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Popkultur

Die musikalische DNA von Alice in Chains

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Grunge, das ist ein ziemlich überdehnter Begriff. Denn was haben Nirvana, Soundgarden und Alice In Chains schon außer ihrer Heimat gemeinsam? Alle drei Bands rebellierten auf ihre Art gegen die vorangegangenen Generationen und setzten sich vom Zeitgeist ab. Nur, um ihn neu zu definieren. Alice In Chains sind vielleicht das beste Beispiel für eine Band, die sich in dieser Schublade niemals wohl fühlte, weil sie nie dorthin gehörte. Fehl am Platz zu sein ist nicht ohne Grund eines der großen Themen dieser Band um den Gitarristen und Sänger Jerry Cantrell, die 1996 wegen der Drogenabhängigkeit ihres Sängers Layne Staley nur noch unregelmäßig spielen konnten und 2002 seinen Tod miterleben mussten.


Hört euch hier einen Vorgeschmack der musikalischen DNA von Alice in Chains an:

Für die ganze Playlist klickt auf „Listen“.

Die Musik von Alice In Chains ist selbst in ihren fröhlichsten Momenten von einer Melancholie durchtränkt, die Ihresgleichen sucht. Vor allem aber bezieht sie sich anders als viele andere Bands ihrer Generation deutlich aus einer anderen Tradition als viele ihrer Zeitgenossen. Mike Inez, der 1993 Mike Starr am Bass ersetzte, brachte es 2013 in einem Interview auf den Punkt: „Bevor wir auftauchten, gab es keinen Grunge, weil das Wort noch nicht erfunden war“, sagte er erbost. „Davor wurden wir als Alternative Rock, als Alternative Metal oder als Metal oder Rock bezeichnet. Dabei gaben wir einen Scheiß drauf – wir waren eine Rock’n‘Roll-Band!“ Absolut richtig.

Dass Schlagzeuger Sean Kinney auf die Wurzeln seiner Band in der Seattler Metal-Szene hinweist, ist dennoch nicht verkehrt. Cantrell drückte es diplomatisch aus: „Wir sind viele verschiedene Dinge… Ich weiß nicht genau, was den Mix ausmacht, aber da ist Metal, Blues, Rock’n‘Roll und vielleicht ein wenig Punk drin.“ Schauen wir uns diesen Mix doch mal genau an und werfen einen Blick auf die musikalische DNA von Alice In Chains!


1. Guns N’ Roses – Welcome to the Jungle

Irgendwo zwischen Metal, Blues, Rock’n‘Roll und ein bisschen Punk sind auch Guns N‘ Roses angesiedelt, die für die Geschichte von Alice In Chains von großer Bedeutung waren. Von anderer Bedeutung allerdings, als es sich zuerst denken lässt. Alice In Chains nämlich würden diesen Namen nicht tragen, wäre die Band von Axl Rose nicht gewesen. Aber der Reihe nach: Johnny Bacolas von der Band Sleze, denen Layne Staley als Sänger vorstand, und Russ Klatt, der Frontmann von Slaughter Haus 5 sponnen während eines Konzerts im Backstage rum, als ihnen ein VIP-Pass in die Finger kam, auf den die Worte „Welcome to Wonderland“ geschrieben waren.

Von da führte das Gespräch zu Alice im Wunderland und schlussendlich zum Vorschlag Alice In Chains. „Steck sie in Ketten und so!“, soll Klatt gescherzt haben. Gesagt, getan. Um die Anspielung auf Sado-Maso-Praktiken nicht allzu deutlich zu machen, nannte sich Sleze in Alice N’ Chains um. Den Namen übernahm Staley nach Ende der Band für sein neues Projekt mit Jerry Cantrell, Sean Kinney und Mike Starr. Aus dem ‚N‘“wurde wieder ein „in“, denn schließlich waren Guns N‘ Roses mittlerweile weltbekannt…


2. Hanoi Rocks – Taxi Driver

Dass Guns N‘ Roses aber neben den Namenswirrungen auch musikalisch ihren Einfluss auf die damals frische Band – die sich zwischenzeitlich unter anderem Fuck genannt hatte – ausübte, zeigte sich mehr als deutlich auf deren Live-Setlist. Und das nicht erst, als die beiden gemeinsam auf Tour gingen, nein. Zum Repertoire der jungen Band gehörten neben diversen Coverversionen ebenfalls ein Stück von den Finnen Hanoi Rocks, die ihrerseits als einer der Haupteinflüsse für Guns N‘ Roses zählen. Deren Sänger Michael Monroe half Axl, Slash und ihren Mitstreitern sogar mehr als einmal im Studio aus.

Welcher Hanoi Rocks-Song aber hatte es den jungen Alice In Chains nun angetan? Es war Taxi Driver vom Album Lean On Me! Bei ihrem ersten Auftritt widmete Staley ihre Version des Rockabilly-Glam-Hybrids dem Hanoi Rocks-Drummer Razzle, der 1984 bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Typisch Alice In Chains: Selbst wenn sie für beste Unterhaltung sorgen, steckt immer noch ein Quäntchen Tragik mit drin. Ihr ambivalentes Auftreten sollte der Band schnell die Zuschreibung „Glam Metal“ einfahren. Eine zweifelhafte Ehre…


3. Slayer – Seasons in the Abyss

Denn sicherlich waren Alice In Chains dem Glam nicht abgeneigt. Im Gegenteil! Ihre Vorstellung von Metal war eine andere, geprägt wurden sie unter anderem von den Big Four: Metallica, Anthrax, Megadeth und Slayer. Ohne Metallica, dafür mit einem Haufen Scherereien ging es 1991 auf die legendäre Clash of the Titans-Tour. Zwischen Anthrax, Megadeth und Slayer fühlte sich die Band zwar bestens aufgehoben, die Reaktionen der Fans aber waren verhalten. Das hinderte sie nicht, im Folgejahr Tom Araya für einen Song ihres Überalbums Dirt ins Studio zu holen. Mittlerweile bei Fans als Iron Gland bekannt, zeigt das 43-sekündige Stück die böseste Seite der Band…

1995 versuchten es Alice In Chains und Slayer erneut, wieder gingen sie auf eine gemeinsame Tour. Doch bis zum heutigen Tag scheint es sich die Fanbase der Thrash-Legenden mit den Seattler Kollegen schwer zu tun, auch wenn es heutzutage besser sei, wie Kerry King noch 2015 beobachtete. „Mehr als damals noch sind sie offen für Qualitätsmusik“, sagte er mit Blick auf die Slayer-Fans und schaute dabei auch auf die Clash of the Titans-Tour zurück. „Ich verste‘’s schon, letztlich war es ein Thrash Metal-Festival und sie sind höchstens Hard Rock. Aber sie sind großartig und haben sich damit arrangiert.“ So haben Slayer der jüngeren Band vor allem Durchhaltevermögen gelehrt.


4. Ozzy Osbourne – No More Tears

Slayer war nicht die einzige Band aus dem naheliegenden Metal-Universum, mit der sich Alice In Chains stets prächtig verstanden. Auch mit der Black Sabbath-Frontröhre Ozzy Osbourne sollte es gemeinsam auf Tour gehen. Doch ein Unglück ihres eigenen Frontmanns machte dem Quartett einen Strich durch die Rechnung: Staley brach sich die Fuß. Ziemlich ironisch, hatte Ozzy diese Tour doch mit dem Titel No More Tours übersehen… Doch zum Glück handelte es sich um kein schlechtes Omen. Oder zumindest noch nicht…

Dennoch sahen sich Alice In Chains nur ein Jahr später mit einem Einschnitt konfrontiert. 1993 verließ Mike Starr die Band, angeblich um sich seiner Familie zu widmen. Ein Jahr später sprach Staley noch von „verschiedenen Prioritäten“, doch Jahre später deutete Starr in mehreren Interviews an, die Band habe ihn wegen seines Drogenkonsums gefeuert. So oder so: Ersatz fanden Cantrell und seine Gruppe in Mike Inez, der zuvor bei welchem legendären britischen Metal-Gott am Bass stand? Ihr ahnt es sicherlich…


5. Pantera – This Love

Der Verlust Starrs war für die Band offenkundig zu verkraften. Gemeinsam mit Inez konnten sie Welterfolge einfahren. Doch ab 1996 war die kurzzeitige Glückssträhne endgültig vorbei. Staleys eigene Drogenprobleme erschwerten die Arbeit mit dem Ausnahmesänger, im Studio oder gar auf Tour war die Band nur selten anzutreffen. Der Zustand des bisweilen auch mit Mad Season und Class of ’99 aktiven Staleys verschlechterte sich zunehmend, bis er schließlich am 19. April 2002 völlig ausgemergelt in seinem Bett tot aufgefunden wurde, nachdem er zwei Wochen zuvor dort verstorben war. Mit ihm ging eine der größten Stimmen der Rock-Geschichte.

Nach dem traurigen Abschied ließen sich die verbliebenen Mitglieder nur selten gemeinsam auf der Bühne sehen. Ging das überhaupt, Staley ohne Alice In Chains? Das wäre doch wie John ohne Paul, wie Sabbath ohne Ozzy, wie… Pantera ohne Dimebag Darrell! Auch der Gitarrist starb eines unglücklichen Todes. Gedacht wurde ihm von Cantrell, Kinney und Inez gemeinsam mit Phil Anselmo, der mit ihnen und Guns N‘ Roses-Bassist Duff McKagan bei einem Konzert ihren Hit Would? performte. Darrell und Cantrell waren glühende Fans voneinander. „Die Schichtungen und das ehrliche Gefühl, das Cantrell da [auf Dirt] hinkriegt ist so viel mehr wert als jemand, der fünf Millionen Töne spielt.“ Dabei hatte er selbst doch erst vorgemacht! Das beweisen Songs wie This Love vom Pantera-Klassiker Vulgar Display of Power. Wenig Schnickschnack, viel Gefühl.


6. Soundgarden – Black Hole Sun

À propos: Wo wir This Love hier gerade laufen lassen… Die ruhigen Parts könnten doch genauso gut von Soundgarden stammen, oder? Na ja, okay, überstrapazieren wollen wir die Parallele nicht, und dennoch: Den einen Grunge-Sound gab es nie und selbst Bands, die nicht zu dieser diffusen Bewegung gezählt wurden, hätten sich neben ihren – vermeintlichen – Hauptvertretern zweifelsohne gut gemacht. Grunge, das war eine Erfindung der Presse, um Bands aus dem Umkreis von Seattle zu kategorisieren und kaum mehr. Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden gehörten wider Willen ebenso dazu wie Alice In Chains.

Doch gibt es natürlich viele Verbindungen zwischen diesen Bands – klar, wohnten sie doch Tür an Tür! Das erste Demo-Tape von Alice In Chains, die sogenannten Treehouse Tapes, fand beispielsweise seinen Weg zum Soundgarden-Management, vertreten durch Kelly Curtis und Susan Silver. Sie leiteten es prompt an Columbia Records weiter, der Rest ist Geschichte. Für ihre Debüt-EP holten Alice In Chains dann allerdings neben Mark Arm von Mudhoney auch Chris Cornell ins Studio, der auf Right Turn zu hören ist. In den Linernotes sind die beiden übrigens als Alice Mudgarden genannt!


7. Nirvana – Come As You Are

Es gibt auch zwischen Alice In Chains und Nirvana eine Verbindungslinie, sie ist eher tragischer Natur. Nachdem Kurt Cobains Band mit Nevermind alle Rekorde brach und damit auch den Weg für den kommerziellen Erfolg von Alice In Chain‘ Debüt Sap frei machte, erschoss sich Cobain nur zwei Jahre später am 5. April 1994. Acht Jahre später sollte ihm Staley auf den Tag genau folgen, als er den Kampf gegen seine eigenen Dämonen verlor. Heroin war ihr beider Laster, auf ihre jeweils eigene Art gingen sie daran zugrunde.

In einem Fan-Q&A erinnerte sich Mike Inez an die eher zaghaften Berührungspunkte der Bands in der Seattler Szene. „Soundgarden waren so eine Band, ganz weit oben, im Regen, am Kiffen und Riffen, bis sie ihren ganz eigenen Sound perfektioniert hatten“, sagte er. „Das Gleiche gilt für die Typen von Nirvana und Pearl Jam.“ Von einer Szene kann also nicht die Rede sein, von gegenseitigem Respekt aber schon. Und obwohl sich Jerry Cantrell überrascht zeigte, dass Nirvana vor Pearl Jam in die Rock’n‘Roll Hall of Fame aufgenommen wurden, erinnerte sich aber an Cobain als eine einzigartige Persönlichkeit. „Er war so ein süßer Kerl, und eine echt authentische Seele, ein unglaublich begabter Künstler.“ Come As You Are! Das verbindet mehr als jede Genrebezeichnung…


8. Neil Young – The Needle and the Damage Done

„It‘s better to burn out than to fade away“, sang Neil Young – noch so eine Gemeinsamkeit der vielen Bands, die unter dem Begriff Grunge kategorisiert wurden – einst in Hey Hey, My My (Out of the Blue). Kurt Cobain schrieb die Zeile in seinen Abschiedsbrief, Layne Staley wurde ein anderes Young-Zitat zugeordnet. Im Winter 1996 brachte der Rolling Stone eine Titelstory, die mit dem Slogan „The Needle & the Damage Done: Alice In Chains‘ Layne Staley“ überschrieben war. Eine Katastrophe für ihn, aber auch die Band: Plötzlich stand der Kampf ihres Sängers mit dem Heroin im Mittelpunkt. Kein Wort mehr über die Musik!

Die Young-Zeilen „I hit the city and I lost my band“ sollten sich dennoch (wie so oft) als prophetisch erweisen. Doch ironischer Weise ging es erst nach dem Rolling Stone-Cover so richtig mit Staley bergab. Ein halbes Jahr nach Veröffentlichung der Geschichte spielte er sein letztes Konzert mit Alice In Chains und verlor nicht nur seine Band, sondern auch sich selbst für die kommenden sechs Jahre aus den Augen. Anders als Cobain verbrannte er nicht lichterloh, sondern verblasste langsam und quälend. Als Staley starb, ging keine Massenhysterie um die Welt, sondern nur ein ratloses Schulterzucken. Ein unfaireres Ende hätte es für ihn nicht geben können.


9. Comes With The Fall – Rockslide

Wie geht es weiter, wenn ein Bandmitglied stirbt? Viele Bands mussten sich diese Frage stellen. Nicht alle waren so konsequent wie etwa Led Zepplin, für die der Tod John Bonhams das Ende ihrer Band besiegelte. Doch Alice In Chains wagten sich nur zögerlich wieder an die Oberfläche. 2006 kamen sie aber wieder auf Füße. Neben ihrem gemeinsamen Song mit Phil Anselmo in Andenken an Dimebag Darrell spielten sie auch ein gemeinsames Stück mit Ann Wilson und William DuVall, dem Sänger der Band Comes With The Fall. Es sollte ein schicksalsträchtiger Auftritt werden und DuVall die drei verbliebenen Alice-Mitglieder noch lange begleiten.

Kennengelernt hatten sich Cantrell und DuVall, der die Band 2006 ebenfalls für eine Reunion-Tour begleitete, bereits 2000, als Comes With The Fall den Support für Cantrells Solo-Projekt stellten. Schon damals sang DuVall die Parts von Staley, wenn Cantrell die Stücke seiner zu diesem Zeitpunkt in der Schwebe befindlichen Band anstimmte. Zum Casting musste er dennoch, bevor er 2008 als offizielles Bandmitglied bestätigt wurde – obwohl er nur einen Versuch brauchte. Nachdem er mit Alice In Chains gemeinsam Love, Hate, Love sang, drehte sich Kinney zu seinen Kollegen um und meinte trocken: „Na, da ist die Suche dann auch schon wieder vorbei.“ Einige Fans reagierten erbost auf die Neubesetzung. „Wir wollen das feiern, was wir gemacht haben, und die Erinnerung unseres Freundes wahren“, entgegnete Cantrell. „Es geht nicht darum, Abschied zu nehmen zu vergessen. Sondern sich zu erinnern und weiterzumachen.“ Schön gesagt!


10. Godsmack – I Stand Alone

Das Vermächtnis Staleys wird schließlich nicht dadurch geschmälert, dass DuVall bei Alice In Chains anheuerte. Im Gegenteil. Denn erstens ist DuVall ein ganz anderer Sänger als sein Vorgänger und andererseits ermöglicht das neue Line-Up einer neuen Generation, das Werk der Band und damit auch Staleys Schaffen zu entdecken. Anfang der Nullerjahre machte sich eine neue Welle von Bands auf, den Sound von Bands wie Pearl Jam, Nirvana oder eben auch Alice In Chains ein neues Gewand zu verpassen. Puddle of Mudd, Staind, Creed und – urgs – Nickelback wurden schnell zur „Post-Grunge“-Bewegung ausgerufen, obwohl sie wenig gemein hatten. Die Geschichte wiederholte sich.

Mit Godsmack nahm zu dieser Zeit eine Band Fahrt auf, die sich schon 1995 gegründet hatte. Der Name konnte doch kein Zufall sein, oder? Da gibt es doch diesen Song auf Dirt… „Wir kannten den Alice In Chains-Song, aber dachten gar nicht daran“, winkte Sänger Sully Erna ab. Stattdessen entstand der Name, als sich Erna über jemanden mit einem Herpesbläschen am Mund lustig machte und am nächsten Morgen mit einem eben solchen aufwachte. „Es sah aus, als hätte Gott mir aufs Maul gehauen, weil ich jemanden verspottet hatte!“ Wäre das geklärt. So oder so nannte Erna bei einer Gedenkveranstaltung zu Ehren Staleys diesen als seinen Lieblingssänger. „Er war es, der mich zum Singen brachte!“ Mit Godsmack fand er eine Band, die zudem noch den Metal-Sound mitbrachte, der schon immer ein Teil von Alice In Chains‘ musikalischer DNA war.


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Zeitsprung: Am 5.7.1954 nimmt Elvis Presley seinen ersten Hit „That’s All Right“ auf.

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Michael Ochs Archives/Getty

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.7.1954.

von Tom Küppers und Christof Leim

Natürlich spielt Gevatter Zufall auch im Rock’n’Roll eine wesentliche Rolle. Selbst Elvis Presley, der „King“ höchstselbst, verdankt seinen Karrierestart einem kurzen, absolut ungeplanten Moment…

Hier könnt ihr euch zur Lektüre die Nummer und andere Elvis-Klassiker anhören:

Sam Phillips ist ein umtriebiger Geschäftsmann. Unter dem Banner Sun Records veröffentlicht er Anfang der Fünfziger Tonträger von Künstlern wie B.B. King oder Howlin’ Wolf und betreibt auch das dazugehörige Aufnahmestudio. Schnell kommt er auf die Idee, dieses auch Hobbymusikern zugänglich zu machen, die dann beispielsweise ihren Gesang auf einem rasch gepressten Acetat-Tonträger mit nach Hause nehmen können. Das gefällt auch dem gerade mal zwanzig Jahre jungen Elvis Aron Presley. Der kommt eines Tages in das Studio und möchte als Geburtstagsgeschenk für seine Mutter zwei Songs aufnehmen. Der Kunde ist König, Elvis bekommt seine Platte. Vor allem aber ist Parker recht angetan von dem, was er hört, und lädt den jungen Musiker zu weiteren Aufnahmen ein. 

Zunächst springt der musikalische Funke nicht richtig über, dann hat der Legende nach Parkers Sekretärin Marion Keisker den Geistesblitz, Presley mit dem Gitarristen Scotty Moore bekannt zu machen. Die erste Reaktion des erfahrenen Musikers ist pures Gold: „Elvis Presley? Was zum Geier soll denn das für ein Name sein?“ Nach einer gemeinsamen Probe ändert sich seine Meinung, umgehend wird für den 5. Juli 1954 eine weitere Aufnahmesession angesetzt. Doch die angedachten Interpretationen zeitgenössischer Pop-Hits zünden nicht wirklich. 

Während der Rest der Anwesenden während einer Pause ratlos dreinblickt, schnappt sich Elvis einfach eine Gitarre und beginnt, eine flotte Version von That’s All Right zu singen, einen Proto-Blues von Arthur Crudup. Später wird Presley erzählen, dass er eigentlich lediglich einmal kurz den Clown geben wollte, um die Stimmung aufzuheitern. Kontrabassist Bill Black steigt allerdings zupfenderweise auf den Witz ein, und da geht Parker plötzlich ein Licht auf: Das ist genau der neue Sound, nach dem alle suchen, und er hat ihn gerade eben gefunden. Moore stürzt zurück in den Aufnahmeraum, sucht ein paar Akkorde zusammen, und fertig ist die Nummer. 

Drei Tage später läuft That’s All Right dann zum ersten Mal im Radio bei Sendern, die Philipps mit einer Vorabpressung versorgt hat. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten; in einem Studio glühen die Telefone solange, bis sich der DJ genötigt sieht, die Platte während seiner zweistündigen Show immer und immer wieder aufzulegen. Elvis wird sogar zu einem Liveinterview eingeladen.

Am 19. Juli 1954 steht That’s All Right dann als Single in den Läden mit Blue Moon Of Kentucky als B-Seite, den die drei Musiker auf ähnliche Weise eingespielt hatten: Gesang, Gitarre, Bass, fertig. Und damit beginnt eine bis heute unvergleichliche Weltkarriere.

Und das soll alles darauf basieren, das Presley nur mal kurz einen Witz reißen wollte? Ein paar Jahre vor seinem Tod beantwortet Scotty Moore genau diese Frage mit einem Lachen im Gesicht und einem eindeutigen „Absolut!“ Manche Geschichten kann man sich echt nicht ausdenken…

Zeitsprung: Am 26.8.1969 kann Elvis Presley auf der Bühne nicht aufhören zu lachen.

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Popkultur

Sex, Prügel, Mordversuche: Vor 40 Jahren heiraten Ozzy und Sharon Osbourne

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Sharon & Ozzy Osbourne
Foto: Dave Hogan/Getty Images

Wie die Ehe zwischen zwei absolut unberechenbaren Neurotiker*innen wie Ozzy und Sharon Osbourne wohl so verläuft? Heftiger und exzessiver als sich das jede*r von uns vorstellen kann. Chronik einer sehr wilden Ehe.

von Björn Springorum

Im April 1979 wird Ozzy Osbourne nach katastrophalen Konzerten und unproduktiven Studioaufenthalten bei Black Sabbath vor die Tür gesetzt. Für ihn ist die Sache klar: Ihr Manager Don Arden braucht nur einen Sündenbock, erwischt hat es eben ihn. Arden, ein kompromissloser, brutaler Typ mit Mafiamethoden und einer langen Liste von Feinden und Kontroversen, lenkt damals schon seit einigen Jahren die Geschicke der Band. An der Rezeption sitzt damals seine Tochter Sharon Arden.

Liebe auf den ersten Kick

Auf die hat Ozzy schon seit Beginn der Siebziger ein Auge geworfen, bekommt es jedoch irgendwie hin, die Beziehung die ganzen Jahre über professionell zu halten – und das in einem Jahrzehnt, in dem man sich durchaus fragen kann, wie ein Begriff wie „professionell“ überhaupt in Ozzys Habitus passt. Vielleicht liegt es ja daran, dass er davon ausgeht, sie hielte ihn für einen „Wahnsinnigen“, wie er mal recht luzide reflektierte.

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Damals weiß er noch nicht, dass seine Zukünftige aus dysfunktionalen Verhältnissen stammt: Ihr Vater ist gewalttätig, sie ist oft Zeugin seiner Ausraster, als eine sehr junge schwangere Sharon Osbourne mal ihre Mutter besucht, ruft die ihre aggressiven Hunde nicht zurück, die über ihre Tochter herfallen. Sie verliert das Kind. So ein Ozzy auf welcher Droge auch immer wirkt im Gegenzug eher wie ein Spaziergang.

100.000 Pfund für Drogen

Obwohl Arden den Sänger gefeuert hat, nimmt er ihn auf sein Label Jet Records und entsendet seine Tochter Sharon nach Los Angeles, um dessen Solokarriere aufzubauen. Dort hat sich Ozzy mit seinen rund 100.000 Pfund Anteilen am Namen Black Sabbath (heute wären das über eine halbe Million Pfund) zurückgezogen, um in Frieden alles für Drogen und Suff auszugeben – „bevor ich zurück nach Birmingham kehren und mich arbeitslos melden würde“, so erinnert er sich. Ein folgenschwerer Fehler für den ach so taktierenden Manager: Die beiden verlieben sich, formen eine gemeinsame Front gegen Arden, der daraufhin schwere Geschütze auffährt, um die beiden auseinanderzubringen.

Ozzys erste Frau

Don Arden raubt seine Tochter aus, versucht sie umzubringen und erzählt Ozzy einmal sogar, dass seine Tochter ihren eigenen Vater verführen wollte. Familien… Man kann sie sich eben nicht aussuchen. Ozzy und Sharon bleiben stark, aber da gibt es natürlich noch ein anderes Problem: Ozzy ist seit 1971 mit einer gewissen Thelma Riley verheiratet, die beiden haben sogar zwei Kinder. Um den Weg für die neue Liebe frei zu machen, lässt sich Ozzy 1982 von Riley scheiden und tritt am 4. Juli 1982 mit Sharon Arden vor den Traualtar. Natürlich darf man sich fragen, wie die beiden jemals auch nur annehmen konnten, eine ruhige, harmonische Ehe zu führen, aber es ist natürlich nicht an uns, das zu beurteilen.

 

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Während Ozzy sehr bald danach wieder in einem Schleier aus Drogen und Alkohol durch die Welt stolpert und Sharon Osbourne in ihrer neuen Rolle als Managerin mehr und mehr wird wie ihr brutaler Vater, ist zumindest ihr Hochzeitstag eine romantische Sache: Ozzy im weißen Anzug, mit Fliege und Lorbeerkranz (wie ein römischer Kaiser), Sharon im weißen Kleid mit Schleier. Weiß, die Farbe der Unschuld… Das kommt schon 1982 nicht mehr hin.

Keine großbusige Beutefrau

Was folgt, wissen wir alle: eine wilde Ehe voller Exzesse, Streitereien und physischer Gewalt. Sie überfährt ihn mit dem Auto, er sie mit dem Rasenmäher, 1989 versucht er nach vier Flaschen Wodka, sie zu erwürgen. Dafür kommt er sogar ein paar Monate in den Knast. Sharon hält zu ihm. Die ganze Zeit. 2016 trennen sie sich zwar kurz, als Ozzys Affäre mit der Haarstylistin Michelle Pugh ans Licht kommt, doch nach Dutzenden Affären ist Sharon wohl abgehärtet, schon im Jahr darauf sind sie wieder zusammen. Und nicht nur das: Sie baut ihn über die Jahre zum Nationalheiligtum auf, zur bekanntesten Marke im Heavy Metal. Für Ozzy, klar. Aber auch für sich selbst. „Ich hörte damals immer nur: Ihr werdet das nie schaffen“, erinnerte sie sich mal. „Alle sahen ihn eher mit einer großbusigen Beutefrau, doch er bekam mich: eine kleine, fette, haarige Halbjüdin. Ich musste sehr viel kämpfen.“

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Mittlerweile haben es sogar die beiden geschafft, ihre Ehe in ruhigere Fahrwasser zu steuern. Zu ihrem 40. Hochzeitstag werden die beiden ihr Eheversprechen erneuern – das zweite Mal nach 2017. Und sich dann auf ihren Umzug zurück nach England vorbereiten. Happy anniversary!

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Zeitsprung: Am 4.7.1934 kommt DJ-Legende Mal Sondock zur Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 4.7.1934.

von Timon Menge und Christof Leim

Er gilt als „Vater aller Discjockeys“, zumindest in Deutschland. In den Sechzigern und Siebzigern moderiert er die Diskothek im WDR, in den Achtzigern folgt Mal Sondocks Hitparade. Am 4. Juli hätte Mal Sondock seinen Geburtstag gefeiert. Werfen wir einen Blick auf das Leben des Amerikaners, der das deutsche Radio revolutionierte.

Hört euch hier Hey, Annabella Susann von Mal Sondock an:

Es gab eine Zeit in der Welt des Musikhörens, von denen Eltern ihren Kindern heute bloß noch erzählen können. YouTube und Spotify waren noch nicht erfunden, MP3-Dateien ebenfalls nicht. Ja, sogar die Entwicklung der CD lag noch in weiter Ferne. Wir sprechen von einer Zeit, in der man genau vier Möglichkeiten hatte, neue Musik zu entdecken: per Blindkauf, per Fachpresse, per Freundeskreis oder per Radio. Letzteres Medium prägt in Deutschland vor allem ein Mann: Mal Sondock.

Zur Welt kommt Malcolm Ronald „Mal“ Sondock am 4. Juli 1934 in Houston, Texas. Gemeinsam mit einer Schwester wächst er als Sohn eines Zahnarztes auf. Bereits im Alter von 17 Jahren arbeitet er als Discjockey in Oklahoma City, während der College-Zeit heuert er bei mehreren Radiosendern und einer Plattenfirma an. 

1957 verschlägt es Sondock nach Deutschland. Als amerikanischer GI lebt er in Frankfurt am Main, Bremerhaven und München. Um seinen Sold von 75 US-Dollar aufzubessern, organisiert er Tanzveranstaltungen, bei denen er nicht, wie sonst üblich, eine Musikgruppe aufspielen lässt, sondern Schallplatten auflegt. Heute sagt man, dass es sich bei diesen Partys um die ersten Diskotheken Deutschlands gehandelt haben muss. 

Sondock kommt auf den Geschmack und bewirbt sich bei der ARD. Von dort aus landet er beim WDR, zunächst als Urlaubsvertretung für den Briten Chris Howland alias Mr. Pumpernickel. Ab 1961 moderiert Sondock die Montagnachmittagsmelodie, ab 1966 den Diskothekenbummel, aus dem sich 1967 die Sendung entwickelt, mit der er Radiogeschichte schreiben soll: Diskothek im WDR.

Ein großer Teil des Erfolgsrezeptes: Sondocks bescheidene Art. So garniert er seine Sendungen mit selbstironischen Sprüchen wie: „Weil er Deutsch nicht reden kann, schleppt er noch mehr Platten an.“ Er gilt aber auch als Arbeitstier. Laut eigener Aussage hört er für eine bis zwei Sendestunden sechs Tage pro Woche Musik, vier bis fünf Stunden täglich. Oft spielt er die kommenden Hits zum ersten Mal, manchmal sogar als Weltpremiere.

Revolutioniert über Dekaden hinweg das deutsche Radio: Mal Sondock

Ganze 13 Jahre lang bleibt Sondock mit dem beliebten Format auf Sendung und prägt drei bis vier Generationen an Musikhörern. Anders gesagt: Was er nicht spielt, ist auch nicht passiert. Aufgezeichnet wird die Diskothek live vor jugendlichem Publikum, aus dem zu Beginn jeder Show eine fünfköpfige Jury ausgewählt wird. Diese entscheidet im Verlauf der Sendung darüber, ob die vorgestellten Neuerscheinungen „Hit oder Niete“ werden. Die Zuhörer zuhause können außerdem Postkarten mit Musikvorschlägen einschicken, die nach Beliebtheit sortiert gespielt werden. 

Anfang 1981 wird die Diskothek durch Mal Sondocks Hitparade ersetzt. Die Rubrik „Hit oder Niete“ bleibt erhalten, diesmal allerdings per Telefonabstimmung. Knapp vier Jahre später wird die Sendung abgesetzt. Die offizielle Begründung: zu niedrige Einschaltquoten. Kaum jemand glaubt das, denn schließlich hören sie ihn alle, den alten M.A.L. vom WDR. Dennoch: Am 19. Dezember 1984 läuft die letzte Folge — mit Weihnachtsgrüßen von Freddie Mercury, Alan Parsons und Billy Ocean.

Was man sich heute kaum noch vorstellen kann: Sondocks Reichweite. Obwohl seine Sendung nur in Nordrhein-Westfalen und Umgebung ausgestrahlt wird, spielt er die Songs, die wenig später das ganze Land begeistern. Moderne Formen des Musikkonsums wie Spotify oder YouTube gibt es noch nicht, man muss sich anders behelfen. Wer in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern die Hits der Woche konservieren möchte, hängt mit zwei Fingern am Kassettenrecorder und drückt nach den Anmoderationen blitzschnell auf „Play“ und „Record“. Wenn man Glück hat, quatscht Mal nicht in den Song. „Nur bei Sachen, die zwei-, dreimal liefen, habe ich reingesprochen“, verteidigt sich Sondock später, wie der WDR berichtet. „Und das nur, um das Tempo dieser Sendung zu halten. Das hatte ich in Amerika gelernt.“

Neben seinem Job als Radiomoderator betätigt sich Sondock über die Jahre auch als Produzent, Sänger und Schauspieler. So entdeckt er nicht nur den Schlagerstar Michael Holm (Tränen lügen nicht), sondern singt auch selbst einige Platten ein. Seine erfolgreichsten Songs: Hey, Annabella Susann (1962), Das Mädchen mit dem traurigen Blick (1964) und Ich mach’ mir Sorgen um dich (1965). Im Film Stadt ohne Mitleid (1961) spielt er eine Nebenrolle. Zusätzlich tourt der Amerikaner jahrelang als mobiler Discjockey durch Deutschland.

Am 9. Juni 2009 stirbt Sondock im Alter von 74 Jahren in einem Kölner Krankenhaus. Er hinterlässt eine Frau, einen Sohn sowie eine Tochter. Beerdigt wird er auf dem Palm Cemetery in Orange County, Florida. Laut Welt hat Sondock einmal gesagt: „Ich verbreite keine Kultur. Ich bin ein Ami mit schlechtem Deutsch, der die Kinder mit Rock’n’Roll versaut.“ Musikdeutschland dankt ihm dafür. Rest in peace, alter Jockdiscey M.A.L.!

Zeitsprung: Am 25.9.1965 geht der „Beat-Club“ auf Sendung

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