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Popkultur

Die musikalische DNA von Herbert Grönemeyer

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Viele kennen ihn nur als den Typen auf Parkplatzsuche oder den Mann, der einiges über Männer erzählen kann und es tief im Westen viel besser findet, als man so glaubt. Für andere aber ist Herbert Grönemeyer einer der sensibelsten und poetischsten deutschen Sänger der letzten vierzig Jahre, dessen unverwechselbarer Gesangsstil ihn ohne weiteres von der Konkurrenz abhebt. Der Mensch ist schließlich Mensch, und Grönemeyer ist Grönemeyer. Was ihn aber erst zu Grönemeyer gemacht hat, erfahren wir mit Blick auf die musikalische DNA des Ausnahmesängers, der nicht nur schauspielerisches Talent, sondern stets auch ein Faible für ganz spezielle Sounds an den Tag gelegt hat. Vor allem aber ist Grönemeyer eine Ausnahmefigur, die mit Songs wie »Der Weg« tief in sich blicken ließ. Musik, sagte er  einmal, bringe die Seele zum Klingen. Seine tönt etwas lauter als die meisten anderen.


Hört euch hier die musikalische DNA von Herbert Grönemeyer in einer Playlist an:

Abba - Voyage
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Caterina Valente und Silvio Francesco – Steig in das Traumboot der Liebe

Bitte alle mitsingen: Bochum, ich komm aus… Göttingen respektive Clausthal-Zellerfeld!? In der Stadt mit dem schmucken Doppelnamen lebten Grönemeyers Eltern – selbst Fans von exzessiver Namensgebung, wie uns Herbert Arthur Wiglev Clamor sicher bestätigen wird – zu Zeiten seiner Geburt. Seine Mutter brachte ihn aber in der niedersächsischen Studentenstadt zur Welt. Zu dieser Zeit dudelte »Steig in das Traumboot der Liebe« von Club Indonesia in den Radios rauf und runter, vielleicht ein Omen: Nicht nur mit Flugzeugen im Bauch, sondern auch mit Booten sollte der kleine – nochmal zum Mitschreiben – Herbert Arthur Wiglev Clamor schließlich im Laufe seiner Karriere einige Erfahrungen machen. Nach Bochum übrigens zog die Familie, als der Filius ein Jahr alt war. Besser spät als nie!


 Kurt Weill – Ballade vom angenehmen Leben (Dreigroschenoper)

Apropos Das Boot, apropos Schauspielerei: Nachdem Grönemeyer bereits mit Claude-Oliver Rudolph die Schulbank drückte, verdienten sich die beiden am Schauspielhaus Bochum ihre ersten Groschen. Während Rudolph auf der Bühne stand, machte es sich Grönemeyer hinter dem Piano bequem. In der Schule übrigens musste der gestandene (Film-)Übeltäter Rudolph dem Kumpanen in Sachen Theater noch unter die Arme greifen: »Wir sollten im Abi den Vergleich zwischen aristotelischem Theater und epischem Theater nach Brecht aufzeigen«, erinnerte sich Rudolph in einem Interview. »Ich glaube, dass Herbert bis dato noch nie etwas von Aristoteles gehört hatte, da er sich nur für Fußball und Popmusik interessierte.« Brecht immerhin wird spätestens im Schauspielhaus auf dem Plan gestanden haben, und welcher Theaterpianist kommt schon um die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und der Musik Kurt Weills aus? Im Schauspielhaus wird übrigens noch heute ein Singspiel mit dem Titel »Bochum« aufgeführt. Keine Frage, wer dafür seine Lieder beigesteuert hat.


The Beatles – With A Little Help From My Friends

Grönemeyers Bühnenkarriere, die ihm schließlich auch seinen musikalischen Werdegang ermöglichte, begann mit einem geradezu prophetischen Stück: Der Korrepetitor und Komponist debütiert im Musical John, Paul, George, Ringo… and Bert. Das lose auf der Geschichte der Fab Four basierende Stück von Willy Russell beinhaltete folgerichtig einige ihrer Songs, unter anderem auch With A Little Help From My Friends. Unter die Arme greifen brauchte Grönemeyer allerdings schon bald niemand mehr: Seine Alben Mensch aus dem Jahr 2002 und seine fünfte Platte 4630 Bochum verkauften sich in Deutschland noch häufiger als das meistverkaufte Album der Beatles, die Compilation 1962-1966. Wer kann schon behaupten, den Beatles ein Schnippchen geschlagen zu haben? Zwischenzeitlich brachte ihn Karriere aber häufiger an der Schnittstelle von Musik und Schauspiel auf die Bühne, unter anderem war er in der Oper Die Fledermaus auf der Bühne zu sehen.


Randy Newman – Marie

In Randy Newman fand Grönemeyer einen Freund auf Lebenszeit. Nicht aber dessen Hit You’ve Got A Friend In Me, sondern Newmans einfühlsame Klavierballade »Marie« coverte er einst. Der 1974 erschienene Song ist eine rührende Liebeserklärung, wie sie Grönemeyer selbst so oft für seine verstorbene erste Frau komponierte. Insbesondere die Wahl des Klaviers als Instrument und Newmans ungewöhnliche Stimme haben es Grönemeyer angetan. Er selbst tourt schließlich gerne mal nur mit einem Flügel und seiner markanten Stimme durch die Welt. An seiner Seite dabei immer die Musik Newmans, seinem großen Idol.


Klaus Doldinger’s Passport – Blue Tattoo

Unverkennbar ist die heroische Titelmelodie des Films Das Boot, mit welchem Grönemeyer der Durchbruch als Schauspieler gelungen wäre – wenn ihm seine Musikkarriere nicht dazwischen gekommen wäre! Komponist des Films war Klaus Doldinger, mit dem Grönemeyer mehr als nur ein Soundtrack verbindet. Doldinger war etwa mit seiner Band Passport eine zentrale Figur der deutschen Jazz-Szene und schaffte in den siebziger und achtziger Jahren eine Synthese aus Jazz und Rock, die auch in den Rhythmen und dem betont handgemachten Ansatz von Grönemeyers Songs widerhallt. Auch wenn ein Song wie »Blue Tattoo«, der im selben Jahr wie Das Boot erschien, ohne Worte auskommt. Seinen charakteristischen Gesang hat Grönemeyer letztlich an anderen geschärft.


Ideal – Irre

Auch hatte Grönemeyer die Lektionen aus dem Sound der frühen Neuen Deutschen Welle mit ihren Epizentren in Düsseldorf, Hamburg und Berlin gelernt. Ideal kamen aus der geteilten Bundeshauptstadt und klangen mit ihrem Highspeed-Punk ziemlich »Irre«! Annette Humpes Gesang stach durch sein kreischendes Kieksen hervor, vor allem aber ging die Leidenschaft der Sängerin durch Mark und Bein. Wichtig war bei Ideal nicht stilistische Perfektion, sondern der hemmungslose Ausdruck. Herbert Grönemeyer sollte wenig später in seiner Musik beides im grauen Bochum vereinen können.


Joy Division – She’s Lost Control

Ebenfalls auf Grönland erschienen Platten der britischen Post-Punk-Band Gang Of Four. Mit England hat Grönemeyer ein ganz besonderes Verhältnis. 1998 zog er mit seiner Familie nach London, wo er seitdem den Großteil des Jahres verbringt und ein eigenes Studio unterhält. »In England ist Pop, anders als in Deutschland, eine Art kultureller Grundton«, schwärmte er. »Da wirst du zwangsverpflichtet, dich der Musik zu stellen.« Insbesondere der dringliche Post-Punk-Sound scheint es ihm angetan zu haben: Als Produzent des Films Control über die Band Joy Division und ihren Sänger Ian Curtis ließ er es sich nicht nehmen, eine kurze Nebenrolle zu spielen. Mit dem Regisseur des Films, dem legendären Fotografen Anton Corbijn, seines Zeichens Dokumentar der virilen Post-Punk- und New Wave-Szene der späten Siebziger und frühen Achtziger, pflegt Grönemeyer ein enges Verhältnis. Zu seinen Filmen The American und A Most Wanted Man trug er ebenfalls Musik bei und zeigt sich für Corbijn immer mal wieder auf der Leinwand.


Neu! – Hallogallo

Tatsächlich prägten einige deutsche Bands den Stil des Musikpoetens. Neu! gingen den Neue Deutsche Welle-Punks zeitlich voraus, schienen mit ihrer Musik zugleich jedoch den Sound der nahenden Zukunft einzufangen. »Spezifisch deutsch ist dieses mechanisch-ingenieurhafte Element«, sagte auch Grönemeyer in einem Interview, »das vom Krautrock über die Neue Deutsche Welle bis zu Techno führt.« Selbst begeisterter Fan von den Drum’n’Bass-Sounds der neunziger Jahre, treffen sich bei Neu! Debütalbum aus dem Jahr 1972 seine Leidenschaften für Handgemachtes und kantige Rhythmen. Vor allem beim 10minütigen Hallogallo. Die zackige Schlagzeugfigur des Stücks wurde im Nachhinein als »Motorik«-Beat bekannt, die Gitarrenspuren liefen unter der Aufsicht von Produzenten-Legende Conny Plank zum Teil rückwärts. Kommerziellen Erfolg hatte die Band damit keinen, prägte aber Generationen von Musikern – wie auch Herbert Grönemeyer, der ihr Debüt neben vielen anderen Platten von Krautrock Legenden auf seinem Label Grönland neu auflegte.

Joy Division – She’s Lost Control

Ebenfalls auf Grönland erschienen Platten der britischen Post-Punk-Band Gang Of Four. Mit England hat Grönemeyer ein ganz besonderes Verhältnis. 1998 zog er mit seiner Familie nach London, wo er seitdem den Großteil des Jahres verbringt und ein eigenes Studio unterhält. »In England ist Pop, anders als in Deutschland, eine Art kultureller Grundton«, schwärmte er. »Da wirst du zwangsverpflichtet, dich der Musik zu stellen.« Insbesondere der dringliche Post-Punk-Sound scheint es ihm angetan zu haben: Als Produzent des Films Control über die Band Joy Division und ihren Sänger Ian Curtis ließ er es sich nicht nehmen, eine kurze Nebenrolle zu spielen. Mit dem Regisseur des Films, dem legendären Fotografen Anton Corbijn, seines Zeichens Dokumentar der virilen Post-Punk- und New Wave-Szene der späten Siebziger und frühen Achtziger, pflegt Grönemeyer ein enges Verhältnis. Zu seinen Filmen The American und A Most Wanted Man trug er ebenfalls Musik bei und zeigt sich für Corbijn immer mal wieder auf der Leinwand.


Band Aid – Do They Know It’s Christmas Time?

Grönemeyer ist nicht nur leidenschaftlicher Musikfan und Schauspieler, sondern versteht sich in seiner Rolle als öffentliche Persönlichkeit auch als Politmensch. Schon Mitte der achtziger begann er im Rahmen von Songs wie Tanzen oder Lächeln die Regierung der Bundesrepublik zu kritisieren, zeigte Solidarität für die Kohlekumpels des Ruhrpotts und positionierte sich zudem in der Tradition seines Idols Bob Geldorfs mit karitativen Projekten. 1985 organisierte er das Projekt Band für Afrika, eine direkte Anspielung auf Band Aid, mit dem Geldorf im Vorjahr Do They Know It’s Christmas Time? veröffentlicht hatte. Auch Make Poverty History übertrug er unter dem Namen Deine Stimme gegen Armut nach Deutschland. So ist Grönemeyer eben auch: Ein Verfechter der Gerechtigkeit. Dass ihn der österreichische Rechtspopulist Jörg Haider mal als seinen Lieblingsmusiker nannte, brachte ihn verständlicher Weise zur Weißglut.


Anohni – Drone Bomb Me

Ähnlich politisch eindeutig positioniert sich auch Anohni, die unter ihrem vormaligen Pseudonym Antony im Jahr 2008 mit Grönemeyer für den gemeinsamen Song Will I Ever Learn vor das Mikro trat. Es war eine Zusammentreffen zweier absoluter Ausnahmestimmen, Gänsehaut garantiert. Das Album I Walk führte Grönemeyers Ausflüge in die englische Sprache fort, die ihm zur zweiten Heimat wurde. Seine Lyrics sind aber nicht die einzigen, die zart-poetisch einerseits und doch von kraftvoller Dringlichkeit andererseits sind. Als Anohni im Jahr 2016 unter neuem Namen wiederkehrte, tat sie es mit einem Knall. Die Vorab-Single Drone Bomb Me beeindruckte nicht nur mit einer atemberaubenden Performance Naomi Campbells im Video zum Song, sondern auch mit gleichermaßen einfühlsamen wie wütenden Tönen. Ein perfekt inszenierter und doch eigenwilliger Pop-Song – Herbert Grönemeyer wird ihn sicher mögen.


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