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Popkultur

Zum 40. Todestag: Die musikalische DNA des Ian Curtis

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Foto: Cover

Seine Karriere brannte kurz, aber lichterloh: Mit Joy Division gab Ian Curtis der bleiernen Tristesse seiner Heimat Manchester ein musikalisches Gesicht. Heute vor 40 Jahren nahm sich die Post-Punk-Galionsfigur das Leben. Ein Blick auf das verworrene Geflecht, aus dem Curtis seine musikalischen Chimären zusammenfügte.

von Björn Springorum

Kurz vor ihrer ersten USA-Tournee hält es Ian Curtis nicht mehr aus. Er nimmt sich die Wäscheleine und erhängt sich am 18. Mai 1980 in der Küche seiner Wohnung in der Bartle Street in Macclesfield. Er ist 23 Jahre alt. Das zweite und finale Joy-Division-Album Closer erscheint erst einige Wochen nach seinem Suizid. Es ist ein verspäteter Abschiedsbrief und mit seiner deutlich düstereren, verzweifelteren Aura der angemessene Schwanengesang für eine Band, deren Einfluss für Alternative, Indie, Post-Punk, Goth, Rock und gar Rap schier unbeschreiblich groß ist. Doch ebenso wie die von Epilepsie und Depression geplagte Seele Ian Curtis die Menschen bis heute inspiriert, gibt es auch für den jungen Sänger mit der tiefen Stimme eine ganze Reihe musikalischer und künstlerischer Vorbilder, aus denen er das triste, düstere, zerrissene Puzzle namens Joy Division zusammensetzte.

The Doors – End Of The Night

Was Ian Curtis schon in seinen Teenagertagen an der Lichtgestalt des Jim Morrison fasziniert, ist neben dessen düsterer Aura auch die literarische Ebene, die er in vielen The-Doors-Songs unterbringt. Wie es in End Of The Night um Louis-Ferdinand Célines Journey To The End Of The Night geht, baut Curtis in Songs wie Atrocity Exhibition oder Dead Souls, Echos von Autoren wie Hesse, Gogol oder Kafka ein. Der Journalist und Buchautor Jon Savage bringt es auf den Punkt: „Er wollte sein wie Jim Morrison“, sagt er, „berühmt sein und sterben.“ Wir Morrison, hat auch er das auf besonders tragische Weise geschafft.

David Bowie – Warszawa

David Bowie zeigte Ian Curtis, dass man Popmusik machen und dabei dennoch große Kunst erschaffen kann. Und dass man nicht unbedingt ein grandioser Tänzer sein muss, um auf der Bühne ein paar merkwürdige Moves wagen zu können. Weil Curtis selten Kohle hatte, klaute er regelmäßig Platten und schmuggelte sie unter seinem langen grauen Mantel in die Freiheit. Darunter war zweifellos auch Low von 1977, dessen düsteres Instrumental den frühen Bandnamen Warzaw inspirierte.

Sex Pistols – No Feelings

Es ist ein historisch verbürgtes Detail, dass Joy Division durch den Besuch eines Sex-Pistols-Konzerts geboren wurden. Der Auftritt der Skandal-Punks in Manchesters Free Trade Hall am 4. Juni 1976 ist längst ein Artefakt der Musikgeschichte, ein Kataklysmus, der einen Flächenbrand in Gang setzte: Gefühlt alle Anwesenden (rund 50, schätzt man) dieses historischen Moments wurden getriggert, etwas eigenes auf die Beine zu stellen – Bands, Plattenfirmen, DJ-Karrieren, Fanzines. Ian Curtis war schon davor ein Bewunderer dieser lauten, brutalen und politisch inkorrekten Dissidenz, die ihn letztlich zu seiner eigenen kompromisslosen Karriere brachte. Nach den Sex Pistols waren Joy Division dann schon die zweite UK-Band binnen kurzer Zeit, die nur wenige Jahre brannte und die Musikwelt dennoch für immer veränderte.

Kraftwerk

Die kühle Elektronik, die Monotonie der Arbeiterklasse und die Isolation der Großstadt übten auf Ian Curtis denselben Einfluss aus wie der Furor des Punk. Joy Division nahmen beides zusammen und erschufen so ihren herabziehenden, metallenen Post-Punk-Sound. Und der klingt teilweise schon ein bisschen nach Kraftwerk in einem finsteren Metropolis-Setting.

Iggy Pop – Nightclubbing

Bevor sich Ian Curtis erhängte, hörte er Iggy Pops Solo-Debüt The Idiot. Es ist mehr als ein Statement: Zeit seines Musikerlebens bewunderte Curtis den drahtigen Sänger und schaute sich gewiss auch den einen oder anderen Move von ihm ab. Musikalisch borgte er sich aus Iggys und Bowies Berlin-Phase diese diffuse Stimmung einer dräuenden Katastrophe: Klaustrophobisch, poetisch, literarisch und düster. Und man höre einmal aufmerksam auf die Produktion…

The Velvet Underground – All Tomorrows‘ Parties

Psychotisch-verworren, bedrohlich, abgefuckt und trotz allem stolz und elegant: The Velvet Underground haben viel von dem angedeutet, was Joy Division zur Blüte brachten. Ian Curtis war besonders fasziniert von der abgründigen Figur des Lou Reed und seinem ständigen Flirt mit dem Rausch, dem Tod, dem Leben. Karl Bartos von Kraftwerk beschrieb Joy Division mal als „Velvet Underground mit Synthesizern“. Um das zu verstehen, muss man sich nur mal das monumental-schroffe Joy-Division-Cover von Sister Ray anhören:

Wie die Sex Pistols zufällig für die Gründung von Joy Division sorgten

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