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Popkultur

Genie mit Schattenseiten: Zum zehnten Todestag von Michael Jackson

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Michael Jackson
Bild: Carlo Allegri/Getty Images

Michael Jackson ist der größte Popstar aller Zeiten. Da gibt es keine zwei Meinungen – zumindest dann nicht, wenn man sich an den Zahlen orientiert. Doch mit seinem musikalischen und choreografischen Genie gehen immer wieder auch Schattenseiten einher. Am 25. Juni 2009 erlag der „King Of Pop“ einem Kreislaufstillstand.

von Timon Menge

Er hat das meistverkaufte Album aller Zeiten veröffentlicht, Afroamerikaner in der gesellschaftlichen Mitte der Popkultur etabliert, die Welt der Choreografie revolutioniert, einen Rekord nach dem anderen gebrochen und sich als „King Of Pop“ einen Namen gemacht — weltweit.

Hier könnt ihr euch die Jackson-Compilation Number Ones anhören:

Aber: Wenn man an Michael Jackson denkt, schießen einem nicht nur seine zahlreichen musikalischen Errungenschaften durch den Kopf, sondern immer auch seine schreckliche Kindheit, spätere Missbrauchsvorwürfe, Drogenprobleme, finanzielle Schwierigkeiten und eine brodelnde Gerüchteküche. Werfen wir einen Blick auf die Biografie des Ausnahmekünstlers, der die Schattenseiten des Showgeschäfts kannte wie kein zweiter.

Der größte Popmusiker aller Zeiten kommt am 29. August 1958 unter seinem bürgerlichen Namen Michael Joseph Jackson in Gary bei Chicago zur Welt. Er wächst in einer afroamerikanischen Arbeiterfamilie auf, gemeinsam mit neun Geschwistern. Schon früh leidet er unter dem physischen und psychischen Missbrauch seines Vaters Joseph Walter „Joe“ Jackson, der ihn regelmäßig verprügelt und dem kleinen Michael erzählt, er habe eine „fette Nase“. Unter schlimmsten Bedingungen müssen er und seine Brüder für ihre Auftritte üben, Fehler werden mit Gürtelhieben bestraft. Zu jener Zeit bestehen die Jackson Brothers aus Jackie, Tito und Jermaine Jackson.

1964 steigen auch Michael und Marlon in die von Vater Joe gegründete Familienband ein. Zunächst spielen die beiden Conga und Tamburin, 1965 nimmt Michael gemeinsam mit Jermaine die Rolle als Sänger ein. Der Name der Gruppe ändert sich in Jackson 5, von da an beginnt eine steile Karriere. Vom Gewinn einer Talent-Show über die Schließung eines Plattenvertrags mit dem legendären Label Motown bis hin zu einer eigenen TV-Show nehmen die Jackson-Brüder alle möglichen Erfolge mit. Michael entwickelt sich zum Liebling der Konstellation und schafft den Sprung vom Kinder- zum Popstar. Bereits ab 1972 veröffentlicht er die Soloalben Got To Be There (1972), Ben (1972), Music & Me (1973) und Forever, Michael (1975). Als begnadeter Songwriter soll er erst später in Erscheinung treten.

Michael Jackson Off The Wall

Mit seinem fünften Solowerk Off The Wall (1979) gelingt Jackson die musikalische Abnabelung von seiner Familie. Mit Eigenkompositionen wie Don’t Stop ’Til You Get Enough, Working Day And Night und Get On The Floor zeigt der junge Künstler erstmals, dass er nicht nur performen, sondern auch Songs schreiben kann. Die Platte erreicht Platz drei der Billboard-Charts, weltweit gehen über 20 Millionen Exemplare über die Ladentheke. Jackson wird mit Preisen überhäuft, vier Singles steigen in die Top Ten ein. Don’t Stop ’Til You Get Enough und Rock With You schaffen es sogar auf die Pole Position. Jedoch: Jackson ist Perfektionist. Er glaubt, dass er noch deutlich mehr erreichen kann. Und er soll Recht behalten.

1982 veröffentlicht Jackson sein sechstes Werk Thriller, bis heute das kommerziell erfolgreichste Album der Welt. (Dies wird oft der Greatest Hits 1971-1975 von den Eagles nachgesagt, doch das gilt nur für die USA.) Wahnsinnige 66 Millionen Mal verkauft sich die Scheibe, kaum ein Rekord bleibt ungebrochen. Ganze acht Grammys kassiert Jackson für seinen Geniestreich, Hits wie Beat It oder Billie Jean komponiert er im Alleingang. Für den Titeltrack produziert Jackson auf eigenes Risiko einen Videoclip, der bis heute Maßstäbe setzt und maßgeblich zum Erfolg des Albums beiträgt.

Darüber hinaus gelingt ihm ein wichtiger kultureller Beitrag: Jackson etabliert afroamerikanische Musiker in der Mitte der Gesellschaft. Sein Erfolg soll auch in den Jahrzehnten danach nicht abreißen. Mit Bad (1987) und Dangerous (1991) veröffentlicht er abermals Meilensteine der Popmusik; mit HIStory — Past, Present And Future, Book I (1995) und Invincible (2001) legt er zwei weitere Werke nach.

Michael Jackson Bad

So unumstritten, wie Michael Jackson weltweit als größter Popstar aller Zeiten bezeichnet wird, so umstritten gilt er als Person. Schönheitsoperationen, das Erblassen seiner Haut, Drogenprobleme und nicht zuletzt zahlreiche Missbrauchsvorwürfe kratzen am Thron des „King Of Pop“. Immer wieder gerät er in die Fänge der Gerüchteküche, aber auch ins öffentliche Kreuzfeuer. Die ersten Missbrauchsvorwürfe werden im August 1993 publik, als der 13-jährige Jordan Chandler und sein Vater Evan Chandler den Musiker beschuldigen, dass es sexuelle Handlungen zwischen ihm und Jordan gegeben habe.

Um dem Stress der Öffentlichkeit zu entfliehen, greift Jackson zu Schmerz- und Beruhigungsmitteln sowie zu Medikamenten gegen Angststörungen. Zu jener Zeit tauscht er sich intensiv mit seiner zukünftigen Ehefrau Lisa Marie Presley aus, die sich um den Musiker sorgt. Die beiden kennen sich bereits seit Presleys siebtem Lebensjahr, sie steht mit Rat und Tat zur Seite — und glaubt an Jacksons Unschuld. Dennoch rät sie ihm dazu, den Fall abseits des Rampenlichts zu klären und sich in einen Entzug zu begeben. Im Januar 1994 einigen sich Chandler und Jackson außergerichtlich, 25 Millionen US-Dollar wechseln den Besitzer. Im September 1994 wird das Missbrauchsverfahren aufgrund mangelnder Beweise eingestellt.

Zu weiteren Vorwürfen kommt es im März 2003 nach der Veröffentlichung der Dokumentation Living With Michael Jackson. Der Film zeigt den Künstler, wie er die Hand eines Jungen hält und eine anstehende Übernachtung mit ihm bespricht. Kurz nach der Ausstrahlung beginnen erneut Ermittlungen gegen Jackson, im November 2003 wird er verhaftet. Der Vorwurf: sieben Fälle von Kindesmissbrauch und das Verabreichen alkoholischer Getränke an Minderjährige.

Jackson streitet alles ab und gibt zu Protokoll, dass die Übernachtungen nicht sexueller Natur gewesen seien. Der Prozess dauert vom 31. Januar 2005 bis zum 13. Juni desselben Jahres. Der Musiker wird in allen Punkten freigesprochen und zieht sich danach abermals aus der Öffentlichkeit zurück. Ab März 2006 gerät Jackson in finanzielle Schwierigkeiten, ganze 270 Millionen US-Dollar schuldet er der Bank Of America. Noch im selben Jahr erklärt er, dass er an einem neuen Album arbeitet, das von will.i.am produziert werden soll. Er wird es nie abschließen.

Michael Jackson This Is It

Im März 2009 verkündet Jackson bei einer Pressekonferenz, dass er unter dem Namen This Is It eine Reihe von Abschiedskonzerten geben möchte. Unter anderem will er den Spekulationen um seine Gesundheit und seine finanzielle Situation etwas entgegensetzen. Es wäre seine erste Tour seit mehr als 20 Jahren gewesen. Zunächst geht es um zehn Shows in London, gefolgt von Konzerten in Paris, New York City und Mumbai. Als sich mehr als eine Million Tickets in gerade einmal zwei Stunden verkaufen, wird aufgestockt. 50 Termine sollen nun stattfinden, und zwar vom 13. Juli 2009 bis zum 6. März 2010. Doch dazu kommt es nicht.

Am 25. Juni 2009 erliegt Michael Jackson einem Kreislaufstillstand. Während der anschließenden Autopsie werden in seinem Körper das Narkotikum Propofol sowie die Beruhigungsmittel Lorazepam und Midozolam gefunden. Als Todesursache wird eine Propofol-Überdosis festgestellt. 2011 wird Jacksons Leibarzt Conrad Murray wegen fahrlässiger Tötung zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Darüber hinaus sorgt ein weiterer Befund für Aufsehen. Wusste man zeitlebens nicht so genau, warum Jacksons Haut immer heller und heller wird, sorgt die Autopsie für Gewissheit: Er litt an Vitiligo, einer Pigmentstörung — genau, wie er es immer behauptet hatte.

Michael Jackson

Litt unter der Hautkrankheit Vitiligo: „King Of Pop“ Michael Jackson. Bild: Keir Whitaker/Wiki Commons

In den Tagen nach Jacksons Tod ist die Welt nicht mehr dieselbe: Websites brechen zusammen, der gesamte Internet-Traffic steigt um mehr als 11% an. MTV sendet stundenlang Musikvideos des Ausnahmekünstlers, weitere Sender zeigen eine Dokumentation nach der anderen. Eine regelrechte Jackson-Manie bricht aus, die ganze Welt nimmt Anteil am plötzlichen Tod des „King Of Pop“. Die Andacht findet am 7. Juli 2009 in Los Angeles statt. Aus stolzen 1,6 Millionen Bewerbern werden 8.750 Fans ausgesucht, die daran teilnehmen dürfen. Stars wie Mariah Carey, Stevie Wonder, Lionel Richie oder Jennifer Hudson treten auf, Smokey Robinson und Queen Latifah halten Trauerreden. Im Internet wird die Veranstaltung live übertragen, allein in den USA schauen mehr als 30 Millionen Menschen zu.

In den Monaten danach bricht Jackson sogar posthum noch Rekorde. Mehr als 35 Millionen seiner Alben verkaufen sich 2009 weltweit, mehr als von jedem anderen Künstler. Innerhalb einer Woche werden seine Songs über zwei Millionen Mal heruntergeladen. Gleich vier seiner Alben landen in der Top 20 der US-Jahrescharts.

Doch genau wie sein Erfolg bleiben auch die Vorwürfe gegen ihn bestehen. 2013 erhebt Choreograf Wade Robson Anklage. Jackson habe ihn sieben Jahre lang sexuell belästigt, schon im Alter von sieben Jahren sei er missbraucht worden. 2014 reicht auch James Safechuck Klage ein und sagt aus, der Musiker habe ihn im Alter von zehn bis 14 missbraucht. Beide hatten 1993 noch zu Jacksons Gunsten ausgesagt, Robson 2005 sogar noch einmal. Beide Fälle werden nicht weiter verfolgt, da die Ereignisse zu lange her seien.

Im Jahr 2019 erreichen die Vorwürfe im Zuge der Dokumentation Leaving Neverland noch einmal eine neue Dimension. Erneut sind es Safechuck und Robson, die vor einer Kamera erklären, der Popstar habe sie über Jahre hinweg missbraucht. „Er war einer der gütigsten, sanftesten, liebevollsten Menschen, die ich kannte“, berichtet Robson. „Und er hat mich über sieben Jahre sexuell missbraucht.“ In aller Deutlichkeit schildern die beiden die Praktiken, die Jackson mit ihnen durchgeführt haben soll, weit über die Schmerzgrenze der Zuschauerschaft hinaus.

Bis heute spalten die Vorwürfe die Anhänger von Jackson in zwei Lager: Die Fans, die sich nicht vorstellen können, dass ihr Liebling diese Taten begangen haben soll und diejenigen, die die Aussagen der mutmaßlichen Opfer mindestens bemerkenswert finden, wenn nicht gar glauben. Eine juristische Auflösung wird es nach Jacksons Tod nicht mehr geben.

Wie auch immer man zu den Missbrauchsvorwürfen steht – ob man sie glaubt oder nicht, ob man sie von der Kunst trennen mag oder nicht, oder ob man schlicht schmerzlich hinnimmt, dass Jacksons Privatleben immer wieder kleinere oder größere Schatten auf seine Musik geworfen hat: Was er für die Popkultur getan hat, lässt sich kaum in Worte fassen.

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