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Popkultur

Genie mit Schattenseiten: Zum zehnten Todestag von Michael Jackson

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Michael Jackson
Bild: Carlo Allegri/Getty Images

Michael Jackson ist der größte Popstar aller Zeiten. Da gibt es keine zwei Meinungen – zumindest dann nicht, wenn man sich an den Zahlen orientiert. Doch mit seinem musikalischen und choreografischen Genie gehen immer wieder auch Schattenseiten einher. Am 25. Juni 2009 erlag der „King Of Pop“ einem Kreislaufstillstand.

von Timon Menge

Er hat das meistverkaufte Album aller Zeiten veröffentlicht, Afroamerikaner in der gesellschaftlichen Mitte der Popkultur etabliert, die Welt der Choreografie revolutioniert, einen Rekord nach dem anderen gebrochen und sich als „King Of Pop“ einen Namen gemacht — weltweit.

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Hier könnt ihr euch die Jackson-Compilation Number Ones anhören:

Aber: Wenn man an Michael Jackson denkt, schießen einem nicht nur seine zahlreichen musikalischen Errungenschaften durch den Kopf, sondern immer auch seine schreckliche Kindheit, spätere Missbrauchsvorwürfe, Drogenprobleme, finanzielle Schwierigkeiten und eine brodelnde Gerüchteküche. Werfen wir einen Blick auf die Biografie des Ausnahmekünstlers, der die Schattenseiten des Showgeschäfts kannte wie kein zweiter.

Der größte Popmusiker aller Zeiten kommt am 29. August 1958 unter seinem bürgerlichen Namen Michael Joseph Jackson in Gary bei Chicago zur Welt. Er wächst in einer afroamerikanischen Arbeiterfamilie auf, gemeinsam mit neun Geschwistern. Schon früh leidet er unter dem physischen und psychischen Missbrauch seines Vaters Joseph Walter „Joe“ Jackson, der ihn regelmäßig verprügelt und dem kleinen Michael erzählt, er habe eine „fette Nase“. Unter schlimmsten Bedingungen müssen er und seine Brüder für ihre Auftritte üben, Fehler werden mit Gürtelhieben bestraft. Zu jener Zeit bestehen die Jackson Brothers aus Jackie, Tito und Jermaine Jackson.

1964 steigen auch Michael und Marlon in die von Vater Joe gegründete Familienband ein. Zunächst spielen die beiden Conga und Tamburin, 1965 nimmt Michael gemeinsam mit Jermaine die Rolle als Sänger ein. Der Name der Gruppe ändert sich in Jackson 5, von da an beginnt eine steile Karriere. Vom Gewinn einer Talent-Show über die Schließung eines Plattenvertrags mit dem legendären Label Motown bis hin zu einer eigenen TV-Show nehmen die Jackson-Brüder alle möglichen Erfolge mit. Michael entwickelt sich zum Liebling der Konstellation und schafft den Sprung vom Kinder- zum Popstar. Bereits ab 1972 veröffentlicht er die Soloalben Got To Be There (1972), Ben (1972), Music & Me (1973) und Forever, Michael (1975). Als begnadeter Songwriter soll er erst später in Erscheinung treten.

Michael Jackson Off The Wall

Mit seinem fünften Solowerk Off The Wall (1979) gelingt Jackson die musikalische Abnabelung von seiner Familie. Mit Eigenkompositionen wie Don’t Stop ’Til You Get Enough, Working Day And Night und Get On The Floor zeigt der junge Künstler erstmals, dass er nicht nur performen, sondern auch Songs schreiben kann. Die Platte erreicht Platz drei der Billboard-Charts, weltweit gehen über 20 Millionen Exemplare über die Ladentheke. Jackson wird mit Preisen überhäuft, vier Singles steigen in die Top Ten ein. Don’t Stop ’Til You Get Enough und Rock With You schaffen es sogar auf die Pole Position. Jedoch: Jackson ist Perfektionist. Er glaubt, dass er noch deutlich mehr erreichen kann. Und er soll Recht behalten.

1982 veröffentlicht Jackson sein sechstes Werk Thriller, bis heute das kommerziell erfolgreichste Album der Welt. (Dies wird oft der Greatest Hits 1971-1975 von den Eagles nachgesagt, doch das gilt nur für die USA.) Wahnsinnige 66 Millionen Mal verkauft sich die Scheibe, kaum ein Rekord bleibt ungebrochen. Ganze acht Grammys kassiert Jackson für seinen Geniestreich, Hits wie Beat It oder Billie Jean komponiert er im Alleingang. Für den Titeltrack produziert Jackson auf eigenes Risiko einen Videoclip, der bis heute Maßstäbe setzt und maßgeblich zum Erfolg des Albums beiträgt.

Darüber hinaus gelingt ihm ein wichtiger kultureller Beitrag: Jackson etabliert afroamerikanische Musiker in der Mitte der Gesellschaft. Sein Erfolg soll auch in den Jahrzehnten danach nicht abreißen. Mit Bad (1987) und Dangerous (1991) veröffentlicht er abermals Meilensteine der Popmusik; mit HIStory — Past, Present And Future, Book I (1995) und Invincible (2001) legt er zwei weitere Werke nach.

Michael Jackson Bad

So unumstritten, wie Michael Jackson weltweit als größter Popstar aller Zeiten bezeichnet wird, so umstritten gilt er als Person. Schönheitsoperationen, das Erblassen seiner Haut, Drogenprobleme und nicht zuletzt zahlreiche Missbrauchsvorwürfe kratzen am Thron des „King Of Pop“. Immer wieder gerät er in die Fänge der Gerüchteküche, aber auch ins öffentliche Kreuzfeuer. Die ersten Missbrauchsvorwürfe werden im August 1993 publik, als der 13-jährige Jordan Chandler und sein Vater Evan Chandler den Musiker beschuldigen, dass es sexuelle Handlungen zwischen ihm und Jordan gegeben habe.

Um dem Stress der Öffentlichkeit zu entfliehen, greift Jackson zu Schmerz- und Beruhigungsmitteln sowie zu Medikamenten gegen Angststörungen. Zu jener Zeit tauscht er sich intensiv mit seiner zukünftigen Ehefrau Lisa Marie Presley aus, die sich um den Musiker sorgt. Die beiden kennen sich bereits seit Presleys siebtem Lebensjahr, sie steht mit Rat und Tat zur Seite — und glaubt an Jacksons Unschuld. Dennoch rät sie ihm dazu, den Fall abseits des Rampenlichts zu klären und sich in einen Entzug zu begeben. Im Januar 1994 einigen sich Chandler und Jackson außergerichtlich, 25 Millionen US-Dollar wechseln den Besitzer. Im September 1994 wird das Missbrauchsverfahren aufgrund mangelnder Beweise eingestellt.

Zu weiteren Vorwürfen kommt es im März 2003 nach der Veröffentlichung der Dokumentation Living With Michael Jackson. Der Film zeigt den Künstler, wie er die Hand eines Jungen hält und eine anstehende Übernachtung mit ihm bespricht. Kurz nach der Ausstrahlung beginnen erneut Ermittlungen gegen Jackson, im November 2003 wird er verhaftet. Der Vorwurf: sieben Fälle von Kindesmissbrauch und das Verabreichen alkoholischer Getränke an Minderjährige.

Jackson streitet alles ab und gibt zu Protokoll, dass die Übernachtungen nicht sexueller Natur gewesen seien. Der Prozess dauert vom 31. Januar 2005 bis zum 13. Juni desselben Jahres. Der Musiker wird in allen Punkten freigesprochen und zieht sich danach abermals aus der Öffentlichkeit zurück. Ab März 2006 gerät Jackson in finanzielle Schwierigkeiten, ganze 270 Millionen US-Dollar schuldet er der Bank Of America. Noch im selben Jahr erklärt er, dass er an einem neuen Album arbeitet, das von will.i.am produziert werden soll. Er wird es nie abschließen.

Michael Jackson This Is It

Im März 2009 verkündet Jackson bei einer Pressekonferenz, dass er unter dem Namen This Is It eine Reihe von Abschiedskonzerten geben möchte. Unter anderem will er den Spekulationen um seine Gesundheit und seine finanzielle Situation etwas entgegensetzen. Es wäre seine erste Tour seit mehr als 20 Jahren gewesen. Zunächst geht es um zehn Shows in London, gefolgt von Konzerten in Paris, New York City und Mumbai. Als sich mehr als eine Million Tickets in gerade einmal zwei Stunden verkaufen, wird aufgestockt. 50 Termine sollen nun stattfinden, und zwar vom 13. Juli 2009 bis zum 6. März 2010. Doch dazu kommt es nicht.

Am 25. Juni 2009 erliegt Michael Jackson einem Kreislaufstillstand. Während der anschließenden Autopsie werden in seinem Körper das Narkotikum Propofol sowie die Beruhigungsmittel Lorazepam und Midozolam gefunden. Als Todesursache wird eine Propofol-Überdosis festgestellt. 2011 wird Jacksons Leibarzt Conrad Murray wegen fahrlässiger Tötung zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Darüber hinaus sorgt ein weiterer Befund für Aufsehen. Wusste man zeitlebens nicht so genau, warum Jacksons Haut immer heller und heller wird, sorgt die Autopsie für Gewissheit: Er litt an Vitiligo, einer Pigmentstörung — genau, wie er es immer behauptet hatte.

Michael Jackson

Litt unter der Hautkrankheit Vitiligo: „King Of Pop“ Michael Jackson. Bild: Keir Whitaker/Wiki Commons

In den Tagen nach Jacksons Tod ist die Welt nicht mehr dieselbe: Websites brechen zusammen, der gesamte Internet-Traffic steigt um mehr als 11% an. MTV sendet stundenlang Musikvideos des Ausnahmekünstlers, weitere Sender zeigen eine Dokumentation nach der anderen. Eine regelrechte Jackson-Manie bricht aus, die ganze Welt nimmt Anteil am plötzlichen Tod des „King Of Pop“. Die Andacht findet am 7. Juli 2009 in Los Angeles statt. Aus stolzen 1,6 Millionen Bewerbern werden 8.750 Fans ausgesucht, die daran teilnehmen dürfen. Stars wie Mariah Carey, Stevie Wonder, Lionel Richie oder Jennifer Hudson treten auf, Smokey Robinson und Queen Latifah halten Trauerreden. Im Internet wird die Veranstaltung live übertragen, allein in den USA schauen mehr als 30 Millionen Menschen zu.

In den Monaten danach bricht Jackson sogar posthum noch Rekorde. Mehr als 35 Millionen seiner Alben verkaufen sich 2009 weltweit, mehr als von jedem anderen Künstler. Innerhalb einer Woche werden seine Songs über zwei Millionen Mal heruntergeladen. Gleich vier seiner Alben landen in der Top 20 der US-Jahrescharts.

Doch genau wie sein Erfolg bleiben auch die Vorwürfe gegen ihn bestehen. 2013 erhebt Choreograf Wade Robson Anklage. Jackson habe ihn sieben Jahre lang sexuell belästigt, schon im Alter von sieben Jahren sei er missbraucht worden. 2014 reicht auch James Safechuck Klage ein und sagt aus, der Musiker habe ihn im Alter von zehn bis 14 missbraucht. Beide hatten 1993 noch zu Jacksons Gunsten ausgesagt, Robson 2005 sogar noch einmal. Beide Fälle werden nicht weiter verfolgt, da die Ereignisse zu lange her seien.

Im Jahr 2019 erreichen die Vorwürfe im Zuge der Dokumentation Leaving Neverland noch einmal eine neue Dimension. Erneut sind es Safechuck und Robson, die vor einer Kamera erklären, der Popstar habe sie über Jahre hinweg missbraucht. „Er war einer der gütigsten, sanftesten, liebevollsten Menschen, die ich kannte“, berichtet Robson. „Und er hat mich über sieben Jahre sexuell missbraucht.“ In aller Deutlichkeit schildern die beiden die Praktiken, die Jackson mit ihnen durchgeführt haben soll, weit über die Schmerzgrenze der Zuschauerschaft hinaus.

Bis heute spalten die Vorwürfe die Anhänger von Jackson in zwei Lager: Die Fans, die sich nicht vorstellen können, dass ihr Liebling diese Taten begangen haben soll und diejenigen, die die Aussagen der mutmaßlichen Opfer mindestens bemerkenswert finden, wenn nicht gar glauben. Eine juristische Auflösung wird es nach Jacksons Tod nicht mehr geben.

Wie auch immer man zu den Missbrauchsvorwürfen steht – ob man sie glaubt oder nicht, ob man sie von der Kunst trennen mag oder nicht, oder ob man schlicht schmerzlich hinnimmt, dass Jacksons Privatleben immer wieder kleinere oder größere Schatten auf seine Musik geworfen hat: Was er für die Popkultur getan hat, lässt sich kaum in Worte fassen.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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Popkultur

„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 3

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