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Popkultur

Warum deutscher Rap den Einfluss von N.W.A 15 Jahre nicht ausleben durfte

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Deutscher Gangster Rap ist so normal, dass man heute in jeder Stadt einen Gangster Rapper finden kann. Das war nicht immer so. Denn Deutschland war ignorant und würde es auch gerne heute noch bleiben. Mit genau demselben Problem waren auch N.W.A in den 80er Jahren konfrontiert und genau deshalb ist die Geschichte von N.W.A der Grund, warum sie die weltweit wichtigste Band für Gangster und Straßen Rap sind. N.W.A hat die Türen eingetreten, die keiner öffnen wollte. Sie haben Gangster Rap im Mainstream populär gemacht – gegen dessen Widerstand. Von Falk Schacht.

 

Boys in the Hood – Der Stadtteil als Ursprung der Wut

Compton gehörte in den 80er Jahren zu den Stadtteilen mit der höchsten Kriminalitätsrate in den USA. Drogenhändler verkauften Kokain an Dealer. Mit etwas Backpulver wurde daraus Crack für die Junkies. Und wenn man Stress mit der Konkurrenz hatte gab es Drive-By-Shootings. Dass dabei auch immer wieder unschuldige zu Tode kamen, die zur falschen Zeit am falschen Ort standen – geschenkt. Und die Polizei? Die hatte den Auftrag – „to protect and serve“ – also zu schützen und zu dienen. Deshalb entwickelte man folgende Idee: Um schneller in die Crackhäuser zu kommen, aus denen heraus die Drogen verkauft wurden, kaufte die Polizei mehrere 6 Tonnen Rad-Panzer auf denen 4,5 Meter lange Rammen angebracht wurden. Vorne am Kopf dieser Rammen war eine Platte befestigt und auf dieser Platte, also dem Objekt, das man als erstes sehen würde, wenn die sogenannten ‚Batterams‘ Panzer einem Tür und Haus einrammen, war ein Smiley aufgemalt. Das nennt man dann wohl Polizisten-Humor.

Es herrschte also eine Art Krieg auf den Straßen Comptons. Und mitten drin die Mitglieder der Band N.W.A.

Keiner will zuhören – Fick die Polizei

Es sind zuerst Ice Cube und Dr.Dre, die diese alltäglichen Ghetto Geschichten in Rap Texten verarbeiten wollen. So wie sie es von Schooly D kennen – einem Rapper aus Philadelphia, dessen Erfolg sich bis dahin allerdings eher in Grenzen hält

Aber die Veranstalter und Label Inhaber, mit denen die beiden zu tun haben, wollen davon nichts hören. Ihnen zufolge werden 1) Gangster Rap Songs niemals im Radio gespielt werden weil der Mainstream nichts davon wissen will und 2) wollen die Leute aus der Hood sich lieber ablenken als ständig daran erinnert zu werden wie ihr Leben abläuft.

Die Welt schien nicht bereit zu sein für N.W.A.

Was die Jungs aus dem Viertel nicht davon abhielt ihre Idee von ‚Reality Rap‘, wie sie selbst ihre Musik nennen, umzusetzen. Ihr Ziel war es die härteste Platte zu produzieren, die je produziert wurde. Mit Straight Outta Compton gelang ihnen genau das. Man kann im Internet die Explicit Content Only Version von Straight Outta Compton finden die nur aus den zusammengeschnittenen Flüchen des Albums besteht.

Die Platte lief damals ganz gut für eine regional bekannte Band. Aber die Kritiker der Band sollten Recht behalten, denn Radio Sender und MTV ignorierten das Album. Jedoch kam ein unerwarteter Helfer um die Ecke, der niemals vorhatte zu helfen – das FBI. Von dort kam ein Brandbrief, der die Band aufforderte das Album sofort vom Markt zu nehmen. Vor allem erregte der Song Fuck Tha Police ihr Gemüt. Es ist Ice Cube, der in diesem Song seinen ganzen Hass über die Batteram fahrende Polizei ausließ. Er wurde selber oft genug Opfer von Polizei Schikane und war wie jeder andere aus dem Stadtteil täglicher Zeuge der Brutalität, die von der Polizei ausging. Die Polizei reagierte komplett über, was man ganz plastisch an der Idee des Rad Panzers als Türöffner sehen kann.

Erschreckenderweise hat sich an der übertriebenen Gewalt der Polizei in den USA bis heute nichts geändert. Ganz im Gegenteil – genau dadurch wird Fuck Tha Police zu einem der wichtigsten Protest Songs der USA.

Letter from the Postman – Dein Freund und Helfer

Nach dem ersten Schock über den Brief des FBI machten N.W.A das einzig Vernünftige und veröffentlichten das Schreiben. Das Ganze wird zu einem riesen Skandal, der immer wieder in landesweiten Nachrichten diskutiert wurde. Immerhin ging es um „Freedom of Speech“ – die Meinungsfreiheit. Und plötzlich war es egal dass kein Radio Sender und auch nicht MTV die Musik der Band spielten. Innerhalb von einem Jahr verkaufte sich das Album 2 Millionen Mal, denn jeder wollte die Platte hören, die das FBI versucht hatte zu zensieren. Laut Statistiken der Plattenfirma wurden 80% der Platten in Vororten der gut situierten weißen Mittelschicht gekauft. Ein Exemplar davon hatte sich auch die blutjunge Gwyneth Paltrow gekauft. Es lief in ihrem Walkman auf Dauerrotation. In einem Interview sagte sie einmal: „Ich weiß nicht mehr was ich gestern zum Abendessen hatte, aber ich kann jede einzelne Zeile von Fuck Tha Police auswendig“.

nwa-most_dangerous

Ihre Eltern waren sicherlich hoch erfreut darüber. Und genau deshalb bekam N.W.A vom Mainstream den Spitznamen „The World‘s Most Dangerous Group“. Denn sie verbreiteten blankes Entsetzen bei Eltern, Politikern und religiösen Organisationen. Das ist auch der Grund warum sich im späteren Verlauf der US Gangster Rap Geschichte immer wieder das Establishment in Form von Politikern negativ über Gangster Rap äußerte. Wie z.B. im Präsidentschaftswahlkampf 1992 mit Vizepräsident Dan Quayle und dem damaligen Präsidentschaftskandidat Bill Clinton. Es herrschte eine regelrecht hysterische Angst vor Gangster Rap. An diesem Punkt muss man sich vor Augen führen, dass wir immer noch über Musiker sprechen, die gereimte Texte über Rhythmen legen. Aber offensichtlich hatte man ernsthafte Angst, es mit radikalen Führern einer neuen Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen und sozial Schwachen zu tun zu haben. Mit dieser revolutionsartigen Bugwelle im Mainstream an Aufmerksamkeit, schafften N.W.A es auch erstmalig Rap von der Westküste national relevant zu machen. War doch vorher der gesamte HipHop mediale Fokus immer auf Ostküsten Rap aus New York gerichtet. Ohne Zweifel öffneten N.W.A damit auch die Türen für Bands und Rapper wie Ice T, 2 Pac, Cypress Hill, Xzibit, CMW, DJ Quik, Coolio, Kendrick Lamar usw.

Der Einfluss, der keiner sein darf – Ignoranz Vol.1

Natürlich wurde N.W.A auch in Deutschland wahrgenommen – ob in Frankfurt durch Azad, D-Flame, Moses P oder Tone oder in Berlin durch Kool Savas, Bogy, Frauenarzt oder Charnell ließen sich die oben genannten sowie viele weitere von der neuen Westcoast Bewegung inspirieren.

Es war beeindruckend die Geschichten aus dem US Ghetto zu hören, fühlte man sich doch erinnert an die eigenen Viertel, in denen man lebte. Auch hier wusste man wie man schnelles Geld macht. Oder man hatte genügend Kollegen, die es wussten. Aber diese Erfahrungen in deutsche Rap Texte einzubringen war unmöglich.

Die Deutsche Rap Szene wurde Anfang der 90er Jahre noch sehr stark von Kindern der Mittelschicht geprägt. Deren Vorstellungskraft reichte nicht bis in die deutschen Problem Viertel hinein. N.W.A hatten ihre Gegner im US Mainstream, aber in der HipHop Szene wusste jeder dass ihre Beschreibungen des Ghettolebens real sind. Ganz anders war das hierzulande. Die erste Hürde, die deutscher Gangster Rap zu überwinden hatte, war die deutsche Hip Hop Szene an sich. Denn diese war, wie der Rest der Gesellschaft, der Meinung: Es gibt keine Ghettos in Deutschland.

Musste man in den USA nur einen Mittelfinger in Richtung Mainstream zeigen, so brauchten deutsche Gangster Rapper zwei Mittelfinger. Einen für die Szene und einen für den Mainstream. In dieser Hinsicht ist deutscher Gangster Rap sogar revolutionärer als US Gangster Rap.

Moses P griff die Thematik trotzdem in den frühen 90er Jahren auf. Er gründete das Rödelheim Hartreim Projekt. Ihr Debut Album hieß Direkt aus Rödelheim und konnte damit seine Verwandtschaft mit Straight Outta Compton nur schwer verbergen.

Auch Look-technisch wurde versucht einen härteren Eindruck zu hinterlassen. Aber weder wurde RHP vom Mainstream als richtiger Gangster Rap wahrgenommen, noch bestand die Band vehement darauf in ihrer Pressearbeit Gangster Rap zu sein. Auch wenn der Gangster Gestus als ständiges Hintergrundrauschen wahrnehmbar war, so muss man wohl eher von Gangster-Rap-Light sprechen. Deutschland war einfach noch nicht bereit für ‚Reality Rap‘ im Sinne von N.W.A.

Pressebild Sido 2015 - CMS Source

Erste Anleihen an das Thema wurden erst spürbar mit der Etablierung von Battle Rap zum Ende der 90er Jahre hin. Kool Savas, die Royal Bunker Clique und Berliner Rap kämpften sich ihren Weg in die Gehörgänge der Fans. Und das unter Widerstand der etablierten Deutschrap Szene, die diese Berliner unmöglich fanden. Aber im Battle Rap kann Gangster Rap immer nur in einer ironisch getarnten Variante existieren. Auf die Frage: „Was rappst du denn da?“ – kann man immer noch antworten – „Ist doch nur Battle Rap“. Eine eigene Existenzberechtigung für Gangster Rap scheint auch 2001, also 13 Jahre nach Straight Outta Compton, immer noch vollkommen unmöglich zu sein. Ich erinnere mich an ein Interview, das ich mit Charnell von Da Fource 2001 führte. Er hatte bereits 1997 mit dem Projekt 4 4 Da Mess Songs veröffentlicht, die das Leben auf der Straße wiederspiegelten. Aber es erschien mir absurd und lächerlich, dass jemand solche Texte in Deutschland ernst meinen kann. Und ich erinnere mich, wie es Charnell zu schaffen machte, dass er seine Geschichten nicht erzählen konnte, weil sie ihm keiner glaubte. Die deutsche Hip Hop Szene, der Mainstream und auch ich waren damals immer noch nicht reif für ‚Reality Rap‘ a la N.W.A.

Letztendlich sind es dann Aggro Berlin, die mit Bushido und Sido wie mit einem Batteram nicht durch Türen, sondern durch Wände fahren mussten. Wir alle hatten die Türen über ein Jahrzehnt durch Ignoranz zugemauert. Und diese Wand stand auch schon vor uns an derselben Stelle. Nur gab es keine popkulturellen Lebenszeichen, die der Verzweiflung stimmlosen Ausdruck verleihen konnte. Zum Glück gab es jetzt wenigstens Gangster Rap.

Was übrig bleibt

Wenn man heute Haftbefehl fragt ob N.W.A ihn beeinflusst haben, so antwortet er mit „Nein“. Vollkommen logisch, da Hafti nicht viel älter ist als das Album Straight Outta Compton. Aber Hafti ist beeinflusst von den deutschen Rappern, die vorher ihre Kämpfe mit den Wänden der Ignoranz hatten. Es ist aber vor allem die Formel des ‚Reality Rap‘ von N.W.A, die auch in Haftbefehl und allen anderen deutschen Gangster Rappern weiterlebt. Die Formel, die nur zu einer Gleichung kommen kann, wenn die Gesellschaft bereit ist die Lösungen anzubieten.

tl,dr: Falk Schacht erzählt euch die N.W.A Geschichte auch mit Bild:

Popkultur

40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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