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Popkultur

Die musikalische DNA von Eminem

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Hi, my name is… Marshall Mathers, Slim Shady, Eminem! Gleich drei Herzen schlagen in der Brust des Detroiters, und das auf Hochtouren. Die Wut und die Wucht des ehemaligen Trailer-Park-Kids haben ihre Kräfte in einem unbändigen Willen formiert, der ihn an die Spitze der internationalen Rap-Szene katapultiert hat. Einfach war das nicht immer und einfach war auch Eminem nie. Seine Eskapaden, Problemchen und Beefs mit so ziemlich allen Persönlichkeiten der Rap- und Pop-Szene (und, nicht zu vergessen, seiner Familie) sind weitläufig bekannt. Seinem Ruhm aber hat es nie geschadet.


Hört euch hier die musikalische DNA von Eminem in einer Playlist an und lest weiter:


Eminem ist einer der erfolgreichsten, wenn nicht sogar der erfolgreichste Rapper der Musikgeschichte. Wusstet ihr, dass sich seit Anfang 2017 mit „Stan“ ein Verweis auf den gleichnamigen Eminem-Song im Oxford English Dictionary findet? Dort wird das Wort entweder als Verb oder als Substantiv gelistet und bedeutet so viel: obsessiver Fan von jemandem (sein).

Dabei hat der selbsternannte Rap God von heute früher selbst ziemlich hart gestant. „Eminem hat sich alles angehört und das ist es, was ihn zu einem der Größten macht“, lobte ihn selbst der Kollege Guerilla Black in Paul Edwards’ MC-Bibel How To Rap. Dass Eminem der G.O.A.T. – der greatest of all time – ist, davon sind viele überzeugt. Dass aber auch er klein angefangen und seine Idole genauestens studiert hat, wissen wir mit Sicherheit. Werfen wir also einen Blick auf die musikalische DNA von Marshall Mathers, Slim Shady und Eminem, um zu erfahren, was ihn zu einem Kandidaten des G.O.A.T.-Titel machen könnte.


1. LL Cool J – I’m Bad

Wo wir schon beim Begriff G.O.A.T. sind: Das ist auch der Spitzname von LL Cool J, der 2000 ein Album desselben Namens veröffentlichte. Tatsächlich gehört LL Cool J, obwohl er und seine Karriere nicht sonderlich gut gealtert sind, zu den einflussreichsten Rappern überhaupt. Im Leben des jungen Marshall Mathers sollte er ebenfalls eine Schlüsselrolle spielen – und das nicht nur seiner Rap-Technik wegen. Der Legende nach war Marshall 15 Jahre alt, als er in der Schule auf den Tisch sprang, sich seines T-Shirts entledigte und oben ohne LL Cool Js Song I’m Bad zu rappen begann. Eine 13-jährige Mitschülerin konnte er damit immerhin beeindrucken: Kimberly Anne Scott, Eminem-Fans als Kim bekannt. Über die gemeinsame Geschichte der Beiden wissen wir der Presse und Eminems eigener Musik sei Dank genug. Was LL Cool J allerdings angeht, so zählt ihn Eminem immer noch zu einem seiner Rap-Idole, teilt aber auch gerne mal aus: „I’ll battle you over stupid shit and diss people who ain’t have shit to do with it like Cool J does (my tattoo!)“, reimt Eminem auf Get You Mad und macht sich damit über einen Beef des Rappers mit dem damaligen Youngster Canibus auf der Single 4, 3, 2, 1 lustig. Respekt schützt eben selbst bei Eminem nicht vor rhetorischen Seitenhieben.


2. Ice-T – 99 Problems

Ein weitaus besseres Verhältnis hat Eminem zu Ice-T, der mitverantwortlich für Eminems Rap-Begeisterung war. Angeblich soll sein Track Reckless das erste Rap-Stück gewesen sein, das er jemals gehört hat. Nicht ganz unwahrscheinlich, schließlich war das Stück auf dem Soundtrack des Films Breakin’ zu hören. Gesehen haben soll den der junge Marshall gemeinsam mit seinem Onkel Ronnie Polinghorn, dessen Geschmack für die musikalische Bildung des Neffen ausschlaggebend war. Zehn Tage aber nachdem die beiden Breakin’ gesehen hatten, nahm sich Ronnie das Leben. Immer wieder sollte Eminem der Vaterfigur in seinem Leben Songs widmen, aber auch Ice-T blieb im Laufe für seine Karriere relevant. Noch 2013 zitierte er auf So Much Better den Ice-T-Track 99 Problems, der vielen vermutlich am ehesten per Sample in der Hook von Jay-Zs gleichnamigem Stück bekannt ist. Eine doppelte Anspielung, die von Eminem aber auf den Kopf gestellt wird. Nicht aber, um etwa Ice-T etwas auszuwischen, der selbst in den höchsten Tönen von Eminem spricht.


3. Beastie Boys – Fight For Your Right

„I don’t do black music, I don’t do white music / I make fight music”, spittet Eminem angriffslustig auf The Marshall Mathers LP und machte damit eine klare Ansage an alle, die ihm als Weißen die Street Creds absprachen. Ebenfalls weiß und deshalb umstritten, ebenfalls kampfeslustig waren die Beastie Boys. Fight For Your Right, ihr ironischer Spitzenhit vom Album Licensed To Ill, tauchte als Sample wieder auf The Marshall Mathers LP2 im Track Berzerk auf. Nachdem er mit Ice-T Rap kennengelernt hatte, ermutigten ihn die New Yorker dazu, selbst zu rhymen. „Das war’s, was mich echt gepackt hat“, erinnerte er sich dem Magazin Spin gegenüber an seine erste Berührung mit den Beasties. „Daraufhin habe ich mich entschlossen, selbst mit dem Rappen anzufangen.“ Leicht hatte er es nicht in Detroit, wo er sich zwischen Schwarzen behaupten musste, die ihn seiner Hautfarbe wegen belächelten. Aber allein der Erfolg der Beasties hatte gezeigt: Auch aus einem Weißbrot kann im Rap-Game noch etwas werden. Aus diesem wurde einer der erfolgreichsten Rapper aller Zeiten.


4. N.W.A. – Straight Outta Compton

Ob es aber jemals so weit gekommen wäre, wenn nicht Dr. Dre gegeben hätte? Der soll angeblich nicht gewusst haben, um wen es sich bei dem wütenden Nachwuchs-Rapper mit der Slim Shady EP handelte. Gegenüber dem Magazin Vibe gestand das N.W.A.-Mitglied: „Als ich Em zum ersten Mal hörte, wusste ich nicht, dass er weiß war. Ich wusste nur, dass ich mit ihm arbeiten wollte.“ Ein Ausnahmefall, wie Dre betonte, denn sonst gingen Demos von seinem Schreibtisch geradewegs in den Papierkorb. Nicht aber diese. Der Rest ist Geschichte. N.W.A.-Mitglied Ice Cube wies auch drauf, dass es Eminem so nicht hätte geben können ohne den Kampf der Crew um Compton um freie Meinungsäußerung. „Wir mussten gegen Leute wie Tipper Gore für Redefreiheit einstehen“, sagte er 2016 vor der Veröffentlichung des Films Straight Outta Compton. „Diese Gruppe ist extrem wichtig für alle Arten von Musik. Ohne N.W.A. gäbe es Eminem nicht.” Der selbst prahlte 2013 allerdings noch: „Now I’ve been Hip-Hop in its tip-top form / since N.W.A. was blaring through my car windows“. Die Zeiten ändern sich eben. Was sich leider auch von Dr. Dres und Eminems mehr als fruchtbaren Kollaborationen im Studio sagen lässt…


5. 2Pac – If I Die 2Nite

Wobei es nun nicht so wäre, als würde Eminem unbedingt Hilfe benötigen: Er selbst hat sich ebenso als Produzent für etwa Jay-Z und natürlich seine eigene Musik hervorgetan. 2004 wurde ihm zusätzlich die Ehre zuteil, gemeinsam mit Afeni Shakur das posthume Album Loyal To The Game von deren Sohn Tupac produzieren zu dürfen. In einem bewegenden Brief hatte sich Eminem nach seinem Durchbruch an die Mutter der 1996 verstorbenen Rappers gewandt. „Wenn ich mich am schlimmsten fühlte (vor dem Ruhm, vor Dre), wusste ich, dass ich das Tupac-Tape einschmeißen konnte und dann schienen die Dinge plötzlich nicht mehr so schlimm“, stand darin zu lesen. „Er gab mir den Mut aufzustehen und zu sagen: ‚Fuck the world! This is who I am! And if you don’t like it, go fuck yourself!’“ Als seinen Lieblingssong nannte Eminem If I Die 2Nite vom Album Me Against The World. „Worüber er auch immer gerappt hat, es war dringlich“, schrieb er in einem Essay im Paper-Magazin über das Idol. „Seine Fähigkeit, Menschen zu berühren, war unglaublich.“ Die Intensität von 2Pacs Rap-Technik wurde stilprägend für den jungen Marshall, der ihn neben N.W.A., Public, Big Daddy Kane, Kool G Rap, Rakim und Special Ed während seiner Anfangstage intensiv studierte. „Tupac war der erste, der mir beibrachte, Songs zu schreiben, die sich nach etwas anfühlten.“ Sonst hätten wir wohl nur den Slim Shady aus My Name Is kennengelernt – und nicht etwa den aus Stan und vielen anderen emotional aufwühlenden Stücken.


6. Dido – Thank You

À propos 2Pac, à propos Stan: Seinen Gänsehautgaranten bekam das Stück nicht allein durch das szenisch eingesetzte Bleistiftkritzeln verliehen, sondern auch von der einmaligen Stimme von Dido, die Eminem ebenfalls für Loyal To The Game ins Studio holte. Auf Stan sampelte Produzent The 45 King den Breakbeat und Teile der Lyrics als Hookline für das Stück. Wie aber kamen die Britin und der US-Rapper eigentlich zusammen? Die ehemalige Background-Sängerin von Faithless erinnerte sich in einem MTV-Interview an den denkwürdigen Tag: „Ich hatte einen Brief in der Post“, sagte sie. „Darin stand: ‚Wir mögen dein Album, wir haben diesen Track verwendet. Wir hoffen, das ist okay für dich und es gefällt dir.‘“ Offensichtlich hatte ein Freund das Stück an Eminem weitergeleitet. „Als sie mir dann Stan zuschickten und ich ihn mir auf meinem Hotelzimmer anhörte, dachte ich nur: ‚Wow, das ist großartig!‘“ Ganz so rosig sah es aber nicht immer aus: Zwischenzeitlich wurde auch um Geld gestritten. 2013 aber standen die beiden wieder zusammen auf der Bühne, um ihren großen gemeinsamen Hit zu performen. Und Eminem? Der gab Ende 2013 zu, sie als Anwärterin für den Track Bad Guy auf The Marshall Mathers LP 2 in Erwägung gezogen zu haben, dem überraschenden Nachfolgesong zu Stan. „Aber das hätte wohl alles verraten“, gestand er. Stattdessen ist auf Bad Guy Sarah Jaffe zu hören.


7. Elton John – Your Song

Dass der wüste Rapper mit der verträumten Songwriterin kollaborierte, war eigentlich schon überraschend genug. Sich aber mit Elton John die Bühne teilen? Das schien absolut denkbar und doch geschah es. 2001 spielten die beiden im Rahmen der 43. Grammy Awards genau welchen Song? Richtig, Stan! Der Gay & Lesbian Alliance Against Defamation war das zu viel: Schon lange wurden Eminem seine homophoben Lyrics vorgeworfen. Warum sich wohl ausgerechnet einer der prominentesten schwulen Pop-Stars dazu hinab ließ, mit ihm gemeinsam aufzutreten? Tatsächlich war Eminems Grammy-Auftritt schon vorher unter Beschuss, weshalb er die Performance anleierte. „Ich sagte: ‚Wenn ich auftrete, dann nur mit Elton John.‘ Das war eigentlich ein Spaß, ich dachte nie, dass es passieren würde.“ Dabei hatte John selbst einst angekündigt, dass er gerne mit dem Rapper kollaborieren wollte: „Ich will mit Pharrell Williams, Timbaland, Snoop, Kanye, Eminem arbeiten und sehen, was passiert“, ließ er sich zitieren. Es wurde allerdings noch viel mehr draus. Auch John war zu den Aufnahmen zu Loyal To The Game eingeladen und schrieb mit Eminem gemeinsam das Stück Ghetto Gospel, mit dem die beiden 2Pac einen posthumen Hit verschafften. Vor allem aber wurde er zu einer Art Mentor für Eminem, als dieser sich im Strudel seiner Drogenabhängigkeit zu verlieren drohte. Einmal pro Woche soll der alternde Brite den Rapper angerufen haben, den er als „guten Freund“ bezeichnet. Gegen die Homophobievorwürfe hat er ihn auch verteidigt, obwohl Eminem immer wieder mit schwulenfeindlichen Lyrics auffiel.


8. Slaughterhouse – Move On (feat. Iffy Remix)

Gegen wen aber hat Eminem eigentlich nicht gewettert? Michael Jackson hatte er lange auf dem Korn, Ja Rule hatte Beef mit ihm und selbst Mariah Carey veröffentlichte eine Art Diss-Track gegen den Detroiter. Auch sein Kollege aus Anfangstagen und Bad Meets Evil-Kumpane Royce da 5’9’’ holte gegen den Jungendfreund aus. „Fuck anger management / I need somebody to manage my anger“, rappte er auf einem Freestyle-Track, den er für das Mixtape The Anger Management zur gleichnamigen Tour von D12 und Eminem einreichte. Daraufhin eskalierten die Dinge immer weiter, böse Interviewaussagen und Diss-Tracks wurden hin- und hergeschickt. Zum Höhepunkt des Beefs kam es im Sommer 2003, als Eminem und Royce außerhalb eines Clubs aneinander gerieten. Die nachfolgende Nacht im Kittchen haben die beiden allerdings dazu nutzen können, ihre Differenzen zu beseitigen. Heute sind sie wieder genauso gute Freunde wie damals und Royce veröffentlichte wieder auf Eminems Label Shady, unter anderem mit seiner Crew Slaughterhouse. „You dealt with shady shit? I dealt with shady shit / But I’m the only one can truly say I dealt with Shady’s shit… Marshall I’m sorry, I knew I went left / I ain’t into fucking my family like incest“, rappt Royce auf Move On. Und dass Royce im Juni 2017 eine Nachricht von Eminem auf Instagram postet, die mit den Worten „Wirklich? Du bist ein Arschloch“ anfing, bedeutet ebenso nicht, dass es zwischen ihnen kriselt. Weiter geht sie nämlich so: „Diese verdammten Freestyles, die du raushaust, sind vernichtend. Unglaublich. Ich hasse dich. Stirb.“


9. Hot Stylz – Lookin Boy

Von Ice-T und N.W.A. hin zu Dr. Dre, LL Cool J, den Beastie Boys, Rakim und KRS-One, über Nas zu 2Pac und Biggie, ja selbst von Jay-Z hat Eminem einiges gelernt und seine Einflüsse immer wieder offen dargelegt. Als er sich selbst – durchaus ironisch, wie er betonte – für seine Vorab-Single zu The Marshall Mathers LP 2 zum Rap God kürte, stieß das der Chicagoer Crew Hot Stylz jedoch arg auf. Nein, nicht wegen seiner Vermessenheit etwa. Eminem habe sie nicht nach Erlaubnis für ein 26-sekündiges Sample aus ihrem Viral-Hit Lookin’ Boy gefragt, lautete der Vorwurf! Nachdem sie prompt mit einem Diss-Track konterten, in welchem sie ihrem Ärger laut Luft machten und selbst mit aller Dreistigkeit aus dem Backkatalog des Slim Shadys sampelten, zogen sie vor Gericht. Eminem selbst äußerte sich zu dem Vorfall nicht – dabei hat er doch sonst eine so große Klappe. Im Einstecken ist er eben immer noch nicht so gut, wie selbst Weird Al Yankovic berichtete, als Eminem wegen seiner geschmacklosen Parodie Michael Jacksons in der Kritik stand. Eminem habe ihn gezwungen, die Produktion seines eigenen Lose Yourself-Satirevideos zu stoppen. Da muss wohl jemand nochmal Selbstironie üben, was?


10. Drake – You & The 6

Ob die D12-Posse oder 50 City, Eminem hat immerhin seine Positionen auch stets dafür genutzt, anderen Schützenhilfe zu verschaffen. So wie sich Eminem von zahlreichen Rappern hat inspirieren lassen, so hat er auch seinen Einfluss auf die Größten der nachfolgenden Generation hinterlassen. Nach Eminem war es Drake, der das Rap-Game von Neuem revolutioniert hat. Denn während ein Kanye West noch den eifrigen, aufschäumenden und größenwahnsinnigen Typus verkörperte, den auch Eminem mehr als oft durchspielte, fing mit Drizzy ein neues Kapitel an. Wenn er wie auf You & The 6 über seine Mutter rappt, klingt das schon wesentlich anders als bei Eminem: emotionaler, selbstreflektierter, weniger verbissen.


Schaut euch hier ein Freestyle Rap Battle von Eminem & Drake an:


Dabei konnte Drake auch immer austeilen. Fragt mal Meek Mill! Und obwohl die 6 und die 8th Mile wenig gemeinsam haben, so zitiert Drake Eminem doch immer wieder als „den größten Rapper, der jemals hinterm Mikro zu finden war“. Kurz: den G.O.A.T. Als 2016 das Gerücht kursierte, Eminem würde an einem Diss-Track gegen Drake arbeiten, war die Aufregung dementsprechend groß. Es handelte sich aber um eine Ente und tatsächlich standen die beiden nur wenig später gemeinsam auf der Bühne, um ihren Song Forever zu performen. Wohl besser für Drake, wenn wir uns die Freestyle-Fähigkeiten im Direktvergleich anschauen… Don’t mess with the G.O.A.T.!


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Popkultur

PJ Harveys Debüt „Dry“ wird 30: Die Wiedergeburt der Patti Smith

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PJ Harvey
Foto: Getty Images

Berstend intensiv, körperlich, kompromisslos: Vor 30 Jahren peitscht uns eine junge, unverfrorene PJ Harvey ihr wegweisendes Debüt Dry um die Ohren. Mitten im Grunge-Bohei wird die Welt Zeuge einer englischen Kulturrevolution.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr euch Dry von PJ Harvey anhören:

Musik und Bildende Kunst gingen für Polly Jean Harvey schon immer Hand in Hand. Die 1969 in Bridport an der südenglischen Küste geborene Sängerin, Künstlerin und Multiinstrumentalistin lernt früh Gitarre und Saxofon, kultiviert aber auch ein ausgewachsenes Interesse an visueller Kunst. Dennoch gibt sie in den Achtzigern erst mal der Musik den Vorzug: Sie spielt in einer Instrumental-Combo und in einer Folk-Band, ehe sie 1988 bei Automatic Dlamini einsteigt und dort unwissentlich die Weichen für ihre Zukunft stellt.

Sonic Youth drängen sich ins Bild

Mit John Parish und Rob Ellis lernt sie in dieser Band zwei wichtige Figuren kennen, die sie auf ihrem Weg in ihre ruhmreiche Solokarriere begleiten werden. Zunächst versucht es Harvey aber mal als Band: 1991 ist für sie Schluss bei Automatic Dlamini, mit den beiden Mitglieder Rob Ellis and Ian Oliver (später ersetzt von Steve Vaughan) gründet sie das Trio PJ Harvey. Zur selben Zeit kommt es zu einer Kräfteverschiebung in ihrem musikalischen Spektrum: Sonic Youth drängen Folk und Blues ein wenig an den Rand, ihre Lust an verzerrter, roher, pulsierender Gitarrenagonie erwacht.

Sie ziehen nach London, wo Harvey ein Studium der Bildhauerei in Betracht zieht. Die Sache mit der Musik, sie traut ihr irgendwie noch nicht so ganz. Selbst als ihrer ersten Single Dress viel Aufmerksamkeit zuteil wird und sie im Zuge dessen sogar von Radiogott John Peel protegiert wird, ist sich die damals 22-Jährige nicht sicher, ob eine musikalische Karriere eine Zukunft hat. Deswegen klinge ihr Debüt Dry auch so wie es klingt, sagte sie 2004: „Dry war meine allererste Chance, ein Album zu machen, und ich dachte damals, es wäre meine letzte. Also steckte ich alles in diese Songs, was ich hatte.“

Reinkarnation der Punk-Urmutter

Dry ist ein bemerkenswert extremes Album. Metallischer Bass, versengender Gitarrensound, dumpfe Percussions, dazu Cello, Kontrabass und diese Stimme. Das hier war nicht eine weitere Alternative-Rock-Band mit einer Frau am Mikrofon. Das war eine Wachablösung, eine Kampfansage an das Patriarchat des Rock’n’Roll. Mehr als jeder andere Vergleich zieht deswegen der mit Patti Smith: PJ Harvey als Reinkarnation der Punk-Urmutter, feministisch, intellektuell, weiblich, einschüchternd talentiert. Dry als das Horses der Neunziger – ein furioses, feminines, poetisches Aufbäumen voller schwerer Gitarren und versengender Lyrik.

Und nicht nur das: Dry ist zudem voller grandioser Songs. Dress als erste Single wirkt schon wie ein krachiges Leuchtfeuer, getoppt von Sheela-Na-Gig, einem dieser Stücke, die heute ebenso emblematisch für die Neunziger stehen könnten wie, sagen wir, Smells Like Teen Spirit. Das abschließende Water hingegen zeigt früh in ihrer Karriere ihre Rolle als Rockmusikerin und Poetin in Personalunion – der Wesenszug also, der auf künftigen Werken sehr viel stärker zum Vorschein kommt.

Schroffer Vorstoß

PJ Harvey ist näher an der feministisch-existentialistischen Poesie von Silvia Plath oder Virginia Woolfe als am Klischee dauerbesoffener Kunstschaffender, ist Lichtjahre entfernt von sinnentleerten Rock-Bands in knappen Höschen. Diese Erniedrigung überlässt sie gern anderen. Sie ist eine hochgebildete Denkerin, eine Intellektuelle in der politische Zeitgeschehen und Mythos kollidieren. Ihre Waffe sind gleichermaßen ihr Stift, ihre Stimme und ihre Gitarre, ihr Debüt ein schroffer Vorstoß in eine Welt, die bislang eher eine andere Art von Frontfrau gewöhnt war. Sie war Engländern, vielleicht liegt es ja auch ein bisschen daran. Doch wo Courtney Love am einen Ende des Spektrums thront, nimmt Harvey liebend gern das andere Ende ein.

Nicht, dass sich PJ Harvey mit ihren Reizen zurückhält, nicht, dass sie nicht sexy, lasziv kann. Ihre Persona und ihre Musik – allen voran ihre allererste jemals veröffentlichte Single Dress – machen aber vom Fleck weg eines klar: Wenn du dich so kleiden willst, dann tu es für dich. Und nicht, um jemand anderem zu gefallen. Nur weil sie eine Frau mit einer Gitarre ist, wollte PJ Harvey nie gefeiert werden, wollte sie nie auf dem Cover eines Magazins landen. Wenn schon, dann bitteschön wegen ihrer Musik. Mission erfolgreich, kann man 30 Jahre später sagen.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 30.6.1975 treten Cher und Gregg Allman vor den Traualtar.

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Foto: Frank Edwards/Fotos International/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.6.1975.

von Sina Buchwitz und Christof Leim

Vom Traualtar zum Scheidungsanwalt und zurück: Am 30. Juni 1975 heiratet Cherilyn „Cher“ Sarkisian ihren zweiten Ehemann Gregory LeNoir Allman, vier Tage nach Chers offizieller Scheidung von Sonny Bono. Für Gregg ist es bereits die dritte Vermählung. Doch das junge Glück währt nur kurz; neun Tage später will Cher die Ehe auflösen lassen. Letztlich gehen aus der turbulenten Verbindung doch noch ein Kind und ein Album hervor, bevor sie 1979 tatsächlich endet. 

Hört hier das gemeinsame Album Two The Hard Way: 

Als Cher und Gregg Allman im Januar 1975 zum ersten Mal aufeinandertreffen, stehen die Sterne eigentlich schon schlecht für die beiden: Cher befindet sich mitten in der Scheidungsschlacht mit ihrem ersten Ehemann Sonny Bono und kämpft im Zuge dessen auch um das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter Chastity. In Greggs Leben läuft es derweil nicht weniger chaotisch. Sein Alkohol- und Drogenkonsum nimmt Ausmaße an, der nicht nur die Allman Brothers Band zu zerreißen droht, sondern auch für Ermittlungen der Drogenvollzugsbehörde sorgt. 

Blitzbegegnung

Dennoch schlägt die Begegnung zwischen den beiden ein wie ein Blitz: „Sie roch so, wie ich mir den Geruch einer Meerjungfrau vorstelle“, erinnert sich Allman an das erste Treffen bei einem seiner Konzerte. Dass seine Auserwählte zu dem Zeitpunkt eigentlich ein Date mit Musikmagnat David Geffen verbringt, beeindruckt ihn wenig: „Ich war so unhöflich, ich sagte David nicht einmal ‚Hallo‘, weil ich so geblendet von ihr war.“ Cher gibt Gregg ihre Telefonnummer. Bis zum ersten Anruf vergehen keine 24 Stunden.

Bereits die erste Verabredung endet dank Allman im Desaster: Als Abschluss des Abends liegt er, berauscht vom Heroin, bewusstlos in der Ecke. Cher ignoriert die Warnzeichen jedoch und lässt sich auf eine zweite Verabredung ein. Dieses Mal läuft es besser. In einer Disco trinkt Gregg sich genug Mut an, um mit seiner Angebeteten zu tanzen. Im Anschluss geht es zu Cher nach Hause, wo die beiden sich im Rosengarten näherkommen. 

Eine Ehe wie eine Achterbahn

Ab da passiert alles im Eiltempo. Rund sechs Monate nach dem ersten Treffen, am 30. Juni 1975, heiraten die beiden in Las Vegas. Fans und Presse sind außer sich: Zum einen, weil die Tinte auf Chers und Sonnys Scheidungspapieren noch nicht trocken ist, zum anderen, weil die Popsängerin und der Southern-Rock-Pionier ein derart ungleiches Paar abgeben. Das scheint auch ihr bald zu dämmern – nur neun Tage nach der Eheschließung ruft sie ihren Gatten an, um ihm zu sagen, dass es vorbei ist. Doch der? Ist „so high, dass er mich noch nicht mal versteht“, erinnert sich die Pop-Diva. 

Innerhalb eines Monats gelingt es Allman, seine Frau zurückzugewinnen. Doch die Achterbahnfahrt der Gefühle geht weiter, als im Jahr darauf die Sonny And Cher Show, die erste TV-Sendung mit einem geschiedenen Ehepaar, wieder über die Bildschirme flimmert. Dieses Mal ist es Gregg, der die Scheidung einreicht und sie wieder zurückzieht, als er herausfindet, dass seine Frau schwanger ist. 

Noch eine Chance

Der gemeinsame Sohn Elijah Blue wird am 10. Juli 1976 geboren und scheint das Paar miteinander zu versöhnen. Dem Magazin People gegenüber verrät Cher: „Gregory hat aufgehört zu trinken und Drogen zu nehmen. Ich habe ihn schon immer geliebt, aber bisher dachte ich, es würde nicht halten. Zum ersten Mal fühlen wir uns wirklich wie verheiratete Leute.“ 

Allmans Solokarriere nimmt derweil wieder Fahrt auf. Das gemeinsame Album Two The Hard Way, welches im November 1977 erscheint, soll ihre Liebe unterstreichen. Bei Fans und Kritikern wird die Platte jedoch eher belächelt; zu unterschiedlich scheinen die beiden Musiker zu sein. 

Es hilft nichts

Nur zwei Monate nach der Veröffentlichung lassen sich Cher und Gregg zum letzten Mal scheiden. Und dieses Mal zählt’s. Während die dunkelhaarige Schöne sich unter anderem mit Kiss-Gründer Gene Simmons tröstet, zieht es Allman noch im selben Jahr wieder vor den Traualtar. 1979 veröffentlicht Cher mit My Song (Too Far Gone) einen Titel für ihren Verflossenen: 

Now he’s too far gone to hold me, 

Too far gone, he doesn’t wanna know me

Too far gone, and he doesn’t really know 

No, he’ll never get to know his son

Trotzdem spricht sie auch sehr positiv von der gemeinsamen Zeit: „Niemand hat mich jemals so glücklich gemacht wie Gregory“, sagt Cher in einem Interview. Als Gregg Allman 2017 stirbt, zollt die Sängerin ihrem Exmann Tribut. 

Zeitsprung: Am 1.5.1967 heiraten Elvis Presley und Priscilla Ann Beaulieu.

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Popkultur

Zeitsprung: Am 29.6.1980 singt Brian Johnson seine erste Show mit AC/DC.

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Foto: Paul Natkin/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 29.6.1980."

von Christof Leim

Kein einfacher Job: Nur vier Monate nach dem Tod von Bon Scott steht Brian Johnson am 29. Juni 1980 im belgischen Namur zum ersten Mal mit AC/DC auf der Bühne, im Gepäck das noch unveröffentlichte Back In Black. Doch die Tickets gehen weg wie nix Gutes. Und unser Mann ist so nervös, dass er zu zwei Songs den gleichen Text singt…

Hier gibt es das unerreichte Back In Black zu hören:

Wie schnell das bei AC/DC geht damals. Statt zu trauern, muss der Rock weiter rollen: Am 19. Februar 1980 stirbt ihr unvergleichlicher Sänger Bon Scott (alles dazu hier), am 1. April 1980 stellen sie bereits Brian Johnson als den neuen Mann am Mikro vor. Kurz danach nimmt die Band bereits auf den Bahamas Back In Black auf, Ende Mai ist das Ding im Kasten (und wird im Laufe der Jahre völlig zu Recht zum je nach Zählung zweiterfolgreichsten Album aller Zeiten).

Es zählt auf dem Platz

Doch Rock’n’Roll-Geschichte wird vor allem auf der Bühne geschrieben. Deshalb buchen AC/DC vier Wochen vor Veröffentlichung der Platte ein halbes Dutzend kleine Shows in Benelux zum Aufwärmen. Das Line-up: Brian Johnson (Gesang), Angus Young (Gitarre), Malcolm Young (Gitarre), Cliff Williams (Bass), Phil Rudd (Schlagzeug). Der Start wird für den 29. Juni 1980 in der belgischen Kleinstadt Namur geplant. Eine riesige Sache soll das nicht werden, heißt es (wie mit Sabbath mit Dio in Ostfriesland), doch die Tickets für diesen Sonntagabend gehen weg wie nichts Gutes, weswegen die Show in größere Hallen verlegt wird und im großen Palais Des Expositions landet. Um 20 Uhr soll es losgehen, doch die Verantwortlichen bitten mehrmals um Aufschub, weil sie die Räumlichkeiten noch erweitern wollen, denn es seien mehr Leute gekommen als erwartet.

Vollgas: AC/DC unterwegs in Europa 1980 mit ihrem neuen Sänger – Foto: Michael Putland/Getty Images

Und Brian Johnson ist nervös. Das kann man ihm nicht verdenken, schließlich arbeitete der 32-Jährige vier Monate vorher noch in einer Autowerkstatt in Newcastle und hatte mit seiner Musikkarriere (als Sänger von Geordie) bereits abgeschlossen. „Überall hielten die Leute Banner hoch, auf denen stand: ‚Rest in peace, Bon‘!“, erinnert er sich in einem Interview. „Ich habe mich echt gefragt, worauf ich mich da eingelassen hatte. Das konnte doch nicht gut gehen! Aber in der Mitte war ein riesiges Plakat zu sehen mit ‚Alles Gute, Brian!‘ Und mehr brauchte ich nicht – Abfahrt!“

Die Nerven

Trotzdem ist Brian so angespannt, dass er sogar den gleichen Text für zwei Songs singt, also (mindestens) einmal falsch. Im gleichen Interview erinnert er sich an Bad Boy Boogie: „Ich konnte gar nichts hören. Das Publikum hat bestimmt gedacht, ich sei sehr ‚Avantgarde’. Malcolm hat mich nur angesehen und gefragt: ‚Was zum Teufel war das?‘“

 

Auf dem Plan stehen gleich sieben Stücke von Back In Black, mehr als von jedem anderen AC/DC-Album bis dato. Diese Show markiert laut setlist.fm den Konzerteinstand von Hells Bells (als Opener), Back In Black, What Do You Do For Money Honey, Rock And Roll Ain’t Noise Pollution, und Shoot To Thrill. Sogar das selten gespielte Given The Dog A Bone steht auf dem Plan und Shake A Leg als erste Zugabe (laut mancher Quellen zum ersten und einzigen Mal auf einer AC/DC-Setlist). Das immergrüne You Shook Me All Night Long fehlt hingegen noch für ein paar Wochen, wie auch die sehr detaillierte Seite highwaytoacdc.com aufführt. (In besagtem Interview erwähnt Brian die Nummer zwar beiläufig, aber das verbuchen wir nach Tausenden von Einsätzen des Stücks mal als Verwechslung.)

Magische Musikgeschichte

Das Problem mit den neuen Liedern: Die Leute kennen sie noch nicht – und reagieren verhaltener. „Oh Scheiße!“, denkt sich der Sänger, „Sie mögen das Zeug ja gar nicht. Der Abend war schon traumatisch“. Aber doch irgendwie geil: Jahre später nennt Brian die Show gegenüber Ultimate Classic Rock „magisch“. Das glauben wir gerne. Wir wären am liebsten dabei gewesen. Und der Rest ist Geschichte…

Nachtrag: Der Song Bedlam In Belgium von Flick Of The Switch (1983) handelt übrigens nicht von diesem 29. Juni 1980, sondern von einer früheren Show der Band, bei der sie die Bühne pünktlich verlassen sollte, aber nicht wollte – was die Polizei auf den Plan rief.

Zeitsprung: Am 19.2.1980 stirbt der große Bon Scott von AC/DC.

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