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Popkultur

Die musikalische DNA von Falco

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Er war so exaltiert, genau das war sein Flair: Falco! Bereits mit zarten fünf Jahren beeindruckte er bei einem Vorspiel an der Wiener Musikakademie mit seinem absoluten Gehör und entschied sich dann doch gegen eine Karriere als konventioneller Interpret. Hans Hölzel wollte mehr vom Leben, Hans Hölzel wollte alles und vor allem wollte er »richtiger Musiker« werden, wie er sagte. Soll heißen: Nix Sinfonieorchester!

Einen Namen machte sich der Wiener mit als Mitglied des anarchischen Performance-Kollektivs Drahdiwaberl Ende der siebziger Jahre und hatte seinen ersten Hit mit Ganz Wien. Es sollte der Beginn einer beispiellosen Karriere werden, in welcher Falco einen unvergleichlichen Stil entwickelte. Wiener Schmäh traf auf US-amerikanischen Rap und ein Gespür für knackige Rhythmen. Niemand klang zuvor oder danach wie Falco, niemand legte so viel Eleganz an den Tag.


Hört euch hier die musikalische DNA von Falco in einer Playlist an:


Aber Falco widmete sich nicht nur gerne in seiner Kunst den Schattenseiten des Lebens, sondern musste sie auch selbst voll auskosten. Sein Tod im Februar 1998 kam zu früh und fiel in eine Phase, in dem es dem charismatischen Wiener auch kreativ nicht gut ging. Er hinterließ eine Reihe von Welthits und eine treue Fangemeinde, die in Falco mehr als nur einen exzentrischen Paradiesvogel sahen, sondern ihn als musikalisches Genie und wandelndes Gesamtkunstwerk in Erinnerung halten. »Heute Platin, morgen Blech, heute küssen sie dir die Füße und morgen schaut dich nicht einmal der Hund noch an«, soll er seinem Manager Horst Bork nach seinem Überhit Der Kommissar geschrieben haben. Er sollte zum Glück nicht recht behalten, Falcos Vermächtnis inspiriert nach wie vor junge Talente. Und was ihn selbst beeinflusst hat, erfahren wir mit einem Blick auf die musikalische DNA von Falco!


1. David Bowie – Heroes

Falco war eine unvergleichliche Figur, die doch ohne einen Popstar nie zu dem geworden wäre, was sie war. David Bowie war für Falco allerdings weit mehr als eine Stilikone und tatsächlich eiferte der Wiener dem Briten in erster Linie musikalisch nach: Als Songwriter des Stücks Naked gab Falco einen gewissen White Duke an – ein Pseudonym Bowies! Insbesondere die sogenannte Berlin-Trilogie hatte es Falco angetan, das Stück Speed Of Life kopierte er recht frech mit Nie mehr Schule und zitierte immer wieder aus einem bestimmten Song: Heroes, der Titelsong des gleichnamigen Bowie-Albums, stand ganz eindeutig Pate für Helden von heute, wie auch etwa Let’s Dance oder Sound and Vision in Junge Roemer beziehungsweise Sand am Himalaya herauszuhören sind. Es geht sogar das Gerücht umher, Falco solle allein Bowie wegen zeitweise in Berlin gelebt haben.


2. Klaus Nomi – Valentine’s Day

Dabei hatte Falco doch selbst als Teenager keine Zeit für Idole, wie er mal behauptete. »Eine ganze Weile begeisterte ich mich für David Bowie«, gab er allerdings durchaus zu. »Wahrscheinlich war er, ohne dass ich damals realisiert hätte, auch schon die Initialzündung für meine anfänglich gestylte Arroganz, die ich Jahre später auf der Bühne bot.« Nicht der Einzige, der den jungen Falco prägte, wie auch sein Entdecker Markus Spiegel betonte. »Einerseits das Chamäleonhafte eines David Bowie, andererseits die künstlerische Stringenz Klaus Nomis«, sah der in den frühen Auftritten des jungen Wieners nachhallen.

Updown, middledown, downtown
Make sure to know the baddest place around – listen
Andy Warhol, David, Lou, o Klaus, o Klaus, o Nomi, o

Sang Falco schließlich auch im Song Hoch wie nie und ehrte damit den fast vergessenen Countertenor, der wie Bowie und Falco eine absolute Ausnahmegestalt war. Ähnlich wie Falco verstarb auch er viel zu früh: Nomi war eines der ersten prominenten AIDS-Opfer. Sein strikter Schwarz-Weiß-Stil lebte in Falcos eleganten Outfits ebenso weiter wie die nahtlose Verblendung von klassischem Stil und einem gerüttelt Maß an Missachtung für alle Konventionen.


3. Wolfgang Amadeus Mozart – Leck mich im Arsch

Falcos größter Hit widmete sich einer ganz anderen Gestalt, die mit ihm nicht nur die österreichische Herkunft gemein hatte. Wie Falco wurde Wolfgang Amadeus Mozart schon früh als Genie erkannt und wurde zu einem der berühmtesten Komponisten aller Zeiten, der sich dennoch mit seinen eigenen Dämonen nicht arrangieren konnte. »Rock Me Amadeus« war inspiriert vom Film Amadeus, Falco gab der Geschichte aber einen zeitgenössischen Anstrich und stellte Mozart so dar, wie er sich selbst gern sah: als punkiges Genie. Nicht ganz abwegig, denn auch Mozart war kein Kind von Traurigkeit, im Gegenteil. Bester Beweis für den zum Teil brachialen Humor des Salzburgers ist wohl der sechsstimmige Kanon, der nach seiner postumen Entdeckung unter dem Titel »Leck mich im Arsch« bekannt wurde. Der rabiate Witz wird auch Falco fasziniert haben, zumindest überwand er seine Skrupel über seine Mozart-Hymne schnell über den Haufen. »Das sieht ja aus wie vom Fremdenverkehrsamt bestellt!«, meinte er zuerst angesichts der Aussicht, dass ein Wiener einen der größten Söhne des Landes ehren sollte. Fast also hätten wir »Amadeus« nie gehört…


4. The Sound Of Music (aus dem Musical »The Sound Of Music«)

Mit der Musikgeschichte wie auch dem Zeitgeschehen seiner Heimat setzte sich Falco im Laufe seiner Karriere selbst dann noch auseinander, als er schon längst zum internationalen Star geworden war. Auf dem Album Emotional aus dem Jahr 1986 thematisierte er die umstrittene Wahl des Bundespräsidenten Kurt Waldheim. »Herr Präsident / wir kennen eine Sprache / diese Sprache / die heißt Musik«, schmetterte Falco dem ehemaligen Wehrmachtsoffizier darin entgegen. Die Wahl des Titels »The Sound Of Musik« war dabei sicher kein Zufall: The Sound Of Music ist ein auf den Erinnerungen von Maria Augusta Trapp basierendes Musical, das vor allem in den USA bekannt wurde, in Österreich selbst aber kaum bekannt ist und oft kritisiert wurde. Die österreichische Kultur würde darin verkitscht, lautet ein sich hartnäckig haltender Vorwurf. Das passte leider eben nur zu gut zu einem Land, das einen ehemaligen Nazi zum Präsidenten wählte – es ist eben nicht alles Gold, was glänzt und wer sollte das besser wissen als Falco?


5. Donna Summer – Love To Love You Baby

Falco war aber nicht nur ein politisch interessierter Künstler, sondern auch ein Freund von Ausschweifungen. Das schlug sich auch musikalisch nieder, so experimentierte er mit tanzbaren Rhythmen, die aus dem Funk oder der europäischen und US-amerikanischen Disco-Szene empor sprossen. 1987 holte er sich für ein Duett mit Brigitte Nielsen sogar den Meister der Euro-Disco-Community ins Studio: »Body Next To Body« wurde von Giorgio Moroder produziert, der Mitte der siebziger Jahre schon Donna Summer einige Welterfolge beschert hatte – und das, obwohl manche ihre Songs jede Radiokonvention brachen! »Love To Love You Baby« etwa läuft gute 17 Minuten mit einem verführerischen Funk-Riff und einer groovenden Bassline, die eher eindeutige Assoziationen aufkommen lassen. Genau das Richtige für Falco also, dessen Lieblingsinstrument der Bass war und der den Freuden des Fleisches ebenfalls nicht abgeneigt war…


6. Marusha – Somewhere Over The Rainbow

Falcos Flirt mit der Dance Music gipfelte schließlich in den neunziger Jahren mit schrillen Euro-Dance-Beats. »Mutter der Mann mit dem Koks ist da« war seine Version eines alten Berliner Gassenhauers, der in Falcos Version zu einem eindeutig doppeldeutigen Stück Musik wurde. »Natürlich ist Techno nicht meine Musik«, gab er unumwunden in einem Interview zu. »Wer aber Techno als momentanen, temporären Zustand versteht, der hat es leider nicht verstanden: Techno ist die originäre Jugendkultur der 90er.« Es ging Falco also nicht darum, sich mit aktuellen Trends anzubiedern, sondern die Bewegungen seiner Zeit in seine Kunst zu integrieren. Damit allerdings kam er zugegebenermaßen etwas spät: »Mutter der Mann mit dem Koks ist da« erschien fünf Jahre, nachdem Marusha mit ihrer Coverversion von Somewhere Over The Rainbow einen Welthit landete, der die Subkultur schlagartig in den Mainstream beförderte. Danach, sagen viele Techno-Fans, ging es nur noch abwärts. Auch Falco musste für seine Experimente mit hyperaktiven Techno-Beats einige Kritik einstecken. Aber was wäre die Alternative gewesen: Immer und immer wieder nur denselben Song schreiben?


7. Rick James – Super Freak

Wenn es einen Hit gibt, dessen Nachwirkungen Falco nie richtig abschütteln konnte, war es »Der Kommissar«. Noch bis heute ist Falcos erster Erfolg einer seiner größten, tatsächlich gilt das Stück sogar als das erste erfolgreiche Raplied eines Weißen. Wer hätte das von einem Österreicher erwartet – im Jahr 1982? Falcos Hymne auf den Kommissar der Fernsehserie Kottan ermittelt – in welcher er einen kurzen Gastauftritt hatte – wurzelt dabei tatsächlich im energetischen Funk von Rick James. Tatsächlich sogar zögerte Falco zuerst, sich auf die Komposition von Robert Ponger einzulassen: Es klang ihm zu sehr nach James’ »Super Freak«! Zahlreiche im Internet kursierende Mash-Ups beweisen, wie gut die beiden Stücke zusammenpassen. Letztlich aber warf er die Skrupel über Bord und wurde quasi über Nacht mit seinem eigenwilligen Stil weltberühmt. Insbesondere sprachlich sticht Der Kommissar mit seinem markanten Mix aus Wiener Dialekt und Hochdeutsch hervor. Das ging selbst nicht an der US-amerikanischen Hip Hop-Szene spurlos vorbei, von der Falco sich inspirieren ließ!


8. Grandmaster Flash & The Furious Five – The Message

Afrika Bambaataa interessierte sich schon immer für das Geschehen auf der anderen Seite des großen Teichs. Kraftwerk waren eine seine größten Inspirationen, der große Durchbruchhits des mysteriösen DJs basiert sogar auf deren Track »Trans Europe Express«. »Planet Rock« erschien zeitgleich mit »Der Kommissar«, welches wiederum in der Plattentasche von Afrika Bambaataa landete. Eine irre Vorstellung: In New York wurde auf Block Partys zum Schmäh eines Wieners getanzt! Sogar zusammenarbeiten wollten die beiden, leider kam aber die geplante Kollaboration für Falcos Zweitwerk nie zustande. Fest steht zumindest, dass Falco ohne Rap nie seinen markanten Stil entwickelt hätte. »Falco war kein HipHop-Typ«, sagte Markus Spiegel. »Aber er hat sich des Stilmittels Rap bedient und somit eine Art Blaupause entwickelt, auf die Jahre später deutschsprachige Rap-Stilisten wie die Fantastischen Vier zurückgreifen konnten.« Ein Radiomitschnitt beweist, wie kreativ Falco mit seinen Einflüssen umging: Fünf Minuten freestylet er über The Message von Grandmaster Flash & The Furious Five und überträgt den sozialkritischen Duktus des Originals in einen schrillen Gedankenfluss über Wiener Alltagsszenen. Genial!


9. Bob Dylan – It’s All Over Now, Baby Blue

Über Falcos eigenwilligen Sprachmix könnten ganze Doktorarbeiten geschrieben werden und Rap war nur ein Einfluss für seine lebendige Vortragsweise. Auch die Lyrik der sogenannten Wiener Gruppe um Dichter wie H.C. Artmann oder ferner Ernst Jandl soll ihn inspiriert haben. Vor allem aber verstand es Falco meisterhaft, seinen Figuren echtes Leben einzuhauchen – ob nun dem Kommissar, dem Punk Amadeus oder sogar dem Entführer der jungen Jeanny, mit dessen Geschichte Falco eine nachhaltige Kontroverse ins Leben rief. Sein Handwerk hat Falco vermutlich bei Bob Dylan gelernt. Den Song »It’s All Over Now, Baby Blue« des späteren Literaturnobelpreisträgers coverte er zwei Jahrzehnte nach Erstveröffentlichung des Albums Bringing It All Back Home auf Falco 3. In seiner Version brilliert Falco mit bestem Dylan-Genäsel, das auch seinen eigenen Gesangsstil prägte, und deutschen Übersetzungen des Originaltexts. Wenn Falco sich schon bei anderen bediente, dann fand er darin stets ein Eigenes – das machte ihn und macht ihn immer noch aus.


10. Yung Hurn – Bianco (feat. Rin)

Falcos eigener Einfluss auf die deutschsprachige Rap-Szene kann gar nicht unterschätzt werden. Ob Fettes Brot oder Fler, die Fantastischen Vier oder sogar die Bloodhound Gang aus den USA zollten dem Wiener Tribut. Sein Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof ist mittlerweile zur Pilgerstätte für junge Generationen geworden. »Vor allem die Österreicher haben alle darauf gewartet, mich sterben zu sehen«, regte er sich noch 1986 gegenüber dem Musikexpress auf. Anlässlich seines 60. Geburtstag aber schmiss die Stadt ein Konzert in seinen Ehren. Dabei war auch ein Wiener der jüngsten Rap-Generation, der mit seinen Lyrics klar in der Tradition Falcos steht: Yung Hurn hatte sich zuerst im Umkreis von Hanuschplatzflow einen Namen gemacht und landete nach und nach mit seiner verdrogten Cloud Rap-Adaption Hit um Hit. Mit seinem Track »Bianco« widmete er sich der Faszination für weißes Pulver, das sich auch als Leitmotiv durch Falcos Werk zog – angefangen von »Ganz Wien« bis hin zu »Mutter der Mann mit dem Koks ist da«. Vielleicht nicht die gesündeste aller Obsessionen, Falco hätte an dem wilden Rapper aber wohl seinen Gefallen gefunden.

Zeitsprung: Am 6.2.1998 kommt Falco bei einem Autounfall ums Leben. Er wurde 40 Jahre alt.

Popkultur

Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

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Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

Zeitsprung: Am 19.3.1919 verlangt ein Axtmörder Live-Jazz in New Orleans.

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Popkultur

55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

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The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

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„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

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Zeitsprung: Am 30.1.2007 singt Jim Morrison posthum gegen die Erderwärmung

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Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 30.1.2007.

von Timon Menge und Christof Leim

Unter dem Motto „Save The Planet“ finden am 30. Januar 2007 zwei Pressekonferenzen in Los Angeles und London statt. Dort stellen Perry Farrell von Jane’s Addiction, Doors-Schlagzeuger John Densmore und Schauspieler Josh Hartnett die Kampagne Global Cool vor, ein Projekt gegen die Erderwärmung — und verwenden dafür unveröffentlichte Gesangsspuren von Jim Morrison.

Hier könnt ihr euch Woman In The Window anhören:

Die globale Erwärmung schreitet voran, zahlreiche Kunstschaffende aller Couleur und weltweit engagieren sich dagegen. Als Sprachrohre der britischen Kampagne Global Cool möchten Farrell, Densmore und Hartnett es „uncool machen, nicht grün zu sein“.

Kleine Schritte, große Wirkung

Dafür erhalten die drei eine Menge prominenter Unterstützung, zum Beispiel von Kasabian, The Killers, KT Tunstall und den Scissor Sisters. Auch Leonardo DiCaprio, Orlando Bloom und Dave Grohl helfen mit. Die Mission der Kampagne: Menschen sollen dazu motiviert werden, ihre CO²-Emissionen über einen Zeitraum von zehn Jahren um zehn Milliarden Tonnen zu reduzieren.

Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen zählen zum Beispiel das Abschalten des Lichts, das Ausstecken von Smartphone-Netzteilen, das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel, der Verzicht auf Urlaubsflüge und das Herunterschalten der Heizung um eine Stufe. „Wenn viele Menschen kleine Dinge in die Tat umsetzen, wird daraus am Ende eine verdammt große Sache“, stellt Global-Cool-CEO Julian Knight fest. Alles gute Vorschläge. Für Musikfreaks wird die Aktion zusätzlich interessant.

Jim Morrison hilft auch. Quasi.

Um dem Projekt zu größerer Bekanntheit zu verhelfen, greift Doors-Drummer Densmore in die Trickkiste und stellt eine bis dato unveröffentlichte Gesangsspur von Jim Morrison zur Verfügung. Der Titel der Nummer: Woman In The Window. Das Stück basiert auf einem Gedicht von Morrison, das der kurz vor seinem Tod vertont hat. Die Jahrzehnte später eingespielte Musik stammt von Farrells Band Satellite Party.

Densmore und Farrell bei der Pressekonferenz in Los Angeles – Pic: Hector Mata/AFP via Getty Images

Sein Debüt feiert der Song bei den Pressekonferenzen am 30. Januar 2007. „Wir freuen uns darüber, dass Woman In The Window die Titelmelodie eines so tollen Projektes wird“, erklärt Farrell im Interview mit dem NME. „Jim hat all das Übel in der Welt gesehen, wusste aber auch, dass wir für unser Schicksal verantwortlich sind. Und genau das tun wir. Niemand wird uns davon abhalten können, Energie und Geld zu sparen und dabei den Planeten zu retten.“ Das klang schon 2007 vernünftig.

Zeitsprung: Am 30.8.1973, zwei Jahre nach Morrisons Tod, lösen sich die Doors auf.

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