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Popkultur

Die musikalische DNA von ZZ Top

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Die Geschichte von ZZ Top ist lang und länger sind wohl nur ihre Bärte. Zumindest die von Dusty Hill und Billy Gibbons, denn ausgerechnet Drummer Frank Beard tritt in der Regel mehr oder weniger rasiert in Erscheinung. Ein bartloser Beard: Damit wäre schon alles über das ulkige Understatement der Band gesagt, die gut ein halbes Jahrhundert die Evolution des Blues Rocks geprägt hat wie kaum eine andere. Denn nicht allein der genreuntypische Humor, sondern auch die stilistischen Finten des Trios, das seit 1970 in dieser Formation gemeinsam Studio und Bühne teilt, machen sie zu einer besonderen Band. Ihr Song Flyin’ High vom Album La Future wurde 2011 sogar vom Astronauten Mike Fossum auf eine Spritztour zur ISS mitgenommen. „Die Band kann jetzt bestätigen, dass space wirklich der place ist“, hieß es dazu trocken in einem Interview.


Hört hier in die musikalische DNA von ZZ Top rein:

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Fans mögen ZZ Top dennoch vor allem ihrer Bodenständigkeit wegen. Noch bis heute gilt Tres Hombres in den entsprechenden Kreisen als ihr bestes, unübertroffenes Werk. Ihre größten kommerziellen Erfolge, vor allem die LP Eliminator, werden da schon kritischer beäugt. Das allerdings sagt schon viel über die Drei aus: So sehr sie auch manchmal mit ihrer Musik oder aber ihren Texten polarisieren, sie haben sich in fünf Jahrzehnten immer weiterentwickelt. Wie viele andere Blues Rock-Bands werfen schon ein Ohr auf die örtliche Rock-Szene? Eben, nur ZZ Top, die ihrer Heimatstaat Texas ebenso treu geblieben sind wie ihren stilistischen Wurzeln – aller Experimente mit Keyboards und sogar Hip Hop zum Trotz. Ein Blick auf die musikalische DNA von ZZ Top ist dementsprechend ein irrwitziger Trip durch musikalische Einflüsse, die sich erst auf den zweiten Blick offenbaren. Aber keine Sorge, so penibel das auch klingt: Es gibt garantiert auch was zu lachen.


1. B.B. King – You Upset Me, Baby

Wo anfangen? Beim Namen natürlich. Wo der herrührt, ist allgemein bekannt: Gibbons fiel in der Band-WG auf, dass viele Musiker nur ihre Initialen vor sich her trugen, wie beispielsweise Z.Z. Hill oder B.B. King. Da lag es doch nahe, ZZ King draus zu machen. Zu nahe allerdings, so ganz zufrieden war das Trio – damals waren neben Gibbons noch Lanier Greig und Dan Mitchell dabei – noch nicht. Wo aber findet ein waschechter König seinen Platz? Na logo, ganz oben, auf der Spitze – on the top! Zugegebenermaßen allerdings wäre AA Top ein in kommerzieller Hinsicht noch besserer Name gewesen. Denn wer fängt schon im Plattenladen beim Diggen im Alphabet ganz hinten an?

B.B. King übrigens lieh ZZ Top mehr als nur die Inspiration für den Namen. „Ich hatte Glück. Mein Vater war Musiker und nahm mich in die Studios von Houston mit“, erinnerte sich Gibbons, das Sprachrohr des Trios, an seine Kindheit. „Da gab es diese wilden Country-Künstler und Typen, die scharfe Hillbilly-Musik spielten. Das hat mich umgehauen. Und eines Tages gingen wir in die ACA Studios und sahen uns B.B. King an. Ich war da gerade mal sieben Jahre alt!“ Ein prägendes Erlebnis. Bis heute nennt er Kings Debüt-LP Singin’ the Blues als eines seiner allerliebsten Alben überhaupt. „Es wird gerne gesagt, dass Billy mit einem Ton mehr ausdrücken konnte als andere mit hundert und ich schätze mal, dass es so für mich angefangen hat.“


2. Robert Johnson – I Believe I’ll Dust My Broom

Selbst der King of the Blues, wie King nicht allein in Anspielung auf seinen Nachnamen genannt wird, hatte jedoch seine eigenen Vorbilder. Robert Johnson ist eines davon. Dass der Einfluss des Königs der Delta-Blues-Sänger nicht an ZZ Top vorbeiging, versteht sich da nur von selbst. Zudem der Mythos, nach welchem der mysteriöse Musiker angeblich seine Seele an den Teufel verkauft hätte, glatt auf ihrem Mist gewachsen sein könnte… Dabei gibt es aber nur das Original, wie auch Gibbons betonte. „Du kannst dir dieselbe Gitarre holen, sein altes Hotelzimmer mieten, doch abzuliefern, wie R.J. es 1936 gemacht hat – vergiss es! Nie und nimmer.“

Eine kleine Hommage konnte sich die Band natürlich dennoch nicht verkneifen. Dust My Broom vom 1979 erschienenen Album Degüello ist eine Neuinterpretation von I Believe I’ll Dust My Broom und nicht wenige der ZZ Top-Hits haben sich von Johnsons nur spärlich dokumentiertem Schaffen inspirieren lassen. Es blieb bei vorsichtigen Verneigungen, denn Gibbons, Hill und Beard wussten immer: Die spezielle Johnson-Magie lässt sich reproduzieren. Gibbons selbst fällt es schwer, die Anziehungskraft des früh verstorbenen Blues-Pioniers in Worte zu fassen. „Das war nur ein einziger Typ“, sagte er. „Fleisch auf Metal auf Holz. Aber was mitbrachte, war heftig.“


3. Jimmy Reed – Blue Blue Water

Was Johnson mitbrachte? Den Blues. Oder brachte der Blues ihn mit? Denn was der Blues eigentlich sei, das versuchte Gibbons folgendermaßen zu beschreiben: „Der Blues ist eine lange, mächtige Straße. Oder vielleicht doch eher ein Fluss mit vielen Biegungen und Schnellen, der in einem Meer von unbegrenzten musikalischen Möglichkeiten mündet.“ Poetische Worte… Aber geht das auch bündiger? Klar! „Der Blues ist das Leben selbst.“ Damit können wir doch arbeiten.

Die lebensnotwendige Injektion des Blues kam für ihn, so verriet Gibbons, von Jimmy Reed. Wenige Jahre nachdem der Knirps B.B. King live erleben durfte, trieb er bei seiner Suche nach neuem Stoff ein massives Doppelalbum: Jimmy Reed at Carnegie Hall. „Ein ziemlich hochtrabender Albumtitel, der aber irreführend ist, weil das Album nicht in der Carnegie Hall aufgenommen wurde“, schmunzelte Gibbons. „Ich schätze mal, das Label wollte, dass die Leute denken: ‚Wow, Carnegie Hall! Der muss echt wichtig sein!‘ Was er ja tatsächlich war.“ Nicht nur für Gibbons, versteht sich.


4. Lightnin‘ Hopkins – Moving Out Boogie

In der Musik von ZZ Top schlagen sich allerdings nicht allein die globalen Helden der Blues-Geschichte mit ihrem Sound nieder. Die Drei wissen als Texaner genauso, was der Klang ihrer Heimat wert ist. Als Texas Blues wird eine Stilrichtung beschrieben, die mit Swing- und Jazz-Elementen angereichert ist. Einer ihrer Vertreter ist Lightnin‘ Hopkins, ein musikalischer Sturkopf und einzigartiges Talent, wie Bassist Hill hautnah erleben durfte. „Hey Lightnin‘, du spielst echt in komischen Taktarten“, soll er ihm bei einer gemeinsamen Aufnahmesession zugerufen haben. „Eine Strophe sind acht Takte, die nächste dann wieder zehn!“

Was der darauf antwortete? „Is‘ wurscht. Lightnin‘ macht‘s, wie Lightnin‘ es will.“ Das ist doch mal eine Attitüde, mit der sich was anfangen lässt! Ähnliches lässt sich schließlich auch von ZZ Top sagen. Ein Song wie Hopkins‘ Moving Out Boogie war für ihren Stil definitiv maßgeblich, und sei‘s nur wegen der lässigen Vortragsweise wegen. „Er redet sich durch das Stück, Singen lässt sich das ja nicht nennen, aber die Gitarre könnte Tote zum Leben erwecken“, so Gibbons. „Was er da in zweieinhalb Minuten auf seinem Instrument anstellt, ist genug, um dich dazu zu bringen, deine Fuzz- und Wah Wah-Pedale wegzuschmeißen.“


5. Jimi Hendrix – Foxey Lady

Aber Moment mal! Bitte nicht. Denn ein paar Effekte dürfen durchaus mal sein, ohne dass es gleich in Effekthascherei endet. Das verstanden ZZ Top, die im Laufe ihrer Karriere unter anderem auch mal auf Synthesizer zurückgriffen, genauso wie andere vor ihnen. Wer sich nämlich als Trio Gehör verschaffen will, muss und darf manchmal etwas tricksen. Was, ihr seid anderer Meinung? Dann müsst ihr euch mit Cream anlegen. Das vielleicht wichtigste Blues Rock-Trio der Musikgeschichte war das lauteste seiner Zeit und ein maßgeblicher Einfluss für ZZ Top, die Eric Clapton, Jack Bruce und Ginger Baker 1993 sogar in die Rock and Roll Hall of Fame einführen durften.

Und da war ja noch Jimi Hendrix. „Jimi war ein echter Freund, der uns zeigte, was sich mit einer elektrischen Gitarre alles so anstellen ließ, weit über das hinaus, wozu sie eigentlich gedacht war“, so Gibbons. Die Jimi Hendrix Experience gemeinsam mit Drummer Mitch Mitchell und Bassist Billy Cox fand sich erst kurz vor Hendrix’ Tod zusammen, Gibbons war aber schon vorher mit dem begnadeten Gitarristen auf Tour, damals noch mit seiner alten Band The Moving Sidewalks. Lehrreiche Zeiten, das Geheimnis hinter Hendrix’ Sound ist Gibbons aber immer noch nicht auf die Schliche gekommen. Auf die Frage hin, welchen Song er gerne selbst geschrieben hätte, konnte er sich dann auch nicht zwischen Muddy Waters‘ Mannish Boy und Foxey Lady entscheiden.


6. 13th Floor Elevators – Reverberation

Das Faible der Band für den Breitwandsound von Cream und die entgrenzten Pedaleinsätze eines Jimi Hendrix kommt nicht von ungefähr. ZZ Top lieben ihren Rock auch gerne mal psychedelisch. So ist es dann auch kein Wunder, dass sie erklärte Fans der 13th Floor Elevators und deren Masterminds Roky Erickson sind. Texaner halten eben zusammen! Denn Erickson kommt schließlich aus Dallas, seine Band gründete sich in Austin. Mit The Psychedelic Sounds of the 13th Floor Elevators legten sie 1966 ein Debütalbum ab, in dem zum ersten Mal in der Rock-Geschichte überhaupt das Wort „psychedelisch“ verwendet wurde.

Die 13th Floor Elevators gehören eher der Kategorie „die-Lieblingsband-deiner-Lieblingsband“ an. Selbst kurz vor Ausbruch der Hippie-Revolution war ihre Musik bahnbrechend und transgressiv, ihre Ästhetik krass und die Texte rätselhaft. ZZ Top aber gefiel eben genau das. „Wir haben ungefähr einmal pro die Chance, mit Roky auf der Bühne in Austin oder sonstwo in der Welt zu stehen“, erzählte Gibbons stolz in einem Interview. „Er ist einfach saucool. Einer der größten Erneuerer aller Zeiten. Die 13th Floor Elevators haben viele beeinflusst.“ ZZ Top natürlich explizit mit eingeschlossen! 1990 coverten sie für die Tribute-Compilation Where the Pyramid Meets the Eye: A Tribute to Roky Erickson das Stück Reverberation.


7. Sam & Dave – I Thank You

ZZ Top mögen‘s gerne neben der Spur. Mehr noch suchen die drei Musiker wieder und wieder ihre Inspiration in angrenzenden und manchmal weit entfernten Genres auf. Als sie 1979 ihr Album Degüello veröffentlichten, überraschten sie mit einem Cover von I Thank You, das ursprünglich vom Soul-Duo Sam & Dave – Sam Moore und Dave Prater – 1967 auf der gleichnamigen LP veröffentlicht wurde. Wer allerdings beim Original genau hinhört, wird schnell verstehen, was genau ZZ Top an dem Stück reizte. Das Fundament ist ein knalliger Rhythm and Blues-Groove, die Orgel pfeift psychedelisch und eine Prise Gospel ist schließlich nie verkehrt.

Der Einfluss von Soul-Musik – obwohl eher in raueren Variante, wie sie das Label Stax prägte – auf das Schaffen von ZZ Top kann kaum unterschätzt werden. Denn obwohl die I Thank You-Interpretation unter ihren Händen eine ganz andere Klangfarbe annehmen sollte, so steht Soul doch zwischen Blues, Rhythm and Blues beziehungsweise Rock and Roll und Gospel. Ein Dreieck, in dem sich die Band stets gerne rumtrieb. Auch, als Soul zunehmend elektronischer wurde. In Songs wie Rough Boy vom Album Afterburner aus dem Jahr 1985 steckt immer auch ein kleines Quäntchen Soul mit drin. Auch wenn es manchen Fans vor Nummern wie diesen graut…


8. Tito Puente – Oye Como Va

Die Transformation, die ZZ Top Anfang und Mitte der achtziger Jahre durchlief, bleibt umstritten. Nicht wenige finden den Einsatz von Synthesizern bei der Band komplett daneben, andere wiederum kennen die Drei vor allem für ihre glattpolierten Stadion-Rock-Hits aus dieser Phase – und lieben sie genau so. Doch wer ZZ Top wirklich schätzen will, muss das in all ihren Facetten tun. „Wir haben Synthesizer als Werkzeug verwendet“, sagte Hill in einem Interview. „Und das Tolle war ja, dass wir wirklich keine Ahnung hatten, was überhaupt wir da machten. Wir hatten keine Vorgaben. Und das ist genau, wie wir die Dinge angehen. Das Einzige, was uns sagt, wo‘s lang geht, ist die Musik selbst.“

Manchmal landen die Drei auf ihren Reisen dennoch in der direkten Nachbarschaft. Was dann wiederum ganz anders als erwartet klingen kann. Als Texaner ist für Gibbons, Hill und Beard nicht weit nach Mexiko und die Musik von Latein- und Südamerika gehört definitiv zu ihren Interessen. Nicht allein die spanische Sprache zieht sich als ein Leitmotiv durch ihr Werk, auch musikalisch holten sie sich immer wieder Inspiration aus dem Süden. Vor allem die Rhythmussektion, aber auch Gibbons, der für sein Solo-Album Perfectamundo sogar beim Mambo-Meister Tito Puente in die Lehre ging. „Tito hatte das unglaubliche Talent, den Rhythmus dezent nach vorne zu bringen, um so die letzte Reihe in Bewegung zu versetzen“, schwärmte er über den 2000 verstorbenen Sohn puerto-ricanischer Eltern. „Er brachte uns eine wertvolle Lektion bei: ‚Spielt, was ihr hören wollt.‘“


9. DJ DMD, Lil’ Keke and Fat Pat – 25 Lighters

Und was ZZ Top hören wollten, das überraschte ihre Fanbase nicht selten. Als die Band ihr Album La Futura enthüllte, verblüfften sie mit der Cover-Version eines Stücks, von dem viele zuvor noch gar nicht gehört hatten. I Gotsta Get Paid ist eine bluesige Neuinterpretation von 25 Lighters, einem Hit von DJD DMD, Lil’ Keke und Fat Pat – einem Produzenten und zwei Rappern also! Kein Wunder allerdings, denn bei La Futura saß Rick Rubin als Produzent hinter den Reglern. Rubin ist seit jeher der Vermittler zwischen Rap und Rock, der uns unter anderem Walk This Way von Aerosmith und Run DMC beschert hatte.

Aber allein an Rubin lag es nicht, dass ZZ Top 2012 eine längst verstaubte Rap-Nummer ausgruben. Gibbons nannte fröhlich Sängerinnen wie die Texanerin Beyoncé als Einfluss und wies vor allem gerne drauf hin, dass seine Truppe in den neunziger Jahren das Rap-Geschehen in ihrer Heimat Houston genauestens verfolgte. Die Szene um den innovativen Produzenten DJ Screw, der mit seinen entschleunigten Beats den sogenannten „Chopped and Screw“-Sound des Dirty South erfand, ging im Mastering-Studio von John Moran ein und aus – wie auch ZZ Top. „Es kam da eine sehr lockere Durchmischung zustande und wenig überraschend brachte uns der erweiterte Austausch auch dem Chopped-and-Screwed-Phänomen nahe“, erklärte Gibbons. Sachen gibt‘s!


10. Wyclef Jean – Rough Boy

Überrascht es da noch weiter, dass die Hip Hop-Szene selbst ein Interesse an ZZ Top entwickelte? Wohl kaum. Auf der 2011 veröffentlichten Tribute-Compilation ZZ Top – A Tribute From Friends tummelten sich nicht allein Bands wie Wolfmother, Mastodon oder Nickelback. Auch Wyclef Jean – genau, der von den Fugees – trug ein Stück bei, eine Reggaeton-inspirierte Interpretation von Rough Boy. Solche Querverweise kann sich niemand ausdenken, so sieht allein die irrwitzige Realität von ZZ Top aus!

Überhaupt: Ähnlich divers wie die Einflüsse von ZZ Top ist auch die Wirkung, welches das Trio auf die Musikgeschichte hatte. Für ihr Album Mescalero wurden angeblich die Pop-Sängerin P!nk, der Soft Rocker Dave Matthews und die Indie-Nerds von Wilco für eine Kollaboration in Betracht gezogen, selbst ein Urgestein wie Jeff Beck ist ein erklärter Fan und gern gesehener Bühnenpartner. ZZ Top können eben mit allen und alle mit ihnen! Warum, das haben wir gesehen: Die Band scheut keine Experimente und blieb sich, ihrer Heimat und dem Blues doch aber immer treu.


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Popkultur

Meilenstein im Blitztempo: Wie Big Mama Thornton mit „Hound Dog“ einen Grundstein des Rock’n’Roll legte

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Big Mama Thornton
Foto: Jim Barron/Redferns/Getty Images

Geschrieben in 15 Minuten, aufgenommen am nächsten Tag und für immer ein Teil der Rockgeschichte: Mit Hound Dog landete Big Mama Thornton nicht nur ihren größten Hit, sondern leistete auch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Rock’n’Roll. Ein Künstler feierte mit dem Song allerdings noch größere Erfolge.

Hier könnt ihr euch einige der besten Songs von Big Mama Thornton anhören:

„You ain’t nothin’ but a hound dog“: Noch heute steht diese Zeile für die energiegeladenen Anfangstage des Rock’n’Roll. Geschrieben wurde die Nummer allerdings nicht für Elvis Presley, der mit dem Song einen der größten Hits seiner erstaunlichen Karriere landete. Nein, eigentlich komponierten die beiden Songschreiber Jerry Leiber und Mike Stoller das Stück für Willie Mae „Big Mama“ Thornton — und zwar in Rekordzeit. „Für Hound Dog haben wir etwa zwölf bis 15 Minuten gebraucht“, berichtet Leiber 1990 in einem Interview mit dem Rolling Stone. „Der Song ist nicht sonderlich kompliziert.“ Doch wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit zwischen Leiber, Stoller und Thornton?

Wir schreiben den 12. August 1952. Bandleader und Musikproduzent Johnny Otis hat die 19-jährigen Songschreiber Leiber und Stoller zu sich nach Hause eingeladen, damit sie Big Mama Thornton kennenlernen können. Das Duo hört der Sängerin bei einer Probe zu und Otis fragt, ob die Zwei einen Song für Thornton schreiben können. Noch am selben Nachmittag entsteht Hound Dog. „Sie war eine wunderbare Blues-Sängerin mit einem großartigen anklagenden Stil“, schwärmt Stoller im Rolling-Stone-Interview von Thornton. „Es war aber nicht nur ihr Stil, sondern auch ihr Aussehen, das Hound Dog beeinflusst hat, und uns auf die Idee gebracht hat, dass sie den Song eher brummen soll.“

„Erzähl mir nicht, wie ich den Blues zu singen habe.“

Schon am nächsten Tag steht Thornton im Studio und singt das Stück ein. Die Produktion übernehmen Leiber und Stoller zum ersten Mal selbst. „Wir haben uns Sorgen gemacht, weil der vorherige Schlagzeuger nicht das gleiche Gefühl rüberbrachte wie Otis bei den Proben“, erklärt Stoller in der Autobiografie des Komponistenpaares. „Jerry fragte Johnny, ob er nicht das Schlagzeug einspielen kann. ‚Niemand bringt diesen Groove so auf den Punkt wie du‘, sagte er. Johnny fragte: ‚Und wer betreut die Aufnahme-Session?‘ Stille. ‚Ihr Zwei?‘, fragte er. ‚Die Kids betreuen die Aufnahme?’ Ich sagte: ‚Klar. Die Kids haben es geschrieben. Also lass es die Kids tun.’ Johnny grinste und sagte: ‚Warum nicht?‘“

Bei den Proben geraten die Songschreiber und Thornton aneinander. Leiber und Stoller möchten, dass die Sängerin das Stück ein wenig anders umsetzt, nehmen ihren Mut zusammen und weisen sie darauf hin. Mit ihrer Größe von etwa 1,80 Metern, einem Gewicht von 115 Kilo und zahlreichen Narben im Gesicht macht Thornton ihrem Spitznamen „Big Mama“ alle Ehre, schaut die beiden Komponisten kühl an und sagt: „Weißer Junge, erzähl mir nicht, wie ich den Blues zu singen habe.“ Touché. Trotz der Unstimmigkeiten finden Thornton, Leiber und Stoller einen Kompromiss und erschaffen die Aufnahme, die Generationen an Rock’n’Roll-Musiker*innen beeinflussen wird.

Hound Dog: Ein Rock’n’Roll-Standard für die Geschichtsbücher

Zu diesen Rock’n’Rollern zählt auch ein junger Mann namens Elvis Presley, der zwei Jahre später seinen ersten Hit That’s All Right aufnimmt. Mit seiner Version von Hound Dog landet der „King“ weitere zwei Jahre später einen der größten Erfolge seiner Karriere. Er verändert dazu einiges an dem Stück, ob in musikalischer oder lyrischer Hinsicht. „Alles wirkte unfassbar nervös, zu schnell, zu weiß“, findet Stoller. „Aber wissen Sie, nachdem sich die Single sieben oder acht Millionen Mal verkauft hatte, klang sie besser.“ Die erste Aufnahme des Songs wird immer die von Big Mama Thornton bleiben — und die steht noch heute für die aufregenden Anfangstage des Rock ‘n‘ Roll.

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Die frühen Frauen des Rock’n’Roll: Wichtig, aber übersehen

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Zeitsprung: Am 13.8.1999 veröffentlichen Kiss den Film „Detroit Rock City“.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 13.8.1999.

von Christof Leim

Einmal sind Kiss mit einem Filmprojekt schon auf die geschminkten Nasen gefallen: 1978 verfehlten die damaligen Superstars mit Kiss Meets The Phantom Of The Park ihr Ziel der crossmedialen Weltherrschaft ziemlich deutlich (wie man hier im Detail nachlesen kann). Zwei Dekaden später versuchen sie es erneut: Am 13. August 1999 startet Detroit Rock City in den Kinos – und erweist sich als Comedy-Trash mit viel Siebziger-Vibe…

Detroit Rock City (der Film) schlägt gewissermaßen eine Brücke zwischen zwei Hochphasen von Kiss: Er entsteht 1999, als die Band dank der Reunion der Originalbesetzung wieder zu den größten Geldverdienern im internationalen Rock’n’Roll-Zirkus zählt. Die Handlung des Streifens wiederum spielt 1978, als Kiss vor allem in den USA zu einem kulturellen Phänomen geworden sind und auf einer beeindruckenden Welle des Erfolges reiten. Die Burschen veröffentlichen im September 1978 sogar am gleichen Tag vier Soloalben.

Die Handlung ist schnell umrissen: Vier Kumpels namens Hawk, Lex, Trip und Jam lieben Kiss (wie so ziemliche alle US-Teenager der Siebziger) und spielen sogar in ihrer eigenen Coverband, um ihren Helden zu huldigen. Die wiederum sind für ein großes Konzert in Detroit (wo sonst?) angekündigt, Tickets dafür haben die Jungs bereits am Start – bis die ultrareligiöse Mutter von Jam dahinterkommt und die Eintrittskarten kurzerhand verbrennt. Klar, denn Kiss steht ja bekanntermaßen für „Knights In Satanic Service“.

Also suchen sich die Vier anderweitig Zutritt zur Show und eine Möglichkeit, überhaupt nach Detroit zu kommen. Bis sie Kiss mit Feuer und Explosionen live erleben, müssen sie sich mit Discoschnöseln und Pfarrern rumschlagen, werden vermöbelt, bestohlen, übers Ohr gehauen und zerlegen eine Damentoilette (Ladies Room, get it?). Einer tritt zwischendurch in einem Stripclub auf, der nächste knutscht in einem Beichtstuhl (mit einem Mädel namens Beth, klar), ein anderer wird von einer älteren Lady entjungfert, die von Gene Simmons’ Ehefrau Shannon Tweed gespielt wird. Und Jam geigt seiner konservativen Mutter die Meinung. Dass dazwischen einiges an Mobiliar zu Bruch geht, versteht sich von selbst.

Die Regie übernimmt Adam Rifkin, als Produzent fungiert Gene Simmons, und alle vier Kiss-Musiker treten bei der großen Show am Ende auf. Einige der Schauspieler kennt man ebenfalls: Edward Furlong („Hawk“) spielte in Terminator 2, Natasha Lyonne („Christine“) gehört zur Besetzung von Orange Is The New Black. In den weiteren Hauptrollen: Sam Huntington, Giuseppe Andrews und James DeBello.

Neue cineastische Höhen erklimmt Detroit Rock City damit nicht, sondern erweist sich als überdrehter Klamauk in „bester“ Tradition des Ramones-Streifens Rock’n’Roll High School. Allerdings bietet das bei entsprechender Affinität zu Trash, Seventies und Kiss durchaus einen Unterhaltungswert. Das reicht für einen gewissen Kultstatus, doch geschäftlich ist das Projekt ein formidabler Flop: 17 Millionen US-Dollar soll es gekostet haben, knappe sechs spielt es ein. Nach dem Kinostart am 13. August 1999 kommt schon im Dezember des gleichen Jahres die Homevideo-Variante. 

Der Soundtrack indes macht Spaß, vor allem wegen cooler Coverversionen. So spielen Pantera Cat Scratch Fever (was sogar als Single veröffentlicht wird), Everclear covern The Boys Are Back In Town, Drain STH machen 20th Century Boy zur Doom-Nummer, und die Donnas rocken Strutter. Lediglich der Versuch von Marilyn Manson, sich des AC/DC-Manifests Highway To Hell anzunehmen, darf wegen völliger Seelenlosigkeit als erschreckendes, aber glücklicherweise fast vergessenes Verbrechen der Musikgeschichte betrachtet werden. Dazu gibt es Klassiker von Van Halen, Black Sabbath, Cheap Trick, Bowie und The Sweet, noch zwei Kiss-Gassenhauer (Shout It Out Loud, Detroit Rock City) und sogar einen neuen Song unserer liebsten Schminkemonster. Nothing Can Keep Me From You läuft während der Credits und drückt ordentlich auf die Tränendrüse. Geschrieben hat ihn Hitkomponistin Diane Warren, Paul Stanley singt (ziemlich gut), ansonsten spielt keiner der Band mit. (Es soll lediglich Ex-Gitarrist Bruce Kulick den Bass übernommen haben.) Braucht man nicht.

Überhaupt lässt die Stimmung im Line-up damals schon zu wünschen übrig, nicht zuletzt wegen dieses Films, wie Ace Frehley und Peter Criss in ihren Autobiografien berichten. Vor allem Ace kann es Gene nicht verzeihen, dass eine Szene mit seiner Tochter Monique angeblich absichtlich rausgeschnitten wird. Aber das sind mal wieder andere Geschichten.

Interview: Kiss zum Abschied: „Es wird schmerzhaft und schön!“

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Zeitsprung: Am 12.8.1949 kommt Mark Knopfler (Dire Straits) zur Welt.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 12.8.1949.

von Christof Leim

Songs schreiben kann der Mann. Und ziemlich gut Gitarre spielen. Deshalb erobert Mark Knopfler zuerst als Kopf der Dire Straits die Welt und brilliert danach als Solokünstler. Am 12. August feiert er Geburtstag.

Zur Lektüre gibt’s hier Knopflers Album Down The Road Wherever:

Zunächst will der in Glasgow geborene Mark Knopfler erstmal etwas Vernünftiges machen: Er studiert Journalismus. „Der Plan war, so Geld zu verdienen und Musik als schönes Hobby auszuleben“, erzählt er 2009 in einem Interview. Er arbeitet sogar in diesem Beruf, macht einen Abschluss in Englisch und geht als Dozent an die Universität. Dabei spielt Knopfler aber immer in Bands, die zum Beispiel Brewers Droop oder Café Racers heißen. Vor allem aber schreibt er von Anfang an Songs und entwickelt einen Stil, der sich von anderen unterscheidet: Er benutzt kein Plektrum, sondern spielt seine Gitarre mit den Fingern, was vor allem im Country verbreitet ist und ihm andere Licks als die der gängigen Rockgitarristen ermöglicht. Seine Einflüsse liegen daneben im Rock und Swing, mit bisschen Blues, wie es sich gehört.

Mark Knopfler 1979 – Pic: Klaus Hiltscher/Wiki Commons

So schlägt sich Mark Knopfler Mitte der Siebziger durch die Pubs von London. Er singt und spielt Gitarre, mit dabei sind sein Bruder David an der zweiten Gitarre sowie Bassist John Illsley. Zusammen gründen sie die Band, mit der Knopfler berühmt werden wird: die Dire Straits. Der ersten Demos entstehen 1977, da ist unser Mann schon Ende 20. Auf den ersten Aufnahmen findet sich bereits ein musikalischen Kleinod namens Sultans Of Swing. Kennt man, muss man kennen.

1978 folgt das erste Album Dire Straits, doch ärgerlicherweise gerät die Musikwelt davon nich in Ekstase. Dann allerdings erscheint Sultans Of Swing als Single. Das wunderbare Lied mit dem Text über eine Feierabendband rollt langsam, aber stetig die Charts auf, zunächst in Europa, dann in Nordamerika. Die Dire Straits sind bereit, und sie starten durch: In rascher Abfolge erscheinen Communiqué (1979), Making Movies (1980) und Love Over Gold (1982) und verkaufen sich gut. 

Die Songs darauf stammen samt und sonders von Mark Knopfler, der gerne kleine Geschichten erzählt und eine höchst geschmackvolle Gitarrenarbeit zelebriert. Zwischendurch schreibt er noch Filmmusik, taucht auf einem Bob-Dylan-Album auf, produziert und schreibt Lieder für andere Leute, unter anderem für Private Dancer, das immens erfolgreiche Comeback von Tina Turner 1984.

Richtig ab geht es dann mit Brothers In Arms 1985, das zum internationalen Megahit wird.  Die Songs darauf kennt wirklich jeder: Money For Nothing, Walk Of Life, So Far Away und natürlich das einfühlsame Titelstück. Dire Straits sind jetzt Superstars, allen voran Mark Knopfler. Die nächsten beiden Jahre verbringt die Truppe auf der Straße und fährt einen Erfolg nach dem anderen ein. Dem Chef wird das aber alles zu groß und zu viel. Zunächst gibt es eine Pause, 1988 verkündet Knopfler die Auflösung der Dire Straits.  

Musik machen will er weiterhin, aber eben in kleinerem Rahmen ohne die massiven Erwartungen und Verpflichtungen. Seine nächste Band The Notting Hillbillies jedenfalls widmet sich US-amerikanischer Roots-Musik wie Folk, Blues und Country, alles viel unspektakulärer, vermutlich (oder hoffentlich) genauso befriedigend. Ein Album erscheint 1990, es trägt den schönen Titel Missing…Presumed Having a Good Time. Eine kleine Runde dreht unser Mann mit den Dire Straits aber noch: Im September 1991 kommt mit On Every Street doch noch ein Album, doch unweigerlich folgende Mega-Welttour sorgt dann dafür, dass die Band 1995 endgültig aufgelöst wird.

Mark Knopfler startet darauf eine Solokarriere, seit 1996 erscheinen in lockerer Folge fast ein Dutzend Soloalben: Golden Heart, Sailing To Philadelphia, The Ragpicker’s Dream, Shangri-La, Kill To Get Crimson, Get Lucky, Privateering, Tracker und Down The Road Wherever. Damit feiert er in aller Welt Erfolge, jedoch weit entfernt von der Megalomanie der Achtziger. Zudem kollaboriert er mit unzähligen anderen Künstlern, etwa Emmylou Harris, tourt mit Bob Dylan und beschäftigt sich oft und gerne mit Country. Bei seinen eigenen Konzerten geht es mittlerweile nur um die Musik, große Produktion braucht der Mann nicht mehr. Auf der Bühne trinkt er Tee. Nach einer Dire-Straits-Reunion steht dem musikalischen Kopf der Sinn so gar nicht, nicht mal bei der Einführung der Band in die Rock And Roll Hall Of Fame 2018 taucht er auf.

Songwriter, Meistergitarrist und Geschichtenerzähler: Mark Knopfler 2018 – Pic: Derek Hudson

Sein Privatleben behält Knopfler für sich, Interviews gibt es nicht viele. Er ist zum dritten Mal verheiratet, Vater von vier Kindern, Fan des Newcastle FC und Sammler von Sportwagen. Auf seinen letzten Touren denkt er laut darüber nach, sich zur Ruhe zu setzen und kündigt explizit sogar seinen Abschied von der Bühne, spielt aber nach eigenen Aussagen zu gerne. Hoffen wir, dass das so bleibt. Alles Gute zum Geburtstag, Mr. Knopfler!

Zeitsprung: Am 29.3.1979 landet Mark Knopfler auf einem Bob-Dylan-Album.

 

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