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Popkultur

Die musikalische DNA der Rolling Stones

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Würde man die musikalische DNA der Rolling Stones durch ein Mikroskop betrachten, sie würde blau leuchten. Nicht kobaltblau und blau, sondern warm und beseelt. Denn obwohl die Band am anderen Ende der Welt und ein paar Jahre später gegründet wurde, spricht aus jedem Gitarrenlick wie noch dem kleinsten Drumfill der Vibe des Delta Blues.

Der Teufelspaktler Robert Johnson ist aber nicht der einzige, der auf den Sound seinen Einfluss ausübte: Mainstream-Pop, Disko und sogar religiöse marokkanische Musik haben die Stones zu der Naturgewalt gemacht, die sie bis heute geblieben sind – und sich ihrerseits in ganz andere Musikstile einschrieb. Zoomen wir also etwas weiter rein und schauen genau hin! Es ist ja nicht alles Blues, was bläulich glänzt.


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 1. Muddy Waters – Rollin’ Stone (Single Version)

Es soll ja immer noch Leute geben, die denken, die Rolling Stones hätten sich nach Bob Dylans Beleidigungsarie gegenüber Andy Warhol benannt, dem „Napoleon in rags“, der übrigens später das Cover von Sticky Fingers gestaltete. Das ist allerdings unwahrscheinlich, Steine rollen für gewöhnlich doch vorwärts, nicht aber rückwärts durch der Zeit: Dylan schrieb den Song 1965, die Rolling Stones –genauer: Brian Jones – hingegen fanden ihren Namen drei Jahre früher auf dem Rücken einer Single von Muddy Waters: Rollin’ Stone hieß dessen 1950 veröffentlichte Interpretation des klassischen Delta-Blues-Stücks Catfish Blues. Was man eben auf die Schnelle sagt, wenn die Presse anruft und der Bandname eigentlich noch nicht feststeht.

„A rolling stone gathers no moss“ lautet das englische Sprichwort in voller Länge und Ähnliches lässt sich wohl über die Band oder die Gesundheit eines Keith Richards sagen. Der verstand sich übrigens auf Anhieb deshalb so prächtig mit Mick Jagger, weil die beiden sich auf eben jenen Muddy Waters einigen konnten. Noch vor der telefonischen Schnelltaufe der Rolling Stones – die sich bis zur Umbenennung von Manager Andrew Loog Oldham noch Rollin’ Stones schrieben – firmierten die beiden gemeinsam mit Dick Taylor sowie Alan Etherington und Bob Beckwith 1961 unter dem Namen The Blue Boys. Jones’ effektiver Schnellschuss scheint da eindeutig die bessere Wahl.

2. Ernesto Lecuona – Malagueña

Keith Richards ist nicht nur ein medizinisches Weltwunder, sondern auch ohne Zweifel einer der besten Gitarristen des letzten Jahrhunderts. Allein, auch er fing mal klein an – ob nun mit dem Konsum diverser Substanzen oder dem Musizieren. Und zwar klein im wahrsten Sinne des Wortes: Der Legende nach platzierte Richards’ Großvater – ein Jazz-Musiker mit dem klangvollen Namen Augustus Theodore „Gus“ Dupree – eine Gitarre auf einem Regal ab. Außerhalb der Reichweite des kleinen Keith, versteht sich.

Der Deal: Wenn der Jungspund drankäme, dürfe er das Instrument behalten. Der baute sich einen Stapel aus Büchern und konnte so bald seine erste Gitarre sein eigen nennen. Das erste Stück, das der Großvater ihm beibrachte, war ein kubanischer Standard namens Malagueña, der von Ernesto Lecuona komponiert wurde. Eine gute Wahl: Einerseits trägt das Stück bereits die Melancholie der späteren Stones-Balladen in sich, andererseits treffen in ihm die jazzige Melodik und mitreißende Rhythmik zusammen, welche Richards als Gitarristen bis heute auszeichnen.

3. Robert Johnson – Stop Breakin’ Down Blues

Heutzutage wollen alle über Soundcloud entdeckt werden, früher war noch mehr Aufwand nötig: Ein Deal mit dem Teufel musste es schon sein. Den ging der Legende nach Robert Johnson ein, der erst mit einer Neuauflage seiner LP King of the Delta Blues Singers im Jahr 1961 postum zum, na ja, König der Delta-Blues-Sänger wurde. Johnson ist eine mythische Gestalt, von dem so gut wie nichts bekannt ist und von welchem nur wenige verifizierte Fotos existieren.

Die Stones legten selbst immer eine Menge „Sympathy For The Devil“ an den Tag und coverten auf Exile On Main Street – in den Ohren vieler ihr bestes Werk – Johnsons Stop Breakin’ Down Blues. Im nie enden wollenden Wettrennen zwischen den Stones und den Beatles wurde schließlich nicht ohne Grund oft daraus verwiesen, dass die Stones eben mehr Blues und Sex Appeal mitbrächten als die Pilzköpfe aus Liverpool. Übrigens: Das mit Teufelspakt war durchaus metaphorisch gemeint und auf die säkulären Inhalte von Johnsons Lyrics bezogen. Wenn diese Leute gewusst hätten, was später einmal aus Mick Jaggers Mund kommen sollte…

4. The Beatles – I Wanna Be Your Man

Es ist allerdings nicht unbedingt so, als sei die damalige „British Invasion“ ebenso gespalten gewesen wie ihre jeweiligen Fanbases. Nein, auch die Stones zollten den Beatles mal Respekt – und das sehr früh in beider Karrieren. Das Rolling-Stones-Cover von The Beatles’ I Wanna Be Your Man wurde sogar vor dem zweiten Album der Pilzköpfe veröffentlicht: Die Rolling Stones veröffentlichten ihn als Single am 1. November 1961, With The Beatles drei Wochen später.

Die Stones in den 1960ern.
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Wie es dazu kam? John Lennon und Paul McCartney trafen auf einem Streifzug durch London zufällig Mick Jagger und Keith Richards und wurden nach neuem Material gefragt, da die beiden gerade im Studio waren, es aber nicht recht flutschen wollte. Lennon und McCartney konnte nur eine rohe Skizze anbieten, schrieben das Stück aber kurzerhand unter Jaggers und Richards‘ Augen fertig. Ein Geniestreich? Nicht unbedingt: Der Song war extra schlicht gehalten, damit ein gewisser Drummer ihn besser singen konnte…

5. Ray Charles – I Got A Woman

Ahmet Ertegun – nie gehört? Tatsächlich handelt es sich um einen der einflussreichsten Player der Pop-Geschichte. Was ihn nicht daran hinderte, ein Nickerchen zu halten, während Mick Jagger ihm gerade erzählte, dass die Stones bei Erteguns Label Atlantic unterschreiben würden. Der Jet Lag, der ganze Alkohol seien schuld gewesen, heißt es dazu in einer Biografie Erteguns. Das war 1969 und die Rolling Stones bereits Superstars – nur sah es finanziell ziemlich mies aus. Die Entscheidung für Atlantic fiel aber nicht nur aus Geldgründen, sondern auch weil dort viele der Stones-Helden groß wurden.

Ertegun nahm 1952 Ray Charles unter Vertrag und ließ ihn unter seinen Augen und Ohren die Eigenkomposition I Got A Woman aufnehmen, eine damals ungewöhnliche Mischung Gospel, Jazz und Blues. Soul war geboren, der Song schrieb Musikgeschichte. „You know, I got a woman / And she lives in the poor part of town“, heißt es im Stones-Song Fool To Cry auf Black And Blue, ihrem fünften Album für Atlantic. Lyrics, die sich wie die etwas zotigere Fortsetzung von Charles’ Klassiker lesen. Ertegun übrigens hatte sein letztes Konzerterlebnis mit den Rolling Stones: Im Alter von 83 Jahren besuchte er im Jahr 2006 ihre Show im New Yorker Beacon Theater, stürzte schwer und wachte nach anderthalb Monaten aus dem Koma nicht mehr auf.

6. Chic – Le Freak

Mick Jagger ist ja vieles. Unter anderem ist er ein Ritter. Ja, richtig: 2003 wurde der Stones-Sänger im Jahr  von der Queen mit einem Schwert abgeklatscht, um seine Verdienste in Sachen Pop-Musik zu würdigen. Das sprichwörtliche weiße Pferd aber überließ er 1977 seiner damaligen Frau Bianca, die ihren dreißigsten Geburtstag im legendären Studio 54 feierte und sich dort auch für ein Foto auf einen Schimmel setzte. Nein, stellte sie im Nachhinein klar, sie sei nicht in den New Yorker Club eingeritten, sondern hätte ihn zusammen mit dem Gatten ganz bürgerlich zu Fuß betreten.

Weniger Glück hatten da Nile Rodgers und Bernard Edwards, die am Silvesterabend desselben Jahres trotz persönlicher Einladung von Grace Jones nicht hereingelassen wurden und sich stattdessen mit ein paar Muntermachern im Studio einschlossen und kurzerhand einen neuen Song komponierten, der Disco-Geschichte schrieb. Den Refrain allerdings änderten sie vor Veröffentlichung des Stücks ab: „Freak out!“ klingt ja doch etwas besser als „Fuck off!“, zumindest in den Ohren der Sittenwächter. Der Sound Chics übrigens ging auch an den Stones nicht spurlos vorbei. Siehe beispielsweise Miss You vom Album Some Girls, welches nur wenige Monate nach der Veröffentlichung von Le Freak erschien.

7. Master Musicians Of Jajouka – War Song/Standing + One Half (Kaim Oua Nos)

Nicht nur Blues in allen seinen Formen und Farben (oder sagen wir eher: Blauschattierungen) oder etwa Disco sogen die Stones in ihre DNA auf. Sondern auch Klänge, die nicht der westlichen Pop-Tradition entsprangen. Das mit einer indischen Sitar gespielte Haupt-Lick von Paint It Black schließlich lässt für sich genommen eher an den Orient als an den Mississippi denken! Verantwortlich dafür ist erneut Brian Jones, dessen Verehrung für das von Bachir Attar angeführte Kollektiv Master Musicians Of Jajouka schließlich in einem ambitionierten Projekte gipfelte.

Brian Jones Presents The Pipes Of Pan at Jajouka erschien 1971 auf dem Label der Stones und versuchte gar nicht erst, sein Publikum mit sogenannter World Music zu überzeugen, wie etwa Paul Simon das seinerzeit tat. Stattdessen wird der Sound des wichtigsten Feiertags der Stadt Sidi-Kacem hörbar, wie ihn Jones dort zum ersten Mal im Jahr 1968 erlebt hatte. Jones schloss die Produktion an den vor Ort gemachten Aufnahmen zwar vor seinem Tod durch Ertrinken im Jahr 1969 ab, erlebte die Veröffentlichung allerdings nicht mehr. Auch die Stones hätten in den Folgejahren sicherlich anders geklungen, denn der Gitarrist wollte den Sound der Meistermusiker Jajoukas mehr in den der eigenen Band integrieren. Interessant wäre das ohne Frage gewesen!

8. Miles Davis – Decoy

Um es mal vorsichtig zu formulieren: Die neunziger Jahre waren nicht nur in modischer Hinsicht eine schwierige Zeit. Für viele Helden vergangener Dekaden bedeuteten sie eine echte Zerreißprobe. Das 1994 veröffentlichte Album Voodoo Lounge kam ein Statement gleich: Ja, unser Bassist ist weg. Ja, wir – Keith und Mick – waren auf Solo-Pfaden unterwegs (und es lief eher geht so). Aber verdammt, ja, wir wollen es immer noch wissen. Während der neue heiße Scheiß im Flanellhemd aus Seattle herüber schlürfte, betrieben die Stones Graswurzelarbeit. Fokussiert sollte das auf Barbados aufgenommene Album werden.

Sie holten sich als Ersatz für das Gründungsmitglied Bill Wyman dennoch ausgerechnet einen Jazzer an Bord: Auf Vorschlag von Schlagzeuger Charlie Watts wurde Wyman von Darryl Jones am Bass abgelöst. Was der drauf hatte, bewies er bereits auf den – zugegeben nicht unbedingt populären – Miles Davis-Alben Decoy und You’re Under Arrest. Insbesondere aber auf dem Titelstück des 1984 veröffentlichten Decoy zeigte Jones, dass er in Sachen Coolness selbst dem Prince of Darkness das Wasser reichen konnte. Eine gute Wahl auch für die Stones, für die der Schritt zurück mehr Standfestigkeit in unruhigen Zeiten bedeutete.

9. The Righteous Brothers – You’ve Lost That Loving Feeling

Produzenten-Legende und Vollzeitweirdo Phil Spector ist zwar gemeinsam mit Barry Mann und Cynthia Weil als der eigentliche Mastermind hinter You’ve Lost That Loving Feeling zu nennen, Brian Jones aber war bei der Aufnahme ebenfalls anwesend. Produzent Brian Stone gab später zu Protokoll, dass eine der Background-Sängerinnen besonders hervorstach: „Es sangen dreißig Menschen im Hintergrund, aber Cher hatte diese Killer-Stimme. Wir haben sie fünfzig Fuß vom Mikrofon entfernt aufgestellt, aber alles, was zu hören war, war sie. Nach der Session nahmen wir sie noch in derselben Nacht ins Büro mit und schlossen einen Vertrag ab.“

So traten Sonny & Cher buchstäblich über Nacht aus dem Hintergrund ins Rampenlicht. Genau dort zollten ihnen die Stones später auch Tribut: Gemeinsam mit Manager Andrew Loog Oldham und der Fernsehmoderatorin Cathy McGowan machten sie zu den Klängen von Sonny & Chers Überhit I Got You Babe in McGowans Sendung Ready Steady Go! allerhand Faxen.

10. Death In Vegas – Aladdin’s Story

Vermutlich haben die Stones den Namen Richard Maguire noch nie gehört und womöglich wissen sie überhaupt nichts von seinem Sample-Tribut an So Divine (Aladdin’s Story) vom Album The Contino Sessions, welches Maguire gemeinsam mit seinem damaligen Partner Tim Holmes unter dem Namen Death In Vegas im Jahr 1999 veröffentlichte. Maguire würde ihnen aber sicher gefallen: Der Brite steht ebenso wie die Stones für einen zukunftsorientierten Sound, der zugleich seine Traditionen ehrt.

Aus dem psychedelisch angehauchten und elektronischen Rock-Sound des Duos wurde spätestens seit dem Weggang Holmes‘ weiter geschraubt. Zuletzt erschien mit Transmission ein Album, für das sich Maguire die ehemalige Porno-Darstellerin Sasha Grey vors Mikrofon holte. Die Stones-Referenz von damals war übrigens sicherlich netter gemeint als der Projektname: Zuerst nannten sich Maguire und Holmes Dead Elvis, bevor die Anwälte eines gewissen Mr. Presley Einspruch erhoben. Vielleicht nicht das Schlechteste: Auch die Stones hätten vielleicht ganz anders geheißen.

„Midnight Rambler“: Die Geschichte hinter der düsteren Mini-Blues-Oper der Rolling Stones

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Apple Boutique: Vor 55 Jahren versuchen sich die Beatles erfolglos als Einzelhändler

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Apple Boutique
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Selbst in Sachen Einzelhandel waren die Beatles ihrer Zeit voraus: Ihre Apple Boutique in London kann als Vorläufer des modernen Concept Stores gelten. 1967 ging diese Rechnung aber noch nicht auf – und die Beatles verloren Millionen.

von Björn Springorum

Das wilde Jahr 1967 neigt sich dem Ende zu. Die psychedelische Rockmusik ist diesseits und jenseits des Atlantik explodiert, The Doors, Jimi Hendrix, Jefferson Airplane, The Byrds und Cream haben wegweisende Alben veröffentlicht. Getoppt wird das Ganze – natürlich – von den Beatles, die mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der besten Alben aller Zeiten veröffentlicht haben.

Ein psychedelischer Garten Eden

Im Sommer läuft in ganz London gefühlt kein anderes Album, 23 Wochen lang behauptet es sich an der Spitze der britischen Charts. Den Summer of Love verbringen die Beatles mit Filmprojekten und ihrer Reise ins indische Bangor, bis der Tod von Brian Epstein am 27. August 1967 alle rosaroten Wolken platzen lässt. Hinter den Kulissen sind aber längst Dinge im Gange, die die Band auch ohne ihren Manager und Mentor weiterlaufen lässt – der Flop-Film Magical Mystery Tour und ihr eigener Store, die Apple Boutique.

Die soll laut Harrison ein „psychedelischer Garten Eden“ sein und erstreckt sich auf drei Stockwerke. Hinter dem grandiosen Street-Art-Bild auf der Fassade steckt das niederländische Designkollektiv The Fool, die George Harrisons Frau Pattie Boyd der Band vorgestellt hat. Schon in den Monaten vor der Eröffnung der Boutique gestalten The Fool Artworks, Outfits, Sets und Instrumente für die Beatles, für aus heutiger Rechnung über 1,5 Millionen Euro verwandeln sie die Fassade des historischen Townhouses in der Baker Street 94 an zwei Novembertagen in ein psychedelisches Kunstwerk.

Bowie und Clapton kommen zur Eröffnung

Mit dem Store dahinter versuchen die Beatles, den Einzelhandel ebenso zu revolutionieren wie die Musik. Ihr sehr visionäres Konzept: Alles, was es in diesem Laden gibt, steht zum Verkauf. „Ein hübscher Ort, an dem hübsche Menschen hübsche Dinge kaufen können“, so beschreibt Paul McCartney das Konzept, das man von zeitgeistigen Concept Stores kennt. An der Baker Street im Jahr 1967 ist das neu.

Der Laden öffnet am 7. Dezember 1967 erstmals seine Tore. Schon zwei Tage zuvor laden John Lennon und George Harrison zu einer Launch Party, bei der zwar Paul McCartney und Ringo Starr fehlen (sie weilen in Liverpool respektive Rom), aber dafür jede Menge Berühmtheiten und Bohemiens in das psychedelische Wunderland strömen, um Kleidung, Accessoires, Bücher und Schmuck zu bestaunen – darunter David Bowie, Eric Clapton und Harrisons Frau Pattie Boyd.

Getrunken wird Apfelsaft

Auf den Einladungen steht geschrieben: „Kommt um 7:46. Modenschau um 8:16.“ Und zumindest zur Eröffnungsparty kommen sie. The Fool, die auch viele Designs für die Beatles, die Hollies oder Procol Harum realisiert haben, ziehen wie ein psychedelischer Wanderzirkus mit Instrumenten durch die Boutique, alle schlürfen Apfelsaft, weil der Store keine Schanklizenz hat. Vielleicht gibt es andere Dinge zum Konsumieren… Es ist ja immerhin 1967.

Apple Boutique

Foto: E. Milsom/Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

Zwei Tage später eröffnet die Boutique offiziell, gemanaged von Lennons Freund Peter Shotton und Pattie Boyds Schwester Jenny Boyd. Doch die Sache wird zum legendären finanziellen Desaster. Taschendiebstähle geraten außer Kontrolle, selbst Angestellte stecken sich reihenweise Sachen ein, so wirklich weiß niemand, womit die Kunden den Laden betreten oder wieder verlassen haben. Zur Anzeige gebracht wird kein Diebstahl: Das passt einfach nicht in den Freigeist des Konzepts.

Antikapitalistische Einzelhändler

Auch sonst läuft es schleppend: Baker Street ist einfach zu weit vom Londoner Mode-Epizentrum entfernt, die Apple Boutique fährt hohe Verluste ein. Mitte 1968 sind das schon mehr als 200.000 Britische Pfund (heute mehr als vier Millionen Euro) und die Beatles entscheiden, den Laden am 31. Juli 1968 – kein Jahr nach der Eröffnung – zu schließen. Für McCartney ist der Shop dennoch ein Erfolg. „Den größten Verlust machten wir damit, alles zu verschenken“, sagt er in einem Statement zur Schließung. „Aber das war unsere freie Entscheidung. Wir wollten verschenken, nicht verkaufen.“

Die wahren Gründe liegen natürlich auch darin, dass die Beatles keine Geschäftsleute sein wollen. Sondern Musiker, Filmemacher, Entertainer. Am Tag der Schließung öffnen die Beatles die Boutique ein letztes Mal für die Menschen, die zu Hunderten gierig in den Laden strömen, sich alles unter den Nagel reißen und Randale machen. Die Polizei muss eingreifen und beendet dieses abstruse Kapitel der Beatles-Geschichte relativ unrühmlich.

Schon im Mai 1968 hatte man die Fassade weiß übermalt und das Wort Apple kursiv darauf geschrieben – ein ähnlich drastischer Übergang wie bei den Artworks von Sgt. Pepper’s und The Beatles. 1974 wird das Gebäude abgerissen. Aber da gibt es die Beatles schon lange nicht mehr.

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Wie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ die Musikwelt veränderte

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Popkultur

Zeitsprung: Am 7.12.1949 kommt Sänger und Songwriter Tom Waits zur Welt.

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Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 7.12.1949.


von Frank Thießies und Christof Leim

Am 7. Dezember 1949 erblickt der Sänger und Songwriter Tom Waits das Licht der Welt. Mit seiner knurrenden Charakterstimme und ebenso knarzigen Songs begeistert der kauzige Kalifornier seit den frühen Siebzigern. Wir gratulieren dem amerikanischen Unikat und Genre-Grenzgänger zum Geburtstag!

Hier könnt ihr euch Tom Waits’ Debütalbum Closing Time (1973) anhören:

1949 in Pomona, Kalifornien als Thomas Alan Waits und Sohn eines Lehrerehepaars geboren, verschlägt es den jungen Mann nach kurzem Liebäugeln mit einem Studio der Fotografie im Alter von zwanzig Jahren nach San Diego. Fasziniert von der dortigen Folk-Szene nimmt er in einem Kaffeehaus-Club namens Heritage einen Aushilfsjob als Türsteher an, beginnt dort aber auch an seinem eigenen Bühnenrepertoire zu feilen, welches anfänglich noch hauptsächlich aus Covermaterial und kruder Comedy besteht. Sein beachtliches Talent als Songschreiber führt ihn in Folge jedoch schnell über die limitierend kleine San-Diego-Szene hinaus und dorthin, wo es alle verlorenen Künstlerseelen hinzieht: nach Los Angeles.

Bukowski am Bar-Piano

Bei einer Open-Stage-Nacht in Doug Westons renommierten Schuppen Troubadour in West Hollywood wird Waits 1972 entdeckt und ergattert zunächst einen Job als Songwriter bei Frank Zappas Plattenfirma Bizarre Records. Nur kurze Zeit später hat er einen eigenen Plattenvertrag bei David Geffens Asylum Records in der Tasche. Waits Debüt Closing Time erregt 1973 jedoch nur wenig Aufsehen in der breiten Öffentlichkeit. Dafür erkennen (nicht nur) die Eagles die Qualität von Komposition wie Ol’ 55. Ihr Cover der Waits-Nummer auf dem Album On The Border ein Jahr darauf sichert dem jungen Künstler zumindest die finanzielle Annehmlichkeit in Form von Tantiemen-Zahlungen. In seiner späteren Karriere werden Waits’ Lieder noch oft von anderen Leuten neu aufgelegt werden; Rod Stewarts Fassung von Downtown Train etwa ist legendär.

Ist Waits‘ Debüt noch von einem Folk-Vibe beseelt, bewegen sich die Folgewerke in den Siebzigern noch stärker zwischen verrauchtem Bar-Jazz, Charles Bukowski und Beat-Poeten wie Jack Kerouac, die Waits schon länger bewundert. Sich selbst mit Schiebermütze oder Trilby, ewigem Glimmstängel und Spitzbärtchen zu einem glamourösen, versoffenem Gossen-Troubadour stilisierend, klingen Waits‘ Alben, als könnten sie die Jukebox in Edward Hoppers berühmten Gemälde Nighthawks bestücken. 

Gekappte Wurzeln

Die künstlerische und private Kehrtwende erfolgt schließlich mit dem Dekadenwechsel: Im August 1980 heiratet der Sänger Kathleen Brennan, die künftig auch in kreativer Hinsicht seine Stütze und Partnerin wird. Das 1983 veröffentliche Album Swordfishtrombones, welches er mit Brennan schreibt und produziert, stößt die Tür zu einer zuweilen herrlich unkonventionellen, so experimentellen wie kaputten Klangwelt auf, die fortan zu Waits‘ musikalischem Markenzeichen werden soll. Mit der Trennung von seinem Management und der alten Plattenfirma stehen alle Zeichen auf Neuerfindung.

Zum erweiterten Repertoire des Sängers und Geschichtenerzählers zählt bald auch die Schauspielerei. So spielt er zu Beginn der Achtziger gleich in drei Filmen von Francis Ford Coppola (Rumble Fish, Die Outsider, Cotton Club) kleine, aber höchst überzeugende (Neben-)Rollen und brilliert in Jim Jarmuschs Down By Law 1986 an der Seite Roberto Benignis. Die Nebentätigkeit als Schauspieler hält er sich bis heute warm. Unlängst war Waits in dem Anthologie-Western der Coen Brüder The Ballad Of Buster Scruggs noch in einer Paraderolle als verschrobener ergrauter Goldgräber zu bewundern. Darüber hinaus wirkt Waits seit Ende der Achtziger auch auf der Theaterbühne: Mit Regisseur Robert Wilson realisiert er Stücke wie The Black Rider oder das auf Alice im Wunderland basierende Alice.

Waits, der Eremit 

Mit Beginn der Neunziger werden die klassischen Albumveröffentlichungen von Waits  sporadischer. Mule Variations (1999), das Doppelwerk Blood Money und Alice (2002) oder Real Gone (2004) lassen jedoch nichts vom musikalischen Pioniergeist vermissen, der Waits zwischen Americana- und Roots-Musik, gehusteter Folklore und Vaudeville sowie avantgardistischer Klangkunst heimisch geworden zeigt. Seine letzte Plattenveröffentlichung (Stand 2019) namens Bad As Me datiert auf das Jahr 2011 zurück. Womit so langsam eigentlich mal wieder Nachschub fällig wäre aus dem Hause Waits/Brennan. Doch das soll von Waits‘ Ehrentag nicht abhalten. Und so darf man heute gern ein bisschen tiefer in die Sakko-Tasche greifen und eine extra große Portion Konfetti herausfischen, während man auf dem rostigen Eisenbahnschienen für Tom Waits ein staubiges „Happy Birthday“ steppt. Herzlichen Glückwunsch.

Zeitsprung: Am 14.7.2015 erlebt Nick Cave eine Tragödie & verarbeitet sie mit Musik.

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Protected: „White Christmas“, „All I Want For Christmas Is You“ und mehr: Verrückte Fakten zu den größten Weihnachtssongs

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Mariah Carey
Foto: Gilbert Carrasquillo /Getty Images

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