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Popkultur

Zeitsprung: Am 15.6.1965 nimmt Bob Dylan „Like a Rolling Stone“ auf. Gefällt nicht allen.

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Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

"Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 15.5.1965.

von Christian Böhm und Christof Leim

Die Session läuft eher chaotisch, aber dabei entsteht einer seiner bekanntesten Songs: Am 15. Juni 1965  nimmt Bob Dylan „Like A Rolling Stone“ auf. Das Stück entsteht wütend und gefällt zuerst nicht allen. Doch später verneigen sich Künstler und Künstlerinnen unterschiedlichster Genres mit Coverversionen vor ihm.

Hier könnt ihr euch das zugehörige Album Highway 61 Revisited anhören:

 Nein, die Rolling Stones haben ihn nicht geschrieben, sie haben ihn nur nachgespielt. Und auch benannt haben sie sich nicht nach ihm: Like A Rolling Stone ist einer von Bob Dylans bekanntesten, laut eigener Aussage sogar sein „bester Song“. Seine Plattenfirma sieht das jedoch zumindest am Anfang anders. Seit dem Erscheinen hat das Lied so viele Neuinterpretationen erfahren, dass die Menge der verschiedenen Versionen des Songs so umfangreich wie Dylans Gesamtkatalog erscheinen. Man mag es mögen oder nicht, das Stück ist in jedem Fall wichtig – nicht zuletzt für Dylan selbst, für den zur einer musikalischen Wandlung gehörte.

Sprichwörter & Lebensweisheiten

„A rolling stone gathers no moss“. Dieses englische Sprichwort kann zweierlei bedeuten: Der Stein, der rollt, setzt kein Moos an, er ist also immer in Bewegung und befreit sich vom Unkraut. Soweit die positive Variante. Aber: Die Pflanze, die mit dem Stein immer in Bewegung bleibt und keine Wurzeln schlägt, kann auch nicht wachsen. Diese negative Deutung entspricht wohl dem deutschen „Ein unsteter Mensch kommt zu nichts.“ Aber dagegen steht eben „Wer rastet, der rostet.“

Kurz zur Vorgeschichte: Als Bob Dylan beginnt, den Text zu schreiben, ist er 24 Jahre alt und gerade auf Tournee – und die fordert ihn, sie stresst ihn. Er hatte begonnen, die elektrische Gitarre zu spielen, begleitet von einer lauten Band. Bisher konnte man Dylan musikalisch klar dem Folk zuschreiben, und es ging hauptsächlich um ihn und seine Akustikgitarre. Schon die A-Seite seiner letzten Platte Bringing It All Back Home vom März 1965 aber enthält ausschließlich elektrisch verstärkte Instrumente, was vielen Folk-Puristen nicht gefällt, auch bei seinen neuerdings rockigeren Livekonzerten nicht. Beim Newport Folk Festival will man ihm später am 25 Juli 1965 den Strom abstellen. Angeblich kommt es noch extremer: Folk-Sänger Pete Seeger, der ebenfalls auf dem Billing steht, droht damit, die Kabel mit einer Axt zu durchtrennen, um dem Auftritt von Dylan und seiner Band ein Ende zu bereiten. Dylan aber ruft seinen Musikern “Play fucking loud“ zu und stimmt eine verzerrte Version von Like A Rolling Stone an.

Er schreibt sich den Druck vom Leib

Manche bisherigen Fans beschimpfen den Künstler jetzt als Judas und Verräter. Es läuft gerade eigentlich gut, aber dann auch wieder nicht. Dass sein Publikum Dylans Weg zu etwas stilistisch Neuem und das teilweise Überwinden seiner Wurzeln nicht akzeptieren will, setzt ihn unter enormen Druck.

Wütend, in einer Art Stream of Consciousness, schreibt er nun Texte nieder, darunter ein mehr als 20 Seiten umfassendes Gedicht. Er nennt es Like A Rolling Stone. Später reduziert er es auf Liedtext-Größe, aus 20 Seiten werden vier Strophen plus Refrains. (Das nun vierseitige Originalmanuskript wurde übrigens kürzlich versteigert für sage und schreibe zwei Millionen US Dollar.) Später sagt Dylan, er habe während des Dichtens gemerkt, dass er in Zukunft immer auf diese Art schreiben will: Einfach drauf los, so wie die Beat Poets, denen er sich ja schon länger verbunden fühlte. Und das rettet ihn, denn nach der Tour befindet er sich in einem Zustand so großer Erschöpfung, dass er die Musik fast an den Nagel hängt. Aber der neue Text gefällt ihm selbst sehr gut. Er komponiert die Musik dazu und weiß: Das wird etwas! Auch sein Manager glaubt an einen Hit. Dylans Selbstbewusstsein ist wieder aufgebaut, nachdem er doch gerade noch nicht sicher war, wohin er mit seiner Kunst wollte.

Folk Rock und Punk im Studio

Am 15. Juni 1965 beginnen die Aufnahmen von Like A Rolling Stone. (Der Song landet auf Highway 61 Revisited, doch die anderen Lieder werden zu einem späteren Zeitpunkt eingespielt.) Doch es läuft keine gewöhnliche Session im Studio A von Columbia Records in New York: Keine Noten werden ausgeteilt, die Musiker bekommen keine „Sheets“ mit einem Überblick über das Stück und seine Akkordwechsel, dafür aber sehr deutliche Ansagen von Bob, wie das Ganze nicht klingen soll: „Ich will, dass du nichts von dem B.B.King-Scheiß spielst, none of that fucking blues“ lautet die Anordnung. Später fasst der Chef zusammen: „Ich sagte ihnen, wie sie spielen sollten, und wenn sie das nicht wollten, naja, dann konnten sie mit mir nicht spielen.“ So kämpft sich die Besetzung durch den Song. Es braucht mehrere Versuche, um bis zum ersten Refrain zu kommen. 

Sessiongitarrist Al Kooper schlägt Produzent Tom Wilson vor, eine Begleitung auf der Orgel zu spielen. Und dieser Part schafft es dann tatsächlich auf die Aufnahme. Sensationell, denn Kooper ist eigentlich nur im Studio zu Gast, um zuzuschauen. Und ein  besonders guter Organist war er damals auch noch nicht. Nun schreibt den Orgelpart – und wird die Gitarre danach gegen die Orgel eintauschen. Insgesamt herrscht bei den Aufnahmen doch irgendwie eine Art von Magie. Al Kooper erinnert sich: „Es lief komplett nach Gehör. Und völlig unorganisiert – das war der reine Punk. Es passierte einfach.“  Hatte Dylan sich gerade vom Folk zum Rock entwickelt, gibt es im Studio quasi schon Punk, obwohl der noch gar nicht erfunden war.

Zu lang, zu rockig, aber extrem erfolgreich

Der fertige Werk klingt roh, es ist eine Rock-Nummer geworden. Und sie ist lang, über sechs Minuten zu lang, findet Columbia Records und weigert sich, das Lied zu veröffentlichen. Dreiminütige Singles spielen die Radios am liebsten, aber Dylan verweigert sich gegenüber Kürzung. 30 Jahre später werden Fettes Brot die Drei-Minuten-Radio-Regel aufs Korn nehmen: 1995 blenden sie ihren Song Nordisch by Nature, den es auch in einer viel längeren Version gibt, aus mit den Worten „Lieber Radio-Discjockey, wir haben soeben die Drei-Minuten-Dreißig-Schallgrenze erreicht. An dieser Stelle blenden wir den Titel für Sie aus.“

Das Originalmanuskript von Dylans Songtext zu „Like A Rolling Stone“ – Foto: Slaven Vlasic/Getty Images

Zurück zu Dylan: Erst als ein New Yorker DJ eine Testpressung erhält und Like A Rolling Stone im Club so lange spielt, bis das Vinyl hinüber ist, entscheidet sich das Label um. Der Song erscheint am 20. Juli 1965, schafft es bis auf Platz zwei in die Charts und hält sich zwölf Wochen in der Hitparade – Dylans bis dato größter Erfolg. Das Lied über ein Mädchen aus gutem Hause, das auf der Straße landet und inmitten von Herumtreibern und Landstreichern lebt, für die sie zuvor nur Spott parat hatte, das Lied mit dem prägnanten Refrain, in dem gefragt wird, wie es sich wohl anfühlt, alleine zu sein und ohne Heimat, dieses Lied kürt der Rolling Stone (und dreimal dürft ihr raten, woher die die Musikzeitschrift ihren Namen hat…) zum „besten Song aller Zeiten“. Kulturtheoretiker Greil Marcus schreibt 2005 sogar ein ganzes Buch über ihn.  

Große Nachwirkungen

Jimi Hendrix, Johnny Winter, Steve Wynn, natürlich die Stones und viel weitere Namen aus aller Welt tauchen auf, wenn man im Internet die Liste der Cover-Versionen  aufruft. Wolfgang Niedecken veröffentlicht mit BAP 1982 die deutsche (also: kölsche) Version mit dem Titel Wie ne Stein, und schon 1978 kommt Wolfgang Ambros’ Version heraus auf dem Album Wie im Schlaf, das ausschließlich deutsche Versionen von Dylan-Songs enthält. Die Interpretation von Punker Johnny Thunders fällt zugegebenermaßen gar nicht besonders punkig aus. Martin Scorsese betitelt seine Dylan-Dokumentation 2005 natürlich mit einem Zitat aus Like A Rolling Stone: No Direction Home.

Der Stein kommt also gut ins Rollen im Sommer 1965. Für Dylan markiert das Stück einen  Befreiungsschlag: Er hat seine Wurzeln verlassen oder besser: ausgeweitet und ist daran gewachsen, auch gegen die Widerstände, die ihm entgegenschlugen. „Wer rastet, der rostet“? Passt! „Ein unsteter Mensch kommt zu nichts“? Passt hier nicht. Erst kürzlich erhielt Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur.

Zeitsprung: Am 9.7.1962 nimmt Bob Dylan das poetische „Blowin’ In The Wind“ auf.

Popkultur

Meilenstein im Blitztempo: Wie Big Mama Thornton mit „Hound Dog“ einen Grundstein des Rock’n’Roll legte

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Big Mama Thornton
Foto: Jim Barron/Redferns/Getty Images

Geschrieben in 15 Minuten, aufgenommen am nächsten Tag und für immer ein Teil der Rockgeschichte: Mit Hound Dog landete Big Mama Thornton nicht nur ihren größten Hit, sondern leistete auch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Rock’n’Roll. Ein Künstler feierte mit dem Song allerdings noch größere Erfolge.

Hier könnt ihr euch einige der besten Songs von Big Mama Thornton anhören:

„You ain’t nothin’ but a hound dog“: Noch heute steht diese Zeile für die energiegeladenen Anfangstage des Rock’n’Roll. Geschrieben wurde die Nummer allerdings nicht für Elvis Presley, der mit dem Song einen der größten Hits seiner erstaunlichen Karriere landete. Nein, eigentlich komponierten die beiden Songschreiber Jerry Leiber und Mike Stoller das Stück für Willie Mae „Big Mama“ Thornton — und zwar in Rekordzeit. „Für Hound Dog haben wir etwa zwölf bis 15 Minuten gebraucht“, berichtet Leiber 1990 in einem Interview mit dem Rolling Stone. „Der Song ist nicht sonderlich kompliziert.“ Doch wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit zwischen Leiber, Stoller und Thornton?

Wir schreiben den 12. August 1952. Bandleader und Musikproduzent Johnny Otis hat die 19-jährigen Songschreiber Leiber und Stoller zu sich nach Hause eingeladen, damit sie Big Mama Thornton kennenlernen können. Das Duo hört der Sängerin bei einer Probe zu und Otis fragt, ob die Zwei einen Song für Thornton schreiben können. Noch am selben Nachmittag entsteht Hound Dog. „Sie war eine wunderbare Blues-Sängerin mit einem großartigen anklagenden Stil“, schwärmt Stoller im Rolling-Stone-Interview von Thornton. „Es war aber nicht nur ihr Stil, sondern auch ihr Aussehen, das Hound Dog beeinflusst hat, und uns auf die Idee gebracht hat, dass sie den Song eher brummen soll.“

„Erzähl mir nicht, wie ich den Blues zu singen habe.“

Schon am nächsten Tag steht Thornton im Studio und singt das Stück ein. Die Produktion übernehmen Leiber und Stoller zum ersten Mal selbst. „Wir haben uns Sorgen gemacht, weil der vorherige Schlagzeuger nicht das gleiche Gefühl rüberbrachte wie Otis bei den Proben“, erklärt Stoller in der Autobiografie des Komponistenpaares. „Jerry fragte Johnny, ob er nicht das Schlagzeug einspielen kann. ‚Niemand bringt diesen Groove so auf den Punkt wie du‘, sagte er. Johnny fragte: ‚Und wer betreut die Aufnahme-Session?‘ Stille. ‚Ihr Zwei?‘, fragte er. ‚Die Kids betreuen die Aufnahme?’ Ich sagte: ‚Klar. Die Kids haben es geschrieben. Also lass es die Kids tun.’ Johnny grinste und sagte: ‚Warum nicht?‘“

Bei den Proben geraten die Songschreiber und Thornton aneinander. Leiber und Stoller möchten, dass die Sängerin das Stück ein wenig anders umsetzt, nehmen ihren Mut zusammen und weisen sie darauf hin. Mit ihrer Größe von etwa 1,80 Metern, einem Gewicht von 115 Kilo und zahlreichen Narben im Gesicht macht Thornton ihrem Spitznamen „Big Mama“ alle Ehre, schaut die beiden Komponisten kühl an und sagt: „Weißer Junge, erzähl mir nicht, wie ich den Blues zu singen habe.“ Touché. Trotz der Unstimmigkeiten finden Thornton, Leiber und Stoller einen Kompromiss und erschaffen die Aufnahme, die Generationen an Rock’n’Roll-Musiker*innen beeinflussen wird.

Hound Dog: Ein Rock’n’Roll-Standard für die Geschichtsbücher

Zu diesen Rock’n’Rollern zählt auch ein junger Mann namens Elvis Presley, der zwei Jahre später seinen ersten Hit That’s All Right aufnimmt. Mit seiner Version von Hound Dog landet der „King“ weitere zwei Jahre später einen der größten Erfolge seiner Karriere. Er verändert dazu einiges an dem Stück, ob in musikalischer oder lyrischer Hinsicht. „Alles wirkte unfassbar nervös, zu schnell, zu weiß“, findet Stoller. „Aber wissen Sie, nachdem sich die Single sieben oder acht Millionen Mal verkauft hatte, klang sie besser.“ Die erste Aufnahme des Songs wird immer die von Big Mama Thornton bleiben — und die steht noch heute für die aufregenden Anfangstage des Rock ‘n‘ Roll.

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Die frühen Frauen des Rock’n’Roll: Wichtig, aber übersehen

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Popkultur

Zeitsprung: Am 13.8.1999 veröffentlichen Kiss den Film „Detroit Rock City“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 13.8.1999.

von Christof Leim

Einmal sind Kiss mit einem Filmprojekt schon auf die geschminkten Nasen gefallen: 1978 verfehlten die damaligen Superstars mit Kiss Meets The Phantom Of The Park ihr Ziel der crossmedialen Weltherrschaft ziemlich deutlich (wie man hier im Detail nachlesen kann). Zwei Dekaden später versuchen sie es erneut: Am 13. August 1999 startet Detroit Rock City in den Kinos – und erweist sich als Comedy-Trash mit viel Siebziger-Vibe…

Detroit Rock City (der Film) schlägt gewissermaßen eine Brücke zwischen zwei Hochphasen von Kiss: Er entsteht 1999, als die Band dank der Reunion der Originalbesetzung wieder zu den größten Geldverdienern im internationalen Rock’n’Roll-Zirkus zählt. Die Handlung des Streifens wiederum spielt 1978, als Kiss vor allem in den USA zu einem kulturellen Phänomen geworden sind und auf einer beeindruckenden Welle des Erfolges reiten. Die Burschen veröffentlichen im September 1978 sogar am gleichen Tag vier Soloalben.

Die Handlung ist schnell umrissen: Vier Kumpels namens Hawk, Lex, Trip und Jam lieben Kiss (wie so ziemliche alle US-Teenager der Siebziger) und spielen sogar in ihrer eigenen Coverband, um ihren Helden zu huldigen. Die wiederum sind für ein großes Konzert in Detroit (wo sonst?) angekündigt, Tickets dafür haben die Jungs bereits am Start – bis die ultrareligiöse Mutter von Jam dahinterkommt und die Eintrittskarten kurzerhand verbrennt. Klar, denn Kiss steht ja bekanntermaßen für „Knights In Satanic Service“.

Also suchen sich die Vier anderweitig Zutritt zur Show und eine Möglichkeit, überhaupt nach Detroit zu kommen. Bis sie Kiss mit Feuer und Explosionen live erleben, müssen sie sich mit Discoschnöseln und Pfarrern rumschlagen, werden vermöbelt, bestohlen, übers Ohr gehauen und zerlegen eine Damentoilette (Ladies Room, get it?). Einer tritt zwischendurch in einem Stripclub auf, der nächste knutscht in einem Beichtstuhl (mit einem Mädel namens Beth, klar), ein anderer wird von einer älteren Lady entjungfert, die von Gene Simmons’ Ehefrau Shannon Tweed gespielt wird. Und Jam geigt seiner konservativen Mutter die Meinung. Dass dazwischen einiges an Mobiliar zu Bruch geht, versteht sich von selbst.

Die Regie übernimmt Adam Rifkin, als Produzent fungiert Gene Simmons, und alle vier Kiss-Musiker treten bei der großen Show am Ende auf. Einige der Schauspieler kennt man ebenfalls: Edward Furlong („Hawk“) spielte in Terminator 2, Natasha Lyonne („Christine“) gehört zur Besetzung von Orange Is The New Black. In den weiteren Hauptrollen: Sam Huntington, Giuseppe Andrews und James DeBello.

Neue cineastische Höhen erklimmt Detroit Rock City damit nicht, sondern erweist sich als überdrehter Klamauk in „bester“ Tradition des Ramones-Streifens Rock’n’Roll High School. Allerdings bietet das bei entsprechender Affinität zu Trash, Seventies und Kiss durchaus einen Unterhaltungswert. Das reicht für einen gewissen Kultstatus, doch geschäftlich ist das Projekt ein formidabler Flop: 17 Millionen US-Dollar soll es gekostet haben, knappe sechs spielt es ein. Nach dem Kinostart am 13. August 1999 kommt schon im Dezember des gleichen Jahres die Homevideo-Variante. 

Der Soundtrack indes macht Spaß, vor allem wegen cooler Coverversionen. So spielen Pantera Cat Scratch Fever (was sogar als Single veröffentlicht wird), Everclear covern The Boys Are Back In Town, Drain STH machen 20th Century Boy zur Doom-Nummer, und die Donnas rocken Strutter. Lediglich der Versuch von Marilyn Manson, sich des AC/DC-Manifests Highway To Hell anzunehmen, darf wegen völliger Seelenlosigkeit als erschreckendes, aber glücklicherweise fast vergessenes Verbrechen der Musikgeschichte betrachtet werden. Dazu gibt es Klassiker von Van Halen, Black Sabbath, Cheap Trick, Bowie und The Sweet, noch zwei Kiss-Gassenhauer (Shout It Out Loud, Detroit Rock City) und sogar einen neuen Song unserer liebsten Schminkemonster. Nothing Can Keep Me From You läuft während der Credits und drückt ordentlich auf die Tränendrüse. Geschrieben hat ihn Hitkomponistin Diane Warren, Paul Stanley singt (ziemlich gut), ansonsten spielt keiner der Band mit. (Es soll lediglich Ex-Gitarrist Bruce Kulick den Bass übernommen haben.) Braucht man nicht.

Überhaupt lässt die Stimmung im Line-up damals schon zu wünschen übrig, nicht zuletzt wegen dieses Films, wie Ace Frehley und Peter Criss in ihren Autobiografien berichten. Vor allem Ace kann es Gene nicht verzeihen, dass eine Szene mit seiner Tochter Monique angeblich absichtlich rausgeschnitten wird. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Interview: Kiss zum Abschied: „Es wird schmerzhaft und schön!“

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Popkultur

Zeitsprung: Am 12.8.1949 kommt Mark Knopfler (Dire Straits) zur Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 12.8.1949.

von Christof Leim

Songs schreiben kann der Mann. Und ziemlich gut Gitarre spielen. Deshalb erobert Mark Knopfler zuerst als Kopf der Dire Straits die Welt und brilliert danach als Solokünstler. Am 12. August feiert er Geburtstag.

Zur Lektüre gibt’s hier Knopflers Album Down The Road Wherever:

Zunächst will der in Glasgow geborene Mark Knopfler erstmal etwas Vernünftiges machen: Er studiert Journalismus. „Der Plan war, so Geld zu verdienen und Musik als schönes Hobby auszuleben“, erzählt er 2009 in einem Interview. Er arbeitet sogar in diesem Beruf, macht einen Abschluss in Englisch und geht als Dozent an die Universität. Dabei spielt Knopfler aber immer in Bands, die zum Beispiel Brewers Droop oder Café Racers heißen. Vor allem aber schreibt er von Anfang an Songs und entwickelt einen Stil, der sich von anderen unterscheidet: Er benutzt kein Plektrum, sondern spielt seine Gitarre mit den Fingern, was vor allem im Country verbreitet ist und ihm andere Licks als die der gängigen Rockgitarristen ermöglicht. Seine Einflüsse liegen daneben im Rock und Swing, mit bisschen Blues, wie es sich gehört.

Mark Knopfler 1979 – Pic: Klaus Hiltscher/Wiki Commons

So schlägt sich Mark Knopfler Mitte der Siebziger durch die Pubs von London. Er singt und spielt Gitarre, mit dabei sind sein Bruder David an der zweiten Gitarre sowie Bassist John Illsley. Zusammen gründen sie die Band, mit der Knopfler berühmt werden wird: die Dire Straits. Der ersten Demos entstehen 1977, da ist unser Mann schon Ende 20. Auf den ersten Aufnahmen findet sich bereits ein musikalischen Kleinod namens Sultans Of Swing. Kennt man, muss man kennen.

1978 folgt das erste Album Dire Straits, doch ärgerlicherweise gerät die Musikwelt davon nich in Ekstase. Dann allerdings erscheint Sultans Of Swing als Single. Das wunderbare Lied mit dem Text über eine Feierabendband rollt langsam, aber stetig die Charts auf, zunächst in Europa, dann in Nordamerika. Die Dire Straits sind bereit, und sie starten durch: In rascher Abfolge erscheinen Communiqué (1979), Making Movies (1980) und Love Over Gold (1982) und verkaufen sich gut. 

Die Songs darauf stammen samt und sonders von Mark Knopfler, der gerne kleine Geschichten erzählt und eine höchst geschmackvolle Gitarrenarbeit zelebriert. Zwischendurch schreibt er noch Filmmusik, taucht auf einem Bob-Dylan-Album auf, produziert und schreibt Lieder für andere Leute, unter anderem für Private Dancer, das immens erfolgreiche Comeback von Tina Turner 1984.

Richtig ab geht es dann mit Brothers In Arms 1985, das zum internationalen Megahit wird.  Die Songs darauf kennt wirklich jeder: Money For Nothing, Walk Of Life, So Far Away und natürlich das einfühlsame Titelstück. Dire Straits sind jetzt Superstars, allen voran Mark Knopfler. Die nächsten beiden Jahre verbringt die Truppe auf der Straße und fährt einen Erfolg nach dem anderen ein. Dem Chef wird das aber alles zu groß und zu viel. Zunächst gibt es eine Pause, 1988 verkündet Knopfler die Auflösung der Dire Straits.  

Musik machen will er weiterhin, aber eben in kleinerem Rahmen ohne die massiven Erwartungen und Verpflichtungen. Seine nächste Band The Notting Hillbillies jedenfalls widmet sich US-amerikanischer Roots-Musik wie Folk, Blues und Country, alles viel unspektakulärer, vermutlich (oder hoffentlich) genauso befriedigend. Ein Album erscheint 1990, es trägt den schönen Titel Missing…Presumed Having a Good Time. Eine kleine Runde dreht unser Mann mit den Dire Straits aber noch: Im September 1991 kommt mit On Every Street doch noch ein Album, doch unweigerlich folgende Mega-Welttour sorgt dann dafür, dass die Band 1995 endgültig aufgelöst wird.

Mark Knopfler startet darauf eine Solokarriere, seit 1996 erscheinen in lockerer Folge fast ein Dutzend Soloalben: Golden Heart, Sailing To Philadelphia, The Ragpicker’s Dream, Shangri-La, Kill To Get Crimson, Get Lucky, Privateering, Tracker und Down The Road Wherever. Damit feiert er in aller Welt Erfolge, jedoch weit entfernt von der Megalomanie der Achtziger. Zudem kollaboriert er mit unzähligen anderen Künstlern, etwa Emmylou Harris, tourt mit Bob Dylan und beschäftigt sich oft und gerne mit Country. Bei seinen eigenen Konzerten geht es mittlerweile nur um die Musik, große Produktion braucht der Mann nicht mehr. Auf der Bühne trinkt er Tee. Nach einer Dire-Straits-Reunion steht dem musikalischen Kopf der Sinn so gar nicht, nicht mal bei der Einführung der Band in die Rock And Roll Hall Of Fame 2018 taucht er auf.

Songwriter, Meistergitarrist und Geschichtenerzähler: Mark Knopfler 2018 – Pic: Derek Hudson

Sein Privatleben behält Knopfler für sich, Interviews gibt es nicht viele. Er ist zum dritten Mal verheiratet, Vater von vier Kindern, Fan des Newcastle FC und Sammler von Sportwagen. Auf seinen letzten Touren denkt er laut darüber nach, sich zur Ruhe zu setzen und kündigt explizit sogar seinen Abschied von der Bühne, spielt aber nach eigenen Aussagen zu gerne. Hoffen wir, dass das so bleibt. Alles Gute zum Geburtstag, Mr. Knopfler!

Zeitsprung: Am 29.3.1979 landet Mark Knopfler auf einem Bob-Dylan-Album.

 

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