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Popkultur

Die musikalische DNA der Rolling Stones

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Würde man die musikalische DNA der Rolling Stones durch ein Mikroskop betrachten, sie würde blau leuchten. Nicht kobaltblau und blau, sondern warm und beseelt. Denn obwohl die Band am anderen Ende der Welt und ein paar Jahre später gegründet wurde, spricht aus jedem Gitarrenlick wie noch dem kleinsten Drumfill der Vibe des Delta Blues‘. Der Teufelspaktler Robert Johnson ist aber nicht der einzige, der auf den Sound seinen Einfluss ausübte: Mainstream-Pop, Disko und sogar religiöse marokkanische Musik haben die Stones zu der Naturgewalt gemacht, die sie bis heute geblieben sind – und sich ihrerseits in ganz andere Musikstile einschrieb. Zoomen wir also etwas weiter rein und schauen genau hin! Es ist ja nicht alles Blues, was bläulich glänzt.


Hört euch hier einen Vorgeschmack der musikalischen DNA der Rolling Stones an:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

 1. Muddy Waters – Rollin’ Stone (Single Version)

Es soll ja immer noch Leute geben, die denken, die Rolling Stones hätten sich nach Bob Dylans Beleidigungsarie gegenüber Andy Warhol benannt, dem „Napoleon in rags“, der übrigens später das Cover von Sticky Fingers gestaltete. Das ist allerdings unwahrscheinlich, Steine rollen für gewöhnlich doch vorwärts, nicht aber rückwärts durch der Zeit: Dylan schrieb den Song 1965, die Rolling Stones –genauer: Brian Jones – hingegen fanden ihren Namen drei Jahre früher auf dem Rücken einer Single von Muddy Waters: Rollin‘ Stone hieß dessen 1950 veröffentlichte Interpretation des klassischen Delta-Blues-Stücks Catfish Blues. Was man eben auf die Schnelle sagt, wenn die Presse anruft und der Bandname eigentlich noch nicht feststeht. „A rolling stone gathers no moss“ lautet das englische Sprichwort in voller Länge und Ähnliches lässt sich wohl über die Band oder die Gesundheit eines Keith Richards‘ sagen. Der verstand sich übrigens auf Anhieb deshalb so prächtig mit Mick Jagger, weil die beiden sich auf eben jenen Muddy Waters einigen konnten. Noch vor der telefonischen Schnelltaufe der Rolling Stones – die sich bis zur Umbenennung von Manager Andrew Loog Oldham noch Rollin‘ Stones schrieben – firmierten die beiden gemeinsam mit Dick Taylor sowie Alan Etherington und Bob Beckwith 1961 unter dem Namen The Blue Boys. Jones‘ effektiver Schnellschuss scheint da eindeutig die bessere Wahl.


2. Ernesto Lecuona – Malagueña

Keith Richards ist nicht nur ein medizinisches Weltwunder, sondern auch ohne Zweifel einer der besten Gitarristen des letzten Jahrhunderts. Allein, auch er fing mal klein an – ob nun mit dem Konsum diverser Substanzen oder dem Musizieren. Und zwar klein im wahrsten Sinne des Wortes: Der Legende nach platzierte Richards‘ Großvater – ein Jazz-Musiker mit dem klangvollen Namen Augustus Theodore „Gus“ Dupree – eine Gitarre auf einem Regal ab. Außerhalb der Reichweite des kleinen Keith, versteht sich. Der Deal: Wenn der Jungspund drankäme, dürfe er das Instrument behalten. Der baute sich einen Stapel aus Büchern und konnte so bald seine erste Gitarre sein eigen nennen. Das erste Stück, das der Großvater ihm beibrachte, war ein kubanischer Standard namens Malagueña, der von Ernesto Lecuona komponiert wurde. Eine gute Wahl: Einerseits trägt das Stück bereits die Melancholie der späteren Stones-Balladen in sich, andererseits treffen in ihm die jazzige Melodik und mitreißende Rhythmik zusammen, welche Richards als Gitarristen bis heute auszeichnen.


3. Robert Johnson – Stop Breakin‘ Down Blues

Heutzutage wollen alle über Soundcloud entdeckt werden, früher war noch mehr Aufwand nötig: Ein Deal mit dem Teufel musste es schon sein. Den ging der Legende nach Robert Johnson ein, der erst mit einer Neuauflage seiner LP King of the Delta Blues Singers im Jahr 1961 postum zum, na ja, König der Delta Blues-Sänger wurde. Johnson ist eine mythische Gestalt, von dem so gut wie nichts bekannt ist und von welchem nur wenige verifizierte Fotos existieren. Die Stones legten selbst immer eine Menge „Sympathy For The Devil“ an den Tag und coverten auf Exile On Main Street – in den Ohren vieler ihr bestes Werk – Johnsons Stop Breakin‘ Down Blues.  Im nie enden wollenden Wettrennen zwischen den Stones und den Beatles wurde schließlich nicht ohne Grund oft daraus verwiesen, dass die Stones eben mehr Blues und Sex Appeal mitbrächten als die Pilzköpfe aus Liverpool. Übrigens: Das mit Teufelspakt war durchaus metaphorisch gemeint und auf die säkulären Inhalte von Johnsons Lyrics bezogen. Wenn diese Leute gewusst hätten, was später einmal aus Mick Jaggers Mund kommen sollte…


4. The Beatles – I Wanna Be Your Man

Es ist allerdings nicht unbedingt so, als sei die damalige „British Invasion“ ebenso gespalten gewesen wie ihre jeweiligen Fanbases. Nein, auch die Stones zollten den Beatles mal Respekt – und das sehr früh in beider Karrieren. Das Rolling Stones-Cover von The Beatles‘ I Wanna Be Your Man wurde sogar vor dem zweiten Album der Pilzköpfe veröffentlicht: Die Rolling Stones veröffentlichten ihn als Single am 1. November 1961, With The Beatles drei Wochen später. Wie es dazu kam? John Lennon und Paul McCartney trafen auf einem Streifzug durch London zufällig Mick Jagger und Keith Richards und wurden nach neuem Material gefragt, da die beiden gerade im Studio waren, es aber nicht recht flutschen wollte. Lennon und McCartney konnte nur eine rohe Skizze anbieten, schrieben das Stück aber kurzerhand unter Jaggers und Richards‘ Augen fertig. Ein Geniestreich? Nicht unbedingt: Der Song war extra schlicht gehalten, damit ein gewisser Drummer ihn besser singen konnte…


5. Ray Charles – I Got A Woman

Ahmet Ertegun – nie gehört? Tatsächlich handelt es sich um einen der einflussreichsten Player der Pop-Geschichte. Was ihn nicht daran hinderte, ein Nickerchen zu halten, während Mick Jagger ihm gerade erzählte, dass die Stones bei Erteguns Label Atlantic unterschreiben würden. Der Jet Lag, der ganze Alkohol seien schuld gewesen, heißt es dazu in einer Biografie Erteguns. Das war 1969 und die Rolling Stones bereits Superstars – nur sah es finanziell ziemlich mies aus. Die Entscheidung für Atlantic fiel aber nicht nur aus Geldgründen, sondern auch weil dort viele der Stones-Helden groß wurden. Ertegun nahm 1952 Ray Charles unter Vertrag und ließ ihn unter seinen Augen und Ohren die Eigenkomposition I Got A Woman aufnehmen, eine damals ungewöhnliche Mischung Gospel, Jazz und Blues. Soul war geboren, der Song schrieb Musikgeschichte. „You know, I got a woman / And she lives in the poor part of town“, heißt es im Stones-Song Fool To Cry auf Black And Blue, ihrem fünften Album für Atlantic. Lyrics, die sich wie die etwas zotigere Fortsetzung von Charles’ Klassiker lesen. Ertegun übrigens hatte sein letztes Konzerterlebnis mit den Rolling Stones: Im Alter von 83 Jahren besuchte er im Jahr 2006 ihre Show im New Yorker Beacon Theater, stürzte schwer und wachte nach anderthalb Monaten aus dem Koma nicht mehr auf.


6. Chic – Le Freak

Mick Jagger ist ja vieles. Unter anderem ist er ein Ritter. Ja, richtig: 2003 wurde der Stones-Sänger im Jahr  von der Queen mit einem Schwert abgeklatscht, um seine Verdienste in Sachen Pop-Musik zu würdigen. Das sprichwörtliche weiße Pferd aber überließ er 1977 seiner damaligen Frau Bianca, die ihren dreißigsten Geburtstag im legendären Studio 54 feierte und sich dort auch für ein Foto auf einen Schimmel setzte. Nein, stellte sie im Nachhinein klar, sie sei nicht in den New Yorker Club eingeritten, sondern hätte ihn zusammen mit dem Gatten ganz bürgerlich zu Fuß betreten. Weniger Glück hatten da Nile Rodgers und Bernard Edwards, die am Silvesterabend desselben Jahres trotz persönlicher Einladung von Grace Jones nicht hereingelassen wurden und sich stattdessen mit ein paar Muntermachern im Studio einschlossen und kurzerhand einen neuen Song komponierten, der Disco-Geschichte schrieb. Den Refrain allerdings änderten sie vor Veröffentlichung des Stücks ab: „Freak out!“ klingt ja doch etwas besser als „Fuck off!“, zumindest in den Ohren der Sittenwächter. Der Sound Chics übrigens ging auch an den Stones nicht spurlos vorbei. Siehe beispielsweise Miss You vom Album Some Girls, welches nur wenige Monate nach der Veröffentlichung von Le Freak erschien.


7. Master Musicians of Jajouka – War Song/Standing + One Half (Kaim Oua Nos)

Nicht nur Blues in allen seinen Formen und Farben (oder sagen wir eher: Blauschattierungen) oder etwa Disco sogen die Stones in ihre DNA auf. Sondern auch Klänge, die nicht der westlichen Pop-Tradition entsprangen. Das mit einer indischen Sitar gespielte Haupt-Lick von Paint It Black schließlich lässt für sich genommen eher an den Orient als an den Mississippi denken! Verantwortlich dafür ist erneut Brian Jones, dessen Verehrung für das von Bachir Attar angeführte Kollektiv Master Musicians Of Jajouka schließlich in einem ambitionierten Projekte gipfelte. Brian Jones Presents The Pipes Of Pan at Jajouka erschien 1971 auf dem Label der Stones und versuchte gar nicht erst, sein Publikum mit sogenannter World Music zu überzeugen, wie etwa Paul Simon das seinerzeit tat. Stattdessen wird der Sound des wichtigsten Feiertags der Stadt Sidi-Kacem hörbar, wie ihn Jones dort zum ersten Mal im Jahr 1968 erlebt hatte. Jones schloss die Produktion an den vor Ort gemachten Aufnahmen zwar vor seinem Tod durch Ertrinken im Jahr 1969 ab, erlebte die Veröffentlichung allerdings nicht mehr. Auch die Stones hätten in den Folgejahren sicherlich anders geklungen, denn der Gitarrist wollte den Sound der Meistermusiker Jajoukas mehr in den der eigenen Band integrieren. Interessant wäre das ohne Frage gewesen!


8. Miles Davis – Decoy

Um es mal vorsichtig zu formulieren: Die neunziger Jahre waren nicht nur in modischer Hinsicht eine schwierige Zeit. Für viele Helden vergangener Dekaden bedeuteten sie eine echte Zerreißprobe. Das 1994 veröffentlichte Album Voodoo Lounge kam ein Statement gleich: Ja, unser Bassist ist weg. Ja, wir – Keith und Mick – waren auf Solo-Pfaden unterwegs (und es lief eher geht so). Aber verdammt, ja, wir wollen es immer noch wissen. Während der neue heiße Scheiß im Flanellhemd aus Seattle herüber schlürfte, betrieben die Stones Graswurzelarbeit. Fokussiert sollte das auf Barbados aufgenommen Album werden. Sie holten sich als Ersatz für das Gründungsmitglied Bill Wyman dennoch ausgerechnet einen Jazzer an Bord: Auf Vorschlag von Schlagzeuger Charlie Watts wurde Wyman von Darryl Jones am Bass abgelöst. Was der drauf hatte, bewies er bereits auf den – zugegeben nicht unbedingt populären – Miles Davis-Alben Decoy und You’re Under Arrest. Insbesondere aber auf dem Titelstück des 1984 veröffentlichten Decoy zeigte Jones, dass er in Sachen Coolness selbst dem Prince of Darkness das Wasser reichen konnte. Eine gute Wahl auch für die Stones, für die der Schritt zurück mehr Standfestigkeit in unruhigen Zeiten bedeutete.


9. The Righteous Brothers – You’ve Lost That Loving Feeling

Produzenten-Legende und Vollzeitweirdo Phil Spector ist zwar gemeinsam mit Barry Mann und Cynthia Weil als der eigentliche Mastermind hinter You’ve Lost That Loving Feeling zu nennen, Brian Jones aber war bei der Aufnahme ebenfalls anwesend. Produzent Brian Stone gab später zu Protokoll, dass eine der Background-Sängerinnen besonders hervorstach: „Es sangen dreißig Menschen im Hintergrund, aber Cher hatte diese Killer-Stimme. Wir haben sie fünfzig Fuß vom Mikrofon entfernt aufgestellt, aber alles, was zu hören war, war sie. Nach der Session nahmen wir sie noch in derselben Nacht ins Büro mit und schlossen einen Vertrag ab.“ So traten Sonny & Cher buchstäblich über Nacht aus dem Hintergrund ins Rampenlicht. Genau dort zollten ihnen die Stones später auch Tribut: Gemeinsam mit Manager Andrew Loog Oldham und der Fernsehmoderatorin Cathy McGowan machten sie zu den Klängen von Sonny & Chers Überhit I Got You Babe in McGowans Sendung Ready Steady Go! allerhand Faxen.


10. Death In Vegas – Aladdin’s Story

Vermutlich haben die Stones den Namen Richard Maguire noch nie gehört und womöglich wissen sie überhaupt nichts von seinem Sample-Tribut an So Divine (Aladdin’s Story) vom Album The Contino Sessions, welches Maguire gemeinsam mit seinem damaligen Partner Tim Holmes unter dem Namen Death In Vegas im Jahr 1999 veröffentlichte. Maguire würde ihnen aber sicher gefallen: Der Brite steht ebenso wie die Stones für einen zukunftsorientierten Sound, der zugleich seine Traditionen ehrt. Aus dem psychedelisch angehauchten und elektronischen Rock-Sound des Duos wurde spätestens seit dem Weggang Holmes‘ weiter geschraubt. Zuletzt erschien mit Transmission ein Album, für das sich Maguire die ehemalige Porno-Darstellerin Sasha Grey vors Mikrofon holte. Die Stones-Referenz von damals war übrigens sicherlich netter gemeint als der Projektname: Zuerst nannten sich Maguire und Holmes Dead Elvis, bevor die Anwälte eines gewissen Mr. Presley Einspruch erhoben. Vielleicht nicht das Schlechteste: Auch die Stones hätten vielleicht ganz anders geheißen.


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