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Popkultur

ZUM TODESTAG VON JIM MORRISON – It’s better to burn out than to fade away

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2010 wurde Jim Morrison endlich begnadigt. Die Behörden in Florida hoben ein 40 Jahre altes Urteil auf, nachdem man die Beweislage letztendlich doch als nicht ausreichend eingestuft hatte. Morrison wurde 1969 wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zu einer Geldstrafe von 500 Dollar und sechs Monaten Gefängnis verknackt. Während eines Konzerts der Doors in Miami soll Morrison auf der Bühne wohl sein Gemächt aus den engen Lederhosen befreit und unanständige Dinge damit angestellt haben. Morrison hatte damals Beschwerde gegen das Urteil eingelegt. Aber bevor weiter darüber entschieden wurde, hatte er sich schon aus dieser Welt verabschiedet. Am 3. Juli 1971, vor genau 45 Jahren, starb Jim Morrison in Paris, vermutlich an einer Überdosis Heroin.

Diese paar Zeilen mit Fakten, Gerüchten und Mutmaßungen, von denen es so viele in Morrisons kurzem Leben und der langen Zeit danach gibt, sind eine bittere und aufregende Kurzbeschreibung dieses Menschen. Das ist Rock & Roll, der auch ohne Musik nachvollziehbar ist, aber zusammen mit der Musik eine noch viel größere Wirkung erreicht. Jim Morrison ist eine Rock-Legende, in allen Sinnen des Wortes. Ein Mythos, ein kaputtes Idealbild, eine Projektionsfläche und Sexsymbol, ein musikalischer Pionier und eine traurige Figur.


 


Die Musikgeschichte ist voll von tragischen Helden: Elvis, Michael Jackson, Amy Winehouse oder der ganze Club 27, dessen inoffizieller Vorsitzende Morrison ist. Er ist aber mehr als nur einer von vielen jungen Musikern, denen ihr schnelles Leben sehr bald zu schnell geworden ist. Jim Morrison ist eine düstere Kultfigur zwischen Depression und Hoffnung, so wie Kurt Cobain oder Ian Curtis. Eine musikalische Inspiration, auf die sich immer wieder neue Generationen berufen. Sein Gesang und seine Präsenz als Frontmann haben zusammen mit dem einzigartigen psychedelischen Blues der Doors neue musikalische Kategorien aufgemacht, die immer nur zitiert, aber nie erreicht werden konnten.


 

Schau dir hier das Video zu Break on Through an:


So wie Ian Curtis und Joy Division wurden Morrison und die Doors zum Synonym für einen ganz bestimmten Sound. Beide verbreiteten Endzeitstimmung zu einer Zeit, in der eigentlich positive Klänge die Welt dominierten. Als 1967 Break On Through das Debütalbum der Doors ankündigte, regierten an der Westküste die Blumenkinder. Nicht, dass Morrison und seine Band nicht auch grundsätzlich für Peace & Love und die Werte der Gegenkultur eingestanden wären, aber bei ihnen klang das anders.



Morrison war auch ein ganz großer Freund von psychedelischen Substanzen, aber er wollte nicht nur berauscht Bäume umarmen. Er wollte die Revolte, den Aufstand, den Krawall. Das forderte er immer wieder von seinen Fans bei Konzerten ein. „We want the world, and we want it now“, deklamiert er im 10-Minuten-Epos When The Music’s Over. Als eine Art „Edgar Allan Poe in Gestalt eines Hippies“ wurde er von der Musikpresse damals wahrgenommen. Gegensätze, die man in der Musik der Doors sofort hört, und die sie bis heute so spannend macht.

Sechs Studioalben nahm Morrison von 1967 bis 1971 mit den Doors auf. Schon mit dem ersten wurden sie schlagartig zur beliebtesten Rockband der USA, mindestens die Hälfte davon zählt zu den größten Rockplatten aller Zeiten. Das ist die eine Sache: die Musik, vor der man sich nur immer wieder verneigen kann, die noch 2016 so unfassbar sprudelt vor Energie, Sturm und Drang und Poesie. Und dann ist da die Person Jim Morrison.

An der Wand mit Che

Er war der ideale Posterboy der 60s-Revolution und verkörperte die tiefsten Sehnsüchte und Bedürfnisse der Jugend. Jim Morrison ist noch heute ein Versprechen. Sein Bild wird immer wieder in Teenie-Zimmern aufgehängt werden, direkt neben Che Guevara, dem er gar nicht unähnlich ist. Als Symbol der Freiheit und des Aufbegehrens, aber natürlich auch der Selbstzerstörung. Bei all der Vergötterung und den Mythen, die sich um ihn ranken, darf man sein tragisch verschenktes Leben nicht übersehen. Was hätte alles werden können? Eine richtige Antwort darauf findet man gar nicht. Wozu auch? Es musste vielleicht alles genau so kommen: Ob es nun eine Überdosis Heroin war, ein Unfall oder das Gegenteil, ob ein Herzinfarkt oder irgendeine der anderen Spekulationen, die bis heute nicht abreißen – Jim Morrison ist tot und wurde dadurch unsterblich.


 

Schaut euch hier eine tolle Live-Version von Light My Fire an:


 

Sein Grab in Paris zählt tatsächlich zu den meist besuchten Sehenswürdigkeiten, dieser an Sehenswürdigkeiten nicht armen Stadt. Auf dem Friedhof Père Lachaise ruht seine Asche in hochberühmter Gesellschaft: Oscar Wilde, Marcel Proust, Antoine de Saint-Exupéry oder Maria Callas liegen dort um ihn herum begraben. Das Grab von Jim Morrison ist das einzige, an dem so großer Andrang herrscht, dass es mit einem Abstandsgitter eingezäunt werden musste.
Die Welt hat Jim Morrison einfach nicht vergessen, weil er für viele, viele Grundsätze der Rock & Roll-Kultur steht. Er ist einer ihrer vollkommensten Archetypen. Es macht also nur Sinn, dass man sich bei vielen klassischen Textzeilen an jemanden wie ihn erinnert fühlt. Da, wo die negativen und positiven Aspekte nicht voneinander zu trennen sind, ganz besonders. In Heroin von The Velvet Underground zum Beispiel, dieser ambivalenten Drogenhymne, singt Lou Reed: „I don’t know just where I’m going / But I’m gonna try for the kingdom, if I can“. Oder wem würden Neil Youngs berühmte Zeilen: „It’s better to burn out than to fade away“, besser stehen als Morrison? Er hat Youngs These wahrscheinlich wie kein anderer untermauert. Denn vor dem Ende hat er sichergestellt, dass er mit seiner Musik weiterleben wird. Rest in peace.


 

Schaut euch hier die Live-Version von The End an:


Popkultur

Zeitsprung: Am 10.8.1984 veröffentlichen die Red Hot Chili Peppers ihr Debüt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 10.8.1984.

von Timon Menge und Christof Leim

Seit weit mehr als drei Dekaden stehen die Red Hot Chili Peppers für Funk Rock, wie kaum eine andere Band. Los geht die Karriere der Kalifornier am 10. August 1984 mit ihrem gleichnamigen Debüt — obwohl das erste Album anders ausfällt, als die Musiker möchten…

Hier könnt ihr euch die Platte anhören: 

Als die Red Hot Chili Peppers im Jahr 1983 zusammenfinden, haben die jungen Kerle eigentlich nichts anderes im Sinn als ein gemeinsames Spaßprojekt. Sänger Anthony Kiedis, Gitarrist Hillel Slovak, Bassist Flea und Schlagzeuger Jack Irons kennen sich aus der High School und nennen ihre Band zunächst Tony Flow And The Majestic Masters Of Mayhem.

Zunächst nur Spaß

Die Chemie stimmt, gemeinsam möchten sie durchstarten. Aus diesem Grund engagieren sie Manager Lindy Goetz. Für ihre ersten Shows in der Umgebung von Los Angeles untermalen Slovak, Flea und Irons den Sprechgesang ihres Frontmannes Kiedis mit spontanen Jams, später nehmen sie die Sache ernster und nehmen Stücke für ein Demo auf. Zu jener Zeit entscheiden sie sich auch für den Namen Red Hot Chili Peppers. Irons und Slovak spielen zeitgleich in einer Gruppe namens What Is This?.

Als die Gruppe Fahrt aufnimmt, entstehen Probleme. Nur zwei Wochen, bevor die Chili Peppers einen Plattenvertrag über sieben Alben unterschreiben sollen, besiegeln Irons und Slovak ebenfalls einen Deal — allerdings für What Is This?. Kiedis und Flea sehen ihren größten Traum in Gefahr, lassen sich aber nicht unterkriegen. Für Slovak übernimmt Jack Sherman die Gitarre, an Irons Stelle trommelt Fleas alter Kumpel Cliff Martinez. Das Line-Up für das Debüt steht.

Im Studio gibt es Ärger

In den Eldorado Studios in Hollywood wird es anschließend gleich noch einmal schwierig. Das Problem: Produzent Andy Gill hat ein paar Ideen für den Stil der Band, die den Musikern so gar nicht gefallen. „Während der ersten Tage schien alles in Ordnung zu sein“, erinnert sich Frontmann Kiedis. „Aber wir haben schnell gemerkt, dass Andy einen Sound im Sinn hatte, der nicht zu uns passte. Am Ende der Sessions sind Flea und ich in den Kontrollraum des Studios gerauscht, haben uns an der Konsole zu schaffen gemacht und gebrüllt: ‘Fick dich, wir hassen dich!’”

Die Wut der Gruppe artet so sehr aus, dass Flea laut Gill sogar einen Pizzakarton als Klo benutzt und ihn nachher auf dem Mischpult deponiert. „Der Toningenieur rannte schreiend aus dem Studio“, erinnert sich der Produzent. „Als wir ihn das letzte Mal sahen, lief er gerade den Sunset Boulevard herunter.“

Unzufrieden

Trotz aller Strapazen gelingt den Red Hot Chili Peppers mit ihrem gleichnamigen Debüt eine Platte, die ihren viele Türen öffnen soll — auch wenn sie selbst gar nicht zufrieden damit sind. „Ich habe mich gefühlt, als wären wir zwischen zwei Spitzen im Tal des Kompromisses gelandet“, gibt Kiedis später zu Protokoll. „Ich habe mich nicht dafür geschämt, aber das Album klingt überhaupt nicht so wie unser Demo. Wir haben trotzdem das Beste daraus gemacht und nach vorne geschaut.“

Nach der Veröffentlichung und ersten Touraktivitäten kehrt Gitarrist Hillel Slovak zurück, es entsteht Freaky Styley, das 1985 erscheint. Für Platte Nummer drei, The Uplift Mojo Party Plan (1987) heuert sogar Jack Irons wieder als Drummer an. Damit findet die Chaotentruppe zusehends ihren ureigenen Sound, aber das sind mal wieder andere Geschichten…

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Zeitsprung: Am 24.9.1991 zelebrieren die Red Hot Chili Peppers „Blood Sugar Sex Magik“.

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Popkultur

40 Jahre „I Can’t Stand Still“: Don Henleys Erste nach den Eagles

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Don Henley
Foto: Pete Cronin/Getty Images

Vor 40 Jahren veröffentlicht Don Henley sein erstes Album ohne die Eagles. I Can’t Stand Still zeigt ihm auf dem Cover neben einem Toaster am Küchentisch. Inhaltlich ist es eine knackige Abrechnung.

von Björn Springorum

Man darf sich zurecht fragen, was es mit einem macht, wenn man in der erfolgreichen US-amerikanischen Rockband aller Zeiten spielt. Wenn man die meisten ihrer Hits im Tandem mit Glenn Frey schreibt und Songs wie Hotel California auch noch selbst singt. Für Don Henley ist nach neun Jahren Eagles klar: Man macht Musik. Was denn sonst? Die Band bricht nach den schwierigen Aufnahmen zu The Long Run und einer kräftezehrenden Tour auseinander, neun Jahre Vollgas, Drogen und Weltruhm gehen eben nicht spurlos an einem vorüber.

Zwischen 1971 und 1980 ist Henley nur im Bandverbund aktiv, ins neue Jahrzehnt startet er als Solitär. Nun, nicht ganz, Henley, mittlerweile 33, ist gerade mit Stevie Nicks liiert, gemeinsam veröffentlichen die beiden 1981 Leather And Lace, ein ordentlicher Erfolg, der Don Henley auch eines zeigt: Es kann eben auch ohne die Eagles funktionieren.

Ganz allein geht es dann doch nicht

Eines wird ihm aber auch bewusst: So ganz allein wird das auch nichts. Also tut er sich mit dem Produzenten und Komponisten Danny Kortchmar zusammen, ein renommierter Starmacher, kaum älter als Henley und fast im Alleingang für den archetypischen Singer/Songwriter-Sound der Siebziger verantwortlich. Carly Simon, James Taylor, Carole King, Graham Nash oder Neil Young, alle arbeiteten schon mit ihm.

Für Don Henley wird Kortchmar nicht nur ein Produzent, sondern gleich ein Bandkollege. Gemeinsam arbeiten sie zwischen Januar und Mai 1982 an I Can’t Stand Still, einem Werk, das als Verlängerung der Eagles angesehen werden kann. Und auch wenn es kein Wunder ist, dass das Album so kurz nach dem Absturz der Adler noch das Echo seiner Vergangenheit in sich herumträgt: Schon vor 40 Jahren legt er die Saat für eine ebenso produktive wie beeindruckende Solokarriere.

Feldzug gegen die Medien

Musikalisch gibt es das, was Fans damals von ihm erwarten, stark unterstrichen von Keyboards, Synthesizern oder weiteren nicht ganz unbekannten Gästen wie Steve Lukather (Toto), Joe Walsh (sein alter Eagles-Kumpan) oder Bass-Titan Bob Glaub; lyrisch hingegen dreht Henley ordentlich auf. Deutlich mehr als bei den Eagles macht er seiner Desillusionierung Luft, singt in Dirty Laundry gegen die Oberflächlichkeit und Sensationsgeilheit der Medien an und landet damit gleich seinen ersten dicken Solohit. Pikant: Henley nutzt auch autobiografische Details für den Song und spielt auf die Berichterstattung rund um seine eigene Festnahme 1980 an, als man eine unter Drogen stehende 16-Jährige bei ihm zuhause in Los Angeles aufgriff. Also, welche damalige Zeitung da nicht groß berichten würde…

Springsteen spielt auf seiner Hochzeit

Ist aber nicht alles: Johnny Can’t Read geht mit dem desolaten Zustand des US-amerikanischen Bildungssystems hart ins Gericht, im Titeltrack thematisiert er recht trocken und ohne Melodrama Beziehungsprobleme. I Can’t Stand Still mag deswegen weniger eine musikalische Überraschung sein. Wohl aber eine inhaltliche, die den großen Rockstar plötzlich als kritischen Beobachter der Gesellschaft ausweist.

Geplant oder nicht: 1982 legt Don Henley eine Solokarriere, die auf Building The Beast (1984) merklich in Gang kommt und bis Cass County (2015) bislang fünf Soloalben und Evergreens wie The Boys Of Summer hervorgebracht hat. Hinter Ringo Starr, Phil Collins und Dave Grohl gilt er außerdem als viertreichster Drummer der Welt. Man kann es auch so ausdrücken: Wenn auf deiner Hochzeit unter anderem Bruce Springsteen, Sting, Shreyl Crow und Tony Bennett auftreten, dann hast du das eine oder andere richtig gemacht.

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Das Ende der Unschuld: Die Geschichte von „Hotel California“

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Zeitsprung: Am 9.8.1994 lassen Machine Head ihr Debüt „Burn My Eyes“ los.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 9.8.1994.

von Christof Leim

Ein wuchtiger Einstand: Mit ihrem Debüt Burn My Eyes legen Machine Head am 9. August 1994 eine Groove-Metal-Granate hin, die der harten Musik der Neunziger mit fettesten Riffs und quietschenden Obertönen einen Stempel aufdrückt. Dies ist die Geschichte eines Metal-Klassikers.

Hier könnt ihr euch das Brett geben:

Blicken wir zurück ins Jahr 1994: Klassischer Metal befindet sich schon ein Weilchen auf dem Rückzug, der haarige Hard Rock sowieso. Grunge und Crossover sind mit Macht über die Welt der Krachmusik hereingebrochen, die Geschmäcker haben sich geändert. Thrash Metal bewegt sich in Richtung Underground (abgesehen von Metallica) oder ist so groß geworden, dass stilistische Strömungen keine Rolle mehr spielen (vor allem Metallica). Metal insgesamt wird als Genre „kleiner“ und auch extremer, denn Schwarzmetall und Todesblei gewinnen an Zulauf. Rap-Metal-Bands wie Body Count (Debüt März 1992), Rage Against The Machine (Debüt November 1992) sowie Clawfinger (1993) oder Stuck Mojo (1995) und auch Nu-Metaller wie Korn (1994) setzen ebenfalls deutliche Akzente. 

Ein Bindeglied zwischen dem „alten“, klassischen Geballer (ie. Thrash) und der neuen Zeit heißt: Groove. Diesbezüglich haben Pantera schon 1990 mit Cowboys From Hell und vor allem 1992 mit Vulgar Display Of Power gezeigt, wo der Barthel den Mosh holt. Ganz vorne dabei in dieser Welle schwimmt ab 1994 eine kalifornische Band namens Machine Head mit ihrem brachialen Debüt Burn My Eyes. Damals kommt kein europäischer Luftgitarrist in der Disko ohne das obertonquietschende Riffbrett Davidian aus.

The New Bad Kids On The Metal Block: Machine Head 1994 – Pic: Jesse Fischer/Promo

Machine Head entstehen bereits 1991, genauer am 12. Oktober: Da spielen Metallica in Oakland und inspirieren die Kumpels Robb Flynn und Adam Duce, mit einer eigenen Band richtig durchzustarten. Musikalischer Neuling ist der Gitarrist und Sänger Flynn nicht: Bereits als Schüler spielt er bei den Bay-Area-Thrashern Forbidden (als die noch Forbidden Evil hießen) und schreibt sogar ein paar Songs für deren Debüt, etwa das legendäre Chalice Of Blood. Bevor die Platte rauskommt, zieht der Mann aber schon weiter zu Vio-Lence. Da spielt sein zukünftiger Machine-Head-Kollege Phil Demmel. (Ja, Thrash Metal ist ein Dorf.) Als die mit einer lokalen Gang aneinandergeraten (denn Oakland ist eben kein Dorf), verlässt Flynn die Truppe wieder und muss sich sogar eine Weile verstecken.

Metallica & Gang-Kriminalität geben die Initialzündung: Machine-Head-Boss Robb Flynn – Pic: Mick Hutson/Redferns

Den Namen Machine Head für seine neue Band findet Flynn vor allem „cool“, mit dem gleichnamigen Deep-Purple-Album hat seine Wahl nichts zu tun. Adam Duce spielt den Bass, als Leadgitarrist wird Logan Mader engagiert, ein Herr namens Tony Costanza trommelt. Im Schlafzimmer eines Kumpels entsteht ein Demo, das der Band einen Plattenvertrag mit Roadrunner Records beschert. So schnell kann’s gehen. Die Aufnahmen passieren im kalifornischen Berkeley, doch schon nach kurzer Zeit verlässt Costanza die Band und wird durch Chris Kontos ersetzt. Nebenan spielen gerade Rancid Let’s Go ein, Green Day Dookie und Tesla Bust A Nut. Mit ersteren hängen unsere Helden regelmäßig rum, letzteren klauen sie ständig die Süßigkeiten.

Musikalisch bieten Machine Head vor allem auf „Maximum Fett“ getrimmten Metal mit viel Groove – runtergestimmt, breit, stark, wuchtig. Vor allem aber können die vier Musiker nicht nur rüde rumpeln, sondern spielen arschtight und tricksen so konsequent mit natürlichen Obertönen (Flageoletts) herum, dass diese zu ihrem Markenzeichen werden. Als Einfluss steckt hier viel kalifornischer Thrash drin (Metallica, Exodus, Slayer), großzügig angereichert mit punkigem Geboller der Marke Suicidal Tendencies, Biohazard oder Cro-Mags, dazu ein bisschen Industrial und eben Groove satt. Flynns gebellte Vocals beziehen viel Inspiration vom Hardcore, rhythmisch sogar ein bisschen vom Hip-Hop, was 1994 im Metal aber „erlaubt“ und nicht so ungewöhnlich ist. Diese Mischung klingt schon sehr „bad ass“, auch und insbesondere textlich, was ziemlich genau das Leben widerspiegelt, dass die Brüder damals führen – Drogen, Gewalt, Gangs, der ganze Quatsch. Die lyrische Sozialkritik fällt deutlich aus.

Los geht die Sause mit Davidian, der ersten Single und dem bis heute bekanntesten Song der Band mit dem herrlich brüllbaren Chorus „Let freedom ring with a shotgun blast!“ Textlich geht es um die Belagerung der Branch Davidians-Sekte in Waco, Texas, bei der 82 Menschen ums Leben kamen. Old bietet ebenfalls ein unverschämt grooviges Brutalo-Riff, zu dem man (wir sind fast sicher) fahrende Autos umtreten kann. Wir empfehlen als Beleg den Konzertmitschnitt von Hellalive (2003). Old wurde als zweite Single auserwählt und verschaffte der Band einen 43. Platz in den britischen Charts. 

Seine ablehnende Haltung gegenüber Religionen beschreit der Frontmann in Death Church, dem ersten Song, der für Burn My Eyes fertiggestellt und nach eigenen Aussagen massiv vom Album Street Cleaner der Industrial-Brechstangen Godflesh beeinflusst wurde. I’m Your God Now thematisiert die Macht der Drogen, was inhaltlich nicht aus der Luft gegriffen ist: Die Vertragsunterzeichnung am 10. Oktober 1993 feierte Robb Flynn mit Heroin, was er nur knapp überlebte. Das kurze Real Eyes, Realize, Real Lies bleibt weitestgehend ohne Gesang, wir hören aber Nachrichtenschnipsel über die Los Angeles Riots von 1992. Weitere Songs heißen A Thousand Lies, None But My Own, The Rage To Overcome und Block – alles garantiert kein Kuschelrock.

Logan Mader und Robb Flynn – Pic: Mick Hutson/Redferns

Das kommt an und wirbelt wie ein ziemlich brutaler, aber frischer Wind durch die Metal-Welt: Burn My Eyes schafft Platz 25 in Großbritannien, 35 in Deutschland und Top 50 in einigen anderen Ländern; auch in Australien rennt die Band offene Türen ein. Das Rock Hard-Magazin nennt Flynn den „König von Europa“, in Nordamerika allerdings geht erst viel später wirklich etwas. 400.000 Mal wird die Platte in die Läden gestellt und erweist sich als erfolgreichstes Debüt in der Geschichte von Roadrunner, zumindest bis 1999 der (offizielle) Slipknot-Erstling erscheint.

Machine Head touren daraufhin wie bescheuert und bestreiten etwa 1994 das Vorprogramm für ihre Helden Slayer in den USA und Europa. Als sie im nächsten Jahr auf den alten Kontinent zurückkehren, füllen sie die gleichen Hallen bereits als Headliner. Eine Konzertreise in den USA mit Stuck Mojo hingegen erhält wegen maximal dreistelliger Zuschauerzahlen den Spitznamen „Disastour“. Auch den europäischen Festivalzyklus bespielt das Quartett ausführlich, doch Chris Kontos will nicht mit, wird vorübergehend durch Walter Ryan ersetzt und fliegt wenig später raus. Für ihn kommt Dave McClain von Sacred Reich. 

Nach dem Tourzyklus zu Burn My Eyes, der sich über mehrere Jahre erstreckt, machen sich Machine Head an die Arbeit an den Nachfolger The More Things Change (1997). Auf den folgenden beiden Alben (The Burning Red, 1999 und Supercharger, 2001) biegen die Herren dann stilistisch mal hierhin, mal dahin ab und bringen Rap-Vocals, Nu-Metal-Riffs und komische Frisuren ins Spiel, ordentlich auf die Zwölf gibt es immer. Erst Through The Ashes Of Empires stellt den Kurs 2003 wieder auf Metal. The Blackening von 2009 wird sogar als das Master Of Puppets der Neuzeit bezeichnet, aber das sind alles andere Geschichten.

Zum 25. Jubiläum des Albums schließlich kommt es zu einer Dreiviertel-Reunion des Burn My Eyes-Lineups. Man könnte sagen, dass Bandchef Robb Flynn die Ungunst der Stunde ergreift, denn im September 2018 steigen Drummer McClain und Leadgitarrist Phil Demmel (seit 2003 dabei) aus, Bassist Adam Duce war schon 2013 gefeuert worden. Flynn und Duces Nachfolger Jared McEachern kündigen an, den Geburtstag mit einer Tour zu feiern, bei der die Scheibe in voller Länge gespielt werden soll. Mit dabei: Logan Mader und Chris Kontos. 

Machine Head gehören heutzutage zu den großen Bands im Metal, ordentlich etabliert in der zweiten Reihe hinter den Altvorderen Metallica, Iron Maiden, Slayer et al. Man kann sie ansehen als eine der Kapellen, die den Metal der Achtziger, vor allem den Thrash, in die Neunziger und Neuzeit überführt haben. Das liegt vor allem an Burn My Eyes, mit dem Machine Head schon beim ersten Versuch deutliche Spuren hinterlassen können – und headbangenden Gitarristen weltweit ein paar coole Tricks nähergebracht haben. 

10 Thrash-Metal-Empfehlungen für den Einstieg

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