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Popkultur

Die musikalische DNA von Bob Marley

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Wer Reggae sagt, meint in den meisten Fällen Bob Marley. Kaum jemand hat in der Musikgeschichte ein ganzes Genre dermaßen dominiert wie der Jamaikaner. Das ist einerseits schade, weil Reggae noch viel mehr zu bieten hat als die Musik des Rastafaris. Es ist zugleich jedoch nur die logische Konsequenz seines Schaffens. Gemeinsam mit den Wailers war Marley dabei, als der neue Sound in Jamaika seinen Anfang fand und trug ihn in die Welt hinaus.

Leicht hatte er es dabei nicht immer, denn außerhalb seines eigenen Landes wurde der Offbeat-basierte Sound nur zögerlich aufgenommen. Marley wurde stattdessen zu einer internationalen Ikone des Undergrounds und der Gegenkultur. Seine Musik war ein hoffnungsvoller Protest gegen das Übel in der Welt. Doch Reggae entstand nicht im luftleeren Raum und auch Marley konnte auf eine ganze Reihe von wegweisenden Musikern zurückblicken, die ihn entweder inspirierten oder auf seiner Reise unterstützten. Ein Blick auf seine musikalische DNA verrät uns, wer.

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Hör dir hier Bob Marley musikalische DNA als Playlist an während du weiterliest:


1. The Drifters – This Magic Moment

Schon früh begann sich der junge Marley für Musik zu interessieren. „Wie alles angefangen hat, weiß ich nicht“, gab er in einem Interview zu. „Aber ich weiß, dass meine Mutter Sängerin war. Meine Mutter ist sehr spirituell, wie eine Gospel-Sängerin. Sie schreibt Songs. Ich habe zuallererst sie singen gehört und fing so an, Musik zu lieben.“

Mit Neville „Bunny“ Livingston fand er einen Freund, der genauso musikversessen war wie er selbst. Gierig sogen die beiden Teenager jeden neuen Sound auf. Bunny bastelte sich aus Kupferdrähten, einer Sardinenbüchse und einem Bambusrohr eine Gitarre, mit der die beiden ihre ersten Songs spielten. Wo ein Wille ist, da ist schließlich auch ein Weg! Neben Calypso, Ska und Rhythm and Blues stand die Musik der Vokalgruppe The Drifters hoch in Marleys Kurs. „Mein größter Einfluss waren die Drifters – Magic Moment, Please Stay, sowas. Also dachte ich mir, ich sollte eine Gruppe zusammentrollen.“


2. Fats Domino – Be My Guest

Gesagt, getan. Zuerst versuchte sich Marley mit seinen Kollegen noch am Ska-Stil, der sich in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren in Jamaika ausprägte. Mit dem Ska schuf sich Jamaika ein ganz eigenes Musikgenre, das regionale Stile wie Mento und Calypso mit dem Rhythm and Blues-Sound des schwarzen Amerikas vereinte. Insbesondere die Musik von New Orleans-Musikern wie Fats Domino war beliebt. Songs wie Be My Guest bildeten mit ihren synkopierten Gitarrenakkorden die Blaupause für die unwiderstehlichen Ska-Grooves.

Im Rhythm and Blues fand die jamaikanische Bevölkerung eine Musik, die viel eher zu ihnen sprach als der weiße Rock eines Elvis Presley. Über Transistorradios und die ersten Soundsystems verbreitete er sich über die ganze Insel, bis irgendwann jede noch so obskure Platte totgespielt war. Mit dem Aufkommen von Ska fand die Unabhängigkeitserklärung Jamaikas im Jahr 1962 ihren perfekten Soundtrack: Die Stimmung war ausgelassen, eine neue kulturelle Identität begann sich zu bilden.


3. Skatalities – Freedom Sounds (Live)

Songs wie Freedom Sounds von den Skatalities drückten den Spirit dieser Zeit am besten aus. Die Skatalities gehören zu einer der bekanntesten Gruppen der ersten Ska-Welle und rekrutierten ihre Mitglieder aus der regionalen Musikszene. Als veritable Supergroup waren sie sich aber keineswegs zu schade, um mit einem Haufen unerfahrenen Burschen ins Studio zu gehen, um deren erste Single mit dem Titel Simmer Down aufzunehmen.

Wer diese Burschen waren? Nun, sie nannten sich die Wailers und wurden von Peter Tosh, Bunny Wailer und einem gewissen Bob Marley angeführt. Mit dem Song wollte die junge Band die „rude boys“ in den Ghettos Jamaikas dazu auffordern, ihr gewalttätiges Treiben zu überdenken. Ob’s geholfen hat? So oder so hätte Marley wohl kaum einen passenderen Einstieg feiern können. Mit den Skatalities im Rücken und der Vision einer friedlicheren Welt startete er seine Karriere auf dem richtigen Fuß. Nur musikalisch sollte er sich noch etwas umorientieren.


4. Toots & The Maytals – Do The Reggay

„Reggae begann mit Fats Domino“, soll Marley einmal gesagt haben. Tatsächlich lässt sich eine direkte Verbindungslinie vom Sound des Rhythm and Blues aus New Orleans über den Ska-Hype hin zur Entstehung des Genres ziehen. Wie aber genau entstand der Reggae? Musikhistoriker sind sich uneinig, verbrieft sind allerdings die Wurzeln des Genres im Ska und dem Rocksteady sowie die erste populäre Nennung in einem Song von Toots & The Maytals.

Do The Reggay erschien 1969 und brachte bereits alle Zutaten mit, die den Sound für Jahrzehnte prägen sollten. Reggae ging die Dinge ruhiger an als die frenetischen Ska-Rhythmen und ließ die grellen Bläser weg. Stattdessen traten Gitarre und gelegentlich auch Orgeln in den Vordergrund. Der Gospel-inspirierte Sound von Toots & The Maytals wird Marley auch an die Songs erinnert haben, die ihm seine Mutter als Kind vorgesungen hatte. Er jedenfalls war absolut begeistert vom Reggae und ging schon bald mit den Wailers und dem Produzenten Leslie Kong ins Studio, um seine neue musikalische Vision dort umzusetzen.


5. Eric Clapton – I Shot The Sheriff

Das Wort „Reggae“ wird in Europa und den USA auch gerne mal als Sammelbegriff für sämtliche jamaikanische Musik verwendet und selbst gefuchste Musiknerds wären vermutlich aufgeschmissen, wenn sie spontan den Unterschied zwischen Calypso und Mento erklären sollten. Nein, Reggae hat es nach wie vor nicht leicht und auch der internationale Siegeszug des Genres dank Marley selbst musste hart erkämpft werden.

Auf seinem Weg kam Marley von unerwarteter Seite Hilfe zu. Was fand so ein bleicher Brite wie Eric Clapton bitte am Reggae-Sound? Vielleicht mochte die „Slowhand“ ja den entspannten Grundton des Genres. So oder so markiert seine Coverversion von I Shot The Sheriff einen Schlüsselmoment in der Geschichte des Genres und somit der Karriere Marleys: Clapton eröffnete beiden ein völlig neues Publikum, das danach vermehrt zum Original griff. Es scheint ganz so, als hätte Marleys friedliebende Message ihm ein paar Karmapunkte eingespielt.


6. The Impressions featuring Curtis Mayfield – People Get Ready

Nach der Auflösung der Wailers im Jahr 1974 war Marley an einem Scheidepunkt angekommen. Der irrsinnige Erfolg des Clapton-Covers schien eine Fügung des Schicksals zu sein: Marley zog nach England. Dort nahm er die Alben Exodus und Kaya auf, die ihm ganze vier Hits bescherten. Der vielleicht nachhaltig bekannteste davon ist sicherlich One Love. Den Song hatten die Wailers bereits 1965 aufgenommen und dabei glatt unterschlagen, wer große Teile des Songs ursprünglich geschrieben hatte: Curtis Mayfield, Mastermind der Band The Impressions.

One Love ist nicht das einzige Stück, das sich die Wailers bei den Impressions geliehen hatten. Dass die Wailers sich bei der in fünfziger und sechziger Jahren extrem erfolgreichen Vokalgruppe bedienten, lag auf der Hand. Einerseits vereinte die Band den Sound von Gruppen wie den Drifters mit sanften Ryhthm and Blues-Grooves, wie sie dem Ska nahe standen. Andererseits gehörte Mayfield der schwarzen Bürgerrechtsbewegung an und legte somit eine ganz ähnliche Einstellung an den Tag wie Marley und seine Kollegen. Immerhin übrigens holte Marley sein Versäumnis später nach: Die Version auf Exodus nennt Mayfield als Co-Songwriter.


7. James Brown – Say It Loud – I’m Black and I’m Proud

Mayfield wurde nach dem Ende der Impressions als einer der Pioniere des neuen Soul-Genres als Solo-Künstler weltweit bekannt. Nicht nur sein Einfluss aber reichte bis nach Jamaika, auch der „Soul Brother No. 1“ James Brown war bei den Wailers beliebt, wie auch ihren frühen Aufnahmen anzuhören ist. „Oh, das ist, was wir damals alle gehört haben“, sagte Marleys Witwe Rita in einem Interview.

„Es war unser täglich Brot in dem Sinne als dass wir dachten, dass wir eines Tages in allen diesen Radiostationen gespielt würden und glaubten, dass unsere Musik eines Tages in Amerika gespielt würde. Das war in den frühen Sechzigern unser Traum. Bob Marley und die Wailers hörten Curtis Mayfield und die Impressions, und James Brown. Jede Nacht hörten sie sich diese Typen an und versuchten, genauso zu klingen.“ Mehr noch war Brown wie Mayfield auch eine wichtige politische Bezugsperson. Im Song Black Progress zitiert Marley nicht ohne Grund die ikonische Zeile „We rather die on our feet than keep livin’ on our knees“ aus dessen Say It Loud – I’m Black And I’m Proud.


8. Miles Davis – Blue In Green

Obwohl sich Marley überwiegend mit dezidiert schwarzen Musikstilen auseinandersetzte, machte sein Wirken auch nicht vor weißen Musikern Halt. „Bob Marley war der Angelpunkt meines Interesses für schwarze amerikanische Musik und Jazz“, gab etwa Sting zu Protokoll. Jazz ist ein gutes Stichwort, denn auch für das Genre interessiert sich Marley nachhaltig. Dabei ging es ihm nicht nur um den beschwingten Big Band-Sound früherer Zeiten, sondern auch zeitgenössische Interpretationen des traditionsreichen Genres.

So richtig leicht fiel es dem Jamaikaner aber keinesfalls, sich mit Jazz anzufreunden. „Ich konnte es einfach nicht verstehen“, schmunzelte er in einem Interview. „Nach einer Weile aber kapierte ich, worum es ging und ließ mir von Joe Higgs und Seeco Patterson einiges beibringen. Ich habe Ganja geraucht und dann begriff ich Jazz. Ich habe versucht, mich in eine Stimmung zu versetzen, in welcher der Mond blau schimmert, und wollte die Gefühle nachvollziehen, die in Jazz ihren Ausdruck finden.“ Ob dabei auch Miles Davis auf dem Plattenteller rotierte? Ein Song wie Blue In Green scheint allein dem Titel nach schließlich perfekt für eine melancholische Räuchersession auf der heimischen Couch geeignet…


9. Mulatu Astatke – Yèkèrmo Sèw

Im Laufe seiner Karriere setzte sich Marley auch zunehmend mit der Musik des afrikanischen Kontinents auseinander, den er selbst als Wiege der Menschheit betrachtete. Sein Sehnsuchtsland war Äthiopien, wo Mulatu Astatke in den siebziger Jahren den sogenannten Ethio-Jazz etablierte. Astatke hatte in Großbritannien und den USA studiert und dort auch sein musikalisches Handwerk gelernt, schuf aber einen ganz eigenen Sound, der die Klänge seines Heimatlands miteinbezog.

Für einen Rastafari wie Marley hatte Äthiopien einen besonderen Stellenwert: In seinem Glauben handelt es sich dabei um das Heilige Land. 1978 besuchte er es erstmals in seinem Leben, zu einer Zeit also, als Astatke gerade mit dem Ethio-Jazz einen neuen Sound schmiedete, der nicht unähnlich dem Reggae der schwarzen Diaspora eine Stimme verlieh. Die Alltagsrealität im Heiligen Land sah aber düsterer aus, als die wortlose Musik Astatke klang: Ein Bürgerkrieg tobte, als Marley dort die Rastafari-Community im Städtchen Shashemene besuchte. Es hat seiner Faszination keinen Abbruch getan und 2005 orderte seine Witwe sogar eine Umbettung seiner leiblichen Überreste nach Äthiopien an.


10. Lee “Scratch” Perry & The Upsetters – Enter The Dragon

Marley starb jung und doch ist sein Erbe größer als das mancher anderer Stars seiner Zeit. Obwohl er auf immer das Gesicht des Reggae-Sounds bleiben wird, so waren seine Einflüsse doch ebenso vielseitig wie sein eigenes Schaffen. Als Reggae-Pionier hat er auch an der Entstehung von anderen Sounds seinen Anteil gehabt. Als Produzenten wie King Tubby und Lee „Scratch“ Perry den Sound des Genres im Studio auf seine Bass- und Rhythmuselemente eindampften und somit den Dub schufen, war Marley live dabei.

Dub revolutionierte die Musikgeschichte, indem es noch vor den großen Krautrock-Produzenten wie Conny Plank das Studio zum eigentlichen Instrument erhob. Dub-Musik war explizit für die Benutzung auf den mobile Soundsystemen in Jamaika gedacht, wo die Platten für ein tanzwilliges Publikum aufgelegt wurden. Mit Lee „Scratch“ Perry und seiner Band Upsetters hatte Marley selbst für eine kurze Zeit zusammengearbeitet und blieb ihm bis zu seinem Tod freundschaftlich verbunden. Gemeinsam nahmen sie in Perrys legendärem Black Ark-Studio im Jahr 1978 ein paar Demos auf, zu denen Perry auch eigens ein paar Dub-Versionen bastelte. Zwei musikalische Visionen, harmonisch miteinander vereint.


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Der Boss kommt: Bruce Springsteen spielt drei Deutschlandkonzerte!

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Bruce Springsteen
Foto: Jamie Squire/Getty Images

2023 wird ein guter Sommer: Bruce Springsteen & The E Street Band kommen nächstes Jahr im Juni und Juli für drei Open-Air-Shows nach Deutschland. Freuen können sich Düsseldorf, Hamburg und München.

von Björn Springorum

Es sind die ersten Live-Dates von Bruce Springsteen und seiner E Street Band seit Abschluss der „The River“-Tour von 2016, mit der er in München und Berlin Halt machte: Für den Sommer 2023 haben der Boss und seine Kollegen jetzt eine endlich mal wieder eine ordentliche Europatour angekündigt. Und zu feiern gibt es viel: Seit ihrer letzte Reise durch die Alte Welt sind mit Western Stars und Letter To You bereits zwei neue, ganz hervorragende Springsteen-Platten erschienen.

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„Ich kann es kaum erwarten, die Bühne mit der legendären E Street Band zu teilen“

Hier die genauen Daten für Deutschland:

21.06.2023 Düsseldorf, Merkur Spiel Arena

15.07.2023 Hamburg, Volksparkstadion

23.07.2023 München, Olympiastadion

Im deutschsprachigen Ausland kommen zudem Zürich (13. Juni) und wien (18. Juli) in den Genuss einer Audienz beim Boss. Der Vorverkauf für alle Shows startet am 3. Juni 2022, um zehn Uhr morgens. Springsteen selbst kommentiert diese frohe Kunde wie folgt: „Nach sechs Jahren freue ich mich, endlich wieder unseren großartigen und loyalen Fans zu begegnen. Ich kann es kaum erwarten, die Bühne mit der legendären E Street Band zu teilen. Wir sehen euch da draußen im nächsten Sommer und darüber hinaus!“

Die aktuell E-Street-Band-Besetzung liest sich derzeit wie folgt: Roy Bittan (Piano, Synthesizer) Nils Lofgren (Gitarre), Patti Scialfa (Gitarre, Gesang), Garry Tallent (Bass), Stevie Van Zandt (Gítarre, Gesang), Max Weinberg (Drums), Soozie Tyrell (Violine, Gitarre, Gesang), Jake Clemons (Saxophon) und Charlie Giordano (Keyboards).

Allgemeiner Vorverkaufsstart:

Fr., 03.06.2022, 10:00 Uhr

www.livenation.de/artist-bruce-springsteen-and-the-e-street-band-1975

www.ticketmaster.de

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Zeitsprung: Am 3.5.1984 erscheint „Dancing In The Dark“ von Bruce Springsteen.

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Zeitsprung: Am 24.5.1974 erscheint „Diamond Dogs“ von David Bowie.

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Diamond Dogs

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 24.5.1974.

von Timon Menge und Christof Leim

Mit seinem achten Studioalbum Diamond Dogs hat David Bowie am 24. Mai 1974 eine seiner wechselhaftesten, aber auch interessantesten Platten veröffentlicht. Als eine der Vorlagen dient der berühmte Roman 1984 von George Orwell. Ein paar Kompromisse musste Bowie allerdings eingehen.

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Hört hier Diamond Dogs:


Als David Bowie Anfang 1974 zu seinem achten Wurf ansetzt, liegt die Beerdigung seiner wohl bekanntesten Kunstfigur Ziggy Stardust gerade einmal ein halbes Jahr zurück. Für Diamond Dogs kramt der britische Musiker den Charakter schon wieder hervor, wenn auch unter dem Namen Halloween Jack. Zumindest sind optische Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen. Die Geschichte beginnt allerdings bei einer der berühmtesten Dystopien aller Zeiten.



Heute wissen wir: George Orwells Jahrhundertwerk 1984 wurde von der Realität in vielerlei Hinsicht nicht nur ein-, sondern sogar überholt. Zu Beginn der Siebziger treibt David Bowie eine Begeisterung für den gesellschaftskritischen Roman um, sogar auf die Bühne möchte er das Buch bringen. Weil er nicht die nötigen Rechte dazu erhält, setzt er auf einen alternativen Plan und will das fremde Material mit seinen eigenen Vorstellungen einer postapokalyptischen Welt verschmelzen. Das Ergebnis: Songtitel wie 1984 oder Big Brother. Später mischt er die Ideen dann doch mit thematisch weiter gefassten Entwürfen, wodurch sich das Album zu einer komplexen und bunt gemischten Sache entwickelt.

Bowie während der Tour zu Diamond Dogs im Juni 1974 – Pic: Promo/MainMan

Auf der Plattenhülle sieht man Bowie als Fantasiewesen, zur Hälfte Mensch, zur Hälfte Hund. Nach Erscheinen löst diese Zeichnung des belgischen Malers Guy Peellaert eine Kontroverse aus, denn öffnet man das komplette Cover, kommen in der Urfassung die Genitalien des Geschöpfes zum Vorschein. Das geht natürlich nicht, also wird das Album schnell wieder vom Markt genommen und die entsprechende Stelle übermalt. Heute wechseln Originalexemplare für mehrere Tausend Euro den Besitzer.



Musikalisch orientiert sich die Platte teilweise am Glam der vorherigen Kompositionen Bowies. Mit Songs wie Rock ‘n‘ Roll With Me, 1984 oder Sweet Thing/Candidate/Sweet Thing (Reprise) liefert der Ausnahmekünstler allerdings auch einen Vorgeschmack auf die kommenden Jahre. Für letzteres Lied bedient er sich erstmals der Cut-Up-Technik, die vor allem von Autor Williams S. Burroughs bekannt gemacht wurde. Bei dieser Methode werden Texte in ihre Bestandteile zerlegt, um sie anschließend neu zusammenzusetzen — ein Vorgehen, das Bowie weitere 25 Jahre begleiten soll und viele seiner Songs prägt.



Mit Diamond Dogs schafft Bowie gerade rechtzeitig den schrittweisen Absprung vom Glam Rock, der in den Jahren danach zu einer Talfahrt ansetzt, von der er sich nicht mehr erholt. Laut eigener Aussage handelt es sich bei Diamond Dogs um noch deutlich mehr, nämlich ein „sehr politisches Album. Mein Protest. Es entspricht mir mehr als all meine bisherigen.“ In den britischen und in den kanadischen Charts erreicht die Scheibe Platz eins, in den USA Platz fünf — zu jener Zeit Bowies Bestwert.

Zeitsprung: Am 12.11.1964 setzt sich David Bowie für den Schutz langhaariger Männer ein.

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„The Wall“ als Film: Roger Waters’ holpriger Weg ins Kino

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Pink Floyd spielen "The Wall"
Foto: Rob Verhorst/Redferns/Getty Images

Als Pink Floyd im Jahr 1979 ihr monumentales Konzeptalbum The Wall vorlegen, denkt Mastermind Roger Waters schon längst über eine Verfilmung der Geschichte nach. Genau dazu kommt es wenig später auch — allerdings auf großen Umwegen, mit viel Streit und einem enttäuschenden Ergebnis.

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von Timon Menge

Hier könnt ihr euch The Wall von Pink Floyd anhören:

Mitte der Siebziger hängt der Haussegen bei Pink Floyd mächtig schief. Frontmann Roger Waters reißt Stück für Stück die kreativen Belange an sich, Gitarrist David Gilmour fühlt sich deshalb übergangen. Keyboarder Richard Wright kommt ohnehin zu kurz, doch die Schuld dafür gibt sich der typische Klassenstille später selbst. Als sich die Musiker auch noch um Tantiemen streiten und Gilmour zum ersten Mal Papa wird, übernimmt Waters noch mehr künstlerische Kontrolle. Quasi im Alleingang schreibt er das Konzeptalbum The Wall, das eine Kette von Ereignissen nach sich zieht. Da wären zum Beispiel der Rauswurf von Keyboarder Wright oder die aufwändige The Wall-Tour. Waters hat mit der Platte aber noch etwas anderes vor: Er möchte die Geschichte als Film auf die große Leinwand bringen.

The Wall: ein autobiografisch angehauchtes Meisterwerk

Die Handlung von The Wall lässt tief in Waters’ eigene Biografie blicken: Rockmusiker Pink leidet unter dem Tod seines Vaters im Zweiten Weltkrieg, unter seiner überfürsorglichen Mutter und unter seinem Dasein als Rockstar, der sich zunehmend von seinem Publikum isoliert fühlt — genau wie Waters während der ersten Pink-Floyd-Stadion-Shows im Rahmen der In The Flesh-Tour. Auch Schulprobleme aus der Kindheit und schwierige Liebesbeziehungen machen Pink zu schaffen. So demütigt ein Lehrer ihn zum Beispiel, indem er Pinks Gedichte laut vor der Klasse vorliest. Später findet der Rockstar heraus, dass ihn seine Frau betrügt und versucht, den Schmerz mithilfe eines Groupies und schließlich mit Drogen zu bekämpfen. Jede Enttäuschung sorgt für „another brick in the wall“, die Pink um sich errichtet. Am Ende laufen all seine negativen Erfahrungen zusammen.

Einen Film plant Waters schon vor der Produktion des Albums. Live-Aufnahmen sollen darin vorkommen, genauso wie Animationen aus dem Pinsel von Gerald Scarfe, der schon die LP von The Wall gestaltete. Auf dem Regiestuhl sollen Alan Parker und Michael Seresin sitzen, Waters möchte als Pink vor die Kamera treten. Doch dann kommt alles anders: Waters eignet sich nicht als Schauspieler, stattdessen übernimmt Boomtown-Rats-Frontmann Bob Geldof die Rolle. Der erzählt seinem Manager im Taxi noch, wie bescheuert er den Film findet — nicht wissend, dass Roger Waters’ Bruder am Steuer des Wagens sitzt. Live-Mitschnitte von Pink Floyd ergeben nach Waters’ Ausscheiden aus dem Cast keinen Sinn mehr, Seresin verlässt das Projekt daraufhin komplett. Übrig bleiben Parker, Waters und Scarfe. Harmonisch verläuft die Zusammenarbeit der Drei allerdings nicht …

Viel Ego, viel Film

Immer wieder geraten Musiker Waters, Regisseur Parker und Animateur Scarfe aufgrund ihrer Egos aneinander. Parker beschreibt den Filmprozess sogar als „eine der schlimmsten Erfahrungen meines kreativen Lebens“. Scarfe wiederum gibt in einem Interview mit dem Pink-Floyd-Magazin Floydian Slip zu Protokoll, er habe während der Dreharbeiten stets eine Flasche Whiskey im Gepäck gehabt. „Ich saß gegen neun Uhr morgens in meinem Auto und hatte eine Flasche Jack Daniel’s auf dem Beifahrersitz“, so Scarfe. „Ich trinke nicht viel, aber damals musste ich morgens einen Schluck nehmen, weil ich wusste, was auf mich zukam, und dass ich mich in irgendeiner Weise stärken musste.“ Roger Waters selbst genießt die Arbeit am The-Wall-Film auch nicht gerade, bezeichnet sie aber schlicht als „sehr zermürbende und unangenehme Erfahrung“.

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Die Premiere des Streifens geht am 23. Mai 1982 in Cannes über die Bühne, drei Wochen später folgt die Erstaufführung in London. David Gilmour und Nick Mason erscheinen als Gäste, Geldof und Scarfe lassen sich die Premiere natürlich ebenfalls nicht entgehen — genauso wenig wie Pete Townshend von The Who, Roger Taylor von Queen und Sting von The Police. Richard Wright bleibt wegen seines Rauswurfs zuhause. Zwölf Millionen US-Dollar kostet der The-Wall-Film unterm Strich, fast das Doppelte spielt er ein. Eigentlich handelt es sich bei dem Streifen also um einen Erfolg, doch Roger Waters ist nicht zufrieden. „Ich war am Ende ein bisschen enttäuscht“, verrät er 1988 in einem Interview. „Ich habe keinerlei Sympathie für den Hauptcharakter empfunden. Der Film war so ein Feuerwerk für die Sinne, dass ich als Zuschauer gar keine Chance hatte, mich richtig darauf einzulassen.“

„Was zum Teufel war das?“

Regie-Legende Steven Spielberg soll ein wenig direktere Worte gefunden haben und nach der Premiere in Cannes gefragt haben: „Was zum Teufel war das denn?“ The-Wall-Regisseur Parker behauptet später, dass ihn diese Reaktion gefreut habe: „In der Tat, ‚Was zum Teufel war das?‘ Niemand hatte so etwas bisher gesehen — eine wilde Mischung aus Live-Action, Storytelling und Surrealismus.“ Heute hat die The-Wall-Verfilmung ihren festen Platz in der Popkultur, nicht zuletzt aufgrund der charakteristischen Animationen von Scarfe. Zu den Sternstunden der Pink-Floyd-Geschichte zählt der Streifen aber sicher nicht.

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