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Popkultur

Zeitsprung: Am 18.5.1980 stirbt Ian Curtis von Joy Division.

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Foto: Promo

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 18.5.1980.

von Victoria Schaffrath und Christof Leim

Texte, die aus dem eigenen Leben einen Schwarzweißfilm machen, und eine manisch-magnetische Ausstrahlung: Ian Curtis schreibt bei Joy Division mit nur zwei Alben britische Musikgeschichte und verändert die Welt des alternativen Rock von Goth bis Post Punk. Doch der Musiker lebt mit einer schweren Form der Epilepsie und entwickelt Depressionen. Am 18. Mai 1980 sieht er keinen Ausweg mehr.

Hört hier Closer, das die Verfassung von Curtis zur Zeit seines Todes eindrucksvoll festhält: 

Es ist der Morgen des 18. Mai 1980. Deborah Curtis macht sich auf den Weg zum Haus ihres, ja, was eigentlich? Ehemann Ian und sie leben quasi in Scheidung, und doch dient sie ihm oft als seelische Stütze. Töchterchen Natalie verbindet zusätzlich. Sie erwartet nicht, den jungen Mann in seinem Heim vorzufinden, denn er soll sich auf dem Weg zum Flughafen befinden. Mit seiner Band Joy Division soll es in die Staaten gehen. Ein kühnes Unterfangen, wenn man Ians Zustand bedenkt.

Enorme Belastung

Als Sänger und Texter konnte er der Gruppe erst daheim in der Region um Manchester, dann in ganz Großbritannien zu ansehnlichen Erfolgen verhelfen. Als Schützlinge des legendären Rock-Labels Factory Records veröffentlichen sie im Vorjahr Unknown Pleasures mit dem ikonischen Cover und Liedern wie She’s Lost Control und Disorder. Die Arbeit am Nachfolger Closer klingt vielversprechend, Curtis selbst sieht es als frühen Höhepunkt seines Schaffens.

In dieser Aussage schwingt jedoch noch etwas anderes mit: Das Wissen, dass er das aktuelle Pensum nicht mehr lange mitmachen kann. Der dunkelhaarige Dreiundzwanzigjährige leidet seit zwei Jahren an epileptischen Anfällen, die sich dank unregelmäßigem Schlafrhythmus, Stress und den audiovisuellen Reizen des Musikerlebens dramatisch verschlimmern. Ob Lichtbeauftragte, die die Anweisungen des Managements ignorieren und bei Auftritten der Briten Stroboskoplicht einsetzen, Curtis selbst, der sich trotz Erschöpfungszustand an den Rand der Belastbarkeit zwingt, oder der verordnete Medikamentencocktail, den Fachleute aus heutiger Sicht als gefährlich einstufen: Die Anforderungen seiner Berufswahl betreiben Raubbau an seinem Körper. 

Physischer Abbau bedingt psychischen Verfall

Von der mentalen Gesundheit ganz zu schweigen. Der einstige Stipendiat neigt ohnehin zur Introspektion und klaut schon als Junge mit seinen Freunden Medikamente, deren Einnahme er ausreizt, bis man ihm den Magen auspumpen muss – Überdosis, wohl versehentlich. Nun aber bringt seine Medikation einige Nebenwirkungen mit sich, zu denen auch starke Stimmungsschwankungen gehören. 

 

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A3 poster featuring #IanCurtis from an exhibition I had in Italy #JoyDivision #FactoryRecords #Manchester – it’s sold now. Sorry

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Hinzu kommt seit Oktober 1979 angeblich eine Liebschaft mit der Journalistin Annik Honoré. Er kann die Finger nicht von der Belgierin lassen, und das häusliche Leben mit Deborah und Natalie lässt sich immer schwieriger mit dem musikalischen Erfolg vereinen. Damit befindet sich Curtis in einem moralischen Dilemma; auch sonst schwankte der Bassbariton stets zwischen Bürgertum und Bohéme, zwischen Beamtendasein und Rockstarleben, und eben zwischen seiner jungen Familie und der verbotenen Liebe.

Zwischen Bürgertum und Bohéme 

Und dann steht die Tour in Amerika auf dem Plan. Nicht nur plagt den Lyrik-Liebhaber enorme Flugangst, sondern auch die Häme des Publikums. Wie ein Schutzschild hält er stets seinen Bewegungsstil vor sich; verwendet seine Epilepsie, bevor man sie gegen ihn verwenden kann. Dennoch bleibt abzuwarten, wie die amerikanischen Zuschauer reagieren werden, und Curtis befürchtet das Schlimmste. Als Ian eines Abends voller Sorge zu tief ins Glas schaut, gehen die Ängste mit ihm durch: Er versucht das erste Mal, sich das Leben zu nehmen.

Es bleibt beim Versuch. Das Management, die Bandmitglieder und ein Team aus Medizinprofis wollen nicht so recht sehen, wie es um den Sänger wirklicht steht. Bassist Peter Hook sagt viele Jahre später: „Wenn ich mir Closer anhöre, bricht mir das Herz. Ian hat so ein wunderbares Dokument über seinen Zustand geschaffen: angespannt, ängstlich und dennoch kraftvoll. Nicht jedoch Herr seines Schicksals; man hört, wie dieser Bruch entsteht.“

Belastungsgrenze war lang überschritten

Eine weitere Krise droht dann am Abend des 17. Mai. Dieses Mal sucht Ian Kontakt, wendet sich an Deborah, sie möge die eingereichte Scheidung stoppen. Besorgt lässt sie sich darauf ein, ihm in der folgenden Nacht Gesellschaft zu leisten, bis Curtis es sich anders überlegt und sie bittet, nicht zurückzukehren, bis er nach Amerika aufgebrochen ist. „So komisch es klingt“, beschreibt Kollege Bernard Sumner diese Zeit, „wir haben uns Ians Texte erst nach seinem Tod so richtig angehört und die innere Unruhe bemerkt, in der er sich befand.“

So begibt es sich, dass Ian bis in die frühen Morgenstunden Iggy Pop hört, Familienfotos anschaut und einen Abschiedsbrief formuliert. Dann setzt er seinem Leben mit einer Wäscheleine ein Ende. Deborah findet, als sie am Folgemorgen nach dem Rechten sehen will, den leblosen Körper ihres Noch-Mannes.

Einen Monat später erscheint Love Will Tear Us Apart, vier weitere Wochen danach das Album Closer. Bis heute gelten sie als wegweisend. Wie fühlt sich das wohl an, wenn dich das, was du liebst, kaputt macht? Wenn das, wofür du geboren bist, deine Gesundheit so sehr zermürbt, dass du keinen Ausweg mehr siehst? Einer konnte diese Frage beantworten, und kaum jemand steht so sehr für diesen Widerspruch wie Ian Curtis. Am Ende bleiben seine Texte: „Existence, well, what does it matter? / I exist on the best terms I can / The past is now part of my future / The present is well out of hand“. Walk in silence, Ian.

Depressiv? Hier bekommst du Hilfe: Wenn du selbst depressiv bist oder Selbstmordgedanken hast, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern und Beraterinnen, die dir Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

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