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Popkultur

Die 15 berühmtesten Alter Egos der Musikgeschichte

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Seit Hunderten von Jahren erfinden Musiker Künstlernamen und sogar neue Identitäten als Teil ihres öffentlichen Auftritts. Für einige war es nur für ein einziges Album. Als z. B. die Beatles ihr Pilzkopf/Boyband Image ablegen und als ernsthafte Künstler wahrgenommen werden wollten, riefen sie Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band ins Leben. Andere kreierten ihren eigenen Mythos – wie ein gewisser Bob Zimmermann, der seinen angeblich unmodernen Nachnamen gegen den viel hipper klingenden Bob Dylan und eine passende Troubadour-Vergangenheit eintauschte.

Wieder andere ergaben sich dem Druck der Musikbranche. Als man Simon & Garfunkel sagte, dass ihre Namen zu “folkloristisch klangen”, gingen sie als “Tom And Jerry” ins Studio. Und manche waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt, wie z. B. Chris Gaines, die Rockstar-Inkarnation von Garth Brooks.

Egal ob Country, Rock, Jazz oder Hip-Hop – diese Kunstfiguren stehen für einen ganz bestimmten Moment in der Entwicklung eines Künstlers. Wir haben hier eine kleine Auswahl der bekanntesten Alter Egos von den 1950ern bis heute zusammengestellt.


1. George Clinton: Starchild/ Dr Funkenstein/ Mr Wiggles


George Clinton hat mehr als nur ein Alter Ego erschaffen: Mit der von ihm begründeten Mythologie des P-Funk kreierte er ein ganzes Universum, das dem Afrofuturismus Tür und Tor öffnete. Seine zwei zukunftsweisenden Bands Funkadelic und Parliament gehörten beide zu Clintons Kosmologie, die auch galaktisch aussehende Tänzer, Kostüme und ein echtes Raumschiff auf der Bühne beinhaltete. Clinton war sein Leben lang von Science Fiction begeistert und das zeigte sich in Figuren wie Starchild (inspiriert von 2001: A Space Odyssey) und Doctor Funkenstein (der Clintons Faszination für die Klontechnologie entsprang). Weitere Inkarnationen waren z. B. Mr Wiggles, ein rappender Unterwasser-DJ, Sir Nose D’Voidoffunk, Lollipop Man und viele mehr.


2. David Bowie: Ziggy Stardust/ Aladdin Sane/ Thin White Duke


Ein anderer Künstler, der sich von den Sternen inspirieren ließ, war David Bowie. Seiner bisexuellen Alien-Glamrock-Figur Ziggy Stardust setzte er 1972 mit dem Konzeptalbum The Rise And Fall of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars ein Denkmal. Da er aber nicht bis in alle Ewigkeit mit Ziggy assoziiert werden wollte, beendete er dessen Existenz und wurde zu Aladdin Sane, einer härteren und bösartigeren Figur, zu der ihn die düstere Dekadenz Amerikas inspiriert hatte. Nur wenig später stellte Bowie seine dritte Identität vor: Der Thin White Duke war ein verrückter Aristokrat, der Ähnlichkeit mit Bowies Rolle als menschenähnliches Alien Thomas Jerome Newton im Film The Man Who Fell To Earth hatte. Mit dem Duke und dessen gelegentlich recht kontroversen Äußerungen brachte sich Bowie gelegentlich in brenzliche Situationen, verwies aber immer darauf, dass er nicht dafür verantwortlich war, was der Duke sagte.


3. XTC: The Dukes Of Stratosphear

Das Alter Ego dieser lange sträflich vernachlässigten, britischen Band war mehr aus einem Scherz entstanden als aus einer künstlerischen Vision heraus. Nachdem der Auftrag als Produzent des Mary Margaret O’Hara Abums Miss America ins Wasser gefallen war, entschieden sich XTC-Frontmann Andy Partridge und Produzent John Leckie, die gezahlte Entschädigung von Virgin in ein paar psychedelische Tracks zu investieren, die zwar aus der Feder von Partridge und Colin Moulding stammten, für XTC aber zu experimentell waren. So entstand eine geheimnisvolle neue Band namens The Dukes Of Stratosphear und ihre zwei Alben 25 O’Clock und Psonic Psunspot verkauften sich sogar besser als die unter dem Namen XTC veröffentlichten Platten. Jedes Bandmitglied erhielt ein Alias und trug ein psychedelisches Outfit. Damit war der Zirkus komplett. Viele glaubten wirklich, dass es sich um eine echte Band handelte. Die Krönung war, dass ihr Debütalbum am 1. April 1985 erschien. Für XTC waren die Dukes “die Band, in der wir als Teenager alle spielen wollten.”


4. Hank Williams: Luke The Drifter

Für viele Künstler dienten diese Tarnnamen als Spielfeld für besonders eigenwillige und vielleicht befremdliche Aktionen. Der legendäre Countrymusiker Hank Williams allerdings kreierte sein moralisierendes Alter Ego Luke The Drifter, um gute Taten zu vollbringen und weise Ratschläge zu erteilen. Seit seinem Aufstieg erwartete das Publikum, dass alle seine Platten einen typischen, einheitlichen “Hank Williams Sound” aufwiesen. Deshalb rief Williams Luke The Drifter ins Leben, der über ernstere Themen wie gesellschaftliche Probleme singen konnte, ohne Konsequenzen zu fürchten. Viele dieser “Talking Blues”-Songs enthielten nachdenkliche Geschichten und Erzählungen. Von Hank Williams’ insgesamt 150 Songs erschienen nur 14 unter dem Pseudonym Luke The Drifter und keiner davon schaffte es zu seinen Lebzeiten in die Charts.


5. David Johansen: Buster Poindexter

Es erinnerte beinahe an eine Rückbildung, als der Mann, der teilweise für den Heavy Metal-Look und Punkrock-Sound verantwortlich ist, den Schritt vom Frontmann in Frauenkleidern bei den New York Dolls zu einem modernen Catskills Loungesänger machte. Nach dem Ende der Dolls, trennte sich David Johansen auch von seinen Netzstrumpfhosen und Makeup, legte stattdessen einen Smoking an, föhnte sich die Haare und wurde zu einem leicht affektierten Loungesänger namens Buster Poindexter. Diese Neuerfindung war erstaunlich erfolgreich, was zum Teil sicherlich an seinem Cover von Hot Hot Hot lag; und an den vier nachfolgenden Platten. Nach einer Weile hatte Johansen aber genug von Buster und begann 2004 wieder Musik unter seinem eigenen Namen und mit den wieder vereinten New York Dolls zu machen.


6. Julian “Cannonball” Adderley: Buckshot La Funke

Lange bevor Prince wegen eines Disputs mit Warner Bros seinen Namen in ein unaussprechliches Symbol änderte, gingen bereits viele Jazzkünstler unter Pseudonymen ins Studio, um vertragliche Verpflichtungen zu umgehen. Viele Musiker legten sich einen Decknamen zu, um mit anderen Künstlern zusammen arbeiten zu können. Aber anders als in anderen Fällen änderten sie nicht ihren Sound. Der Altsaxophonist Julian “Cannonball” Adderley war bei Mercury Records unter Vertrag, als er unter dem Pseudonym Buckshot La Funke für ein Blue Note Projekt ins Studio ging (ein Name, der wiederum als Inspiration für ein weiteres Alter Ego-Projekt diente: Branford Marsalis Hip-Hop Jazz Gruppe Buckshot LeFonque). Und Adderley war kein Einzelfall. So trat Charlie Parker z. B. als Charlie Chan auf, der Trompeter Fats Navarro als Slim Romero, Eric Dolphy als George Lane, Antonio Carlos Jobim als Tony Brzail, usw.


7. Paul McCartney: Percy Thrillington

Nach der Veröffentlichung von Ram 1971 produzierte Paul McCartney eine Bigband Instrumental Version des gesamten Albums und brachte diese 1977 unter dem geheimnisvollen Namen Percy Thrillington heraus. Paul McCartney und seine Frau Linda erfanden diese Figur und gingen sogar noch weiter: In britischen Zeitungen platzierten sie Anzeigen zu Thrillingtons Aktivitäten und erfanden eine detaillierte Hintergrundgeschichte für den Begleittext des Albums. Paul McCartney sprach nie über die Identität von Percy Thrillington. Erst bei einer Pressekonferenz im Jahr 1989 erzählte er die Wahrheit. Auch später benutzte McCartney immer wieder Pseudonyme für seine experimentelleren Nebenprojekte wie z. B. seine Electronica-Produktionen unter dem Namen The Firemen – eine Kollaboration mit dem Produzenten Youth.


8. Prince: Camille

Princes unveröffentlichte Alben sind fast genauso berühmt wie die, die er herausgebracht hat. Der einzige Trost ist, dass  es ein Teil des archivierten Materials doch noch auf einige der offiziellen Alben geschafft hat. So war es z. B. bei Camille, dem 1986 erschienenen, selbstbetitelten Debüt einer geschlechtsunspezifischen Kunstfigur. Prince hatte bekanntermaßen nie ein Problem damit, seine Falsettstimme einzusetzen (oder seine Alter Egos wie Jamie Starr, Tora Tora und Alexander Nevermind). Für Camille allerdings nahm er den Gesang extra mit einer langsameren Geschwindigkeit auf und passte ihn dann der höheren Tonlage an, um eine weiblich klingende Stimme zu bekommen. Die meisten Tracks von Camille erschienen 1987 auf Sign O’ The Times, darunter z. B. ‘Strange Relationship’, ‘If I Was Your Girlfriend’ und dessen B-Seite ‘Shockadelica’. Die Figur Camille war auch der Motor hinter einer weiteren auf Eis gelegten Veröffentlichung, The Black Album, auf dem zwei weitere Alter Egos des Künstler auftauchen: Bob George und Spooky Electric.


9. Eminem: Slim Shady

Im Hip-Hop gibt es eine ganze Menge Alter Egos, so kann Kool Keith insgesamt 58 davon vorweisen, die er über die Jahrzehnte kreiert hat. Und Eminem startete erst so richtig durch, als 1997 auf der The Slim Shady EP und 1999 auf der The Slim Shady LP sein bösartiges Alter Ego Slim Shady die Bühne betrat. In einem Interview sagte er: “Jeder hat zwei Seiten. Slim Shady ist einfach eine wütende Seite von mir, mit der ich Dampf ablassen kann.” So schreibt Marshall Mathers über das Vatersein, Eminem predigt über die Schattenseiten des Ruhms und Slim ist die sadistische, bösartig witzige Seite mit der schnellen Zunge, die ihn berühmt und den Medien das Leben schwer gemacht hat.


10. Leon Russell: Hank Wilson

Im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere arbeitete Leon Russell mit allen großen Namen der Musikwelt und wechselte auf seinen Hitalben mühelos zwischen Rock’n’Roll, Blues und Gospel. Country faszinierte ihn zwar auch schon immer, aber es dauerte bis 1973, dass er unter dem Pseudonym Hank Wilson eine Sammlung von Bluegrass- und Country Standards mit dem Titel Hank Wilson’s Back! herausbrachte.


Schaut euch hier ein Leon Russel Video mit dem Song Jambalaya an und lest weiter:


Heute ist das Album wenig bekannt, aber einer der Tracks, ‘Roll In My Sweet Baby’s Arms’, schaffte es sogar in die Billboard 100. Später nahm Russell unter seinem eigenen Namen ein Country-Duettalbum mit Willie Nelson auf und kehrte dann 1984 als Hank Wilson mit dem Album Hank Wilson, Vol. II zurück. Eine dritte Collection mit Country Covern, Hank Wilson, Vol. 3: Legend In My Time, folgte 1999.


11.  Nicki Minaj: Roman Zolanski

Hip-Hop tendiert grundsätzlich dazu, sich sehr ernstzunehmen. In dieser Szene ist Nicki Minaj ein wahres Chamäleon und kreiert diverse Kunstfiguren mit Perücken, Verkleidungen und eigenen Hintergrundgeschichten. Mittlerweile gibt es sogar eine eigene Wiki-Seite, um über jede auf dem Laufenden zu bleiben. Die wichtigste (und Minajs favorisierte) Figur ist Roman Zolandski, ein exaltierter, britischer Homosexueller, der wahnsinnig schnell spricht und vor Kontroversen nicht zurückschreckt. Seine erste Performance war auf Trey Songzs Hit Bottoms Up. Ab da taucht er auch auf anderen von Minajs Hits auf, darunter z. B. Roman’s Revenge, Roman Holiday und Roman Reloaded. Seine Mutter, Martha Zolandski, ist ein weiteres von Minajs Alter Egos. Daneben gibt es noch Harajuku Barbie, Female Weezy (Lil Waynes weiblicher Gegenpart), Point Dexter und über zehn andere.


12. 2Pac: Makaveli

Was als eine Figur mit begrenzter Lebensdauer begann, wurde zu einer der berüchtigsten Verschwörungstheorien der Musikwelt. Angeblich entwickelte 2Pac eine Faszination für Niccolo Machiavelli, den Philosophen aus dem Florenz des 16. Jahrhunderts, als er dessen Werke im Gefängnis las. Deshalb legte er sich das Alter Ego Makaveli zu. Auf seinem Album All Eyez On Me betritt Makaveli zum ersten Mal die Bildfläche. Mit dem 1996, wenige Monate nach den tödlichen Schüssen auf Tupac, veröffentlichten The Don Killuminati: The 7 Day Theory wurde er unsterblich. Das provokative Album nährte in den folgenden Jahrzehnten Gerüchte, dass Pac die Schießerei in Las Vegas irgendwie überlebt und seinen Tod vorgetäuscht hatte – genauso wie Machiavelli es in seiner politischen Abhandlung The Prince angekündigt hatte.


13. Herman Blount: Sun Ra

Einige Alter Egos existieren nur für einen Auftritt, andere für ein Album oder ein paar Jahre. Aber keines kann es mit dem künstlerischen Engagement des legendären Jazzkomponisten, Keyboarders und Bandleaders Sun Ra aufnehmen, der sich tatsächlich für einen Engel vom Planeten Saturn hielt – auf und abseits der Bühne. In einer Doku sagte er: “Da ich mich selbst nicht als Teil der Menschheit verstehe, bin ich ein spirituelles Wesen.” Herman Blount wurde 1914 in Birmingham, Alabama, geboren und machte sich zunächst in Chicago als Arrangeur von Fletcher Henderson einen Namen, bevor er sich komplett neu erfand, seinen “Sklavennamen” ablegte und gegen Sun Ra eintauschte. Es dauerte nicht lange, da war aus seinen “Space Trios” die große Arkestra Band entstanden, die kreuz und quer durchs Land reiste und sogar zu einer waschechten, musikalischen Kommune mit “Ra Houses” wurde.


14. Damon Albarn: Murdoc von Gorillaz

Da sie vom Pop-Einheitsbrei auf MTV die Nase voll hatten und im Bereich Hip-Hop experimentieren wollten, erfanden Blur-Frontmann Damon Albarn und sein Mitbewohner, der Illustrator Jamie Hewlett, 1998 die animierte Band Gorillaz. Genau wie viele der anderen Künstler nutzte Albarn diese Anonymität, um Musik zu machen, die er nicht mit Blur hätte veröffentlichen können. Das Zeichentrickprojekt hatte ständig wechselnde, absonderliche “Mitglieder” und setzte sich mit der Single Clint Eastwood 2001 auch in den Charts durch.


15. Will Oldham: Bonnie “Prince” Billy

Im Laufe seiner äußerst produktiven Karriere mit bisher schon über 50 Veröffentlichungen hat Will Oldham immer wieder Pseudonyme benutzt. Mit jedem Album schraubte er ein wenig am Namen, da seiner Ansicht nach die Musik wichtiger ist als die Identität des Urhebers. Er veröffentlichte als Palace Brothers, Palace Songs, Palace Music und Palace und blieb ab 1999 bei Bonnie “Prince” Billy. Die Idee kam von Bonnie Prince Charlie, dem berühmten englischen “Thronprätendenten” aus dem 18. Jahrhundert. Das Alter Ego wurde zu einer Ikone des Indierock und repräsentiert gewissermaßen seine kommerzielle Seite. Oder, wie er es in einem Interview ausdrückte: “ein Brill Gebäude oder ein Songwriter aus Nashville, der Songs mit Strophen, Refrains und Überleitungen singt.”

Es gibt unzählige Beispiele von Alter Egos in der Musikwelt – von Don Van Vliets Captain Beefheart über Green Days The Network und Stevie Wonders Eivets Rednow. Welche findet Ihr am besten? Sagt es uns in den Kommentaren!


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40 Jahre „Nebraska“: Als Bruce Springsteen durch Zufall zum einsamen Cowboy wurde

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Bruce Springsteen
Foto: Bill Marino/Getty Images

Vor 40 Jahren nimmt Bruce Springsteen Demos auf, die er eigentlich mit seiner E Street Band einspielen will. Er entscheidet sich dagegen – und veröffentlicht mit Nebraska sein vielleicht bestes Album.

von Björn Springorum

 

Hier könnt ihr euch Nebraska von Bruce Springsteen anhören:

Die Fabeln der Arbeiterklasse und der Mythos Amerikas sind Tropen, ohne die Bruce Springsteens Kanon auseinanderfallen würde. Immer schon haben ihn die Geschichten der vermeintlich einfachen Leute mehr interessiert als alles andere. Die Folklore der Menschen, die die Vereinigten Staaten von der Ostküste westwärts erschlossen und aufgebaut haben, die Arbeiter an den Docks, den Schienen, in den Minen.

Im Oktober 1980 veröffentlicht der Boss mit The River ein vielbeachtetes Doppelalbum voller jener Themen. Ein ganzes Jahr ist er damit auf Tour, vor allem in den USA, taucht auf den langen Fahrten über die Highways erneut tief ein in den Mythos des Wilden Westens. Die Eindrücke, Begegnungen und Erfahrungen inspirieren ihn in seinem Zuhause in New Jersey zu neuer Musik. Er verwendet vor allem die akustische Gitarre, eine Mundharmonika oder ein Tambourin für die Demo-Aufnahmen, die er als Grundlage für die eigentliche Studioarbeit mit seiner E Street Band nutzen will.

Drei Akkorde für ein Halleluja

Doch der folkloristische, pure, rohe Charme der oftmals mit drei Akkorden auskommenden Stücke bringt etwas in ihm zum Schwingen. Zwar arbeitet er im April 1982 mit seiner Band an Rock-Versionen dieser Song; das Ergebnis, das sagt ihm jedoch nicht zu. Für ihn fehlt den Songs im Bandkontext der verwunschene Americana-Kontext, die Seele des Landes, aus dem er sie schöpfte. Er und sein Manager Jon Landau entscheiden, diese spärlich instrumentierten Songs vom Rest zu trennen und aus ihnen eine Springsteen-Soloplatte mit Namen Nebraska zu machen. Aus den als Electric Nebraska bekannten Sessions sollen dennoch acht Songs für den Nachfolger Born In The U.S.A. von 1984 hervorgehen. Unproduktiv ist echt anders.

Eine magische Nacht

Im Grunde ist Nebraska somit ein Album, das am 3. Januar 1982 erschaffen wird. In den Abend- und Nachtstunden nimmt Bruce Springsteen wie entfesselt 15 Demos auf. Die meisten davon landen auf Nebraska. „Ich war immer nur so lang im Studio, weil das Komponieren so viel Zeit brauchte“, so sagte Springsteen mal. „Deswegen besorgte ich mir einen kleinen Vierspurrekorder, um schon mal grobe Songs aufzunehmen, die ich dann der Band zeigen würde. Ich hatte also dieses Tape wochenlang mit mir dabei, bis ich merkte: Das ist kein Demo, das ist das Album.“

Bis heute ist Nebraska ein einnehmendes, sehnsüchtiges Fernweh-Folk-Album voller Antihelden, tragischer Geschichten und amerikanischer Weite. Es lebt vom kargen Charme und von einem Schwermut, den man in dieser Intensität noch nicht von Springsteen vernommen hat. Passt zu den Themen: Die Songs drehen sich um einfache Menschen, vom Pech verfolgt oder in die Kriminalität abgerutscht. Im Titelsong geht es um den Mörder Charles Starkweather auf dem Weg zum elektrischen Stuhl, im abschließenden Reason To Believe brechen zumindest vereinzelte Sonnenstrahlen durch die tiefhängenden Wolken über den Great Plains.

Hommage an Atlantic City

Keine Inspiration braucht er natürlich für Atlantic City, Ode und Brandbrief an die einstmalige Casino- und Strandhochburg am Atlantik. Die Stadt ist wie ein pars pro toto für den Mythos der untergegangenen USA, ein einstmals glanzvoller Boardwalk, jetzt weitgehend verlassen, heruntergekommen. Im Song singt Springsteen mit Verzweiflung in der brechenden Stimme von einem Liebespaar, das nach Atlantic City flüchtet, wo er aufgrund seiner Schulden in der organisierten Kriminalität versinkt. Es sind Songs wie dieser, von dem sich die Killers zu ihrem Akustikalbum Pressure Machine inspirieren lassen.

Nebraska ist auch 40 Jahre später ein Monument und Springsteens wahrscheinlich bestes Album. Bis Western Stars (2019) ist es das einzige Album, das nicht auf einer eigenen Tournee vorgestellt wird. Es war ihm wohl immer zu düster.

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Zeitsprung: Am 4.6.1984 erscheint „Born In The U.S.A.“ von Bruce Springsteen.

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Popkultur

Review: „The End, So Far“ verschafft Slipknot neun neue Leben

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Slipknot
Foto: Venla Shalin/Getty Images

Das verflixte siebte Studioalbum wird bei Slipknot zur Wasserscheide: Nach zuletzt eher homöopathischen Änderungen im brachialen Soundbild stellen Corey Taylor und seine Maskencrew mit The End, So Far die Weichen für die Zukunft. Ihre beste Platte ist es nicht. Aber zweifellos eine beeindruckende.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch The End, So Far anhören:

Das Ende naht. Vielleicht nicht für Slipknot als Band. Aber definitiv für die Strukturen, in denen sich die Seelenstripper aus Iowa bisher bewegten: The End, So Far ist das letzte Album der Band für ihr Label Roadrunner und trägt das Ende der 25-jährigen Partnerschaft bereits im Titel.

Den Fans dürfte das egal sein. Für Slipknot geht dennoch eine Ära zu Ende. Und anstatt ein halbgares neues Album oder gar eine Best-Of auf den Markt zu werfen, um aus dem Vertrag zu kommen, geht man richtig in die Vollen. The End, So Far ist zwar nicht das brutalste, das heftigste, das härteste Album, das Slipknot jemals gemacht haben; das muss es aber auch gar nicht sein, dafür warne schließlich Iowa und Co. Zuständig.

Synthies, Chöre, klarer Gesang

Die siebte Platte porträtiert eine Band, die älter geworden ist. Und das endlich auch selbst anerkennt. Man umkreist solangsam die 50, da muss man nicht mehr so tun, als sei man 28. Deutlich wird das sofort: Der Opener Adderall ist der vielleicht untypischste Slipknot-Song aller Zeiten: Getrieben von flirrenden Synthies, Chören und durchgehend klarem Gesang, erinnert die Nummer eher an David Bowie oder an Tool.

Slipknot achten sorgfältig und gewissenhaft auf Dynamik, auf Songreihenfolge und Stimmungsbilder. Sie sind eine Albumband, groß geworden in Zeiten, in denen man Platten noch ganz hörte. Dem werden sie auch mit The End, So Far gerecht. Mehr denn je breiten Slipknot ihre irisierenden Flügel aus, decken so viele musikalische Gefilde ab wie nie zuvor. Klar ist die Platte auch brutal, in einem Song wie H377 sogar so durchgehend, kompromisslos und nervenzerfetzend knallhart wie auf ihrem tollwütigen Exorzismus Slipknot. Überwiegend steht jedoch eine Balance zwischen abgründiger Härte und trostspendenden Momenten auf der Agenda.

Grunge-Gefühle

Slipknot wissen längst, wie man Dynamik ausschöpft und präzise einsetzt. Die tosenden, grollenden Abriss-Monumente wirken wenn überhaupt, dann noch heftiger als auf früheren, eher durchgebolzten Werken. Melancholische, schwebende Momente wie die Alternative-Rock-Nummer De Sade zeigen zwischendrin aber eben immer wieder, dass man Dämonen und mentalen Horror auch ohne durchgehendes Metal-Inferno verhandeln kann. Hölle, bei Acidic kommen sogar Grunge-Gefühle auf!

Das Vermächtnis der Toten

Einen mehr als ordentlichen Job macht der neue Percussionist und Drummer Jay Weinberg. Er versucht gar nicht erst, in die XXL-Fußstapfen von Joey Jordison zu trommeln, füllt sein dynamisches, tightes Spiel aber dennoch mit mancher Referenz an den 2021 verstorbenen Drummer – voller Respekt und Demut. Es ist der sensible und richtige Weg, die tragische Geschichte einer Band zu verhandeln und weiterzutragen: Nach Paul Gray ist Joey Jordison schon das zweite Mitglied, das Slipknot zu Grabe tragen mussten.

Das Vermächtnis der Toten lebt auch auf The End, So Far fort. Ein Album voller Schatten, gespenstischer Melodien und gurgelnder Härte. Nicht alle Songs sind Treffer, manche verlieren sich in Post-Rock-Wolkengebilden und unpassenden Ausbrüchen. Unterm Strich bleibt aber eine knappe Stunde eindrucksvolles Flexen von einer Band, die ungebrochen vor Evolution, Kreativität und Aufbruchstimmung steht. Und endgültig keine Lust mehr hat, Konventionen zu pflegen oder Erwartungen zu erfüllen.

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Slipknot: Von Masken-Weirdos zu globalen Superstars

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Popkultur

30 Jahre „Küssen verboten“: Als die Prinzen zu Königen wurden

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Die Prinzen
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Sie gründen sich noch zu DDR-Zeiten und werden gleich nach der Wende zu gesamtdeutschen Popstars: Vor 30 Jahren verkünden die Prinzen mehrstimmig: Küssen verboten! Ohrwurm in drei, zwei eins…

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch das Küssen verboten anhören:

Alles beginnt im Knabenchor. Mehr oder weniger alle späteren Mitglieder der Prinzen singen sich erst mal in ostdeutschen Chören die Seele aus dem Leib – Sebastian Krumbiegel, Wolfgang Lenk sowie Henri Schmidt etwa im weltweiten Leipziger Thomanerchor. Was man eben so macht in der DDR. Daraus entsteht eine erste Band mit dem unglücklichen Namen Die Herzbuben. Der Versuch: Mit A-capella-Stücken erfolgreich werden.

Annette Humpe greift ein. Zum Glück

Das klappt zwar ganz gut, aber das große Problem ist: Immer wieder verlieren Die Herzbuben Mitglieder, weil sie sich aus der DDR absetzen. Es dauert also noch bis nach der Wende, bevor die Geschichte endlich Fahrt aufnehmen kann. Zu verdanken ist das übrigens Annette Humpe, die mit Ideal große Erfolge feiern konnte und mit Blaue Augen einen gewaltigen Hit komponiert hatte. Sie wird auf die Band aufmerksam, erkennt das Potential und verfrachtet sie im November 1990 zu Anselm Kluge für erste Aufnahmen in dessen Studio. Ihr ist auch zu verdanken, dass man den Namen Die Herzbuben ablegt und sich auf Die Prinzen einigt. Mit den Wildeckern wollte man dann auch nicht unbedingt verwechselt werden.

Danach geht es schnell: Schon die erste Single Gabi und Klaus wird 1991 zum Erfolg, das Debüt Das Leben ist grausam kann sich mehr als eine Million Mal verkaufen und bringt sie auf Tour mit Udo Lindenberg. Danach soll natürlich schnell ein Nachfolger her. Deutschland ist nach David Hasselhoffs Niedersingen der Mauer wiedervereint und dürstet nach deutschsprachiger Popmusik, die Prinzen sind als ostdeutsche Band in den alten und neuen Bundesländern der absolute Verkaufsschlager.

Auch Olli Dittrich mischt mit

Ihr Rezept – A-capella-Gesang trifft Pop mit teils hintersinnigen, teils albernen Texten – trifft den unbeschwerten Zeitgeist, der nach all dem Drama einfach mal eine gute Zeit haben will. Nur ein Jahr nach dem Erstling sind Die Prinzen mit Küssen verboten zurück. Diesmal produziert Annette Humpe gleich das komplette Album und hilft der Band beim Texten, zusätzliche Unterstützung bei den Lyrics kommt von Comedian Olli Dittrich – so etwa der Text zu Kleines Herz.

Aufgenommen wird im Frühjahr 1992 in den Boogie Park Studios im Hamburg, am 28. September erscheint das zweite Album der Prinzen. Und wird ein ähnlich großer Erfolg: Es verkauft sich über 800.000 Mal, was damals drei Goldene Schallplatten bedeutet. Neben dem großen Erfolg der Single Küssen verboten ist es vor allem der von Sebastian Krumbiegel verfasste Song Bombe, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Anders als die humorigen, leichten Songs der Leipziger postieren sich Die Prinzen mit fast schon punkiger Attitüde klar gegen Rechtsextremismus.

Gegen rechte Gewalt

Gemeinsam mit Annette Humpe spielen sie Bombe live beim „Heute die! Morgen du!“-Festivals gegen rechte Gewalt in Frankfurt vor 150.000 Zuschauern. Als der Song im Februar 1993 als Single erscheint, gehen viele besorgte Eltern auf die Barrikaden. So viel Sex und Kritik ist man von den Prinzen nicht gewohnt. Dem Erfolg schadet es nicht. Im Gegenteil: Die große Tournee zu Küssen verboten wird zum Durchmarsch, zu den fast 60 Konzerten in den größten Hallen des Landes kommen über 200.000 Besucher.

In nur zwei Jahren sind Die Prinzen von einer ostdeutschen A-Capella-Seltsamkeit zu einer der größten Popbands des Landes geworden. Wieder vergeht nur ein Jahr, bis sie diese Erfolgsgeschichte mit Alles nur geklaut fortsetzen werden. Nicht übel für so ein paar Typen aus dem Knabenchor…

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Zeitsprung: Am 31.10.1965 probt die DDR-Jugend den Beat-Aufstand.

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