Tod von The Notorious B.I.G. die Musikwelt zu jener Zeit beschäftigte.

8. Notorious Thugs (feat. Bone Thugs-n-Harmony) (1997)

Auch dieser Track mit Bone Thugs-n-Harmony stammt von der zweiten The Notorious B.I.G.-Platte Life After Death. Die Nummer umfasst ganze sechs Minuten und Biggie rechnet darin unter anderem mit all jenen ab, die ihm unterstellen, es habe eine Fehde zwischen ihm und 2Pac gegeben. „So-called beef with you-know-who“, heißt es in dem Song, womit der Rapper klarmacht: Wir hatten keinen Streit. Ob das der Wahrheit entspricht, lässt sich heute vermutlich nicht mehr feststellen, denn es gibt viele widersprüchliche Aussagen zur mutmaßlichen Rivalität zwischen den beiden Rappern. Bone Thugs-n-Harmony hatten kurz vorher auch mit 2Pac zusammengearbeitet.

9. Nasty Girl (feat. Diddy, Nelly, Jagged Edge, Avery Storm & Jazze Pha) (2005)

Falls euch manche Notorious-B.I.G.-Raps in diesem Track bekannt vorkommen, habt ihr völlig recht: Es handelt sich dabei teilweise um Aufnahmen, die bereits in dem Song Nasty Boy von Life After Death zu hören waren. Darüber hinaus haben die beiden Stücke aber kaum etwas gemeinsam. Natürlich sind posthume Singles oft so eine Sache, doch die hochkarätigen Gaststars wie P. Diddy und Nelly werden sich die größte Mühe gegeben haben, den Song in Biggie Smalls’ Sinne zu gestalten.

10. Old Thing Back (feat. Matoma, Ja Rule & Ralph Tresvant) (2015)

Hinter dieser Veröffentlichung steckt vor allem der norwegische DJ Matoma, der dem Song Want That Old Thing Back von 2007 einen Remix spendierte. Damit begeisterte er nicht nur Musikhörer*innen auf der ganzen Welt, sondern auch Ja Rule, der sich auf Twitter wohlwollend über den Track äußerte. Außerdem zeigen Remixes wie dieser eindrucksvoll: Sogar fast 20 Jahre nach seinem Tod ist The Notorious B.I.G. immer noch ein fester Bestandteil der Musikwelt. Leider hatte er viel zu wenig Zeit, um uns noch weitere Alben zu schenken. Ruhe in Frieden, Biggie.

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10 Songs von 2Pac, die man kennen sollte

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