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Popkultur

Zeitsprung: Am 14.3.1995 erscheint „Above“, das einzige Album der Grunge-Supergroup Mad Season.

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Foto: Cover

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 14.3.1995.

von Frank Thießies und Christof Leim

Above kann man neben Temple Of The Dog als den zweiten „außerplanmäßigen“ Grunge-Meilenstein bezeichnen. Dahinter stecken Mad Season, eine Art Supergroup des Seattle-Sounds mit Mitgliedern von Alice In Chains, Pearl Jam und den Screaming Trees. Das Album sollte ihre einzige Veröffentlichung bleiben und erschien am 14. März 1995.

Hier könnt ihr euch Above anhören:

Rückblickend betrachtet ist es natürlich bittere Ironie des Schicksals, dass das Projekt Mad Season seinen Ursprung ausgerechnet in einer Entzugsklinik findet, in der sich 1994 Pearl-Jam-Gitarrist Mike McCready und Bassist John Baker Saunders (später The Walkabouts) treffen. Damals lässt sich allerdings ist noch nicht absehen, dass sowohl Saunders als auch der für Mad Season als Frontmann rekrutierte Alice-In-Chains-Sänger Layne Staley an einer Überdosis dahinscheiden werden. 

Mad Season: Barrett Martin, Layne Staley, John Baker Saunders, Mike McCready – Foto: Columbia/Promo

Ganz im Gegenteil: Damals hofft Mike McCready noch insgeheim, dass der Umgang mit den nunmehr nüchternen Mitmusiker seinen Freund Layne ebenfalls dazu anstiftet, den Drogen zu entsagen. Von Screaming-Trees-Schlagzeuger Barrett Martin komplettiert begibt sich die Supergroup im Winter 1994 an die Arbeit. Innerhalb von nur sieben Tagen steht die instrumentale Grundierung für eine Platte, während Staley lediglich ein paar weitere Tage für seine Texte und Gesangsmelodien benötigt. In den renommierten Bad-Animals-Studios in Seattle entsteht mit Above binnen nur weniger Tage somit das vielleicht spontanste Supergroup-Album der Grunge-Geschichte. 

Gothic-Grunge

Musikalisch lässt sich die stilistische Ausrichtung von Band und Album zumindest zum Teil vom Sound der drei Stammbands ableiten. Während McCready sein von Pearl Jam bekanntes Faible für Siebziger-Rock einbringen kann und Screaming-Trees-Trommler Martin für psychedelisch angehauchte Rhythmen sorgt, kann Staleys sonores Organ seine Alice-In-Chains-Herkunft nicht verleugnen. Dabei gelingt es dem Sänger, sich stimmlich aufgrund des überwiegend ruhigen und weniger aufbrausenden Materials noch elegischer im molligen Elend von Black-Sabbath-Blues, Roots, Classic Rock und sogar Jazz zu suhlen. 

Auf dem Opener Wake Up macht indes Bassist John Baker Saunders die Vorhut: Seine tänzelnde Tieftonfolge bildet jedenfalls die einleitende Basis für einen schlafwandlerischen Song, der sich mit Riders On The Storm von den Doors die perlende Marimba-Grundstimmung teilt. Dagegen klingt das anschließende X-Ray Mind mit Tribal-Rhythmen, Hendrix-Gitarre und Staleys markantem, mehrspurigem Gesang schon wieder eher wie ein Stück aus dem Grunge-Lehrbuch. Die erste Single-Auskopplung hingegen, das finsteren Folk und Americana-Klänge anschlagende River Of Deceit, spiegelt fast etwas von der todtraurigen Hymnik von Temple Of The Dog wider, mit dem insbesondere Chris Cornell von Soundgarden seinem Freund, dem verstorbenen Sänger Andrew Wood von Mother Love Bone, gedachte.

Der Lanegan-Faktor

Für den vergleichsweise flotten Midtempo-Rocker I’m Above (samt charakteristischem Pearl Jam–Riff) gesellt sich zudem noch Screaming-Trees-Sänger Mark Lanegan mit seinem unverkennbaren Bariton zu Staley ans Mikro. Es bleibt nicht Lanegans einziger Einsatz, denn auch dem zwischen Nick Cave und Tom Waits pendelnden und zusätzlich mit einem samtenen Film-Noir-Saxophon veredelten Long Gone Day drückt Lanegan an etwas späterer Stelle ebenfalls stimmlich seinen Stempel auf. 

Nimmt der fiebrig brodelnde und dann langsam eruptierende Instrumental-Jam von November Hotel Stimmung und Motive von Wake Up wieder auf, kommt beim ätherischen Finale All Alone gar hypnotische Hippie-Lagerfeuerstimmung auf. Das ursprünglich zehn Stücke umfassende Debüt wird für die Band nach seiner Veröffentlichung am 14. März 1995 jedenfalls zu einem moderaten Hit und bringt es immerhin auf Goldstatus. Das Cover zeigt übrigens eine von Staley höchstpersönlich angefertigte Schwarzweiß-Zeichnung. Doch wie es bei solchen Projekten oftmals der Fall ist, verhindern vor allem die Verpflichtungen der einzelnen Akteure mit ihren Hauptbands, dass aus ein paar Liveshows im selben Jahr noch viel mehr wird. 

Trauriges Ende

Für unbestimmte Zeit auf Eis gelegt, gibt es zwar 1997 noch einmal den Versuch, die Band diesmal mit Mark Lanegan als Hauptsänger und unter dem Namen Disinformation zu reaktivieren. Doch auch diese Bemühungen verlaufen im Sande. Der unerwartete Tod von Bassist John Baker Saunders an einer Heroin-Überdosis im Januar 1999 bedeutet für Mad Season dann das erste offizielle Aus. Staleys ebenfalls drogenbedingter Tod im April 2002 (die ganze traurige Geschichte hier) besiegelt das Ende der Band unwiederbringlich. 

Nein, nicht ganz unwiederbringlich: So widmen sich die verbliebenen Bandfreunde 2013 einer um Liveaufnahmen und neues Studiomaterial erweiterten Box-Set-Neuauflage von Above. Jene wartet mit drei von Lanegan eingesungenen Stücken auf, die ursprünglich aus Sessions für einen geplanten Above-Nachfolger stammen und sich qualitativ nicht hinter dem originären Material verstecken müssen. Dazu gehört auch das von R.E.M.-Gitarrist Peter Buck mitverfasste Black Book Of Fear. Ob mit oder ohne diese Dreingaben: Above ist und bleibt nicht nur ein extrem gut gealtertes Grunge-Album, sondern eines der zeitlosesten Zeugnisse der künstlerischen Qualitäten des Seattle-Sounds.

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