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Popkultur

Zeitsprung: Am 3.12.1948 kommt Ozzy Osbourne zur Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 3.12.1948."

von Christof Leim

Prince Of Darkness, Rock’n’Roll-Legende, Familienvater: Ozzy Osbourne feiert am 3. Dezember Geburtstag und kann auf ein ziemlich wildes Leben zurückblicken. Geschichten über unseren liebsten „Madman“ gibt es Dutzende, wagen wir also zum Ehrentag einen Schnelldurchlauf seines wilden Lebens. Bitte anschnallen. Long live Ozzy!


Hört hier in die besten Ozzy-Solosongs rein:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.

Ja, Ozzy hat es richtig, richtig krachen lassen. Die Geschichten seiner Ausschweifungen sind so legendär, dass man sich durchaus wundern darf, dass der Mann ein hohes Alter erreicht hat. Aber neben Sex und Drugs darf man keinesfalls den Rock’n’Roll vergessen. Als Sänger von Black Sabbath hat Ozzy den Heavy Metal miterfunden, wofür wir ihm selbstredend ewig dankbar sein werden. Er hat den planetenerschütternden Riffs von Tony Iommi seine eigenständige Stimme hinzugefügt und in den Siebzigern einige der wichtigsten Platten des Genres erschaffen. Später legte er dann eine überaus erfolgreiche Solokarriere hin, wurde Familienvater und Reality-TV-Berühmtheit. Selbst wenn die Rockerrente schon mehrmals auf dem Plan stand, muss man den Mann vermutlich eines Tages schreiend von der Bühne zerren. Gott sei Dank.

Die Anfänge

Unser liebster Ozzy kommt am 3. Dezember 1948 als John Michael Osbourne in der Industriestadt Birmingham zur Welt. Er hat drei ältere Schwestern und zwei jüngere Brüder, viel Geld gibt es in der Familie nicht. Schon als Kind bekommt er seinen Spitznamen, bis heute nennen ihn höchstens engste Familienmitglieder noch John. Das scheint ihm zu gefallen, denn sein erstes von vielen Tattoos sticht er sich als Teenager selbst mit einer Nähnadel und Farbe aus Bleistiftminen. Die Buchstaben O-Z-Z-Y auf seinen Fingern sieht man heute noch.

Als er mit 14 die Beatles hört, macht ihn das sofort zum Fan. Insbesondere She Loves You weckt in ihm den Wunsch, Musiker zu werden. Ansonsten sind die Aussichten im industriellen Birmingham der Sechziger auch ziemlich grimmig. Kurz gesagt: Fabrik, Verbrechen oder Rock’n’Roll. Als 15-Jähriger verlässt er die Schule, in der er mit einer Lese- und Rechtschreibstörung zu kämpfen hatte, und endet in einer Reihe wenig zukunftsträchtiger Jobs, darunter Bauarbeiter, Werkzeugmacher und Klempner. Böse Zungen dürften behaupten, dass ihn die Zwischenspiele als Schlachter und Autohupentester (!) besser auf eine Laufbahn im Heavy Metal vorbereiten. Ein “Laufbahnwechsel” in Richtung Einbruch und Diebstahl endet mit mit einem sechswöchigen Aufenthalt im Knast.

Die Urväter des Heavy Metal: Black Sabbath mit Ozzy Osbourne (rechts)

Die Siebziger

Ohnehin geht es um die Musik. 1968 melden sich ein Gitarrist namens Tony Iommi und sein Drummer Bill Ward auf einen Flyer, auf dem zu lesen steht: „Ozzy Zig needs gig. Has own PA.“ Beim ersten Treffen stellen die drei Kollegen fest, dass sie sich sich bereits aus der Schule kennen  und nicht leiden können. Musik machen sie trotzdem. Es stößt noch Bassist Geezer Butler dazu, und Black Sabbath sind geboren. Der Rest ist, mal wieder, Geschichte.

Mit den infektiös eingängigen Popsongs der Beatles hat die Wirklichkeit der vier Jungspunde allerdings nichts zu tun, ebensowenig mit dem „Summer Of Love“ in San Francisco. Weil in Birmingham definitiv niemand Blumen im Haar trägt, klingen Black Sabbath dunkler, böser und eindringlicher als die meisten anderen. In den folgenden Jahren schickt sich das Quartett an, die Grundlagen des Heavy Metal zu legen. Es gibt kaum jemanden in der Welt der Krachmusik, der nicht von ihnen beeinflusst wurde: Ob Hard Rock, Heavy, Stoner, Thrash, Black, Death, Doom Metal – überall steckt die DNA der „Sabb Four“ drin. (Himmel, sogar Cindy & Bert haben Paranoid gecovert.) Und nicht wenige Leute behaupten, dass Tony Iommi eigentlich schon alle guten Riffs geschrieben hat. Ozzy sollte man dabei musikalisch nicht unterschätzen: Zwar spielt er kein ein Instrument und hat auch kaum Texte verfasst, aber von ihm stammen die Melodien. Ozzy gab den Sabbath-Songs die Seele, er war die Stimme, mit der sich Millionen Außenseiter, Freaks und Ausflipper identifizieren konnten.



Das erste Album Black Sabbath erscheint am 13. Februar 1970, natürlich an einem Freitag. Der Titelsong definiert tonal ein ganzes Genre, hier gibt’s vor allem den Tritonus, das Teufelsintervall. Paranoid kommt ein halbes Jahr später, das Album und der gleichnamige Song werden zu Hits, Ozzy zum Popstar. Das kostet er aus: Drogen, Mädels, Vollalarm, und immer einen Drink am langen Arm. Nach eigenen Aussagen kommt er 1971 in Denver dank Mountain-Gitarrist Leslie West zum ersten Mal mit Kokain in Berührung. „Die Welt wurde etwas unscharf ab diesem Zeitpunkt“, sagt er selbst.

Gleichzeitig gründet er eine Familie: 1971 findet die Hochzeit mit Thelma statt, bald darauf kommen Jessica und Louis zur Welt, zudem adoptiert Ozzy Thelmas Sohn Elliot. Leider geht das nicht gut, denn als erfolgreicher Musiker ist der junge Vater viel zu oft unterwegs, als Partytier viel zu oft blau.

Spätestens bei Vol. 4 (1972) nehmen die Drogen dann überhand. Keiner der vier Black Sabbath-Musiker ist ein Heiliger, aber der Sänger treibt es immer noch ein bisschen wilder. 1978 steigt er mal für drei Monate aus, kehrt aber zurück, doch es läuft längst nicht mehr alles rund in Riffhausen: Statt neuer Songs gibt es Streit, was schließlich dazu führt, dass Ozzy am 27. April 1979 endgültig rausfliegt. Frustriert verbarrikadiert er sich im Le Parc Hotel in Los Angeles und versumpft vollkommen. „Ich habe 96.000 Pfund Abfindung bekommen“, erzählt er später, „also habe ich drei Monate lang gekokst und gesoffen. Ich war mir sicher, dass ich demnächst zurück in Birmingham und arbeitslos sein werde. Das sollte meine letzte Party sein.“ Ozzy ist da 30 Jahre alt.


Allerdings gibt es bereits einen Plattenvertrag als Solokünstler mit dem ehemaligen Sabbath-Manager Don Arden, der seine Tochter Sharon nach Kalifornien schickt, um nach dem Rechten zu sehen. Die beiden kennen sich schon länger, bei einem der ersten Zusammentreffen in einem Büro trägt Ozzy angeblich eine Pyjamahose, kein Shirt und einen Wasserhahn an einer Kette um den Hals. In seiner düsteren Phase erweist sich Sharon als Rettung und sorgt dafür, dass Ozzy seine Karriere wieder in Angriff nimmt. Mehr noch: Die beiden verlieben sich, am 4. Juli 1982 heiraten sie auf Maui. (Ozzy erzählt später, er habe den US-amerikanischen Unabhängigkeitstag gewählt, damit er das Hochzeitsdatum nicht vergisst.) Trotz harter Zeiten sind die beiden heute noch verheiratet und haben drei Kinder namens Aimee, Kelly und Jack.

Die Achtziger

Sharon sorgt dafür, dass der Musiker eine neue Band zusammenstellt und zum Anbruch der Achtziger durchstartet. Dabei beweist unser Mann nicht zum letzten Mal ein geradezu goldenes Händchen für Gitarristen und verpflichtet den außerirdisch talentierten Kalifornier Randy Rhoads von der Band Quiet Riot. Die beiden folgenden Alben Blizzard Of Ozz (1980) und Diary Of A Madman (1981) gehören zur Standardausstattung im Heavy Metal und etablieren Ozzy als Solokünstler.



Aber Ozzy übertreibt es weiter: Im März 1981 soll er bei einem Plattenfirmen-Meeting als große Geste lebende Tauben fliegen lassen. Doch dem Künstler wird langweilig, und die Flasche Brandy auf dem Hinweg hilft nicht. Denn Ozzy zieht die Vögel aus der Tasche und beißt ihnen die Köpfe ab (richtig gelesen). Man darf sich fragen, ob das als „große Geste“ durchgeht, der Zusammenarbeit mit CBS Records tut es jedenfalls gar nicht gut.

Im Januar 1982 wirft ein Fan bei einem Konzert eine Fledermaus auf die Bühne. Der Sänger hält sie für Plastik und beißt ihr ebenfalls den Kopf ab. Er weiß ja jetzt, wie sowas geht. Allerdings beißt das Tier zurück, so dass schmerzhafte Spritzen gegen Tollwut nötig werden. Ozzys Ruf als „Madman“ festigt sich zusehends. Am 18. Februar 1982 pinkelt „Doppel-O“ dann sternhagelvoll gegen das Alamo-Denkmal, was in Texas einem Kapitalverbrechen gleicht. Nach seiner Verhaftung darf er die Stadt San Antonio für ein Jahrzehnt nicht mehr betreten.


Dass er zwei Jahre später auf einer Tour ausgerechnet mit Mötley Crüe einen Wettstreit darüber startet, wer krasser drauf ist, und diesen mit großem Vorsprung gewinnt, dürfte uns nicht mehr überraschen. Der siegreiche Schachzug: Als das Koks ausgeht, zieht Ozzy eine Ameisenstraße in die Nase (Ja, Ameisen. Lebend.). So schreiben es Mötley Crüe in ihrer Bandbio The Dirt, Ozzy selbst weiß das nicht mehr so genau. Wir möchten es nicht ausschließen.

Noch vorher ereignet sich eine Tragödie: Als Randy Rhoads am 19. März 1982 bei einem ebenso dämlichen wie vermeidbaren Flugzeugabsturz ums Leben kommt, trifft das den Sänger hart. Das heißt: Noch mehr Saufen, noch mehr Drogen, noch mehr Chaos. Es dauert, bis unser Mann wieder halbwegs in die Spur kommt, verwunderlicherweise reißt der Reigen an tollen Alben aber nicht ab. Nächste Höhepunkte: Bark At The Moon (1983) und The Ultimate Sin (1986) mit Flitzefinger Jake E. Lee, der dadurch zum international gefeierten Gitarrenstar wird. Ozzy verkauft mittlerweile deutlich mehr Platten als seine alten Kollegen von Black Sabbath, vielleicht auch, weil er sich der MTV-Ära angepasst hat. Das heißt: Unfassbar bunte Klamotten und raumgreifende Föhnfrisuren. Auch die Produktinen klingen ein bisschen nach Plastik, bieten aber tollen Achtziger-Metal.



1987 gelingt noch einen Glücksgriff: Ozzy verpflichtet einen unbekannten Zwanzigjährigen namens Jeffrey Wielandt als neuen Mitmusiker. Heute kennen wir den Mann unter dem Namen Zakk Wylde als einen der besten Rockgitarristen der Welt. Er bleibt seinem Mentor trotz Solokarriere bis heute treu ergeben. (Die ganze Geschichte zu Zakks Einstieg steht hier.) Die erste gemeinsame Show spielen die beiden übrigens im Sommer 1987 in einem der härtesten Gefängnisse Englands. Ozzy nennt den krassen Tag seine „letzte gute Erinnerung an die Achtziger“. Der Wechsel zwischen Besinnung und Entzug auf der einen, Drogen und Wahnsinn auf der anderen Seite gehört weiter zum Tagesgeschäft, wie man 1988 im Film The Decline of Western Civilization Part II: The Metal Years ((LINK)) sehen kann. Darin diktiert er der Regisseurin Penelope Spheeris „Nüchtern sein ist Scheiße!“ ins Mikro. Später stellt sich allerdings heraus, dass die Szenen in der Küche gestellt sind und die Sache mit dem Orangensaft zum Teil sogar gefälscht wurde.



Was nicht heißen soll, dass Ozzy alles im Griff hat, und lustig ist das schon lange nicht mehr. Als er von der Tour zu No Rest For The Wicked zurückgekehrt, die mit der monumentalen Anti-Drogen(!)-Veranstaltung Moscow Music Peace Festival endet, will er am 2. September 1989 im Suff seine Frau Sharon umbringen. Die berichtet: „Irgendwann hat sich Ozzy in Unterhose zu mir aufs Sofa gesetzt und erklärt: ‚Wir haben uns entschieden. Es tut uns leid, aber du musst sterben. Es gibt keine andere Möglichkeit.‘ Ich habe ihm natürlich gesagt, er solle die Fresse halten und sich verpissen – aber er ist auf mich gesprungen und hat die Hände um meinen Hals gelegt.“ Ozzy landet daraufhin im Knast und ohne Umschweife in einer längeren Entziehungskur – nicht die erste, nicht die letzte. Seine Frau trennt sich von ihm, doch die beiden finden wieder zusammen.

Die Neunziger

So geht es nicht weiter. Als Ozzy 1991 No More Tears rausbringt, wirkt er wie runderneuert: Sportlich fit, mit wallendem Langhaar und Lennon-Brille. Vor allem aber zieht er musikalisch alle Register und verkauft Millionen der hier ausdrücklich empfohlenen Platte, für die sein Kumpel Lemmy Kilmister von Motörhead einige Texte beigesteuert hatte. Mit der zugehörigen No More Tours-Tour will er sich zur Ruhe setzen, bei einer Show in Costa Mesa bittet er sogar für ein paar Songs seine alten Black Sabbath-Kollegen auf die Bühne. Doch mit dem Ruhestand wird es nichts, 1995 folgt die Retirement Sucks-Tour.



In den Neunzigern geht es allgemein für die klassische Rockmusik drunter und drüber, auch um Ozzy wird es ruhig, was neue Alben anbelangt. Dafür startet ab 1996 die Festivalreihe Ozzfest durch, die seine Frau Sharon und Sohn Jack ins Leben gerufen haben, und die den gesundheitlich angeschlagenen Familienvater einem neuen Publikum näher bringt. 1997 kommt es sogar zu einer Reunion von Black Sabbath (minus Bill Ward).

Die 2000er

Große Wellen über die Musik hinaus schlägt Ozzy Osbourne ab März 2002 mit der Reality-TV-Serie The Osbournes, die das häusliche Leben seiner Familie zeigt. Innerhalb von drei Jahren erlangt Ozzy so eine traurige Berühmtheit, denn er wirkt wie ein taumelnder Tattergreis mit Tattoos und Sprachstörungen. Später stellt sich raus, dass Ozzy während der meisten Drehtage völlig „drauf“ war.



Musikalisch lässt er es langsam angehen, es erscheinen nur Cover- und Livealben. Das Touren kann er trotzdem nicht sein lassen. In den Schlagzeilen taucht er weiter auf: 2003 kommt Ozzy bei einem Unfall mit einem Quad-Bike fast ums Leben, 2004 wird er zum Botschafter für Alien-Besucher gewählt und erhält seine eigene Eiscreme. 2009 schließlich erscheint die Autobiografie I Am Ozzy. Dass es noch genügend Material für ein zweites Buch geben soll, glauben wir gerne.

Weil selbst ein „Madman“ mal älter wird, bekommt der Sänger seine Suchtprobleme immer mehr in den Griff. Die Familie spielt eine größere Rolle, vielleicht haben sich seine grundsätzlichen Unsicherheiten auch gelegt, jedenfalls erweist sich der ehemalige „Prince Of Darkness“ in Interviews als lustiger, latent verwirrter Mensch mit großem Herzen. Wie er seinen Lebensstil mehrere Dekaden durchhalten konnte, wundert ihn selbst wohl am meisten.



Von Black Sabbath erscheint 2013 sogar ein neues Album namens 13, im Jahr 2016 startet die Band eine letzte Welttour und löst sich nach einem Abschiedskonzert am 4. Februar 2017 in Birmingham auf. Im Februar 2018 schließlich kündigt Ozzy seinerseits eine finale Rundreise an und spielt 2018 in Deutschland. Dass er so etwas schon mal vorhatte, scheint ihm bewusst zu sein, denn der Trek heißt nicht ganz unironisch: No More Tours 2

Es wird der Tag kommen, an dem sich Ozzy Osbourne tatsächlich zur Ruhe setzt. Im Rock’n’Roll wird dann etwas fehlen. Wir sagen bis dahin schon mal: Happy Birthday, Ozzy!



Headerbild Credit: Promo/Neil Preston

Zeitsprung: Am 2.9.1989 will Ozzy im Suff seine Frau Sharon umbringen.

 

Popkultur

Wednesday und The Cramps: Wie das Addams-Family-Spin-off den Psychobillys zu neuer Berühmtheit verhilft

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The Cramps
Foto: Peter Noble/Getty Images

Erst kürzlich verschaffte die Netflix-Serie Stranger Things dem Kate-Bush-Hit Running Up That Hill einen dicken Popularitätsschub. Nun rückt das Addams-Family-Spin-off Wednesday einen weiteren großen Song der Achtziger in den Fokus: Goo Goo Muck von The Cramps. Auslöser ist ein wunderlicher Tanz — der nun auf TikTok viral geht.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch Psychedelic Jungle von The Cramps anhören:

Mit dem Addams-Family-Spin-off Wednesday hat Netflix zum Jahresende nochmal einen echten Hit gelandet. Mehr als 50 Millionen Haushalte streamten die Serie, was etwa 341 Millionen geguckten Stunden entspricht. Kein Wunder: Die Story ist unterhaltsam, der Cast weiß zu überzeugen und die verlässliche Handschrift von Regie-Legende Tim Burton ist unverkennbar. Doch auch in musikalischer Hinsicht hat Wednesday einiges zu bieten. Ob der Score von Danny Elfman oder Nothing Else Matters und Paint It Black auf dem Cello: Ohne ihre großartige Musik wäre die Serie nur halb so toll. Ganz besonders gilt das für eine Szene, die das Internet inzwischen im Sturm erobert hat und die auf TikTok von Millionen von Menschen nachgeahmt wird: Wednesdays skuriller Tanz zu Goo Goo Muck von The Cramps.

Wednesday und The Cramps: ein Tanz mit Folgen

Die Choreografie stammt von Wednesday-Schauspielerin Jenna Ortega höchstpersönlich, wie sie im Interview mit TV Guide verrät: „Das war interessant, vor allem, weil ich keine Tänzerin bin. Tim [Burton] hat mir komplett vertraut und mir freie Hand gelassen. Es war toll, aber auch beängstigend.“ Inspirieren lässt sich Ortega zum einen von Goth-Ikone Siouxsie Sioux von Siouxsie Sioux And The Banshees. Doch auch bei anderen Gehilfen bedankt sie sich via Twitter:

Lene Lovich prägte als Solokünstlerin die New-Wave-Szene; Denis Lavant ist der Name eines französischen Schauspielers, der für seinen Slapstick-haften, akrobatischen Stil bekannt ist und auch gerne mal skurille Tanzeinlagen in seine Performances einbaut. Doch wer war noch gleich Lisa Loring?

Der Geist der Addams Family tanzt mit

Bei Loring handelt es sich um keine geringere als die Originaldarstellerin von Wednesday aus der Sechziger-Sitcom The Addams Family. Auch sie wird in Ortegas Tanz gewürdigt, wie hier zu sehen ist:

Es handelt sich dabei allerdings nicht um den einzigen Bezug zur Original-Sitcom von früher. Auch Addams-Familienvater Gomez (John Astin) tanzt quasi mit:

Die letzte Referenz („Bob Fosse’s Rich Man’s Frug“) ist eine Szene aus dem Film Sweet Charity (1969) von Regisseur und Choreograph Bob Fosse:

Auf TikTok ist Wednesdays Tanzeinlage längst zu einem viralen Hit mutiert. Millionen von Menschen ahmen die schräge Choreographie in dem sozialen Netzwerk nach, darunter Berühmtheiten wie Kim Kardashian. Bleibt noch eins: der Song im Hintergrund.

The Cramps in Wednesday: ein später Hit

Von 1976 bis 2009 und darüber hinaus standen und stehen The Cramps für eine eigenwillige Mischung aus New Wave, Goth, Psychobilly, Surf Rock und Punk. Ihre größten Erfolge feierte die US-amerikanische Gruppe in den Achtzigern, als Frontmann Lux Interior, Gitarristin Poison Ivy und Schlagzeuger Nick Knox fantastische Alben wie Psychedelic Jungle (1981) und A Date With Elvis (1986) veröffentlichten.

Von ersterem stammt auch der Song Goo Goo Muck, zu dem Wednesday ihren eigenartigen Tanz performt. (Es handelt sich dabei um ein Cover von Ronnie Cook & The Gaylads.) Inhaltlich ist die Nummer mindestens zweideutig: So könnte man den Song als Metapher für Teenager-Liebe verstehen; es könnte allerdings auch um einen Vampir auf nächtlichem Beutezug gehen. Zwischen diesen beiden Stühlen fühlt sich Wednesday offenbar wohl.

Wie so oft zieht der Internet-Hit einen ganzen Rattenschwanz an Reaktionen nach sich. Auf Spotify ist Goo Goo Muck schon seit vielen Tagen der meistgestreamte Song der Cramps. Um mehr als das 50-fache sollen sich die Zugriffszahlen in den USA erhöht haben, wie NME berichtet. Man kann also durchaus sagen, dass ausgerechnet die scheintote Addams Family der Nummer nach über 40 Jahren neues Leben eingehaucht hat. „Wir haben den Song eine Woche vor dem Drehtermin ausgesucht“, erzählt Jenna Ortega im Interview. „Zwei Nächte vor dem Termin habe ich gemerkt, dass ich mir noch gar keinen Tanz dazu überlegt habe.“ Dass es sich bei der Choreographie um einen Schnellschuss handelt, merkt man nicht im Geringsten. Andernfalls würden ihn keine Millionen von Menschen auf TikTok zelebrieren.

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Zeitsprung: Am 8.12.1984 verschuldet Vince Neil den Tod des Hanoi-Rocks-Schlagzeugers.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 8.12.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Weil die Alkoholvorräte bei einer Privatparty nicht ausreichen, möchten Mötley-Crüe-Frontmann Vince Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley für Nachschub sorgen. Neil setzt sich trunken ans Steuer seines italienischen Sportwagens. Dann kommt es zur Katastrophe.

Hier könnt ihr die größten Hits von Hanoi Rocks anhören: 

1984 tourt die finnische Band Hanoi Rocks zum ersten Mal durch die USA, gemeinsam mit den damals übergroßen Mötley Crüe. Um diesen Umstand zu feiern, lassen es sich die Musiker bei einer Party im Haus von Mötley-Frontmann Vince Neil mächtig gut gehen. Sprich: Der Alkohol fließt in Strömen. Als die Vorräte aufgebraucht sind, beschließen Neil und Hanoi-Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley, für Nachschub zu sorgen. Neil setzt sich ans Steuer, obwohl er bereits gut geladen hat.

Auf einer der kurvenreichen Straßen Hollywoods verliert der Sänger die Kontrolle über seinen Sportwagen und rammt zwei andere Autos. Der Fahrer des ersten bleibt glücklicherweise unverletzt, doch im zweiten Wagen sitzen Lisa Hogan und Daniel Smithers, die sich mehrere Knochen brechen und Hirnschäden davontragen. Lisa Hogan liegt bis zum Ende des Monats im Koma. Neil selbst kommt mit ein paar gebrochenen Rippen und einigen Kratzern davon, doch Dingley hat Pech. Er wird nach dem Unfall ins South Bay Hospital eingeliefert, wo er um 7:12 Uhr Ortszeit für tot erklärt wird. Er wurde gerade einmal 24 Jahre alt. 

„Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen.“

In Neils Blut wird anschließend ein Blutalkoholspiegel von 1,7 Promille festgestellt. Das Urteil: „vehicular manslaughter“, also Totschlag. Die Strafe hält sich in Grenzen: Zu gerade einmal 30 Tagen Gefängnis wird er verurteilt — und sitzt nur die Hälfte davon tatsächlich ab. Zwei Jahrzehnte später gibt er in einem Interview mit der US-Zeitschrift Blender Folgendes zu Protokoll: „Nach Razzles Tod stellte ich einen Scheck über 2,5 Millionen US-Dollar wegen fahrlässiger Tötung aus. Ich hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das wäre definitiv verdient gewesen, aber ich habe nur 30 Tage im Knast verbracht, wurde dort flachgelegt und habe Bier getrunken — wegen der Macht des Geldes. Das ist beschissen.“ Zusätzlich zur Gefängnisstrafe muss Neil 200 Sozialstunden ableisten.

Hanoi-Rocks-Gitarrist Andy McCoy erinnert sich 2006 in einem Interview mit dem Metal Express folgendermaßen an den Abend: „Ich war da. Razzle und Vince verschwanden einfach, also suchten ich und Tommy Lee nach den beiden. Dann sind wir an der Unfallstelle vorbeigefahren und ich fragte Tommy, welche Farbe das Auto hatte, mit dem die zwei losgefahren sind. Wir fuhren nämlich gerade an einem verdammten Unfall mit einem roten Sportwagen vorbei. Dann sah ich Razzles Hut auf der Straße.“

„Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Im Jahr 2011 äußert sich Hanoi-Rocks-Frontmann Michael Monroe auf sleazeroxx.com zu dem Vorfall: „Es gab diesen Unfall, und leider hat er unseren Schlagzeuger das Leben gekostet. Zu Vince Neil habe ich nichts zu sagen. Es war ein Unfall. Was passiert ist, ist passiert, und das lässt sich nicht mehr ändern. Jeder hat unter der ganzen Sache gelitten.“

Vince Neil widmet seinem verstorbenen Kollegen das nächste Mötley-Crüe-Album Theatre Of Pain (1985), beigesetzt wird Razzle auf der Isle Of Wight. Nach seinem Tod lassen sich die Hanoi Rocks zunächst nicht unterkriegen und engagieren Trommler Terry Chimes von The Clash, um eine bereits geplante Tour in Europa über die Bühne zu bringen. Kurz danach löst sich die Gruppe allerdings auf und findet erst 2001 wieder zusammen.

Die Hanoi Rocks 1984 in ganzer Pracht. Ganz rechts: Razzle. R.I.P. – Pic: Mike Prior/Redferns

Zeitsprung: Am 23.12.1987 stirbt Nikki Sixx von Mötley Crüe – für zwei Minuten.

 

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Popkultur

Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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Wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ die Musikwelt veränderte

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